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Robert Koch - der Vielgereiste

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Jürgen Zimmerer

Robert Koch Der berühmte Forscher und die Menschenexperimente

Jürgen Zimmerer
Ein Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer
Ein Gastbeitrag von Jürgen Zimmerer
Robert Koch, der vor 110 Jahren starb, gilt als vorbildlicher Pionier der Infektionsmedizin. Doch in afrikanischen Kolonien agierte er skrupellos. Das nach ihm benannte Institut sollte umbenannt werden.

Ein Mann, der vor 110 Jahren verstarb, ist gerade bekannt und geschätzt wie schon lange nicht mehr. Die zentrale Einrichtung der Bundesregierung auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention trägt seinen Namen: das Robert Koch-Institut. In Zeiten der Corona-Pandemie ist sie zur omnipräsenten und unverzichtbaren Informationsquelle geworden. Sie berät die Politik und gibt Sicherheitshinweise für die Bürger.

Das hätte Robert Koch gefallen, der nicht frei von Eitelkeit war. Vor seinem Tod am 27. Mai 1910 bestimmte er selbst das Königlich Preußische Institut für Infektionskrankheiten zu seiner Grabstätte. Das Robert Koch-Institut ist Nachfolger dieser Institution; die deutsche Covid-19-Bekämpfung wird von seinem Mausoleum aus gesteuert.

Aus einfachen Verhältnissen stammend, wurde der 1843 geborene Koch Arzt, Professor für Medizin, Forschungsreisender und Regierungsberater im In- und Ausland, schließlich gefeierter Nobelpreisträger für Medizin. Zu einer Zeit, als die deutsche Wissenschaft ihren Höhepunkt erreichte, war er einer ihrer bekanntesten Vertreter.

Forschung für den kolonialen Erfolg

Weltgeltung wollte das deutsche Kaiserreich nicht nur auf dem Bereich der Forschung, sondern auch in der internationalen Politik, einen "Platz an der Sonne", wie der spätere Reichskanzler Bernhard von Bülow 1897 ganz unbescheiden erklärte. Seit 1884 war auch das Deutsche Reich im Besitz von Kolonien, deren größte sich in Afrika befanden.

Voraussetzung dafür waren medizinische Fortschritte bei der Bekämpfung vor allem der Malaria. Lange hatten die gesundheitlichen Risiken auf dem afrikanischen Kontinent einen längeren Aufenthalt für Europäer*innen nahezu unmöglich gemacht, tiefer ins Landesinnere drangen die Europäer kaum ein. Doch im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts begann ein regelrechter "Wettlauf um Afrika". Weite Teile des Kontinents wurden mit Kolonialstationen überzogen.

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DER SPIEGEL

Medizin war eine der zentralen Grundlagenwissenschaften des Kolonialismus. Und Robert Koch war ihr wohl bekanntester Vertreter in Deutschland. Es ist der immer noch herrschenden kolonialen Amnesie geschuldet, dass beides kaum bekannt ist, geschweige denn angemessen reflektiert wird.

Das Deutsche Reich war vergleichsweise spät zur Kolonialmacht geworden. Dann aber nannte es das flächenmäßig viertgrößte Kolonialreich der Welt sein Eigen - und wollte den anderen Kolonialmächten beweisen, wie man richtig und effizient kolonisiert.

Menschen als Ressourcen

Die deutsche Kolonisation sollte modern sein und nach wissenschaftlichen Prinzipien erfolgen. Die afrikanische Bevölkerung galt dabei als größter Aktivposten, die Menschen sollten als Arbeitskräftereservoir dienen. Erkrankungen von Mensch und Tier, wie etwa die Schlafkrankheit oder die Rinderpest, bedrohten diese wirtschaftliche Entwicklung.

Zu dieser Zeit stand Robert Koch im Zenit seiner Karriere. 1882 hatte er die Entdeckung des Tuberkuloseerregers verkündet, die seinen Weltruhm begründete und ihm 1905 den Nobelpreis für Medizin einbrachte. Er konnte zeigen, dass diese Krankheit, an der bis zu ein Siebtel der Bevölkerung des Deutschen Reichs starb, durch ein Bakterium verursacht wurde. Er gilt deshalb auch als Mitbegründer der Mikrobiologie und der medizinischen Hygieneforschung.

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1891 wurde mit dem Königlich Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin ein eigenes Forschungszentrum geschaffen, an dem Mediziner aus der ganzen Welt ausgebildet wurden. Robert Koch stand dem Institut vor, war aber ab 1896 mehr als die Hälfte der Zeit auf Reisen. Vor allem die britische und die deutsche Kolonialverwaltung suchten seinen Rat und finanzierten seine Forschungen. 

"Die schönen Zeiten sind längst vorüber"

Koch kam deren Wünschen mehr als bereitwillig nach, bot dies doch nicht nur Geld und Prestige. Er sah darin auch eine Chance, dem Klein-Klein einer sich zunehmend professionalisierenden Forschung zu entkommen: "Die schönen Zeiten sind längst vorüber, als man die wenigen Bakteriologen noch an den Fingern abzählen, und ein jeder von ihnen unbehelligt weite Gebiete durchforschen konnte", schrieb Koch 1904 in der "Medizinischen Wochenschrift".

Noch deutlicher geworden war er in seinem aus dem gleichen Jahr stammenden Brief aus Bulawayo im heutigen Simbabwe: "Was ich auch anfassen und unternehmen mag, sofort ist eine Schar von Missgünstigen bei der Hand, die sich auf dieselbe Sache stürzt, sie streitig zu machen oder, wenn ihnen das nicht gelingt, sie einem zu verekeln sucht."

In Afrika hingegen lockte die Freiheit. Die für Europäer schier unbegrenzten Möglichkeiten der kolonialen Welten waren nicht nur für Siedler, Militärs und Glücksritter aller Art eine Attraktion, sondern offenbar auch für Mediziner: "Bei uns zu Hause ist nun schon so gründlich aufgearbeitet und die Concurrenz eine so gewaltige, daß es sich wirklich nicht mehr lohnt, dort zu forschen. Hier draußen aber, da liegt noch das Gold der Wissenschaft auf der Straße. Wie viel Neues habe ich gesehen und gelernt, als ich zum ersten Male nach Afrika kam!", schrieb Koch 1903 aus Bulawayo.

Freiheit von Kontrolle, das war es wohl auch, was Kochs letzte große Reise 1906/07 nach Ostafrika letztlich zum "dunkelste(n) Kapitel seiner Laufbahn" machte, wie es auf der Website des Robert Koch-Instituts vernebelnd heißt.

Menschenversuche und Konzentrationslager

Er sollte dort im Auftrag der deutschen Kolonialverwaltung die Schlafkrankheit erforschen, eine tödlich verlaufende Seuche, die Zehntausende Opfer forderte. Auch bei diesem Projekt ging es vor allem um den Erhalt afrikanischer Arbeitskraft als zentraler kolonialer Ressource - an diesem Ziel hielt man fest, obwohl deutsche Militärs fast zeitgleich Hundertausende in den in den verheerenden Exzessen des Maji-Maji Kriegs (1905-1907) in Deutsch-Ostafrika und des Völkermords an den Herero und Nama (1904-1908) in Deutsch-Südwestafrika umbrachten.

Trotz des Wettstreits, den sich Kolonialmächte auch auf medizinischem Gebiet leisteten, kooperierten sie vor Ort durchaus. Kolonialismus war ein europäisches Projekt. So fanden Koch und sein Team den Seuchenherd, den sie für ihre Forschungen brauchten, auf britischem Gebiet: auf den Sese-Inseln im Victoriasee.

Koch wollte diesmal nicht nur den Erreger finden. Er suchte eine medikamentöse Therapie gegen die tödliche Krankheit. Dazu testete er das arsenhaltige Mittel Atoxyl, in hoher Dosierung stark giftig, wie man wusste. Koch experimentierte am Victoriasee mit deutlich höheren Dosen, als in anderen Tests, etwa in Berlin, eingesetzt wurden. Die schweren Nebenwirkungen nahm er offenbar billigend in Kauf. Sie waren nicht nur äußerst schmerzhaft, sondern führten auch zur Erblindung von Patienten und bei einigen sogar zum Tod.

Koch tat die Erblindung als nur vorübergehend ab. Doch dass Atoxyl zur Erblindung führen konnte, war in der Fachliteratur nachzulesen, Koch hätte das wissen müssen. Ob er es nicht zur Kenntnis nahm, weil ihm das wissenschaftliche Alltagsgeschäft generell zuwider war, oder weil er glaubte, dass für Afrikaner*innen andere Vorsichts- und Fürsorgeregeln gelten - in beiden Fällen hätte er grob fahrlässig gehandelt. Der koloniale Rassismus ermöglichte beides.

Trotz der Nebenwirkungen und obwohl er einen dauerhaften Heilungseffekt nicht nachweisen konnte, plante Koch dennoch eine umfangreiche Atoxylkampagne für das deutsche Schutzgebiet in Ostafrika. Hier ging es nicht mehr um Heilung, sondern nur noch um Eindämmung der Seuche: Mit Atoxyl Behandelte konnten die Krankheit nicht weitergeben. Leiden und Siechtum nahm der Wissenschaftler dabei zumindest in Kauf.

Kann Koch noch als Leitbild dienen?

In eine ähnliche Richtung zielte sein Vorschlag, Konzentrationslager zur Isolierung von Erkrankten einzurichten. Um Ausbrüche frühzeitig beherrschbar zu machen, sollten ganze Dörfer in Lagern isoliert werden, auch gegen ihren Willen. Da die Krankheit ohne Behandlung tödlich verlaufe, so Kochs Überlegungen, würden nach einer bestimmten Zeit nur die Gesunden übrig bleiben und könnten dann zurückkehren. Die Ausbreitung wäre gestoppt, die afrikanische Arbeitskraft für die Kolonialherren geschützt.

Das Robert Koch-Institut führt auf seiner Internetseite leider bis heute nicht genauer aus, was genau es zum "dunkelsten Kapitel" in Kochs Leben rechnet. Ist es das zwangsweise Testen von Medikamenten ohne Einwilligung und gegen den Willen der Erkrankten? Ist es die utilitaristische bis zynische Herangehensweise, kranke Menschen zu isolieren und ihrem Schicksal zu überlassen, um die Arbeitskräfte der anderen und die (koloniale) Wirtschaft zu erhalten? Oder die Tatsache, dass Koch wissentlich und freudig die Chancen ausnutzte, die ihm die koloniale Situation mit ihrem extremen Machtungleichgewicht bot?

Mehr dazu in SPIEGEL EDITION GESCHICHTE 2/2020

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Es wäre an der Zeit, sich mit dem kolonialen Erbe auseinanderzusetzen, das sich hinter der Person und dem Namen Robert Koch verbirgt. Gerade heute, gerade angesichts der Corona-Pandemie ist die Balance zwischen individuellen Rechten und Zwang zum Schutze der Allgemeinheit, die Frage, wer das Allgemeinwohl definiert, aktueller denn je. Ist der Name Robert Koch für das 21. Jahrhundert noch geeignet? Kann er wirklich als Leitbild dienen, hat er die Ehre verdient, Namensgeber eines so wichtigen Instituts zu sein?

Das ist nicht zuletzt auch eine Frage an die Bundesregierung. Denn wenn es die Große Koalition ernst meint mit der Aufarbeitung des kolonialen Erbes, zu der sie sich im Koalitionsvertrag verpflichtet hat, dann kann man den in kolonialen Diensten reisenden Mediziner Robert Koch wohl kaum als Vorbild hinstellen.