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18. November 2016, 13:33 Uhr

US-Wahlen 1980

Gestern Ronald, heute Donald

Ein Republikaner verjagt als Außenseiter ungeliebte Demokraten - das gab es schon einmal, 1980. Hans Hielscher beobachtete damals Ronald Reagans Triumph über Jimmy Carter als SPIEGEL-Reporter in Washington.

In einer dunklen Gasse presst jemand einem Wahlberechtigten einen Colt an den Kopf. Er verlangt eine Entscheidung: "Carter oder Reagan?" Nach einigen Schrecksekunden stammelt der Bedrohte: "Drück ab!"

Den Witz erhob die "New York Times" zur "Story der Wahlkampagne von 1980". Wie zuletzt beim Duell Clinton-Trump empfanden damals Millionen Amerikaner, dass sie sich lediglich für das kleinere Übel entscheiden könnten. Umfragen zufolge wollten viele nur den Demokraten Jimmy Carter aus dem Weißen Haus vertreiben, zurück nach Georgia auf seine Erdnussfarm. Andere wollten unbedingt verhindern, dass der Republikaner Ronald Reagan Präsident wird.

"Make America great again", dieser Kampagnenslogan von Donald Trump ist bereits 36 Jahre alt - er greift direkt auf Ronald Reagans Wahlkampf zurück. Erfahrungen aus dem Showbiz brachten beide ein. Wie nun Trump wetterte auch Reagan, ein Ex-Schauspieler mit Rollen in zweitklassigen Western, gegen das politische Establishment. Eine "Reagan-Revolution" sollte die regierende Demokraten-Clique aus ihren Ämtern jagen. Freilich hatte Carter mit ähnlichen Anti-Washington-Parolen vier Jahre zuvor den Weg ins Weiße Haus geschafft. Was beide Wahlkämpfer vom Politikneuling Trump unterscheidet: Carter wie Reagan hatten Erfahrung als Gouverneure von US-Staaten - und sie säten nicht hemmungslos Hass.

Ein Fake-Volksfest vor grandioser Kulisse

Die US-Presse lamentierte 1980 über einen trostlosen Wahlkampf mit trostlosen Alternativen. Ich war gerade als neuer SPIEGEL-Korrespondent in die USA gekommen, mich faszinierte das Geschehen. Als im Zweifel Linker sympathisierte ich - wie meine amerikanischen Bekannten aus dem Journalisten- und Jazz-Milieu - total mit Carter. Doch als ich am 1. September, dem Labour Day, von einer Tour mit Reagan zurückkam, fragte meine Frau: "Bist du umgefallen?"

War ich nicht. Aber Reagan hatte mich beeindruckt. Seine lockere, gewinnende Art unterschied sich wohltuend von Trumps aggressiven und von Carters bemühten Auftritten. Anders als Carter hatte Reagan - der sich selbstironisch "Errol Flynn der Billigfilme" nannte - Humor. Statt auf den amtierenden Präsidenten einzuprügeln, suchte er den Dialog mit den Leuten: "Geht es Ihnen heute besser als vor vier Jahren? Sind die Preise gestiegen oder gefallen? Gibt es mehr oder weniger Arbeitslose? Wird Amerika heute so respektiert wie einst?"

Auf der Blitztour von Washington nach Pennsylvania und New Jersey redete Reagan vor Arbeitern, College-Studenten, Hausfrauen. Zum Abschluss ging es zu einem "Picknick der Volksgruppen" in Jersey City. Mit dem Journalisten-Bus trafen wir eine Stunde vor Reagans Konvoi im Liberty Park ein. Gruppen in Trachten und mit Instrumenten stiegen aus Autos, Geschäftsleute warfen Grills an. Ein Einpeitscher ließ die Leute probeklatschen: "Jetzt üben wir mal, wie wir den Gouverneur begrüßen."

Abends erlebten in den Nachrichten von ABC, CBS und NBC dann 30 Millionen Zuschauer den Auftritt beim "Ethnic Picknick": vor Reagan Amerikaner aus etlichen Teilen der Welt; hinter ihm - auf der anderen Seite des Hudson-Flusses - die Freiheitsstatue und die Skyline von New York. Absolut beeindruckend! Dass Reagans Kampagnenstab das Volksfest vor der grandiosen Kulisse inszeniert hatte: kein Thema für die US-Kollegen. Für sie war selbstverständlich, dass im Wahlkampf alles fürs Fernsehen manipuliert wird.

Der Wahlverlierer wurde zur "lahmen Ente"

In Deutschland klebten die Parteien noch Plakate, die USA waren im elektronischen Zeitalter angekommen. Beim Duell Carter-Reagan planten Medienexperten die Wahlkampfstrategie. Veranstaltungen lohnten sich nur, wenn Fernsehsender berichteten. 15 bis 18 Millionen ihres gesetzlich zugelassenen Wahlkampfetats von knapp 30 Millionen Dollar veranschlagten Carter und Reagan für TV-Werbung. So wie heute die sozialen Medien, dominierte 1980 das Fernsehen den US-Wahlkampf.

Am 4. November 1980 schlug Außenseiter Reagan den Amtsinhaber Carter vernichtend, mit 489 zu 49 Wahlmännern. Zudem holten die Republikaner die Mehrheit im Kongress. Reagans Überlegenheit bei Medienauftritten trug zu seinem Wahlsieg bei. Vor allem aber profitierte der 69-Jährige von der konservativen Grundstimmung im Land. Zudem fühlten sich die Vereinigten Staaten gedemütigt durch die Geiselnahme von 52 Amerikanern im Iran des Ajatollah Chomeini sowie den Einmarsch der UdSSR in Afghanistan.

Reagans Ruf nach militärischer Stärke und traditionellen Werten wie Privatinitiative und Gottesfurcht überzeugte mehr Wähler als Carters Politik. Der Amtsinhaber galt als außenpolitisch gescheitert und führungsschwach. Carter war gegen exzessive Militärausgaben, weil Inflation, Arbeitslosigkeit und soziale Spannungen die Folge sein könnten.

Sogleich verflog das Interesse am Verlierer. Amerikaner lieben Sieger! Noch zehn Wochen wohnte Jimmy Carter als "lame duck" im Weißen Haus. In den Mittelpunkt aber rückte die Villa am Jackson Place 716: In Reagans Übergangsquartier suchten Führungskräfte geradezu gierig Kontakt. Mit "sechs neuen magischen Worten", schrieb das Lokalblatt "Washington Star", finde man nun die größte Aufmerksamkeit und Bewunderung: "Ich habe mit Ed Meese gesprochen." Der Reagan-Freund aus Kalifornien war Chefberater und später Justizminister des angehenden Präsidenten.

Dem weltweit als politisches Leichtgewicht eingeschätzten Reagan machten bald auch internationale Größen ihre Aufwartung. Helmut Schmidt gewann den Eindruck, der neue Präsident werde - anders als Carter - seine Meinung sehr schätzen. "Reagan wird von sehr klugen Beratern umgeben sein", sagte der Bundeskanzler, "um Carter herum war die Georgia-Mafia, lauter Knaben, die vom politischen Tun keine Ahnung haben."

Explodierende Schulden und implodierender Ostblock

Washington erlebte eine Art Kulturwandel. Möbelwagen in den Stadtteilen Georgetown und Capitol Hill signalisierten die Ankunft von Reagan-Republikanern und den Auszug von Carter-Demokraten. Die Hondas und Volvos verschwanden, benzinfressende Straßenkreuzer kamen. Konservative Zugezogene ließen sich in den zuvor verpönten Protz-Limousinen zu Empfängen oder zum Golfplatz chauffieren. Carter und viele seiner Leute hatten lieber gejoggt.

Unfreundlich über den Wahlverlierer schrieben nun auch Washingtoner Kolumnisten. Sie monierten etwa, Jimmy Carter habe in einer Strickjacke zur Nation gesprochen und seine Ehefrau Rosalyn mehrmals dasselbe Abendkleid getragen. Mit Nancy Reagan, prophezeite "Women's Wear", werde die "Elegance und der Stil von Jackie Kennedy" neu erblühen. Reagans Inaugurationsball bot den erwarteten Glamour. Allein Nancys Festrobe soll über 25.000 Dollar gekostet haben.

Zugleich waren die Vorbehalte gegenüber dem neuen Präsidenten gigantisch. Heute gibt Trump Anlass zu ärgsten Sorgen: Ein Großmaul, ein "Hater", Novize und Narziss in der Schaltzentrale der Macht - im Ernst? Damals hieß es: Ein kalter Krieger, ein Einfaltspinsel und Westernheld als Weltenlenker - wohin wird das führen?

Es kam weniger schlimm als befürchtet, die Welt ging nicht gleich unter. Entgegen den Wahlversprechen holte der neue Präsident Profis aus dem Washingtoner Establishment in seine Regierung. Über zwei Amtszeiten trat er weit pragmatischer und zivilisierter auf, als viele Beobachter es ihm zugetraut hatten.

"Wir beginnen mit der Bombardierung in fünf Minuten"

In der Wirtschaftspolitik verfolgte Reagan eine ähnliche Linie wie parallel die britische Premierministerin auf der anderen Seite des Atlantiks: "Reagonomics" wie "Thatcherismus" setzten auf Deregulierung und massive Steuersenkungen; die preist heute auch Trump und reklamiert so Reagans politisches Erbe. Dahinter steht die Annahme, nach einer Erholungsphase werde eine "entfesselte Wirtschaft" die Steuereinnahmen wieder sprudeln lassen. Und der Wohlstand von den Reichen schon zu den Armen herabsickern, so die "Trickle down"-Theorie. Tatsächlich trieb Reagan die soziale Spaltung der Gesellschaft enorm voran. Und die Staatsverschuldung in ungeahnte Sphären - sie verdreifachte sich während seiner Amtszeit fast.

Der größte Schuldentreiber war die rasante Aufrüstung. Im letzten Jahrzehnt des Kalten Krieges erfüllte Reagan manche Befürchtungen geradezu mit Genuss, wenn er etwa seine SDI-Pläne für eine Raketenabwehr im All schilderte. Oder wenn er die Sowjetunion mit morbiden Scherzen düpierte ("Wir beginnen mit der Bombardierung in fünf Minuten"). Er verteufelte sie als "Reich des Bösen" und glaubte, dass die morsche Sowjetunion mit ihrem niedrigeren Bruttosozialprodukt einen Rüstungswettlauf viel schwerer verkraften könne als der ungleich reichere Westen.

Hatte Reagan damit recht? In seiner zweiten Amtszeit schloss er mit den Russen einen Vertrag über den Abbau der nuklearen amerikanischen und sowjetischen Mittelstreckenraketen in Europa. Und während Trump eine neue Mauer errichten will, die an der Grenze zu Mexiko, wollte Reagan eine endgültig niederreißen - die zwischen Ost und West.

Im Juni 1987 appellierte er beim Berlin-Besuch an den neuen Sowjetführer: "Mr. Gorbatschow, tear down this wall!" 1989 fiel die Mauer tatsächlich. Und drei Jahre danach verlieh Berlin Ronald Reagan, inzwischen Ruheständler, zum Jahrestag die Ehrenbürgerwürde.

Mitarbeit: Jochen Leffers

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