Stadtteil in Flammen: Bei den Unruhen in South Central Los Angeles steckten wütende Anwohner unzählige Geschäfte in Brand

Stadtteil in Flammen: Bei den Unruhen in South Central Los Angeles steckten wütende Anwohner unzählige Geschäfte in Brand

Foto: Reed Saxon / AP

Unruhen in Los Angeles 1992 »No Justice, no Peace!«

Ein Stadtteil in Flammen, sechs Tage Gewalt auf der Straße: Im Süden von Los Angeles brachen vor 30 Jahren schwere Unruhen aus – nachdem Polizisten freigesprochen worden waren, die den Schwarzen Rodney King brutal verprügelt hatten.

»Nicht schuldig« – diese beiden Wörter um 15.15 Uhr stürzten Los Angeles an diesem 29. April 1992 in sechs Tage Chaos. Die vier weißen Polizeibeamten Laurence Powell, Timothy Wind, Theodore Briseno und Stacey Koon wurden davon freigesprochen, gegen den Schwarzen Rodney King exzessive Gewalt ausgeübt zu haben. Das Urteil löste einen Aufstand mit Dutzenden Todesopfern sowie Sach- und Brandschäden in Milliardenhöhe aus.

Ein Jahr zuvor hatte sich King, 25, eine nächtliche Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert. Anfang März 1991 war er alkoholisiert Auto gefahren und hatte damit gegen Bewährungsauflagen verstoßen. Bei seiner Festnahme schauten elf Polizisten zu, wie ihn drei Kollegen unter den Anweisungen von Sergeant Stacey Koon mehrmals mit einem Taser malträtierten, wieder und wieder mit Schlagstöcken auf ihn einprügelten und mit Füßen traten.

Im Krankenhaus wurden bei King neun Brüche des Schädels festgestellt. Die rechte Augenhöhle und der Wangenknochen waren zerschmettert, King hatte eine Gehirnerschütterung, Nervenschäden im Gesicht und ein gebrochenes Bein.

Der Anwohner George Holliday hatte Teile des Angriffs auf Video aufgenommen und an lokale TV-Sender geschickt. Die Bilder waren ein klarer Beweis für Polizeigewalt gegen Afroamerikaner – fast 30 Jahre bevor Handyvideos dokumentierten, wie der Polizist Derek Chauvin neun Minuten und 29 Sekunden lang die Atemluft von George Floyd abdrückte, bis er starb. Es war 2020 der Beginn einer Protestwelle unter dem Motto Black Lives Matter.

Gewalt bei Festnahmen war die Regel

Damals verurteilte US-Präsident George Bush die Gewalt gegen King: »Wenn ich das sehe, wird mir schlecht. Meiner Meinung nach gibt es keinen Weg, das zu rechtfertigen. Das war ungeheuerlich.« Daryl Gates, Polizeipräsident von Los Angeles, sprach von einer Ausnahme. Vor Gericht verteidigte sich Mittäter Koon: »Das folgte den Strategien und Verfahren des Los Angeles Police Department und dessen Training.«

Genau beim LAPD sah die afroamerikanische Gemeinde das Problem. Seit Gates' Berufung zum Polizeipräsidenten 1978 ging dessen Truppe bei Einsätzen in South Central mit paramilitärischer Härte vor. Somit seien manche Teile der Bevölkerung »einem höheren Risiko ausgesetzt, nicht nur wegen ihres Alters und ihrer Rasse, sondern auch aufgrund ihres Standorts«, analysiert Historikerin Donna Murch.

Schlagstock statt Deeskalation: Das LAPD verfolgte eine aggressive Strategie

Schlagstock statt Deeskalation: Das LAPD verfolgte eine aggressive Strategie

Foto: Kirk McKoy / Los Angeles Times / Getty Images

1992 führte das LAPD beinahe die Hälfte aller schwarzen Männer unter 25 Jahren im Los Angeles County als Gangmitglieder in ihren Akten. Gewaltsame Festnahmen waren die Regel, SWAT-Teams fuhren gepanzerte Fahrzeuge mit Rammböcken in Häuser, Wohnungen wurden bei Durchsuchungen verwüstet. Afroamerikaner fühlten sich der Polizeigewalt ausgeliefert. Und dann brachte der Freispruch des Prügelkommandos gegen Rodney King das Fass zum Überlaufen.

Rund zwei Stunden nach dem Urteil begannen Zivilisten an einer Kreuzung in South Central, Bierdosen auf vorbeifahrende Autos zu werfen. Die Polizei tauchte kurz auf, zog sich jedoch schnell aus dem Viertel zurück und reagierte nur noch vereinzelt auf Notrufe.

Vor dem LAPD-Gebäude im Zentrum von Los Angeles forderten Demonstranten mit Rufen und Schildern den Rücktritt von Polizeichef Gates. Bald skandierten sie »No Justice, no Peace«: keine Gerechtigkeit, kein Frieden.

Angriff mit Hammer und Betonblock

Während Gates auf einer Spendengala war, versuchte die aufgebrachte Menge am frühen Abend, das Polizeihauptquartier zu stürmen. Scheiben gingen zu Bruch, die Beamten formten einen Schutzring. Nach Einbruch der Dunkelheit wurde ein Wachhäuschen umgeworfen und ging in Flammen auf. TV-Sender übertrugen live vor Ort.

In South Central eskalierte die Lage weiter. Kurz vor 19 Uhr filmte ein Nachrichtenhelikopter, wie eine Gruppe schwarzer Männer den Weißen Reginald O. Denny aus seinem Truck zerrte, auf ihn einprügelte, ihn mit einem Hammer schlug und seinen Kopf mit einem Betonblock und Fußtritten attackierte. Als die Männer von ihm abließen, drohte Denny, 39, zu sterben. Sein Schädel war an über 90 Stellen gebrochen.

Vier Anwohner sahen den brutalen Angriff im Fernsehen und eilten Denny zu Hilfe. Die Ernährungsberaterin Lei Yuille, Truckfahrer Bobby Green und das Pärchen Terri Barnett und Titus Murphy kamen beinahe zeitgleich an der Kreuzung an.

Sie bugsierten Denny in die Fahrerkabine seines Trucks. Yuille kümmerte sich um den Schwerstverletzten, Truckfahrer Green übernahm das Steuer. Weil die Windschutzscheibe geplatzt war, navigierte Murphy vom Trittbrett aus. Barnett fuhr mit ihrem Wagen vor dem Truck zum knapp fünf Kilometer entfernten Krankenhaus. Denny überlebte.

6000 Soldaten rückten ein

Am Abend war South Central von unzähligen Flammen erhellt. Weil die Feuerwehr beschossen wurde, rückten keine Löschzüge an. Um 20.45 Uhr erklärte Bürgermeister Tom Bradley den Notstand und ordnete eine Ausgangssperre an; Kaliforniens Gouverneur Pete Wilson aktivierte 2000 Soldaten der Nationalgarde.

Die Situation erinnerte an die Unruhen, die 1965 nach der Festnahme eines Afroamerikaners im Stadtteil Watts ausgebrochen waren. Sie dauerten ebenfalls sechs Tage, forderten 34 Tote und verursachten 40 Millionen Dollar Schaden durch Brandstiftung und Vandalismus, bis die Nationalgarde die Situation unter Kontrolle bekam.

Am 1. Mai 1992 wurde die Ausgangssperre auf die gesamte Stadt ausgeweitet und der Busverkehr eingestellt, Schulen waren jetzt geschlossen. Die inzwischen 6000 Nationalgardisten bezogen Stellung an strategischen Punkten. Der Verkauf von Munition wurde verboten, Benzin nur zum Tanken verkauft.

Schussbereit: Ladenbesitzer bewaffneten sich zum Schutz gegen Plünderer und Brandanschläge

Schussbereit: Ladenbesitzer bewaffneten sich zum Schutz gegen Plünderer und Brandanschläge

Foto: Hyungwon Kang / Los Angeles Times / Getty Images

Unterdessen bewaffneten sich Ladenbesitzer in Koreatown zum Schutz gegen Plünderer. Schon lange schwelten dort Spannungen: Um 1990 waren zwei Drittel der Geschäfte in der Hand koreanischstämmiger Inhaber; Jobs vergaben sie in der eigenen Community, nicht an Schwarze.

Die Beziehungen im Viertel hatten kaum zwei Wochen nach der Prügelattacke auf Rodney King einen Tiefpunkt erreicht. Die Schülerin Latasha Harlins, 15, hatte sich nach einer Auseinandersetzung mit der Ladenbesitzerin Soon Ja Du über eine Flasche Orangensaft zum Gehen gewandt, als Du ihr mit einer Waffe in den Hinterkopf schoss.

Geringe Strafe für tödlichen Schuss

Du gab an, Harlins habe den Saft stehlen wollen; laut Polizei hielt das tote Mädchen zwei Dollarscheine in der Hand. Zwar sprach eine Jury Soon Ja Du im November 1991 des Totschlags im Affekt schuldig. Doch die Richterin verurteilte sie statt bis zu 16 Jahren Haft lediglich zu einer fünfjährigen Bewährungsstrafe, 300 Stunden gemeinnütziger Arbeit und 500 Dollar Strafe.

Das Berufungsgericht wies den Einspruch gegen das Urteil ab – nur acht Tage vor Ausbruch der Unruhen 1992. Bald darauf rappte Tupac Shakur in seinem Song »I Wonder If Heaven Got a Ghetto«:

»Sag mir, was ist ein schwarzes Leben wert?
Eine Flasche Orangensaft ist keine Entschuldigung ...
Frag Rodney, Latasha und viele andere
Es geht seit Jahren so, es gibt noch so viele mehr«

Über dem Empire Liquor Market, in dem Harlins erschossen worden war, hing im April 1992 längst ein Schild: »Geschlossen wegen Mordes und Respektlosigkeit gegenüber Schwarzen«. Der Laden wurde eines der ersten Ziele von Brandbomben.

Rodney King trat am Nachmittag des 1. Mai sichtlich emotional vor die Presse. Seine Anwälte hatten eine scharfe Rede für ihn vorbereitet, doch King bat stattdessen: »People … I just want to say … Can we all get along? Can we get along?« (»Leute, ich möchte nur sagen: Können wir einfach alle miteinander auskommen? Können wir miteinander auskommen?«). Zur gleichen Zeit rückten auf Anordnung von US-Präsident Bush weitere Nationalgardisten in die Stadt ein.

Eine Kulisse der Verwüstung

Vier Tage nach Ausbruch der Unruhen zogen 30.000 Menschen in einem Friedensmarsch durch Koreatown und halfen bei Aufräumarbeiten. Der schwarze Bürgerrechtsaktivist Jesse Jackson forderte ein Ende der Gewalt. Die Ausgangssperre und die Abriegelung des Viertels wurden aufgehoben, Busse fuhren wieder. Am 4. Mai, Tag sechs der Unruhen, kehrten die Bürgerinnen und Bürger unter den Augen bewaffneter Soldaten an ihre Arbeitsplätze und Schulen zurück.

In South Central blieb eine Kulisse der Zerstörung: 2000 Geschäfte waren zerstört, Tausende hatten durch Plünderung und Brandstiftung ihre Lebensgrundlage verloren. In nur sechs Tagen waren 63 Menschen gestorben und Tausende festgenommen worden; die Sachschäden summierten sich auf beinahe eine Milliarde Dollar.

Trauma eines Stadtviertels: In Los Angeles erinnern Murals an die Unruhen von 1992

Trauma eines Stadtviertels: In Los Angeles erinnern Murals an die Unruhen von 1992

Foto: Bob Chamberlin / Los Angeles Times / Getty Images

Polizeipräsident Daryl Gates verließ das LAPD im Juni 1992. Zwei unabhängige Untersuchungen kritisierten seinen Führungsstil, zudem warfen sie der Polizei die zu langsame Reaktion auf die Unruhen, übermäßige Gewaltanwendung und Rassismus vor.

Gates' Nachfolger rückten vom paramilitärischen Auftreten ab. Bill Bratton arbeitete ab 2002 mit der Bürgerrechtsbewegung ACLU zusammen und maß die Beamten an der Kriminalitätsrate in ihren Revieren, nicht an der Zahl von Verhaftungen. Als Autor eines Buchs über die LAPD-Reform urteilt der Journalist Joe Domanick, dass besonders die Zusammenarbeit zwischen Polizei und den Gemeinden Vertrauen aufgebaut und Erfolge gebracht habe – die Reform aber trotzdem weitergehen müsse.

Rodney King starb mit 47 Jahren

Knapp ein Jahr nach den Unruhen erging am 17. April 1993 ein zweiter Urteilsspruch gegen die prügelnden Polizisten: Ein Bundesgericht sprach die Haupttäter Koon und Powell schuldig, Rodney Kings Bürgerrechte verletzt zu haben. Sie wurden zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt.

Rodney King bekam in einem Zivilprozess gegen die Stadt Los Angeles fast vier Millionen Dollar zugesprochen. Davon kaufte er ein Haus für seine Mutter und eines für sich. Er gründete ein Plattenlabel und stellte Angehörige von Minderheiten an.

Doch das Projekt scheiterte, King verlor den Großteil seines Geldes. Jahrzehntelang litt er unter dem Trauma der Prügel, kämpfte gegen Alkoholsucht und wurde wiederholt verhaftet. 2010 heiratete er eine Jurorin aus seinem Zivilprozess und veröffentlichte im April 2012 seine Memoiren: »The Riot Within: My Journey from Rebellion to Redemption«.

Zwei Monate später, am Morgen des 17. Juni 2012, wurde Rodney King tot in seinem Pool gefunden.