Fotostrecke

Russische Space-Wracks: Die Gruft des Weltraumzeitalters

Foto: Dietmar Eckell

Irgendwo im Nirgendwo Russlands vergessene Raumfähren

Das teure Raumfahrtprogramm der Sowjets zerfiel in Trümmer. Heute verrotten die Buran-Shuttles in einer gigantischen Gruft - Zutritt verboten. Fotograf Dietmar Eckell kam trotzdem hinein und brachte spektakuläre Bilder mit.

Mitten in der Ödnis der südkasachischen Steppe ist er zur letzten Ruhe gebettet, umgeben von einem riesenhaften Mausoleum aus rostigem Blech und blätternder Farbe. Halb ist er noch sichtbar, halb begraben unter einer dicken Schicht aus Dreck und Staub: der russische Traum von der Eroberung des Alls.

Auf den ersten Blick erinnern die Formen unter den Trümmern an amerikanische Spaceshuttles, und die Ähnlichkeit ist nicht zufällig. Doch es sind Relikte der anderen Konfliktpartei des Kalten Krieges, die hier lagern, sicher vor den Augen der Öffentlichkeit: die Raumfähre Buran 1.02 und ihr Prototyp OK-MT, Spitzname "Vögelchen". Sie blieben übrig vom teuersten Raumfahrtprogramm der untergegangenen Sowjetunion.

"Ich fühlte mich wie in einer Kathedrale", erinnert sich Fotograf Dietmar Eckell an die Entstehung der Aufnahme im August 2016, "nur wenig Licht drang von außen herein". Wie eine gigantische "Gruft des Weltraumzeitalters" kam ihm die 70 Meter hohe und 135 Meter lange Halle vor.

Über verfallene Treppen und Plattformen kletterte er empor, um die in den Achtzigerjahren konstruierten Raumfähren aus der Vogelperspektive einfangen zu können. Nicht ungefährlich: Das Schwesterschiff Buran 1.01, das ganz in der Nähe in einem solchen Hangar ruhte, wurde 2002 unter dem einstürzenden Hallendach verschüttet. Es war das einzige der Buran-Shuttles, das es je bis ins Weltall geschafft hatte - wenn auch nur für einen unbemannten Testflug im November 1988.

Kein Geld für den Wettlauf ins All

Mit dem 1976 gestarteten Buran-Programm hatte die Sowjet-Regierung im Kalten Krieg versucht, dem Spaceshuttle-Programm der USA Paroli zu bieten, mit aller Macht. Bis zu 30.000 Menschen arbeiteten zu Hochzeiten an dem Projekt. Der vor allem militärtechnologisch motivierte Konkurrenzkampf schlug sich sogar in der Form der Raumfähren nieder. Ursprünglich waren sie als Nurflügler geplant doch die beteiligten Militärs setzten durch, dass die Sowjet-Shuttles ihrer amerikanischen Konkurrenz fast bis auf die letzte Thermokachel glichen.

Doch der erhoffte Erfolg des Großprojekts blieb aus. Massive Finanzierungsprobleme warfen das Programm hinter die Fortschritte der Nasa zurück; mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 hatte Russland die Kosten für Buran allein zu stemmen. Und so ließ Präsident Boris Jelzin das Projekt im Sommer 1993 schließlich einstellen.

Fotostrecke

Russische Space-Wracks: Die Gruft des Weltraumzeitalters

Foto: Dietmar Eckell

Wahrscheinlich ist dieses unrühmliche Ende des Vorzeigeprojekts auch der Grund dafür, dass die Öffentlichkeit normalerweise keinen Zutritt zu den Buran-Überbleibseln auf dem Kosmodrom Baikonur erhält. Dennoch gelang Dietmar Eckell nach langer Planung der Zutritt zu Russlands größtem Weltraumbahnhof, der sich rund 200 Kilometer östlich des Aralsees auf einer Fläche von 70 mal 90 Kilometern ausdehnt. Hier begann 1961 Juri Gagarins historischer Raumflug. Hier testete die Sowjetunion ihre SS-25-Interkontinentalraketen. Und von hier starten noch immer Flüge zur Internationalen Raumstation ISS.

"Es sah wirklich so aus, als hätten die Arbeiter vom einen auf den nächsten Tag einfach alles stehen und liegen lassen", erzählt Eckell von seinem Besuch in den Hallen, in denen zahlreiche Geräte aus mehreren Jahrzehnten verblieben. "Ich schätze, am Anfang dachten die, das geht schon wieder weiter, wir haben nur gerade eine Geldknappheit." Doch mit dem Ende des Kalten Krieges endete auch die Bereitschaft der russischen Regierung, Millionen in das Programm zu pumpen.

Ruinen der Raumfahrt

Teuer genug wurde der Erhalt des Baikonur-Weltraumbahnhofs ohnehin für den Staat. Mit dem Ende der Sowjetunion fiel das Areal an Kasachstan. Mangels eines vergleichbaren Kosmodroms schloss die russische Regierung einen stattlichen Pachtvertrag ab: Bis 2050 sicherte man sich die Nutzungsrechte - für jährliche Zahlungen von derzeit rund 100 Millionen Euro. Obendrauf kommen die Instandhaltungskosten für mehr als 100 Raketensilos, Startrampen und Hangars auf dem riesigen Areal.

Zu viel Geld, so scheint es, um auch noch in die Denkmalpflege für das erfolglose Buran-Programm zu investieren. "Die Wände sind durchlöchert, Scheiben zerstört", beschreibt Eckell den Zustand vieler Gebäude. Vor allem die 170 Meter hohe Halle der "Energija"-Trägerrakete für die Raumfähren sehe "schon sehr windig aus. Das ist sehr viel Wellblech, wenn da mal ein größerer Sturm kommt, kann es sicher leicht zu noch einem Einsturz kommen". Deshalb hatte der Fotograf auch den Wunsch, in Baikonur alles festzuhalten, ehe auch die anderen dort verbliebenen Burans verschüttet seien.

Bei allem dokumentarischen Interesse - auf die Frage, ob er sich vor Ort auch eine der offiziellen Touristenführungen angesehen habe, lacht Eckell nur: "Da kann man sich für über 3000 Euro ein Tourticket kaufen und kriegt lediglich die 'Erfolge der russischen Raumfahrt' zu sehen." Etwa Gagarins Abschussrampe - und die sei "schon zehnmal überpinselt und sieht natürlich noch toll aus". Auch ein Museum gebe es dort. Nur sei das ganze Areal wohl nicht ganz zufällig sehr, sehr weit entfernt von den Hallen der alten Buran-Shuttles.


Dietmar Eckell interessiert sich besonders für Dinge, die der Mensch im Nirgendwo hinterlassen hat, ob es sich um verlassene Kirchen, Autos, Schiffe handelt. Um Flugzeugwracks ging es bei diesem Projekt - und zwar ausschließlich um Maschinen, bei deren Absturz niemand ums Leben kam:

Fotostrecke

Fotoserie: Flugzeugwracks - die Schönheit nach dem Crash

Foto: Dietmar Eckell

Mit einer anderen Fotoserie dokumentierte Eckell, was von den Olympischen Winterspielen 1984 in Sarajevo übrig blieb - wegen Verminung heute gefährliche Relikte des Jugoslawienkrieges.

Fotostrecke

Relikte des Krieges: Schanze im Minenfeld - die Olympia-Ruinen von Sarajewo

Foto: Dietmar Eckell
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.