Roadtrip durch die USA Auf dem Highway ist die Hölle los

Tieffliegende Cowboys, ein moosbewachsener Waldschrat mit Winchester und eine hübsche Kasinoangestellte: Auf einem Trip quer durch die USA lernte Peter Münder in den Siebzigern Land und Leute kennen. Ärger hatte er nur mit einem Streifenpolizisten - er hielt ihn für einen Bankräuber auf der Flucht.

Peter Münder

Der Warnhinweis stand in großen, roten Buchstaben auf dem knallgelben Umschlag, den mir der New Yorker Agenturchef überreichte: "Attention FBI!" Es war zwar kein Steckbrief, enthielt aber neben den Personendaten auch meine Fingerabdrücke. "Den Umschlag immer im Handschuhfach parat halten und den Cops bei Kontrollen zeigen!", ermahnte er mich streng. Kurz zuvor hatte er verblüfft meinen alten, eingerissenen grauen Lappen studiert und mochte kaum glauben, dass so eine German Driving License unbegrenzt gültig sein sollte.

Damit waren aber auch schon alle Formalitäten erledigt, und ich hatte freie Fahrt für einen 2600-Meilen-Trip in einem BMW 2002 nach Tucson, Arizona. Das Auto sollte möglichst intakt und mit den im Kofferraum deponierten Umzugs-Utensilien "innerhalb der nächsten Wochen" bei Nancy, der Besitzerin, abgeliefert werden.

Wie Tausende anderer Amerikaner hatte auch Nancy keine Lust, ihr Auto wochenlang quer durch die USA zu brettern, nur weil sie von New York nach Arizona umgezogen war. Die Autoüberführung übernehmen in den USA deshalb spezielle Agenturen, die von den Fahrern eine Kaution kassieren, die später von den Besitzern beim Abliefern des Vehikels zurückerstattet wird. 1976, als ich meine Reise antrat, waren es 75 Dollar.

"Your speed now: 72 mph!"

Auf einem verlotterten Parkplatz in Manhattan stand der grüne BMW, ich musste nur noch einsteigen und losfahren. "Go West", war die Devise, aber wie kam man überhaupt aus dem Wolkenkratzer-Labyrinth heraus? An der nächsten Tankstelle klärten mich hilfsbereite Fahrer auf. Tanken war damals noch ein Fest für Schnäppchenjäger: Ungefähr 80 Cent zahlte man für eine Gallone (3,7 Liter).

Ungewohnt waren jedoch die hinter den Kreuzungen montierten Ampeln, gewöhnungsbedürftig auch, dass Rechtsüberholen erlaubt war. Doch an das Speedlimit von 55 Meilen konnte ich mich einfach nicht gewöhnen - es wirkte viel zu einschläfernd. Wie sollte ich bei diesem Rollstuhltempo je nach Arizona kommen? Also zuckte der Bleifuß aufs Gaspedal. Kaum im hübsch gekachelten Lincoln Tunnel angekommen, blinkte es mir schon auf einer Leuchttafel entgegen: "Your speed now: 72 mph!" Und nach fünf Minuten Fahrt, kurz hinter dem Tunnel, kam mir auch schon ein Cop der Highway Patrol mit Blaulicht hinterhergerast. Sein Lautsprecher mit der Aufforderung zu Stoppen war unüberhörbar.

Doch die Verwarnprozedur lief eher unaufgeregt und harmonisch ab. Nach einer freundlichen Ermahnung, nicht so zu rasen - er selbst sei ja beim Militäreinsatz in Germany von den Autobahnen begeistert gewesen und habe volles Verständnis für meinen rasanten Vorwärtsdrang, "Especially in such a beautiful BMW" - händigte er mir das Speeding Ticket aus. "Wenn Sie dort in New Jersey vorbeikommen, können Sie sich ja im Rathaus melden und die Gebühren zahlen, die Adresse ist hier angegeben", erklärte der Cop grinsend. Er hatte seinen Job gemacht - und gleichzeitig signalisiert, dass ich diesen Gebührenbescheid getrost ignorieren konnte. Souveräner konnte man sich als Amtsperson wohl kaum von seiner offiziellen Rolle distanzieren.

Außerdem plauderte der Speedwächter aus dem Nähkästchen: Das Radargerät würde erst bei Geschwindigkeiten über 70 Meilen (110 Km/h) aktiviert. So war absehbar, dass der Trip nach Arizona beim Einhalten dieser Geschwindigkeitsbegrenzung wohl eine Woche dauern würde.

Waldschrat mit Winchester

Ich steuerte Boulder, Colorado, an. Hier wollte ich meinen Freund Michael besuchen und mit ihm einen Teil der USA erkunden. Wir hatten uns bei einer Autoüberführung nach Teheran im türkischen Ostanatolien vor der persischen Grenze getroffen und waren mit Paschtunen durch Afghanistan gefahren.

Der auf Biker und Harley-Fans spezialisierte Fotograf war der ideale Reisebegleiter - immer locker, freundlich und extrem interessiert an allem. Er hatte immer zwei oder drei Kameras um den Hals hängen und außerdem eine extrem gewinnende Art: In Gesprächen mit Truckern und Cops, mit fliegenden Crop Dusters und Ranchern sorgte er immer für gute Stimmung. Das lag sicher auch an Michaels natürlicher Neugier und seiner saloppen Unbekümmertheit.

Merkwürdig und irritierend war allerdings die Begegnung mit einem waschechten Trapper, der plötzlich irgendwo in Colorado am Straßenrand als Tramper auftauchte. Der bärtige Typ war vielleicht 25, hatte eine lange, doppelläufige Winchester im Arm, trug einen überirdisch grün schimmernden Overall und Cowboystiefel, die ebenfalls grün waren. Er wollte nur von einem kleinen Nest in ein größeres Waldgebiet, also nahm ich ihn mit. Als er im Auto seine Pfeife anzünden wollte, konnte ich ihn gerade noch bremsen. Dann merkte ich, dass er völlig bemoost war: Overall, Stiefel, seine Mütze- alles war über und über mit Moos bewachsen. "Na und, ist doch kein Wunder", meinte er, "ich lebe ja im Wald, baue da die Fallen auf, brate mir das Wildfleisch am Feuer und komme kaum unter Leute - das heute ist die große Ausnahme!" Weil er ziemlich nervös an seinem Gewehr herumfingerte, unbedingt seine Pfeife paffen wollte und fürchterlichen Mundgeruch hatte, setzten wir ihn an der nächsten Tankstelle wieder ab - das war mir dann doch ein wenig zuviel Lederstrumpf-Ambiente.

Zwischenstopp auf dem Maschinenfriedhof

Nach einem kurzen Zwischenstopp in Boulder ging es weiter. Jetzt Richtung Süden, auf dem Highway 25 nach Albuquerque, New Mexico und dann nach Las Cruces westlich auf dem Highway 10 nach Tucson. Irgendwo in New Mexico tauchten plötzlich neben dem Highway kleine Flugzeuge auf, die über Baumwollfeldern eine weiße Substanz versprühten. Von diesen "Crop Dusters" hatte ich vorher noch nie etwas gehört - sie sind Cowboys der Lüfte, die in kleinen Spezialfliegern mit kreisförmig angeordneten Zwölfzylinder-Motoren in zwei oder drei Metern Höhe riesige Baumwollfelder mit Insektiziden besprühen. Das ist ziemlich riskant und führt oft zum Crash, weil Telegrafenmasten, Stromleitungen oder Holzschuppen neben den Feldern während der Wendemanöver leicht übersehen werden.

Ein Pilot zeigte uns seine beim letzten Einsatz zerfetzte Jacke - da war er gegen einen Telegrafenmast geknallt und abgestürzt. "War aber alles halb so wild", meinte er, "nur die Kiste landete auf dem Schrottplatz." Der lag in der Nähe und bestand aus einem Sammelsurium zerfetzter Flugzeuge, denen die Innereien aus dem Bauch quollen. Die Motoren und Instrumente dieser ausgesonderten Maschinen hätten wir gern noch stundenlang begutachtet, doch wir mussten zurück auf den Highway.

Eine Woche nach dem Start in New York konnte Nancy in Tucson endlich wieder ans Steuer ihres geliebten BMW. Sie nahm mir sofort den Zündschlüssel ab, öffnete den Kofferraum und begutachtete die Kartons, Teppiche und Koffer mit einem erleichterten "Very nice, it´s all there". Mit einem sympathischen Lächeln händigte sie mir die 75 Dollar aus, die ich als Kaution in New York hinterlegt hatte. Da ich mit Michael weiter nach Los Angeles und dann möglichst wieder zurück nach Boulder wollte, fuhren wir ins Drive-Away-Büro von Tucson, um nach einem Auto zu fragen. Wir hatten Glück: "It´s a new T-Bird", meinte der Bürochef strahlend.

"Ans Auto stellen, Beine auseinander! Now!"

Der neue, braune Ford-Thunderbird war schon das 77er-Modell mit Klappscheinwerfern, einem mächtigen V-8-Motor (5,8 Liter Hubraum, 175 PS), Automatikgetriebe und Tempomat, was bei langen Strecken auf leeren Highways angenehm war. Der T-Bird sollte nach Reno, Nevada, überführt werden. Die Besitzerin war eine Kasinoangestellte. Der Donnervogel war zwar kein reinrassiger Sportwagen, aber bequem und schnell zu fahren. Und so passierte es dann beim flotten Sprint durch LA, dass die 175 PS mit mir durchgingen und ich plötzlich aus den Lautsprechern eines Streifenwagens hinter mir eine Stimme blaffen hörte: "Stop now! Get out! Hands up and don´t move!" Und nach dem Stop auf dem Seitenstreifen schrie mich ein wütender Cop sofort mit gezogener Pistole an. "Ans Auto stellen, Beine auseinander, beide Hände aufs Dach legen! Now!"

Diesmal hatte ich die Raserei wohl übertrieben. Der Cop vom Los Angeles Police Department hielt mich offenbar für einen Bankräuber auf der Flucht. Erst nach der Ausweiskontrolle, nach meinen nicht gerade überzeugenden Erklärungen und dem Blick in den FBI-Umschlag wurde ihm klar, dass ich hier nicht als Bankräuber unterwegs war. Doch das stimmte ihn nicht unbedingt milde: Jetzt sofort sei ein Bußgeld fällig. Sonst könnte ich auch mit zur Wache fahren, Protokolle aufnehmen und unterschreiben, und dann müsste ich auch zahlen. Was er mir denn aufbrummen wollte, da er doch während der Verfolgungsjagd bestimmt keine Radarmessung vorgenommen hatte? 150 Dollar für "Dangerous Driving" waren fällig - und der Cop öffnete lässig sein Handschuhfach, zog den Rollapparat für die Kreditkarte heraus und gab mir mit einem knappen "Have a nice day" die Kopie des Belegs.

Die Zielfahrt nach Reno, die Übergabe des T-Bird an die leicht beschürzte Kasinokellnerin klappte auch problemlos. Sie war ganz im Glück, ihr neues Vehikel endlich wiederzuhaben. Keine Frage, diese Einblicke in den Alltag, die überall erlebte Offenheit und Großzügigkeit, die spontane Freundlichkeit von Truckern, Piloten, Serviererinnen, Motel-Angestellten und allen anderen Amerikanern hätte ich weder im sterilen Flugzeug noch auf einem Kreuzfahrtschiff bekommen.



insgesamt 4 Beiträge
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Leon Heuser, 24.08.2009
1.
Sehr interessanter Artikel. Der Benzinpreis mit 80cent pro Gallon war aber damals kein Schnäppchen. Inflationsbereinigt sind das knapp $3. Heutzutage zahlt man in den USA $2.50 pro Gallon. Der hohe Preis lag an der Ölkrise...
C.F. Romberg, 24.08.2009
2.
Interstate 25 führt von CO nach NM und Interstate 10 von NM nach AZ/CA... Ein Highway ist nunmal etwas anderes;) Danke, schöner Bericht;)
Axel Sasse, 24.08.2009
3.
Wie es der Zufall will, war ich fast zu derselben im Bericht genannten Zeit in den USA: Die Bundeswehr stationierte mich für ein kanppes Jahr in El Paso, Tx. Aus meiner Sicht ist die Geschwindigkeit von 55 mp/h ideal und unaufgeregt. Ich fahre sie seitdem noch heute auf den Bundesautobahnen. Die rechte Spur ist bei dieser Fahrweise frei und mein Spritverbrauch liegt um 2l/100km niedriger als wenn ich 120 oder schneller fahre.
Constantin Rohrbach, 24.08.2009
4.
Ja, nett geschrieben, so mit Sherriff und so, kommt immer gut. 1976 war das ja auch noch mit dem Extra-Mythos aus dem gelobten Land behaftet. Heue fährt ja schon jeder Hansel mit dem Geld von der Konfirmation nach Kalifornien. Das ist auch gut so, weil man dann nicht mehr in jeder U-Bahn von Leuten genervt wird, die meinen nach 2 Wochen USA mit ihren doch eher banalen Erlebnissen auf Tournee gehen zu müssen. Da finde ich die Iran-Story schon wesentlich spannender, zumal die Teilnehmer da wirklich was erlebt haben. Es gibt doch so viele andere Kulturen zu erleben. Warum also immer nur aus dem Land der unbegrenzten Finanzkrise berichten?
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