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Ein Bild und seine Geschichte Die Waffe einer Frau

Pfeil und Bogen zum Cocktailkleid, das sind extravagante Accessoires. Auf diesem Foto fordert eine Dame lange vor Corona Abstand. Filmstar trifft Paparazzi – trifft sie wirklich?

Dieser Frau sollte man besser nicht im Dunkeln begegnen. Die aparte Aufmachung täuscht. In ihrem Gesichtsausdruck deutet nichts auf einen Scherz. Es war auch keiner. Sie zielte, sie schoss, sie traf. Sehr schmerzhaft sei das gewesen, berichteten die Zielobjekte später.

Der Vorfall ereignete sich in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober 1960 in Rom. Auch damals war es unüblich, dass eine Frau zum Cocktailkleid Pfeil und Bogen trug. Womöglich fühlte sie sich belästigt oder bedroht. Aber wäre dann nicht eher eine Schreckschusspistole in der Handtasche das Mittel der Wahl gewesen?

Die Dame im schwarzen Kleid ist die Schauspielerin Anita Ekberg. Mit einem Begleiter war sie zuvor auf der Via Veneto unterwegs, Roms Flaniermeile mit zahlreichen Bars und Restaurants. Auf ihrer Tour durch die Klubs wurden sie von vier Fotografen verfolgt, die Ausschau nach Prominenten hielten. Sie waren dem Paar bis zu Ekbergs Villa nachgefahren.

Der schönen Schwedin wurde das offensichtlich zu viel, sie geriet in Rage. »Wir machten Fotos von ihnen, wie sie ins Haus gingen«, erzählte der Fotograf Felice Quinto später der Nachrichtenagentur AP. Sie seien schon wieder auf ihre Motorräder gestiegen, »als ›Anit‹ aus dem Haus herausgerannt kam mit Pfeil und Bogen in der Hand«.

Waffenstillstand gegen Filmrolle

Es war eine kühle Nacht, Ekberg hatte die Schuhe abgestreift und lief auf Strümpfen. »Ein bisschen beschwipst« sei sie gewesen, so Quinto, und habe geschrien: »Gib mir diese Bilder!« Dann seien Pfeile geflogen. Einer habe ihn am linken Unterarm getroffen, zwei andere Fotografen hätten Pfeile in den Rücken bekommen. Die Kleidung verhinderte das Eindringen, weh getan habe es trotzdem. Die Fotografen ergriffen die Flucht.

Im US-Magazin »Life« erschienen einige Tage später Fotos jener Nacht. Sie zeigen, dass die Auseinandersetzung noch deutlich heftiger war: Als ein Fotograf die Schauspielerin zu entwaffnen versuchte, habe sie den Bogen fallen lassen und sei auf den Mann losgegangen, schrieb das Magazin. Als sie bemerkte, dass sie dabei fotografiert wurde, habe sie wieder nach dem Bogen gegriffen und erneut gezielt. Mehrere Beteiligte drohten mit der Polizei, berichtete »Life«.

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Anitas Attacke – ein wehrhafter Filmstar

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Ekbergs Begleiter habe dann versucht, die Situation zu beruhigen. Er versprach Waffenstillstand, wenn die Fotografen ihre Filme aushändigten. Fotograf Marcello Geppetti überreichte ihm eine Filmrolle. Allerdings eine leere, den belichteten Film behielt er. Andernfalls wäre das Motiv der Ekberg mit Pfeil und Bogen nie bekannt geworden. Und auch nicht, was danach passierte.

Die Polizei wurde in dieser Nacht tatsächlich gerufen – vom Hausdiener in Ekbergs Villa. Als die Beamten eintrafen, waren die Fotografen allerdings schon verschwunden. Weder sie noch Ekberg wollten später Anzeige erstatten.

Augen auf bei der Berufswahl

Bemerkenswert an dieser Begebenheit war nicht allein, dass die Schauspielerin zu Pfeil und Bogen griff – hier wurde auch eine Filmfantasie zur Realität: Zu Beginn des Jahres hatte der Filmemacher Federico Fellini der Öffentlichkeit sein Werk »La Dolce Vita« (deutsch: »Das süße Leben«) vorgestellt, mit Anita Ekberg in einer der Hauptrollen. Die Szene, in der sie in einem schwarzen Abendkleid in den römischen Trevi-Brunnen steigt, machte die Blondine, Spitzname »schwedischer Eisberg«, weltberühmt.

Im Film spielte Ekberg einen von Reportern umlagerten Filmstar. Einer der Fotografen trägt den Namen Paparazzo. Der Name im Plural sollte zur Bezeichnung eines ganzen Berufsstandes werden, der mit teils skrupellosen Methoden Aufnahmen von Prominenten in vermeintlich unbeobachteten Momenten erhascht. Dieses Gewerbe ist so alt wie die frühe Pressefotografie: Wie Großwildjäger gehen Bildreporter auf Beutezug, stellen Prominenten nach, lauern hinter Büschen und bringen monströse Teleobjektive zum Einsatz.

Stets hoffen sie auf einzigartige und exklusive Schnappschüsse, die sie teuer verkaufen können. Manche dringen tief in die Privatsphäre von Berühmtheiten ein, die ihre Verfolger abzuschütteln versuchen – und sich gegen diese Heimsuchung nicht selten handgreiflich wehren. Fausthiebe von Stars oder Leibwächtern, gebrochene Knochen, ausgeschlagene Zähne: Das ist Teil des Berufsrisikos allzu aufdringlicher Boulevardfotografen.

Felice Quinto, der am Morgen des 20. Oktober 1960 mit Ekberg aneinandergeriet, erhielt später den Beinamen »König der Paparazzi« – und trug ihn mit Stolz. Immer wieder behauptete er, Vorbild für die Rolle des »Paparazzo« gewesen zu sein.

Eindeutig belegen lässt sich das allerdings nicht. Fellini kannte Quinto, aber auch einige andere Promi-Fotografen. Eine ganze Gruppe hatte in den Fünfzigerjahren in Rom darauf ihr Geschäft gegründet, zu einer Zeit, da sich zahlreiche Hollywoodstars zu Dreharbeiten in den römischen Cinecittà-Studios aufhielten.

Leg dich nie mit Dschingis Khans Schwiegertochter an

Neben Quinto und Geppetti zählte dazu auch Tazio Secchiaroli. Es seien wahrscheinlich Quinto und der 1998 verstorbene Secchiaroli gewesen, die Fellini zur Figur des »Paparazzo« inspirierten, schrieb die italienische Zeitung »La Stampa« 2010 in einem Nachruf auf Quinto. Demnach behauptete Quinto seinerzeit, Fellini habe ursprünglich ihm die Rolle des »Paparazzo« angeboten samt Gage von 10.000 Lire pro Tag. Was Quinto aber abgelehnt habe, weil er viel mehr Geld mit Promi-Fotos verdiente.

Und so jagte Quinto Monate später in Rom den inzwischen echten Filmstar Ekberg. Sie sollte an diesem Abend ein besonders lohnendes Ziel werden: Er erwischte Ekberg, als sie den verheirateten Filmproduzenten Guido Giambartolomei küsste.

Die spektakuläreren Bilder des Abends aber hatte Quintos Kollege Geppetti im Kasten: Ekberg mit Pfeil und Bogen, dazu auch Ekberg mit Quinto, wie sie ihn an den Haaren zieht und ihm das Knie in die Leistengegend rammt.

Auf welch gefährliche Gegnerin sie sich eingelassen hatten, dürfte den Fotografen wenig später im Kino aufgegangen sein. 1961 lief der Film »I mongoli« (deutsch: »Raubzüge der Mongolen«) an. Produzent: Guido Giambartolomei. In einer der Hauptrollen: Anita Ekberg als blutrünstige Schwiegertochter von Dschingis Khan. Für den Dreh in Rom hatte sie das Schießen mit Pfeil und Bogen offenbar ordentlich geübt – und wohl deshalb auch die Waffe im Haus.

Augenblick mal!