Down in der Downing Street: Keine Frischegarantie – nach eineinhalb Monaten muss Liz Truss schon gehen

Down in der Downing Street: Keine Frischegarantie – nach eineinhalb Monaten muss Liz Truss schon gehen

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Frank Patalong

Trost für Truss So kurz war das gar nicht

Frank Patalong
Eine Glosse von Frank Patalong
Die britische Regierungschefin Liz Truss tritt nach nur 45 Tagen zurück. Unter britischen Premiers trägt sie damit die rote Laterne – aber historisch gesehen ist das kein Rekord.

Im Wettbewerb einer Boulevardzeitung um die längere Haltbarkeit hatte Liz Truss am Ende keine Chance – sie verlor gegen einen Eisbergsalat. Wer sich allerdings die Liste der Könige und Regentinnen, Präsidenten und Regierungschefs mit besonders kurzen Herrschaftszeiten ansieht, kommt kaum umhin, ihr zu gratulieren: Im direkten Vergleich ist es für Truss noch relativ gut gelaufen. Die meisten dieser Kolleginnen und Kollegen überlebten ihre Trennung vom Amt nicht.

Klar, denn vor Einführung demokratischer Verfahren waren Machtwechsel traditionell mit ausgeprägtem Hauen und Stechen verbunden. Die Zahl der Kurzzeit-Machthaber ist überraschend lang, viele brachten es auf nur wenige Tage – oder sogar Stunden.

Der französische König Ludwig XIX. sticht heraus: Er gab seine Königswürde am 2. August 1830 per Verzicht direkt nach seiner Ernennung auf. Seine Regierungszeit wird mit circa 20 Minuten angegeben, ein eindrucksvoller Rekord. Die folgenden 14 Jahre genoss er im Ruhestand und Exil, erst in Edinburgh, dann in Prag, schließlich im sonnigen Slowenien.

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Regierungszeiten: Es geht immer noch kürzer

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In der Regel erfolgten solche raschen Machtwechsel deutlich ruppiger, selbst wenn die Protagonisten vorerst überlebten. Zar Michael II. regierte vom 15. bis zum 16. März 1917, kam dabei aber nicht zum Regieren. Regulär inthronisiert wurde er nie, sein Zarentum blieb theoretisch: Vorgänger Nikolaus II. dankte unter Druck der revoltierenden Massen ab. Michael, der sich gut einen Tag lang erfolgreich in seinem Zimmer verstecken konnte, war damit prinzipiell Zar, bis er am nächsten Tag gefunden wurde und ebenfalls abdanken musste.

Truss’ VorgängerInnen: Kurz und kürzer

Ähnliches gab es natürlich auch unter Großbritanniens Herrschern. Queen Jane Grey regierte das Land vom 10. bis zum 19. Juli 1553, was ihr den Beinamen »Neun-Tage-Königin« einbrachte. Abgesetzt wurde sie zugunsten von Maria Tudor, die als Maria I. immerhin fünf Jahre lang regierte. Geschichte schrieb sie als »Bloody Mary«: wegen ihres – sagen wir mal – sehr endgültigen Umgangs mit Nicht-Katholiken, was auch ihre kurzzeitige Vorgängerin erleben musste. Mary ließ Jane, wie zu dieser Zeit üblich, erst im Londoner Tower internieren  und dann am 12. Februar 1554 enthaupten.

Auch an die Kürze von König Æthelweards Regierungszeit kommt Truss nicht heran. Der angelsächsische König von Wessex überlebte seinen Vater anno 924 nur um 16 Tage, sie wurden gemeinsam begraben. Woran er starb? Man weiß es nicht.

Der heute bekannteste britische Übergangsmonarch war Edward VIII., mit einer Regierungszeit vom 20. Januar bis zum 11. Dezember 1936 fast schon ein Langstreckenathlet unter den Kurzzeitregenten. Abdanken musste er wegen seines Verhältnisses zur geschiedenen Amerikanerin Wallis Simpson. Warum das ein Grund für den Verlust der Krone sein sollte, müsste man heutigen Royals wohl erklären. Andere Zeiten, andere Sitten.

Die Premiers: Nur wenige ganz Kurze

So kurzatmig wie Liz Truss waren nur wenige ihrer direkten Vorläufer. Dass Premierminister Charles Watson-Wentworth mit einer lediglich 96-tägigen Regierungszeit zwischen März und Juli 1782 Geschichte schrieb, ist fast unfair: Erstens verstarb er im Amt, zweitens war er 17 Jahre zuvor schon einmal Premierminister gewesen und hatte es auf immerhin 382 Tage gebracht. Das war für die Zeit gar nicht so übel – englische Regierungen waren damals deutlich italienischer getaktet als in den vergangenen Jahrzehnten.

Nicht mehr schlagen kann Truss dagegen ihren Kollegen Arthur Wellesley, der am 17. November 1834 Großbritanniens Regierung übernahm und nach nur 22 Tagen am 9. Dezember wieder abgab. Allzu traurig war er darüber wohl nicht: Er kannte den Job bereits, hatte sechs Jahre zuvor schon einmal regiert und keinerlei Lust auf eine zweite Amtszeit. Der König hatte ihn zum Premier einer Minderheitsregierung bestellt, also zu Amt und Würde geradezu verdonnert. Wellesley selbst schob den Schwarzen Peter Regierungsbürde an seinen Kumpel Robert Peel weiter, der es in Folge auf zwei Amtszeiten brachte: im ersten Durchlauf 129 Tage, ein paar Jahre später noch einmal 1765.

Auch wenn sie mit der Kürze ihrer Regierungszeit keinen absoluten Rekord aufgestellt hat, trägt Liz Truss durchaus die rote Laterne der Tabellenletzten. Unter Großbritanniens Premiers, die ihr Amt gegen ihren Willen aufgeben mussten, war ihre Amtszeit die kürzeste.

Am anderen Ende des Spektrums steht der erste aller Premierminister: Sir Robert Walpole war mit einer Regierungszeit von April 1721 bis Februar 1742 gleichsam der Helmut Kohl der britischen Politikgeschichte. An die 7618 Regierungstage des Engländers kam allerdings auch der hartnäckige Amtsbesetzer aus der Pfalz nicht heran: Kohl regierte »nur« 5870 Tage, also exakt zehn Tage länger als Angela Merkel – oder 130-mal länger als Liz Truss.

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