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70 Jahre SPIEGEL: Die Gründerjahre - wie alles begann

Foto: Reinhold Lessmann / DER SPIEGEL

Rudolf Augstein über den SPIEGEL-Beginn "So wurden wir angefangen"

Die SPIEGEL-Gründerjahre konnte keiner besser erklären als der Gründer: In einem Rückblick beschrieb Rudolf Augstein, was die Briten sich vom Nachrichtenmagazin versprachen und welcher eiserne Grundsatz die Redaktion einte.

Den folgenden Beitrag schrieb Rudolf Augstein 1997. Es ist ein Auszug aus dem Buch "70. Der Spiegel 1947-2017" von Klaus Brinkbäumer. SPIEGEL-Gründer Augstein (1923 - 2002) berichtet in dem Text über die Anfänge des Nachrichtenmagazins:

Hannover, anderthalb Jahre nach Kriegsende: Drei britische Soldaten, Major John Chaloner und die Stabsfeldwebel Harry Bohrer und Henry Ormond, wollten die besiegten Deutschen für die menschliche Kultur zurückgewinnen. Das Instrument, das sie sich für diesen Zweck ausgedacht hatten, waren wir.

Der Krieg war zu Ende. Entscheidende Zentren der Rüstungsindustrie, wie die Lübecker Marienkirche, der Dresdner Zwinger und die Freiburger Altstadt, waren von den Alliierten ausgeschaltet worden. Der Kölner Dom, er ausgerechnet, stand noch. Was tun? Die Briten gaben im ehemaligen Königreich Hannover die Initialzündung. Jeder freute sich, dass es eine britische Zone gab, nur weil die britische keine russische Zone war.

Die Briten stellten mir eine Bedingung

Ein "News Magazine", ein Nachrichten-Magazin, tat not, so meinten die drei Uniformträger 1946. Was das sei? Nun, eben ein Nachrichten-Magazin. Sie zeigten eines vor, es hieß "News Review", wurde in England gedruckt und lebte nicht mehr lange. Sie übersetzten uns einige Artikel und sagten: so etwa. Und natürlich: objektive Nachrichten, um der besseren Lesbarkeit willen in Handlung eingebettet, mit Ursache, Ablauf und Wirkung. Und unter besonderer Betonung des Persönlichen: Alter, Schlips, Haarfarbe, verstanden? Okay, sagten wir. Lange würde der Spuk ja wohl nicht dauern… So fingen wir an, so wurden wir angefangen.

SPIEGEL-Quiz "7 mal 10"

15.000 Auflage, Startkapital 70.000 Reichsmark, Titel "Diese Woche". Es dauerte nicht lange. Die Zeitschrift - ich als einziger ihrer Angestellten stehe heute (1997 -Red.) noch im "Spiegel"-Impressum - tanzte nur sechs Wochen. Schließlich war sie eine Publikation der britischen Militärregierung, ein "British Paper". Die drei anderen Militärregierungen spielten mit den Muskeln, sie protestierten. Auch die Regierung in London wurde ungemütlich. Nach der dritten Ausgabe musste das ganze Heft Wort für Wort in Berlin zensiert werden...

Wir weigerten uns, so weiterzumachen. Die Briten entledigten sich des lästigen Kuckuckskindes, indem sie es den Deutschen abtraten und mir über Nacht eine vorläufige Lizenz gaben. Bedingung: ein neuer Titel bis morgen früh. Mir fiel nichts ein. Ich fragte meinen Vater, was besser klinge, "Der Spiegel" oder "Das Echo". Er sagte: "Der Spiegel"...

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Foto: DER SPIEGEL

Klaus Brinkbäumer (Hrsg.):
70 Jahre DER SPIEGEL 1947 - 2017.

Deutsche Verlags-Anstalt; 480 Seiten; 34,99.

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Für uns galt: Schreiben, was wir selbst lesen wollten

Ein Nachrichten-Magazin hatte es bis dahin in Deutschland nicht gegeben. "Time", von Henry R. Luce und Briton Hadden 1923 ins Leben gerufen, war die Mutter aller Nachrichten-Magazine. Über England mit "News Review" erreichte dieser neue Zeitschriftentyp das damals noch besetzte Deutschland. Die Parole von "Time": Das Blatt müsse so aussehen, als sei es von einem Menschen für einen anderen Menschen geschrieben worden, konnten wir allerdings nicht durchhalten. Jeder Artikel hätte gestylt, hätte umgeschrieben werden müssen. Dazu reichte unsere Erfahrung nicht aus.

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Viele für uns Deutsche ungewohnte Dinge übernahmen wir jedoch. Wir erfanden neue Elemente und fügten sie hinzu. Henry Luce, der selber wenig schrieb, gab seinem Blatt die Tendenz vor, in welche Richtung die Artikel geschrieben oder umgeschrieben werden mussten.

Für unsere kleine Truppe aber galt der Satz: "Wir wollen das schreiben, was wir, hätten wir dieses Blatt nicht, anderswo lesen wollten." Bei uns allen stand die politische Überzeugung im Vordergrund. Sie fächerte sich im Lauf der Jahre naturnotwendig auf. Eisern aber blieb der Grundsatz, vor keiner Autorität, nicht einmal vor einer befreundeten, zu kuschen. Diese Gesinnung hat den SPIEGEL groß gemacht. Sie wird ihm weiterhin voranhelfen.

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