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Die Rolling Stones auf der Waldbühne: "Die wollten einfach ein gutes Konzert sehen"

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Legendäres Stones-Konzert "Vier Stunden hat die Schlacht getobt"

Sie galten als härteste Band der Welt - und lieferten das härteste Konzert, das Deutschland je gesehen hatte: Um die Rolling Stones zu sehen, kamen 1965 zehntausende Jugendliche in die Berliner Waldbühne. Doch aus dem friedlichen Abend wurde eine erbitterte Schlacht zwischen Musikfans und Polizei.

Am morgen danach war die Waldbühne ein Schlachtfeld: verbogene Absperrungen, umgestürzte Laternenmasten, zerstörte Bänke. Wie ein Pulverfass sei die Waldbühne am Abend zuvor explodiert, "als Tausende von jugendlichen Beatfans der Massenpsychose verfielen und aufgepeitscht durch die hämmernden Rhythmen nicht mehr wussten, was sie taten", erklärt ein Fernsehsprecher des NDR die Bilder der Verwüstung. Dabei hatte alles so friedlich angefangen.

"Als wir in die Waldbühne reinkamen", berichtet Michael Mellenthin, der damals als Konzertbesucher vor Ort war, "das war ein Wow-Erlebnis. 22.000 Leute, ausgeflippte Jugendliche, versammelt an einem Ort, das gab's vorher überhaupt nicht." Es war für den 19-Jährigen nicht nur das Abschlusskonzert der ersten Deutschland-Tour der Rolling Stones, es war auch die mit Abstand gigantischste Musikveranstaltung, die er bis dato gesehen hatte. "Bands von der Größe der Beatles oder der Stones kamen ja gar nicht nach Deutschland", erinnert er sich, "sonst fanden Konzerte in Clubs vor 100 bis 200 Leuten statt."

Auch für Olaf Leitner war das Konzert am 15. September 1965 eine Premiere. Der spätere Musikjournalist und Radiomoderator des West-Berliner Rundfunksenders Rias spielte damals bei der Band Team Beats Berlin die Orgel. An diesem Abend durften sie als Vorband der Rolling Stones auftreten. "Bei dem Konzert haben wir das erste Mal Musik nur zum Zuhören gespielt", sagt er. "Ansonsten machten wir in den Clubs Musik nur zum Tanzen. Andernfalls hätte man uns von der Bühne geholt."

Mit langen Haaren flog man aus dem Job

Die Konzertszene in den Sechzigerjahren war vollkommen anders als heute: Die meisten Bands schrieben nur selten eigene Songs und das Publikum kam nicht, um die Gruppen zu sehen. Die Team Beats Berlin hatten damals drei eigene Stücke. Wie bei den meisten Beatbands dieser Zeit bestand der Rest des Programms aus Coversongs. Mit denen traten sie in kleinen Clubs auf, spielten stundenlang, während die Jugendlichen tanzten.

Es war in den sechziger Jahren nicht leicht für Jugendliche, ihrer Leidenschaft für Beatmusik nachzugehen. Denn wer damals Bands wie die Beatles, die Kinks, die Pretty Things oder die Stones hörte, galt als rebellisch und unangepasst. Und das war damals noch schlimm.

Das bekamen auch die Team Beats Berlin zu spüren: "Unser Sänger und Gitarrist Thommy Goldmann war Versicherungskaufmann und hatte beim Finanzamt gelernt", erinnert sich Leitner, "er war sogar mal der 'Bild'-Zeitung eine Schlagzeile wert, weil er es als 'Beamten-Beatle', wie er genannt wurde, überhaupt gewagt hatte, Beatmusik zu machen."

Doch auch wer die Musik nur hörte, konnte leicht Schwierigkeiten bekommen. Michael Mellenthin machte damals eine Lehre zum Industriekaufmann. Deshalb konnte er keine langen Haare tragen. "Da wäre ich rausgeflogen." Auch die Familie hatte wenig Verständnis für seine Leidenschaft: "Als ich mir mit 20 von meinem Geburtstagsgeld meine erste Beatles-Platte gekauft habe, gab es zu Hause ein Riesentheater. Meine Eltern konnten einfach nicht verstehen, wie ich mir solchen Krach anhören konnte."

Mit 200 Mann durch die Polizeisperre

Dass sich an diesem Abend also mehr als 20.000 Jugendliche versammelt hatten, um einer britischen Musikgruppe zuzuhören, die zudem als "härteste Band der Welt" galt, konnte den Erwachsenen nicht geheuer sein. Sie befürchteten, bei einer solchen Ansammlung von Jugendlichen könnte es zu Ausschreitungen kommen. Doch die meisten Teenager gingen an diesem Abend nur in die Waldbühne, um ihre Idole, die Rolling Stones, zu hören.

"Es gab an diesem Abend zwei Fraktionen", meint Mellenthin, "die Leute, die das Konzert sehen wollten und einige wenige, die von vornherein auf Randale aus waren." Zu der letzten Gruppe zählte offenbar auch Ralf Reinders, der später ein Mitglied der Bewegung 2. Juni wurde. Die terroristische Gruppierung verübte in den siebziger Jahren Sprengstoffanschläge und Banküberfälle und entführte den CDU-Politiker Peter Lorenz.

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Die Rolling Stones auf der Waldbühne: "Die wollten einfach ein gutes Konzert sehen"

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In dem 1995 erschienenen Buch "Die Bewegung 2. Juni: Gespräche über Haschrebellen, Lorenzentführung, Knast" erinnert Reinders sich an den Abend in der Waldbühne: "Wir wollten eigentlich nur das Konzert hören, dann haben wir auf die Preisliste geguckt. Der Eintritt sollte 20 D-Mark kosten. Das war damals ein Schweinegeld." So beschloss eine Horde von 200 Jugendlichen hineinzugehen, ohne den Ticketpreis zu zahlen. An drei Sperren, eine davon berittene Polizei, kämpfte sich die Gruppe ins Konzert. "Und so waren wir schließlich mit über 200 Leuten umsonst drinnen, und standen ganz vorn. Und die Leute, die bezahlt haben, sind nach uns zum Teil gar nicht mehr reingekommen."

Eier und Äpfel auf die Vorband

Olaf Leitner hatte beim Auftritt seiner Team Beats Berlin nicht das Gefühl, dass sich vor der Bühne Teenager versammelt hatten, die auf Ärger aus waren: "Es war eine gute Stimmung. Die Leute haben es uns leicht gemacht. Ich habe zwar ein Ei auf die Orgel bekommen und es flogen auch ein paar Äpfel. Aber das war als Jux gemeint. Die wollten einfach ein gutes Konzert sehen."

Als dann die Rolling Stones auf die Bühne kamen, sah es ein wenig anders aus. Plötzlich stürmten Dutzende Zuschauer die Bühne. Zwar hatte Stones-Gitarrist Brian Jones 1964 in bester Rockstar-Manier festgestellt: "Andere Bands geben Konzerte. Wir geraten in Tumulte." Doch seit bei einem Auftritt in Manchester die Stühle geflogen waren, Mick Jagger am Auge verletzt wurde und Keith Richards bewusstlos von der Bühne getragen werden musste, schienen sie vorsichtiger geworden zu sein. Nach wenigen Takten waren sie von der Bühne verschwunden, während die Ordner die Leute zurück ins Publikum trieben.

Beim zweiten Anlauf klappte es besser. Der Sound sei schlecht gewesen, erinnern sich Leitner und Mellenthin einhellig. Darum sei es aber gar nicht gegangen, "weil alle bei allen Songs mitgesungen haben", so Mellenthin. "Das war so ein Gemeinschaftsgefühl. Da kam es nicht auf Qualität an."

In der Waldbühne das Fürchten gelernt

Eine Reporterin der "Bild"-Zeitung sah das damals ganz anders und bringt mit ihren Beobachtungen das totale Unverständnis der Elterngeneration gegenüber der Leidenschaft ihrer Zöglinge auf den Punkt: "Ich kenne die Hölle", schrieb sie pathetisch über den Auftritt der Stones, "mein Beruf hat mich gelehrt, ziemlich tapfer zu sein. In der Waldbühne habe ich in der vergangenen Nacht das Fürchten gelernt. Eine tosende, entfesselte Masse juchzt. Drängelnde, strampelnde Leiber an den Eingängen. Dann im Innenraum ein Tanz der Hexen in der Walpurgisnacht. Rings um mich rum ist alles in Ekstase. Tanzt, schreit, zuckt."

Auch wenn es sich in diesem Bericht nicht so anhört: Das eigentliche Chaos beginnt erst nach dem Konzert. Denn nach nur 20 bis 25 Minuten verlassen Mick Jagger und seine Band die Bühne. "Wir hatten uns mit unserer Band im Gang hinter der Bühne postiert, um die Stones zu fragen, ob sie noch ein Bierchen mit uns trinken wollen", schmunzelt Olaf Leitner, "aber das ist natürlich fürchterlich danebengegangen." Die Band sei an ihnen vorbeigehastet, und er glaubt, dass Mick Jagger es war, der ihn mit dem Ellenbogen zu Seite gestoßen hat. "Dann sind sie in einen Mercedes gestiegen und in ihr Luxushotel gefahren worden."

Unterdessen warteten vor der Bühne 22.000 Jugendliche auf eine Zugabe. Es wurde gejohlt und geklatscht. "Nach 20 Minuten hatte sich das Publikum immer noch nicht beruhigt", sagt Konzertbesucher Mellenthin, "um dem ein Ende zu setzen, haben die Veranstalter das Licht ausgemacht."

Für zehn, 15 Minuten sei es stockfinster gewesen - und die positive Stimmung kippte.

"Es war panikmäßig. Während die Leute oben eher wegen der plötzlichen Dunkelheit in Panik gerieten und versuchten, rauszukommen, tobte vor der Bühne plötzlich ein Hexenkessel", erinnert sich Mellenthin, "die haben richtig Randale gemacht, die Wasserhydranten aus der Erde gerissen und die Holzbänke demoliert." Dann habe die Polizei angefangen, mit Wasserschläuchen in die Menge zu spritzen.

Während Mellenthin versuchte, so schnell wie möglich aus der Waldbühne zu kommen, war Ralf Reinders mittendrin: "Vier, fünf Stunden hat die Schlacht getobt, auch rundrum auf den Straßen. Dort hab ich zum ersten Mal Leute richtig ausrasten und auf die Bullen losschlagen sehen."

Randale in der DDR-S-Bahn

Danach wurden die S-Bahnen demoliert, mit denen die Musikfans nach Hause fuhren. Dies war auch der Tatsache geschuldet, dass die Bahn ohnehin einen schlechten Ruf hatte, weil sie von der DDR betrieben wurde. "Jeder, der damit fuhr", so Mellenthin, "hat sozusagen den Stacheldraht bezahlt, mit dem die Grenzanlagen gesichert waren."

Am Ende des Abends hatte es laut einem Bericht der "Berliner Zeitung" 87 Verletzte gegeben, darunter 26 der 369 Polizisten, die an diesem Abend im Einsatz waren. Zudem wurden 17 S-Bahn-Waggons demoliert und die Waldbühne so stark verwüstet, dass sie auf Jahre nicht mehr genutzt werden konnte. Insgesamt, schrieb das "Hamburger Abendblatt" 1969, sei an diesem Abend ein Schaden von rund 300.000 Mark entstanden. Der NDR erklärte, dass die Jugendlichen die Waldbühne mit "krankhafter Genugtuung" zerstört hätten.

Auch Ost-Berliner Zeitungen berichteten - und reagierten verstörend auf den Vorfall. So hetzte das "Neue Deutschland", das Zentralorgan der SED: "Die fachmännisch inszenierte Massenhysterie dient niemals der Jugend, sondern der Kriegsvorbereitung. Die Schlacht in der Waldbühne soll auf lebensgefährliche Schlachten vorbereiten. Vernebelte Köpfe und nackte Gewalt waren schon immer die besten Bundesgenossen derer, die Deutschlands Jugend in zwei Weltkriege trieben."

Für Olaf Leitner jedoch bleibt dieses erste Konzert der Rolling Stones in Berlin trotz allem etwas Besonderes: "Die Team Beats Berlin haben auch mit Chuck Berry und Jerry Lee Lewis zusammengespielt. Aber vor den Stones spielen zu dürfen, das war damals, als würde einem gesagt, dass man morgen auf den Mond fliegen darf."

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