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Rock'n'Roll-Geschichte: Der Wäschetrommler

Foto: Hans-Jürgen Topf

Rock'n'Roll-Geschichte Der Wäschetrommler

Stinksocken von Metallica, Anzüge für Udo Jürgens und blutverschmierte Overalls von Slipknot: Seit 1982 betreibt Hans-Jürgen Topf die Rock'n'Roll Laundry und ist mit Weltstars auf Tuchfühlung. Auf einestages erzählt er von Backstage-Erlebnissen und Sondereinsätzen, die sich gewaschen haben.

Als ich die Wäschesäcke von Slipknot öffnete, hätte ich mich fast übergeben. Ich bin ja einiges gewöhnt, denn unter uns, nach zwei Stunden auf der Bühne riechen die Socken keiner Band nach Blumenwiese im Frühling. Aber das, was mich hier aus den blauen Mülltüten ansprang, war unbeschreiblich. Die US-Nu-Metaller sind bekannt dafür, dass sie bei ihren Bühnenshows mit viel Kunstblut - und in diesem Fall offensichtlich Sahne - hantieren. Ihre vollgesauten und durchgeschwitzten Overalls hatten sie nach der letzten Show vor zwei Tagen offensichtlich direkt in die Säcke gestopft und zwei Tage lang auf der Ladefläche eines Lkw liegen gelassen. Seit 20 Jahren wusch ich mit meiner Rock'n'Roll Laundry die Klamotten von Bands, aber so etwas hatte ich noch nie erlebt.

Dass ich zum Wäscher der Stars wurde, habe ich einer roten Ampel zu verdanken. Eigentlich wollte ich damals Sozialarbeiter werden, doch mein mieses Abi verhagelte mir diesen Traum. Statt zu studieren, half ich Anfang der achtziger Jahre als Fahrer in der Wäscherei meiner Eltern aus, ein Job, auf den ich nicht gerade stolz war - und der mein ohnehin kaum vorhandenes Selbstbewusstsein nicht gerade steigerte. Dass ich einmal mit Größen wie Paul McCartney, Herbert Grönemeyer und den Bee Gees auf Du und Du sein würde - das schien in dieser Zeit so weit weg wie die Pole-Position auf der Warteliste an der Uni.

Doch an einem schönen Tag im Juni 1982 erschien dann das Schicksal in Form des Tourbusses von Ted Nugent neben mir an der Ampel. Der Fahrer hatte sich in Ludwigshafen heillos verirrt und fragte nach dem Weg zur Friedrich-Ebert-Halle, wo die Band am Abend spielen sollte. Statt den Weg zu beschreiben, führte ich die Jungs kurzerhand hin. Zum Dank bekam ich vom Busfahrer zwei Freikarten für das Konzert.

Welche Sau hat mich gelinkt?

Zumindest dachte ich das - denn bei genauerem Hinsehen entpuppten sich die Karten als schlichte Aufkleber, mit denen ich garantiert nicht reinkommen würde. Ich war stinksauer, rannte schnurstracks auf die Halle zu, riss die Tür auf und brüllte hinein: "Wo ist die Sau, die mich gelinkt hat?!" Weil sich zwar ein paar Leute nach mir umdrehten, aber keiner die Sache in die Hand nehmen wollte, wiederholte ich das ganze vorsichtshalber noch mal auf Englisch. Ich, der damals vor Minderwertigkeitskomplexen keinen Satz herausbrachte, ohne zu stottern, belegte mit meinen Flüchen so lange die Halle, bis Steven Fortney, der Tourmanager, zu mir kam.

Ihm war das ganze furchtbar peinlich, und so spendierte er nicht nur zwei echte Freikarten, sondern gleich zwei Backstage-Pässe dazu. "Acces All Areas" - ich konnte es kaum fassen. Als Dankeschön bot ich ihm an, kostenlos seine Wäsche zu waschen. Nachdem er seine anfängliche Skepsis, ob ihm der "crazy young German" seinen Koffer mit Schmutzwäsche je wiederbringen würde, überwunden hatte, war ich im Geschäft. Drei Stunden später hatte Fortney seine Klamotten frischgewaschen wieder - und war hellauf begeistert.

"Du solltest das zum Beruf machen", sagte er. "Du brauchst nur einen Namen, den sich jeder merken kann. Wie wäre es mit Rock'n'Roll Laundry?" Ich war Feuer und Flamme. Endlich schien mein Leben einen Sinn zu bekommen. Gleich am nächsten Tag rannte ich zum Patentamt, um ein Dienstleistungswarenzeichen einzutragen. Doch es gab ein Problem: Möglich war der Eintrag nur für Inhaber eines Unternehmens. Ich hatte keins, wohl aber meine Eltern. So wurde meine Mutter im zarten Alter von 76 Jahren zur offiziellen Inhaberin der ersten "Rock'n'Roll Laundry" der Welt.

Eine Karriere als Wäsche-Groupie

Von da an stand ich bei jedem größeren Konzert am Eingang des Backstage-Bereichs und bot meine Dienste feil. Ich war ein Wäsche-Groupie: Saubere Klamotten gegen Freikarten, später dann Backstage-Pässe - das war der Deal. Mit der Zeit bekam ich mit, wie die Abläufe bei den Konzerten waren, und vor allem, dass ich mich am besten an den Produktionsleiter wenden musste, wenn ich weiterkommen wollte. Ich wusch und wusch und wusch - und war bald das Maskottchen der Ludwigshafener Musikszene.

Nur Geld verdiente ich damit nicht. Es war ein Hobby, ein kleines Sahnehäubchen auf meinem sonst eher tristen Arbeitsalltag. Doch dann kam eines Tages ein Anruf aus Japan. Am anderen Ende der Leitung war der Produktionsleiter von Motörhead. "Töpfchen", so war der Spitzname, unter dem ich bekannt war, "wir kommen nach Ludwigshafen und ich habe Wäsche für dich." Was er mir nicht verraten hatte, war die Menge. Zweimal musste ich mit meinem Kombi von der Friedrich-Ebert-Halle in die Stadt und zurück fahren, voll beladen bis unters Dach. Als ich die Wäsche pünktlich vor der Show ablieferte, stand da schon der Produktionsleiter und wedelte mit zwei Freikarten. "Nee, mein lieber, so läuft das nicht. Für diesen Berg muss ich Geld sehen", sagte ich und handelte mein erstes Honorar aus. 400 Mark, pauschal - ab jetzt wurde es ein Business.

Dass ich mir schnell einen Namen machte, lag vor allem an Sondereinsätzen wie dem für Udo Jürgens. Dem sollte ich vor einem Konzert mal einen Anzug reinigen. Die Zeit war aber knapp. So bin ich wie ein Wilder durch die Stadt gebraust, habe den Anzug reinigen lassen und konnte auch pünktlich liefern. Doch dann geschah das Unglück: Plötzlich stand die Sekretärin von Udos Manager, die eben noch fröhlich den Anzug in Empfang genommen hatte, in Tränen aufgelöst vor uns. Auf dem Weg in die Tiefgarage war ihr die Anzughose vom Bügel gerutscht und in den Matsch gefallen. Sie sah aus wie sau, und das Konzert begann in einer Stunde. Was tun?

Sondereinsatz mit der Dampfpistole

Ganz einfach: wie ein Irrer zurück in die Reinigung. Für Waschen oder Reinigen war keine Zeit mehr, also haben wir die Hose mit einer Dampfpistole und einem Gebläse innerhalb von einer halben Stunde wieder flottgemacht. Als Udo eine Stunde später auf der Bühne stand, war kein Fleck mehr zu sehen - dafür hatte ich für alle Zeiten einen Stein im Brett.

Mit der Zeit expandierte mein kleines Unternehmen immer mehr. Hatte ich anfangs nur die Konzerte betreut, die in Ludwigshafen und Umgebung stattfanden, bekam ich immer öfter auch Anfragen für Shows, die weiter weg waren. Ich musste mir etwas überlegen, denn das Hin- und Hergefahre mit der Wäsche kostete einfach zu viel Zeit. Oft war ich eigentlich pünktlich, steckte dann aber im Stau und konnte den Liefertermin nicht halten. Also hob ich die Rock'n'Roll Laundry auf die nächste Stufe. Ich besorgte mir eine alte Waschmaschine und einen Trockner vom Sperrmüll und baute zwei Gehäuse auf Rollen für die Geräte - nun konnte ich vor Ort waschen.

Zu dem Trockner gibt es eine lustige Geschichte: Das Ding lief wunderbar - quietschte aber fürchterlich. Beim ersten Rock am Ring 1985 hatte ich meine Gerätschaften im Gang direkt hinter der Bühne aufgebaut. Plötzlich kam Marius Müller-Westernhagen zu mir. Er war auf dem Weg zur Bühne und schon angekündigt worden. "Töpfchen", sagte er "mach den Trockner aus - ich höre meine eigenen Songs nicht mehr!"

Mit den Stars auf Tuchfühlung

Diese Episode ist ein schönes Beispiel dafür, wie nah ich den Leuten durch meinen Job komme. Zu den meisten Stars, egal ob vom Weltformat wie die Bee Gees oder lokale Größen, habe ich im Laufe der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufgebaut - ich gehe ihnen ja schließlich an die Wäsche. Manche betreue ich inzwischen auch als Garderobier, zum Beispiel Herbert Grönemeyer oder Die Fantastischen Vier. Und als Garderobier hält man auch schon mal den Bademantel, wenn der Künstler aus der Dusche kommt.

Wer jetzt denkt, dass ich dadurch zum Zeuge babylonischer Zustände im Backstage-Bereich würde, wie man sie sich als Fan gerne ausmalt, den muss ich leider enttäuschen. Die meiste Zeit, vor allem heutzutage, ist Rock'n'Roll ein knallhartes Business, die meisten Künstler pflegen lieber ihren Körper als ihre Libido - fast alle verlangen inzwischen sogar ausdrücklich Bio-Waschmittel.

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Topf, Hans J

Das rockige Waschbuch: Groupies, stars & dirty socks

Verlag: kunstanstifter GmbH & Co. KG
Seitenzahl: 144
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Auf diese ganzen Klischees - ständig wilde Partys mit leicht bekleideten Mädels - warte ich noch heute. Nur ein einziges Mal habe ich das erlebt. Es war beim Konzert von Ted Nugent, mein erster Auftrag überhaupt und mein erster Backstage-Besuch. Zehn Minuten war ich da vielleicht mit der Band in einem Raum. Alle waren völlig verschwitzt. Es gab einen Whiskey-Cola, ich durfte mir einmal die Gitarre umhängen und dann hat mich der Produktionsleiter schon wieder zur Tür rausgeschoben: "Die Cousinen von Ted sind da, die wollen ihm zur Show gratulieren."

Draußen standen wirklich zwei Mädels, die eine in einem grünen, die andere in einem weißen Bodystocking. Das sind diese einteiligen Kampfgardinen, mit denen man bei Männern garantiert landet, und die in den Achtzigern todschick waren. Ich hab mich schon gewundert. "Mensch", dachte ich so bei mir, "die Cousinen vom Ted sehen aber gut aus." Dann bin ich davongewackelt. Das waren die einzigen Groupies, die ich in 26 Jahren Rock'n'Roll-Wäscherei zu sehen bekommen habe - und ich hab's noch nicht mal kapiert.


Hans-Jürgen Topf betreibt seit 1982 die Rock'n'Roll Laundry. Seit zwei Jahren hat er die Seiten gewechselt: Im Jahr 2008 veröffentlichte er "Das rockige Waschbuch - Groupies, Stars und Dirty Socks" und steht seitdem selbst bei Lesungen auf der Bühne.

Protokoll: Michail Hengstenberg
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.