US-Anwalt Roy Cohn Der Mann, der Trump groß machte

Schamlos, eiskalt, machtversessen: Der Jurist Roy Cohn verfolgte sowjetische Spione, vertrat mehrere Mafia-Größen, jagte Kommunisten mit Joe McCarthy. Und er brachte Donald Trump das politische Handwerk bei.

Donald Trump (links) mit Roy Cohn 1984
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Donald Trump (links) mit Roy Cohn 1984

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Le Club zählte im New York der sex- und drogenreichen Siebzigerjahre zu den wichtigsten Treffs für Nachtschwärmer. Bar, Billardtisch, Tanzboden - hier feierten die Schönen und Reichen. Mittendrin: Roy Cohn. An diesem Juristen kam auf dem Höhepunkt seiner Macht niemand vorbei in der New Yorker Politik oder Immobilienbranche. Und er ließ keinen kalt.

Cohn, damals Ende 40, war eine große Nummer in New York. "Er konnte ein Bastard sein, aber auch sehr charmant und witzig", erinnert sich Politikberater Roger Stone. Den Meistertrickser der Republikaner hatte Cohn schon früh protegiert. Eines Abends im Jahr 1973 stellte sich Cohn an seinem Tisch im Le Club ein junger Mann vor: schlank, groß, volle Haare - Donald Trump.

Trump war damals ein ungehobelter, neureicher Bursche aus dem unglamourösen Stadtteil Queens. Und die Begegnung der Beginn einer langen Freundschaft. Trump war der große Blonde, der Cohn - dunkel, mager, klein, narbiges Gesicht - gern hätte sein wollen. "Ich habe Donald Trump erfolgreich gemacht", prahlte der umstrittene Anwalt später oft.

"Cohn brachte Trump nach Manhattan", schrieb die "New York Times" im Juni 2016, "er stellte ihn der sozialen und politischen Elite vor und verteidigte ihn verbissen gegen eine wachsende Liste von Feinden." Noch heute sei sein Einfluss unverkennbar: "Trumps Abrissbirnen-Wahlkampf, wie er seine Gegner beleidigt und wie er Prahlerei als Markenzeichen etabliert, seine verschwörerischen Warnungen vor einer muslimischen Fünften Kolonne - das alles ist Roy Cohn in Großformat." Die "Washington Post" beschreibt das ähnlich: "Cohn brachte Trump bei, wie man Macht einsetzt und Furcht erzeugt, mit der Formel: Angriff, Gegenangriff, niemals entschuldigen."

Roy Marcus Cohn wurde 1927 in der Bronx als Sohn eines Richters geboren. Er war ein New Yorker Gewächs: zäh, gemein und fest entschlossen, nach ganz oben zu kommen. Beim Jurastudium an der elitären Columbia Law School schaffte er schon mit 20 Jahren den Abschluss.

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Als junger Staatsanwalt drängte er auf eine Verurteilung Julius und Ethel Rosenbergs. Dem Ehepaar wurde Rüstungsspionage vorgeworfen, sie sollten den Sowjets die Formel für die Atombombe gegeben haben. 1953 wurden die Rosenbergs auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet.

McCarthys Bluthund scheitert an der CIA

Danach holte ihn Senator Joseph McCarthy, der Kopf der berüchtigten Kommunistenjagd in den Fünfzigerjahren, als zahllose Linke sich wegen vermeintlicher "unamerikanischer Umtriebe" rechtfertigen mussten ("Sind Sie jetzt oder waren Sie jemals Mitglied der Kommunistischen Partei?"). Viele verloren in dieser Ära der Denunziationen ihre Jobs.

Mit der Einstellung des Anwalts aus einer jüdischen Familie wollte McCarthy beweisen, dass er kein Antisemit war - so beschreibt es Nicholas von Hoffman in seinem Buch "Citizen Cohn". Cohn sei wiederum davon getrieben gewesen, jüdische Kommunisten zu verfolgen, um seine Loyalität demonstrieren.

Die rechte Hand des Kommunisten-Jägers: Joseph McCarthy (l.), Rechtsaußen-Senator aus Wisconsin, bespricht sich 1954 mit seinem Chefjuristen, dem damals noch jungen Roy Cohn (r.). McCarthy hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Kommunisten in den USA aufzuspüren - und gnadenlos zu bekämpfen. Cohn half ihm dabei.
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Die rechte Hand des Kommunisten-Jägers: Joseph McCarthy (l.), Rechtsaußen-Senator aus Wisconsin, bespricht sich 1954 mit seinem Chefjuristen, dem damals noch jungen Roy Cohn (r.). McCarthy hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Kommunisten in den USA aufzuspüren - und gnadenlos zu bekämpfen. Cohn half ihm dabei.

Cohn wurde McCarthys Bluthund, erlangte Macht und Bekanntheit. Erst als er sich mit der US-Army und der CIA anlegte, scheiterte er. Auch McCarthys Stern sank rapide; der republikanische Senator trank, 1957 starb er schließlich an Leberversagen.

Cohn hingegen begann ein zweites Leben in New York. Der aggressive Jurist wurde ein "Fixer", ein Mann, der Probleme löst: für Mafiosi, für Gesellschaftslöwen, für Politiker. Auch für Donald Trump. "Roy war verrückt, aber total schlau, und ein harter Anwalt", erinnerte sich Trump im Gespräch mit der "Washington Post". Und: "Er hat viel für mich getan." Aber nicht aus Gutherzigkeit. "Roy konnte förmlich riechen, wer einmal Macht haben würde", sagte seine Sekretärin der "New York Times".

Wo "Kokain die Muttermilch" war

Trump sprach Cohn 1973 in Le Club an, weil die Trump Organization, die Firma seines Vaters Fred, einen Anwalt brauchte. Das Justizministerium drohte mit einer Klage, weil die Trumps ihre Wohnungen nicht an Afro-Amerikaner vermieteten. "Sag denen, sie sollen zur Hölle gehen, und ziehe vor Gericht", riet Cohn.

Er drehte den Spieß um und drohte, die Regierung auf 100 Millionen Dollar zu verklagen, denn die wolle die Trumps als Wohlfahrtsamt missbrauchen. Als Hillary Clinton dem Konkurrenten das im Wahlkampf vorhielt, verteidigte Trump sich halbherzig: Er sei damals sehr jung gewesen, ohnehin hätten alle Vermieter Schwarze diskriminiert.

Cohn wurde Trumps Anwalt. Und mehr: Er wurde einer seiner engsten Freunde. Cohn nahm ihn mit in den legendären Club Studio 54, wo "Kokain die Muttermilch" war, wie Nicholas von Hoffman im Buch "Citizen Cohn" bemerkt. Hier feierte er mit Andy Warhol, Bianca Jagger, Norman Mailer, auch mit Reportern. Und Trump, der nicht trank und keine Drogen nahm, war dabei. "Mit Roy hatte ich immer eine gute Zeit", sagte er.

Der Soldat und sein Freund: Roy Cohn (r.) und G. David Schine in Uniform (Aufnahme von 1954). Vom SPIEGEL 1954 als "McCarthys Lotsenfische" bezeichnet, arbeiteten sowohl Cohn als auch der große, blonde Hotelerbe Schine für den antikommunistischen Senator; Cohn und Schine galten als Liebespaar. Millionen von Amerikanern verfolgten 1954 live am Fernseher die "Army-McCarthy Hearings", die sich an der Frage entzündeten, inwieweit Cohn und McCarthy versucht hatten, Schines Einberufung zum Militärdienst zu verhindern.
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Der Soldat und sein Freund: Roy Cohn (r.) und G. David Schine in Uniform (Aufnahme von 1954). Vom SPIEGEL 1954 als "McCarthys Lotsenfische" bezeichnet, arbeiteten sowohl Cohn als auch der große, blonde Hotelerbe Schine für den antikommunistischen Senator; Cohn und Schine galten als Liebespaar. Millionen von Amerikanern verfolgten 1954 live am Fernseher die "Army-McCarthy Hearings", die sich an der Frage entzündeten, inwieweit Cohn und McCarthy versucht hatten, Schines Einberufung zum Militärdienst zu verhindern.

Cohn sorgte dafür, dass es mit Grundstücken, Baugenehmigungen und Steuernachlässen nach traditioneller New Yorker Art lief. Wayne Barrett, ein altgedienter New Yorker Reporter, der lange für die Stadtteilzeitung "Village Voice" schrieb, hat den Aufstieg des Baulöwen verfolgt und in der Biografie "Trump - the Deals and the Downfall" beschrieben. "Cohn machte ihn mit der Halbwelt des "Eine-Hand-wäscht-die-andere vertraut", so Barrett. "Er sah Trump als seinen erfolgreichsten Protegé."

Trump wusste, wie Cohn Prozesse gewann - indem er seine Gegner einschüchterte. Deshalb trug er ein Foto seines Anwalts mit sich herum, auf dem Cohn besonders dämonisch aussah. Das zeigte er Handwerkern, mit denen juristischer Streit drohte. Doch Trump lernte von Cohn auch, sich ins Gespräch zu bringen. Die Presse berichtete umfassend von der glamourösen Hochzeit mit dem tschechischen Model Ivana. Cohn drängte Trump, einen Ehevertrag zu schließen.

Im Falle einer Scheidung sollte Ivana laut "Vanity Fair" alle Geschenke zurückgeben, Autos, Pelze, Ringe. Als sich Ivana beschwerte, seufzte Donald Trump: Das sei halt eine "Cohn-Nummer". Später riet ihm der Anwalt, ein paar Millionen Dollar draufzulegen, damit er nicht so geizig aussah.

Mit der Mafia am Frühstückstisch

Nach Washington hielt Cohn immer enge Kontakte. 1979 kam ein junger "Spin Doctor" zu ihm: Roger Stone arbeitete für Ronald Reagan, der damals Präsident werden wollte, und er hoffte auf Cohns Hilfe. Am Frühstückstisch in Cohns Stadtvilla saß Anthony "Fat Tony" Salerno von der Mafiafamilie Genovese. Salerno, erzählte Stone der "Washington Post", habe nur kurz aufgesehen und gesagt: "Also, Roy sagt, wir gehen diesmal mit Reagan?" Heute berät Stone den Präsidentschaftskandidaten inoffiziell.

"Fat Tony" war damals nicht zufällig bei Cohn; mit seiner Betonfirma und mit anderen Clans kontrollierte die Mafia damals den Zementhandel in New York. Auch Trump engagierte die Betonfirma für den Bau des "Trump Tower", des Wolkenkratzers in Manhattan. Laut Wayne Barretts Trump-Buch trafen die Mafiosi sich in Cohns Büro und wurden vom FBI abgehört. Letztlich wurden alle verhaftet und verurteilt, aber Cohn kam ungeschoren davon, Trump sowieso. Zum Dank schmiss er seinem Anwalt eine Geburtstagsparty - im Trump Tower.

Zum letztem Mal trafen sich die beiden Ende 1985, in Trumps feinem Club Mare-a-Lago in West Palm Beach (Florida). Cohn war schwach, mager, abgezehrt. Kurz darauf wurde ihm die Anwaltslizenz entzogen. Er hatte Klienten um Geld betrogen, darunter einen Multimillionär, den er auf dem Totenbett nötigte, ihn als Verwalter einzusetzen. Und er hatte sieben Millionen Dollar Steuerschulden.

Trump hielt trotzdem zu ihm und distanzierte sich erst, als er erfuhr, dass Cohn HIV-positiv war. Trump selbst erzählte der "New York Times", er habe seine Fälle "nach und nach" anderen Anwälten übertragen. Cohns Sekretärin indes erinnert sich, dass Trump quasi über Nacht abtauchte.

Citizen Cohn: James Woods spielt Roy Cohn in dem US-Biopic "Citizen Cohn" von 1992, nach dem Buch von Nicholas von Hoffmann. Der Titel ist eine Hommage an "Citizen Kane" von Orson Welles, der in der McCarthy-Ära wegen seiner politischen Aktivitäten ins Visier der Kommunistenjäger geriet.
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Citizen Cohn: James Woods spielt Roy Cohn in dem US-Biopic "Citizen Cohn" von 1992, nach dem Buch von Nicholas von Hoffmann. Der Titel ist eine Hommage an "Citizen Kane" von Orson Welles, der in der McCarthy-Ära wegen seiner politischen Aktivitäten ins Visier der Kommunistenjäger geriet.

Im August 1986 starb Cohn an Aids; er selbst hatte angegeben, an Leberkrebs erkrankt zu sein. Zeitlebens hatte Cohn seine Homosexualität geleugnet, um die es bereits in den Fünfzigerjahren Gerüchte gegeben hatte.

In "Angels in America", einem auf dem Theaterstück von Tony Kushner basierenden TV-Mehrteiler von 2003, spricht der Geist von Ethel Rosenberg für Cohn das Kaddish, das jüdische Totengebet. Der sterbende Anwalt, dargestellt von Al Pacino, bleibt stur und aufsässig bis zum Schluss. Wie Trump.



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