Gitarrist Ron Wood "Die Rolling Stones sind unkaputtbar"

Bei den Rolling Stones wurde er zur Legende. Hier spricht Gitarrist Ronnie Wood, 72, über sein Idol Chuck Berry, Rockermähnen und den Sieg über den Krebs.

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einestages: Eine profane Frage zum Anfang - wie konnten Sie Ihre wilde Rockstar-Mähne über die Jahre retten?

Ronnie Wood: Gute Frage (kratzt sich am Kopf). Wegen meiner Haare habe ich nach der Lungenkrebsdiagnose vor zwei Jahren sogar eine Chemotherapie abgelehnt.

einestages: Als Sie in den Siebzigern dem Komiker Groucho Marx begegneten, soll er sich königlich über Ihre Haarpracht amüsiert haben.

Wood: Ich besuchte ihn in New York. Als er die Tür öffnete, musterte er mich: "Was sind Sie, ein Mann oder ein Huhn? Das ist wirklich die albernste Frisur, die ich je gesehen habe!" Man musste Groucho einfach lieben.

einestages: Apropos prägende Persönlichkeiten - Sie haben kürzlich "Mad Lad" herausgebracht, ein Live-Album zu Ehren Chuck Berrys.

Wood: Das ist purer Zufall. Ich wusste gar nicht, dass mein Konzert mit Chuck-Berry-Songs in Wimborne letztes Jahr live mitgeschnitten wurde. Don Was, unser Produzent, steckte dahinter und meinte, man müsse das veröffentlichen. Ich schrieb für das Album dann noch einen eigenen Song: "Tribute to Chuck Berry".

einestages: Was bedeutet Ihnen Berry?

Wood: Er ist der Urvater des Rock'n'Roll. Und somit unser aller Großvater, meiner, der von Keith, John Lennon und all den anderen. Wir haben ihn vergöttert. Als er 2017 starb, dachte ich, die Welt würde überquellen vor Chuck-Berry-Würdigungen, aber so war's nicht. Also musste ich es tun.

einestages: Ihr Kollege Keith Richards hatte mal mächtig Ärger mit ihm.

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Gitarrist Ronnie Wood: "Die Rolling Stones sind unkaputtbar"

Wood: Weil er sich erlaubte, Chucks Gitarre anzufassen. Ist mir nie passiert - dabei hatte ich die Gitarre öfter in der Hand. Ich denke, zwischen den beiden herrschte eine Hassliebe. Manchmal glaube ich, der Einzige zu sein, der Chuck verstand.

einestages: Gehörte zu Berrys Marotten wirklich, dass er seine Gage schon vor der Show kassierte?

Wood: Und zwar Cash! Er war misstrauisch, hatte auch keinen Manager, versteckte die Kohle im Gitarrenkoffer. Dann rockte er los und verschwand direkt nach der letzten Note. Die Musiker auf der Bühne kannte er meist nicht mal. Er zog sein Ding durch, und alle hatten sich nach ihm zu richten.

einestages: Sein fragwürdiger Ruf ging deutlich darüber hinaus. 1959 wurde Berry zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil er zu "unmoralischen Zwecken" eine 14-Jährige über Bundesstaatsgrenzen transportiert habe. 1989 bekam er eine Bewährungsstrafe, nachdem er auf der Damentoilette seines Restaurants in Missouri eine Kamera installiert und die Videos gesammelt hatte.

Wood: Er muss eine perverse Ader gehabt haben. Andererseits schrieb er die wunderbarsten Songs, sang von Autos, Mädels, der Liebe und Ausbruch aus dem Alltag.

einestages: Was ist für Sie Rock'n'Roll?

Wood: Ein Geist, der durch Chuck Berry geboren wurde und der in uns weiterlebt. Man darf auch Jerry Lee Lewis, Elvis und Little Richard nicht vergessen. Chuck war der Erste, aber Elvis Presley hat den Rock'n'Roll groß gemacht, indem er schwarzen Musikern Tribut zollte - etwa Chuck, Arthur Crudup oder Big Mama Thornton, die "Hound Dog" im Original sang. Er verbreitete die Botschaft unter den Weißen.

einestages: Hätte es die Rolling Stones ohne Chuck Berry überhaupt gegeben?

Wood: Wahrscheinlich nicht. Mick und Keith trafen sich am Bahnsteig von Dartford und kamen nur ins Gespräch, weil Mick Platten von Muddy Waters und Chuck unterm Arm hatte, auf die auch Keith stand. Die erste Stones-Single wurde dann "Come On", ein Chuck-Berry-Song. Und auch bei ihrem ersten Gig 1962 im Marquee Club in London spielten sie Berry-Stücke wie "Carol".

einestages: Stimmt es, dass Sie bereits 1969 den verstorbenen Stones-Gitarristen Brian Jones ersetzen sollten?

Wood: Ich spielte damals mit Rod Stewart bei den Faces. Jagger rief an und wollte mich abwerben. Aber unser Bassist Ronnie Lane ging ran und gab Mick eine Abfuhr, ohne mich zu fragen: "Wood fühlt sich bei uns sehr wohl, danke." Das war's, die Stones engagierten Mick Taylor. Ich erfuhr erst fünf Jahre später davon. Dabei war ich immer Stones-Fan gewesen. Bei ihnen später aufgenommen zu werden, war eine große Sache. Am stolzesten war mein Dad. Er nannte mich fortan nur noch "Ron Wood von den Rolling Stones".

einestages: 1974 hatten Sie erstmals mit den Stones angebandelt und halfen "It's Only Rock'n'Roll (But I Like It)" zu komponieren, noch bevor Sie Bandmitglied waren. Einen Songwriting-Credit bekamen Sie trotzdem nicht.

Wood: Tja, auch das ist Rock'n'Roll. Das ist bei den Stones so eine Sache, "Jagger/Richards" ist ein Gütesiegel wie "Lennon/McCartney". Dafür habe ich Verständnis, irgendwie.

einestages: Fühlten Sie sich nicht übers Ohr gehauen?

Wood: Konnte ja keiner wissen, dass das mal ein Kulthit würde. Mick schrieb damals mit mir auch "I Can Feel The Fire". Ich arbeitete an meinem ersten Soloalbum "I've Got My Own Album to Do". Er machte den Vorschlag, ich solle den "Fire"-Song dafür verwenden, und er nehme "It's Only Rock'n'Roll" für das Stones-Album. Ich stimmte zu, ohne groß nachzudenken.

einestages: Die Zusammenarbeit wurde bald intensivier.

Wood: Ja, in München spielten die Jungs in den Musicland Studios ihr Album "Black And Blue" ein. Ich war mit den Faces in Los Angeles und lag mit einer Erkältung flach. Da meldete sich Mick und bat mich, sofort nach München zu kommen. Sie bräuchten noch mal meine Hilfe. Ich fühlte mich geehrt und flog hin. "Hey Negrita" war mein erster eigener Song, den ich für die Stones schrieb (springt auf, tanzt und singt "Hey Negrita, hey now, hey conchita nanana"). Ich erinnere mich gut an die wilden Zeiten in München. Keith und ich hingen oft in diesem Rockschuppen ab, dem "Sugar Shack".

einestages: Herrscht bei den Rolling Stones eigentlich Demokratie?

Wood: Ja, auf seltsame Art. Mit den Jahren wurde das Team Jagger/Richards offener für Ideen anderer. Das war nicht immer so. Die wissen eben genau, was sie wollen. Ich habe das immer respektiert.

einestages: Fühlen Sie sich nach all den Jahren noch als "der Neue"?

Wood: Bis vor ein paar Monaten war das wirklich so.

einestages: Und was geschah dann?

Wood: Mir wurde endlich bewusst, dass die Stones mich einfach brauchen, etwa im Studio: "Ronnie, du musst auf dieser und jener Nummer bitte auch Bass spielen" und so weiter. Mir kommt zugute, dass ich mehrere Instrumente beherrsche. Charlie meinte, ich sei ein Sieben-Tage-die-Woche-Typ, immer da, wenn man mich braucht. Das ist meine Natur.

einestages: Aufgewachsen sind Sie in einem Sozialbau in einem Londoner Vorort.

Wood: In Yiewsley, beim Flughafen Heathrow. Ich wurde als Einziger in der Familie auf dem Festland geboren. Zuvor hatte meine Familie auf einem Schleppkahn gelebt, meine Eltern arbeiteten als Binnenschiffer und schipperten auf Kanälen zwischen London, Stratford-upon-Avon und Manchester.

einestages: Klingt nicht nach programmierter Rock'n'Roll-Karriere.

Wood: Musik lag unserer Familie am Herzen. Wir sind von der Abstammung Roma. Gypsy-Blut passt temperamentsmäßig perfekt zum Rock'n'Roll. Bei uns zu Hause wurde immer viel gefeiert, obwohl wir arm waren. Mein Dad spielte Mundharmonika und Piano, meine älteren Brüder Art und Ted, die beide nicht mehr leben, waren in Bands, Art früher sogar mal mit Charlie Watts bei Alexis Korner. Wir hörten viel Blues, von Muddy Waters und Howlin' Wolf.

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einestages: "Blue and Lonesome", das letzte Stones-Album, bestand aus Blues-Coversongs. Ist ein komplett neues Werk zu erwarten?

Wood: Ja. Wir sind schon dabei. Das neue Album ist wie ein Puzzle, wir müssen noch die fehlenden Teile zusammensetzen. Wir hoffen, es 2020 zu veröffentlichen und dann unsere Welttournee fortzusetzen.

einestages: Sie wirken topfit. Dabei wurde 2017 bei Ihnen Lungenkrebs diagnostiziert.

Wood: Nach 50 Jahren Kettenrauchen hing mein Leben am seidenen Faden, aber ich habe überlebt. Deshalb heißt die neue Doku über mein Leben auch "Somebody Up There Likes Me", jemand da oben mag mich wohl. Die Ärzte konnten den Tumor aus meinem linken Lungenflügel entfernen, der Krebs hatte Gott sei Dank nicht gestreut. Jetzt funktioniert meine Lunge wieder wie bei einem jungen Mann, der nie geraucht hat. Vor vier Jahren habe ich endgültig mit dem Rauchen aufgehört.

einestages: Zigaretten und Alkohol waren nicht Ihr einziges Laster. Früher feierten Sie mit Berühmtheiten wie Bob Marley, Muhammad Ali, Tony Curtis und Sly Stone und sollen auf Partys mit eigenem Bunsenbrenner angerückt sein. Wozu das?

Wood: Um das Koks zu bearbeiten, damit ich es rauchen konnte. Die Siebziger waren mit Abstand meine wildeste Zeit.

einestages: Sie haben das alles überlebt. Und Mick Jagger hatte vergangenen Sommer eine schwere Herz-OP, bald darauf stand er wieder auf der Bühne...

Wood: ...nicht zu vergessen Charlie Watts, der vor einigen Jahren Kehlkopfkrebs hatte, und Keith mit seiner schweren Gehirnblutung nach einem Sturz von einer Palme. Alles ist gut ausgegangen, ein großes Wunder. Die Stones sind einfach unkaputtbar.

insgesamt 47 Beiträge
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Seite 1
Klaus Rathjens, 02.12.2019
1.
Selten war die Diskrepanz zwischen Bekanntheitsgrad und realem Können so groß wie bei Ronnie Wood und generell bei den Stones. Gut, sie hatten ein paar Pop-Hits in den 60-gern, aber nichts, was mit der Ambitioniertheit und den sich permanent weiterentwickelnden Beatles vergleichbar wäre. Und dann kam die "It´s Only Rock´n Roll"-Phase der Band, bei der man den Titel durchaus wörtlich nehmen sollte. Jede von Instrumentallehrern betreute Schülerband bringt heutzutage ein mindestens genau so geartetes Niveau zustande. Wood und die Stones sind insofern unmissverständliche Zeugen der allgemein fehlenden muskalischen Bildung. Auf Youtube kann man diverse Live-Videos der Stones bestaunen, bei denen die Band im Zusammenspiel regelrecht zusammenbricht. Jagger hampelt herum und verliert darüber die letzte Verbindung zu einer anständigen Intonation; Keith Richards möchte sich eine Zigarette anzünden, stellt deshalb das Spielen völlig ein und meint, auf dem Weg zu seinem Zigarettendepot Ronnie Wood einen Witz erzählen zu müssen; Charly Watts rumpelt derweil vor sich hin, während die Gastmusiker am Bass und hinter den Keyboards verzweifelt bemüht sind, der Song-Struktur zu folgen und dem ganzen Gebilde noch etwas Durchgängiges zu verleihen - was scheitert. Mit anderen Worten: Gemessen an den exorbitanten Kartenpreisen ist es eine Frechheit, was dort auf eine unprofessionelle Weise geboten wird. Es ist eine reine Zur-Schau-Stellung eines bekannten Namens und bekannter Gesichter. Die Musik an sich steht dagegen nicht im Mittelpunkt, denn würde sie das tun, könnten die Stones-Konzerte nur mit einem gnadenlosen Pfeifkonzert enden.
Klaus Bond, 02.12.2019
2. Rock'n'Roll...
..hält jung! Unkaputtbar bringt es auf den Punkt! Gilt nicht nur für die Stones.
Reiner Arnold, 02.12.2019
3. Kommentar 1
...jeder, der in den Sechzigern aufgewachsen ist, weiß von der Bedeutung der Stones. Sie haben uns schlicht und einfach von dem Mief der Nachkriegszeit befreit. Wir wussten durch sie, dass es in der Welt noch etwas anderes gab, als Autorität und Repression und zudem: "Paint it Black" ist wahrscheinlich der aufregendste und zeitloseste Rocksong der jemals geschrieben wurde.
Rocco Gabrielli, 02.12.2019
4.
Zitat von kajoterSelten war die Diskrepanz zwischen Bekanntheitsgrad und realem Können so groß wie bei Ronnie Wood und generell bei den Stones. Gut, sie hatten ein paar Pop-Hits in den 60-gern, aber nichts, was mit der Ambitioniertheit und den sich permanent weiterentwickelnden Beatles vergleichbar wäre. Und dann kam die "It´s Only Rock´n Roll"-Phase der Band, bei der man den Titel durchaus wörtlich nehmen sollte. Jede von Instrumentallehrern betreute Schülerband bringt heutzutage ein mindestens genau so geartetes Niveau zustande. Wood und die Stones sind insofern unmissverständliche Zeugen der allgemein fehlenden muskalischen Bildung. Auf Youtube kann man diverse Live-Videos der Stones bestaunen, bei denen die Band im Zusammenspiel regelrecht zusammenbricht. Jagger hampelt herum und verliert darüber die letzte Verbindung zu einer anständigen Intonation; Keith Richards möchte sich eine Zigarette anzünden, stellt deshalb das Spielen völlig ein und meint, auf dem Weg zu seinem Zigarettendepot Ronnie Wood einen Witz erzählen zu müssen; Charly Watts rumpelt derweil vor sich hin, während die Gastmusiker am Bass und hinter den Keyboards verzweifelt bemüht sind, der Song-Struktur zu folgen und dem ganzen Gebilde noch etwas Durchgängiges zu verleihen - was scheitert. Mit anderen Worten: Gemessen an den exorbitanten Kartenpreisen ist es eine Frechheit, was dort auf eine unprofessionelle Weise geboten wird. Es ist eine reine Zur-Schau-Stellung eines bekannten Namens und bekannter Gesichter. Die Musik an sich steht dagegen nicht im Mittelpunkt, denn würde sie das tun, könnten die Stones-Konzerte nur mit einem gnadenlosen Pfeifkonzert enden.
Das klingt aber sehr verbittert! Lassen Sie mich mal raten - Mitglied einer Schülerband, anschließend hoffnungsvoll als ambitionierter Musiker mit ein paar Freunden gestartet, nur um festzustellen, dass all die 'Amateure' wie z.B. die Rolling Stones Erfolg haben, nur bei Ihnen wollte es nie so recht funktionieren. Jetzt sind sie Städtischer Angestellter und trauern den alten Zeiten wehmütig nach, oder um mit den Stones zu sprechen: "You Can't Always Get What You Want"
Ingolf Tabbert, 02.12.2019
5. Für mich
sind sie seit 51 Jahren immer noch die größten. Auch wenn ich heute lieber zu Rammstein oder Metallica gehe. Mit den Stones hat alles angefangen. auch für uns im Osten. Einer meiner seltenen Einkäufe im Intershop war eine Stones-CD zu meinem 18. Geburtstag 1972. Da ging es aber schon weiter mit Deep Purple und Black Sabbat. Ich war beim 1. Ostberliner Stones Konzert in Weißensee 1990. Damals paßte ich mangelns Ticket noch durch die Zaunlücke. Vielleicht sollten sie jetzt doch ihre Rocker-Rente genießen, aber so eine Mega-Kritik wie von Herrn Rathjens haben sie nicht verdient.
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