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"Kulturgruppe für Indianistik": Der Wunsch nach Freiheit im Reservat

Foto: Suhrkamp Verlag

Rothäute im Sozialismus Der Wilde Westen der DDR

Sie träumten von den Weiten der Prärie - und lebten in einem Reservat der anderen Art. Aus Wildwest-Sehnsucht spielten Hunderte DDR-Bürger voller Leidenschaft Cowboy und Indianer. Die so irrwitzigen wie harmlosen Treffen der Tipi-Freaks zogen den ganzen Argwohn der Stasi auf sich.

Eine Ausreisewelle folgte bereits der anderen, da beschlossen unzufriedene Bürger des mecklenburgischen Ortes Grabow, sich auf ihre Weise der DDR zu entziehen. Man schrieb das Jahr 1988, als 25 Männer und Frauen eine gut versteckte Indianerkommune gründeten. In der Weite eines russischen Truppenübungsplatzes errichteten sie ein Tipi-Lager, bauten ihr eigenes Gemüse an und hielten Haustiere. "Irgendwo in der Pampa", schwärmt Kommunarde George bis heute, "da wo die Russen nicht hinkamen, habe ich unseren Speer in die Erde gerammt." Ein Jahr lang hielt sich das Zeltlager auf dem Übungsplatz.

Die DDR galt und gilt nicht gerade als Land der Vielfalt. Es gab sie aber doch, die bunten Flecken, Künstlerkommunen und eben jene Rothäute des Sozialismus, von denen nun Friedrich von Borries und Jens-Uwe Fischer in ihrem Buch "Sozialistische Cowboys" (Suhrkamp-Verlag) berichten.

In rund 60 Orten existierten Indianergruppen, bis zu 1000 Leute kamen bei zentralen Zeltlagern zusammen. Und weil Indianer, ob im Wilden Westen oder im dunklen Osten von Freiheitsdrang durchdrungen waren, machten sie sich Feinde. In der DDR übernahm diesen Part die Staatssicherheit. Manche Häuptlinge kontaktierte sie ganz offen, an andere schlich sie sich mit inoffiziellen Rothäuten wie IM "Inka" an und eröffnete operative Personenkontrollen wie die OPK "Tomahawk" - alles aus Sorge, "das Indianerleben auf dem Territorium der DDR" könne sich "gegen den Staat richten".

Leben im Reservat

Zwar rauchte manche lokale Parteigröße bei öffentlichen Indianerfesten sogar die Friedenspfeife und die Häuptlinge der Gruppen traten alle - bis auf einen - in die SED ein. Doch auch in diesem Fall ging die Stasi nach der alten Tschekistendevise "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser" vor. Was konkret bedeutete: Lieber eine IM-Rothaut mehr als eine zu wenig. Schließlich handelte es sich, so notierte die Stasi, bei "Indianerclubs" um Gruppierungen, die nicht der sozialistischen Entwicklung entsprächen. "Indianerfreunde" seien "übernational gesteuert", was per se natürlich verdächtig war. Stasi-O-Ton: "Die AG 'Indianistik' in der DDR stehen im Blickfeld des Gegners. Über ehemalige DDR-Bürger werden potentielle Kandidaten für eine Feindtätigkeit kontaktiert."

Vor allem größere Menschenansammlungen fand die Stasi suspekt. In Sachsen und im Thüringer Wald folgten zum Schrecken der Geheimdienstler massenweise DDR-Bürger den Rufen der Oberindianer zu "Indian Weeks" oder "Indian Councils". Sie schlugen dort bis zu hundert Tipis auf und spielten, so originalgetreu wie möglich, indianische Rituale durch. In Göttin, einem kleinen Flecken bei Brandenburg, fand eine Irokesen-Gruppe ein Gelände an einem Fluss, auf dem sie zu Beginn der achtziger Jahre ein eigenes Indianerdorf aufbaute. Sie nannte es "Am Schnellen Wasser". Im Laufe der Jahre entstanden ein Dutzend Langhäuser, bis zu 10 Meter Länge. In der Gemeinde munkelte man von Gruppensex und wilden Bräuchen.

"Mit Folklore hatte das wenig zu tun", erklärt Friedrich von Borries, "es war eine ökoromantische Gegenbewegung zum staatlich verordneten Dasein." Borries, 34, hat gemeinsam mit dem Historiker Jens-Uwe Fischer, 31, die ostdeutschen Indianergruppen erforscht. Die Sehnsucht nach der Ferne, sagt Fischer, habe die DDR-Bürger getrieben, "nach

einem anderen Leben, frei und wild und ungebunden in einem Land, in dem das Leben bis zur Rente eigentlich feststand." Die Indianerszene bot den Ost-Aussteigern im Sozialismus einen kulturellen Freiraum. Wenn man schon nicht in die weite Welt reisen konnte, wollte man sich diese wenigstens zu Hause schaffen.

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"Kulturgruppe für Indianistik": Der Wunsch nach Freiheit im Reservat

Foto: Suhrkamp Verlag

Im Land der Anspielungen und des Hintersinns war die Provokation klar: "Die Indianer hatten eine ähnliche Ausgangslage wie wir Ostler", erinnert sich Jochen B., Häuptling der Dresdener "Pipestones". "Die DDR war ja auch ein Reservat."

Indianerstamm mit SED-Parteigruppe

Das Autorenduo, das sich jetzt beinahe wie Ethnologen in diese Vergangenheit vertiefte, gehört zur Wende-Generation und der Zufall führte sie zum Ost-West-Gespann zusammen. Dem in West-Berlin geborenen Architekten Borries waren rund um Berlin Westernstädte aufgefallen, deren Architektur er studieren wollte. Dabei traf er auf den Thüringer Historiker Fischer, der sich für Fluchtwelten aus dem alltäglichen Leben interessierte. So stießen sie gemeinsam auf den Wilden Westen des deutschen Ostens und lernten schnell, dass Indianer-Spielen dort kein lustiges Hobby, sondern eine Lebenseinstellung war. "Wir wollten Ostdeutschland verstehen," erklären sie ihre historische Reportage, "und in diesem Milieu spiegeln sich viele Besonderheiten des SED-Staates, die Zerrissenheit zwischen Widerständigkeit und Anpassung an das System."

Bei vielen Bürgern der DDR, so der aus Nordhausen stammende Fischer, führte allein das Wissen um die Macht der Stasi zu einem angepassten Verhalten: "Die Ordnung in der DDR beruhte auch darauf, dass viele Bürger ihr Verhalten in einer Art vorauseilenden Gehorsam anpassten." Oder, wie es ein Häuptling namens "Chiefi" formuliert: "In der DDR hat es bestimmte Rahmenbedingungen gegeben. Bestimmte Sachen haben wir machen müssen, die wir dann gemacht haben, damit uns keiner verbietet."

Ähnlich wie bei den kirchlichen Oppositionsgruppen sah man Leute mit Ausreiseantrag in den eigenen Reihen nicht besonders gern. 1984 befasste man sich bei einem zentralen Häuptlingstreffen, dem "Chiefpalaver" mit dem Thema. Stärker als je zuvor wurde der Wunsch nach Freiheit im Alltag offen diskutiert. Doch gleichzeitig beschließen die Häuptlinge der Gruppen, dass Personen, die einen Ausreiseantrag gestellt haben, nicht mehr an zentralen Treffen der Indianistik teilnehmen dürfen. Die Botschaft ist deutlich: Wer das Reservat DDR verlassen will, kann kein Indianer mehr sein.

Joe, der Häuptling der Mandan-Indianer in Taucha, arbeitet besonders streng im Sinne von Staat und Partei und initiierte mit einigen indianischen Genossen eine SED-Parteigruppe bei seinem Stamm. Sie sollten allzu freiheitsliebende Mitglieder auf Linie bringen und auf die gesamte Szene eine disziplinierende Wirkung ausüben.

Old Manitou entwaffnet

Misstrauisch begleitete die Obrigkeit das DDR-Indianerwesen von Anfang an. Karl May war in der jungen DDR verpönt, seine Bücher wurden nicht verlegt. Dennoch gründete sich bereits 1956 in dessen letztem Wohnort Radebeul der erste Indianerclub. Später entstand sogar ein Indianer-Museum.

SED-Funktionäre hätten den ersten Rothaut-Verein gern verhindert, sie schlugen den Aktivisten damals vor, sich in der Freizeit lieber als "sibirische Felljäger" zu probieren. Doch Oberindianer "Powder Face", bürgerlicher Name Johannes Hüttner, setzte sich durch - und das Kreiskulturkabinett registrierte offiziell eine "Kulturgruppe für Indianistik".

Richtige Indianer aber brauchten Waffen - der nächste Punkt, der die Staatsmacht alarmierte. Die Gruppe "Old Manitou" aus Sachsen besorgte sich Pläne und fertigte an der Drehbank sieben Pistolen-Rohlinge. Bei Stammestreffen ballerten die Manitou-Mitglieder mit alten Armee-Platzpatronen oder Eigenbauten, gefüllt mit Blitzlichtpulver. Andere frisierten Luftgewehre und preußische Revolver um - bis der weiße Bruder von der Staatsmacht einschritt. Die Stasi entwaffnete "Old Manitou", und vielerorts mussten DDR-Indianer "Aussprachen" und "Belehrungen" über sich ergehen lassen.

"Ostdeutschland wird wieder zum Reservat"

Manche der Spuren, die von den Autoren des DDR-Indianerbuches verfolgt wurden, sind in den neuen Bundesländern bis heute sichtbar. Die Hobby-Rothäute gründeten Steakhäuser, Saloons und Westernparks oder lassen ganze Bisonherden weiden. Bei Templin eröffneten sie ein profitables Westernland namens "Eldorado", mit Stuntmanshows und Schießereien nach festem Zeitplan.

Wolfgang, ein alter Tauchaer Indianerfreund, lebt immer noch mit Tipi im Garten. Andernorts sorgte die Einkehr des Rechtstaats für das Ende der Wildnis: Nur hat er an seinem Zaun Plakate gegen Hartz IV und die Agenda 2010 angebracht. In der Delitzsch-Eilenburger Kreiszeitung verkündete er: "Wenn ich mein Haus nicht mehr halten kann, werde ich eventuell mein Zelt nehmen und als Nomade umherziehen." Über die Zukunft des Wilden Ostens macht er sich keine Illusionen: "Wir werden durch die Politik zu Nomaden gemacht. Ostdeutschland wird wieder zum Reservat."

Doch außerhalb geschlossener Ortschaften in wild gebauten Indianerbehausungen zu leben, ist heute nicht mehr erlaubt. Auch das legendäre Camp auf dem russischen Truppenübungsplatz in Mecklenburg durfte nicht so bleiben, wie es war.

Das Reservat musste ins Havelland umziehen. Es besteht heute aus Blockhütten - denn Zelte verstoßen gegen die Bauordnung.