Casanova-Spione in der DDR Todesstrafe für Gänseblümchen

Karl Laurenz gilt als erster deutsch-deutscher Liebesspion. Sein Beispiel machte Schule: Bald schickte die DDR eine Armee von Romeo-Agenten in den Westen. Doch Laurenz flog auf und endete 1955 unter dem Fallbeil, wie seine Geliebte.

BStU

Von und Olaf Heuser (Audio-Story)


An einem Dezembertag 1950 wurde Elli Barczatis dabei beobachtet, wie sie einem Herrn in einer Gaststätte in Ost-Berlin ein Aktenbündel übergab. Barczatis, 38 Jahre alt, Typ bieder-brav, war die Chefsekretärin des DDR-Ministerpräsidenten Otto Grotewohl. Wenige Wochen später sollten sich Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit an ihre Fersen heften. Verdächtig war auch der Mann, mit dem sie sich traf: Karl Laurenz, damals 45 Jahre alt, Jurist und ehemals Funktionär in der ostdeutschen Kohleindustrie. Mit der Sozialistischen Einheitspartei (SED) hatte er sich überworfen; wegen "ideologischer Abweichung" hatte ihn die Partei ausgeschlossen.

Laurenz, verheiratet, zwei Kinder, neigte zu Seitensprüngen: Er versuche, "Verhältnisse mit weiblichen Mitarbeiterinnen anzuknüpfen", heißt es in einem Stasibericht. Seit Herbst 1949 hatte er eine Affäre mit Barczatis.

Sechs Jahre später waren beide tot, hingerichtet in Dresden durch das Fallbeil am 23. November 1955. Der Schuldspruch lautete: "Kriegshetze" gegen die DDR durch Spionage für den Westen.

Karl Laurenz, der Mann mit dem markanten Schnauzbart, gilt als erster Romeo-Agent der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Als einer von denen, die Frauen in Vorzimmern der Macht gefügig machten, um ihnen Staatsgeheimnisse zu entlocken. Allerdings war das Techtelmechtel mit Barczatis anfangs keine Auftragsliebe, sondern offenbar echte Anziehung. Spätestens 1952 jedoch begann Laurenz damit, Barczatis geheime Regierungsinformationen zu entlocken und diese in den Westen zu übermitteln.

Angestiftet hatte ihn ein früherer Kollege aus Ost-Berlin, Clemens Laby, inzwischen Mitarbeiter der Organisation Gehlen, Vorläufer des westdeutschen Bundesnachrichtendienstes (BND). Laby lockte mit Verdienstmöglichkeiten - und Laurenz lieferte Material. "Aus unserer heutigen Sicht war das nichts Dolles, was Barczatis an Laurenz weiterreichte", sagt Maximilian Schönherr, "aber im damals nervösen deutsch-deutschen Verhältnis löste so was natürlich Alarm aus."

Sie flehte vergebens um ihr Leben

Der WDR-Autor hat die Stasiakten zu dem Fall ausgewertet, darunter auch ein 320 Minuten langes Tonbandprotokoll des Prozesses, auf dessen Basis er ein preisgekröntes Radiofeature produzierte. "Fallbeil für Gänseblümchen" heißt es - "Gänseblümchen" war der Deckname, unter dem der Vorgang beim bundesdeutschen Geheimdienst lief.

Es sind erschütternde Sequenzen, die im Prozessmitschnitt zu hören sind. Angesichts der drohenden Todesstrafe brach die geständige Elli Barczatis wimmernd zusammen und flehte dann minutenlang vergebens um ihr Leben (hören Sie dazu hier unsere Audio-Story).

Auch Karl Laurenz entsprach nicht dem Bild eines abgebrühten Spions. Stoisch schilderte der in Brünn geborene Akademiker den Frust, der ihn nach dem Ausschluss aus der SED überkommen hatte. Beruflich war er im Osten kaltgestellt: Nach der 100. Jobabsage habe er aufgehört zu zählen. Der Spionageauftrag bot eine Perspektive, immerhin ein paar Tausend Mark Agentenlohn von der Organisation Gehlen brachte ihm die Spitzelei.

Sonderlich gewieft ging Laurenz nicht vor, er war ein Autodidakt, der seiner Freundin für ihre Dienste Schuhe schenkte und auch mal einen Sommermantel. Von seiner Agententätigkeit erfuhr Barczatis erst in der Untersuchungshaft. Laurenz hatte ihr erzählt, er brauche das Material, das sie ihm aus dem Büro besorgte, für seine journalistische Arbeit für Westblätter.

Aufgeblasen wurde der Fall "Gänseblümchen" (die Stasi führte die Sache unter dem Vorgang "Sylvester") vor allem durch die Geheimdienste selbst. Der Osten, sagt der Autor Schönherr, sei damals von einem "geheimdienstlichen Komplex" beherrscht gewesen: "Überall sah man sich von Westagenten umzingelt."

Die Stasi brachte 80 Casanovas ins Spiel

Die Überführung des schnüffelnden Pärchens Laurenz/Barczatis galt dort als guter Fang. Auch der ehemalige BND-Chef Reinhard Gehlen protzte mit der Zuträgerin aus dem Osten. In seinen 1971 erschienenen Memoiren nannte er Barczatis sogar eine "der ersten wichtigen Verbindungen im anderen Teil Deutschlands" und dankte ihr für ihre "hingebungsvolle" Tätigkeit - von der sie selbst ja gar nichts gewusst hatte.

Dennoch verfolgte der westdeutsche Geheimdienst die Strategie der Romeo-Agenten nicht entschieden weiter. Wesentlich erfolgreicher in dieser Disziplin war der von Markus Wolf geführte Auslandsspionagedienst der DDR, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der Staatssicherheit. Marianne Quoirin, Autorin des Buchs "Agentinnen aus Liebe", geht von 40 erfolgreichen Romeos aus, die seit Ende der Sechzigerjahre in der Bundesrepublik aktiv waren - keine schlechte Quote bei etwa 80 ins Spiel gebrachten Stasi-Casanovas.

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Romeo-Spione der DDR: Inoffizieller Auftrag "Vögeln fürs Vaterland"

Die amourös operierenden Agenten wurden gezielt auf alleinstehende westdeutsche Sekretärinnen angesetzt. Die saßen im Bundespräsidialamt, im Büro des damaligen CDU-Generalsekretärs Kurt Biedenkopf oder sogar beim BND selbst, wie Gabriele Gast. Sie wurde während eines DDR-Aufenthalts angeworben und lieferte sowohl aus Liebe als auch aus Überzeugung 17 Jahre lang Material aus Pullach an den Osten. Mehrere Jahre saß sie nach der Wende dafür in Haft.

HVA-Chef Markus Wolf, der sich persönlich um Gast kümmerte, leugnete später zwar, Agenten mit einer "speziellen Auftragsstruktur" ausgebildet zu haben. In seinen Memoiren liest es sich fast so, als habe er eine Art deutsch-deutsches Eheanbahnungsinstitut geführt. Die Realität sah allerdings anders aus, wie Stasioffizier Werner Stiller 1979 nach seiner Flucht in den Westen verriet.

"Weiblichen Vorgang führen und intim betreuen"

Die Suche nach "operativem Ausgangsmaterial" lernten die Romeos in der geheimen Stasischule bei Belzig. "Vögeln fürs Vaterland" lautete der inoffizielle Auftrag. Amtlich ging es darum, "für längere Zeit einen weiblichen Vorgang zu führen und intim zu betreuen". Auch Nachhilfe in Einfühlsamkeit gab es dort, von einem Diplom-Psychologen. Die Erfolgsmethode, so Quoirin, sei stets dieselbe gewesen: "Zuhören, zuhören, zuhören."

Allzu fest sollten die Beziehungen nicht werden. Die "Kundschafter des Friedens" genannten Agenten operierten nach dem Prinzip "Hit and Run", so Autorin Quoirin: "Anmachen, stimulieren, programmieren" - und sich dann rarmachen, nicht zuletzt, um die Legende nicht zu gefährden. Nicht immer hatte diese Masche Erfolg. Aber viele der angeworbenen Sekretärinnen, die in der Männerrepublik der Sechziger- und Siebzigerjahre wenig Wertschätzung erfuhren, waren bereit, ihre Geliebten über Jahre zu bedienen.

Alle betroffenen Frauen, die sie später sprach, so Quoirin, seien durch den Betrug für ihr Leben gezeichnet - wie Gabriele K. Sie arbeitete in der amerikanischen Botschaft in Bonn und sieht durch einen DDR-Romeo ihr Leben zerstört, wie sie in Fernsehinterviews sagte. Während die DDR-Agenten nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts mit Milde rechnen durften, wurde Gabriele K. 1996 wegen Landesverrats zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Die Liebeskünste ihres Romeos schilderte sie ausführlich vor Gericht. Inzwischen ist er gestorben, geblieben ist ihr die Angst, "mich noch mal zu verlieben".

Mehr als 1500 Dokumente hat Gabriele K. ihrem Romeo übergeben, brisantes Material über deutsch-amerikanische Militärkooperationen ebenso wie zur Stationierung von Atomraketen.

Doktorarbeit ausgerechnet über die Todesstrafe

Verglichen damit fallen die Informationen, die Elli Barczatis weiterreichte, kaum ins Gewicht: Es handelte sich überwiegend um geheimdienstlich wenig interessantes Material wie die Listen von Besuchern bei Ministerpräsident Otto Grotewohl oder Dokumente über Versorgungsengpässe in der DDR. Wie man damit die Grundlagen des Staates gefährden könne, das könne er sich "beim besten Willen nicht vorstellen", sagte Karl Laurenz während der Verhandlung.

Überführt wurde Barczatis durch eine Falle: Kollegen hatten einen Briefumschlag im Panzerschrank ihrer Abteilung präpariert, den sie mit nach Hause nahm. Dennoch schienen die Beweise für Spionage so dünn, dass es vier weitere Monate dauerte, bis sie am 4. März 1955 verhaftet wurde.

Der Prozess vor dem 1. Strafsenat des Obersten Gerichts der DDR war für nur einen Tag angesetzt. Die Öffentlichkeit war an diesem 23. September 1955 ausgeschlossen, ein Schauprozess schien wegen der dürftigen Beleglage offenbar zu riskant. Nur einige Stasimitarbeiter durften in dem Gerichtssaal in Ost-Berlin dabei sein. Auf Verteidiger hatten die Angeklagten angeblich verzichtet.

Der 1. Strafsenat war berüchtigt für seine politischen Geheim- und Schauprozesse. Allein zwischen 1950 und 1957 fanden 41 Prozesse gegen 202 Angeklagte statt. Das Verfahren gegen Barczatis und Laurenz führte der Richter Walter Ziegler, ein politischer Konjunkturritter. Das ehemalige Mitglied des NS-Richterbunds war nach dem Krieg erst einmal in die SPD eingetreten - und vielleicht deshalb bemüht, seine stalinistische Linientreue zu beweisen: Obwohl selbst der stellvertretende Stasichef Erich Mielke in einem Vermerk auf "lebenslänglich" plädierte, wurden die beiden Angeklagten zum Tode verurteilt.

Noch blühte in der DDR der Stalinismus - die Geheimrede Nikita Chruschtschows, die das Ende dieser brutalen Zeit einläutete, folgte erst im Februar 1956. Und erst im November 2006 wurden Laurenz und Barczatis durch das Landgericht Berlin rehabilitiert.

Sein Ende vor Augen, ging Karl Laurenz in seinem Schlusswort noch auf sein Dissertationsthema ein. Das komme ihm nun als "Witz meines Schicksals" vor, sagte er. Es lautete: "Über die Todesstrafe im Wandel der Zeiten".

insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
Harald Grosskopf, 23.10.2019
1. Audioqualität
Die Audiodatei ist massiv fehlerhaft! Wiederhilt such und bricht dann ganz ab! Ärgerlich!
Rainer Wahnsinn, 23.10.2019
2. ...
Wie ist denn ausgerechnet der Gesichtselfmeter mit dem Dirty Sanchez der erste "Romeo Agent" geworden ?
Gerald Winkeler, 23.10.2019
3.
Wenn man über den Tellerrand der Romeostrategie hinaus auf das Spionagewesen im Kalten Krieg insgesamt blickt, so habe ich eine zugegebenermaßen etwas spezielle Perspektive: man sollte für die Spione beider Seiten ein großes Denkmal bauen, denn sie haben alle dazu beigetragen, dass es nie zu einem Atomkrieg gekommen ist. Die größte Gefahr lag nicht im Geheimnisverrat, sondern in der Ungewissheit über die Fähigkeiten und Absichten der anderen Seite. Nie hat es auf einer Seite konkrete Pläne für das Erreichen der Weltherrschaft per Atomkrieg gegeben, wohl aber in Kuba und anderswo Generäle, die wegen der vermeintlichen finsteren Absichten der Gegenseite präventiv losschlagen wollten.Je geringer das konkrete Wissen über die Gegenseite, desto größer wurde die Gefahr. Insofern haben die Spione beider Seiten geholfen, das Risiko eines Atomkrieges zu verringern. Im übrigen zeigt die erzählte Geschicht wieder einmal, wie unmenschlich und barberisch die Todesstrafe ist und das die DDR von 1989 nicht mehr die der blutrünstigen Hilde Benjamin war, denn sie hatte die Todesstrafe abgeschafft, wozu sich die USA bis Heute nicht durchringen konnten.
Tom Miller, 23.10.2019
4. Traurige Schicksale - es ging nicht um Schuld
es ging um Profilierung. Als Mann möchte ich nur soviel sagen, wer die Hingabe einer Frau brutal ausnutzt ist ein übler Verräter. Über die Bestrafung können Richter von Staates Auftrag niemals gerecht entscheiden.
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