Augenblick mal Ein Ameisenbär in der Metro

Warum geht der mit diesem Viech spazieren? Vor 50 Jahren sorgte Künstler Salvador Dalí in Begleitung eines Ameisenbären für Trubel in Paris. Ein Bild und seine Geschichte.

Von Ralf Höller


Surrealismus hautnah: Dalí nebst Ameisenbär 1969 in Paris
Patrice Habans/ Paris Match/ Getty Images

Surrealismus hautnah: Dalí nebst Ameisenbär 1969 in Paris

Wie setzt man einen Ameisenbär in Szene? Am besten mit einem möglichst alltäglichen Setting als Hintergrund, dann ist der Kontrast zu dem exotischen Tier am stärksten.

Patrice Habans war Fotograf bei der französischen Illustrierten "Paris Match". 1968 hatte er bei den Olympischen Spielen die beiden schwarzen US-Athleten Tommie Smith und John Carlos abgelichtet, als sie ihre Medaillen mit dem Black-Power-Gruß entgegennahmen. Für sein neues Motiv musste er nicht erst um den halben Erdball reisen. Habans positionierte sich an der heimischen Metrostation Bastille.

Es war Ferienzeit, die meisten Pariser befanden sich im Urlaub oder bereiteten sich darauf vor. Habans brauchte exakt so viele Passanten, dass ein kleiner Auflauf zustande kam; andererseits durfte sein Objekt nicht im Gedränge untergehen. Natürlich hatte Habans die Aktion vorher abgesprochen, wenn auch nur mit dem Akteur - das Publikum wusste von nichts.

Erstaunt rieben sich die Pariser am Morgen des 26. Juli 1969 die Augen, als ihnen auf den obersten Treppenstufen ein haariges Wesen auf vier Pfoten entgegenkam. Ein Wuschelhund? Nein, dafür war die Schnauze, mit der es seinen Weg erschnupperte, viel zu lang. An einer Pfütze hielt es kurz an. Zwei listige Augen blinzelten in die Wolken, eine riesige Zunge tauchte ein in eine Lache aus Milch, die ein unachtsamer Bürger zuvor verschüttet hatte. Oder war es Absicht?

Ein Tier für den Glamourfaktor

Bevor die Umstehenden grübeln konnten, wo sie ein solches Viech schon einmal gesehen hatten (im Zoo? in einer Tiersendung im Fernsehen?), elektrisierte sie ein weiterer Anblick. Mit dem Ameisenbär, denn darum handelte es sich, war ein würdiger älterer Herr per Leine verbandelt und schritt, gestützt auf einen Stock aus Edelholz, die Stufen hoch. Leicht erkennbar machte ihn vor allem sein hochgezwirbelter Schnurrbart - der Begleiter war ein berühmter spanischer Maler.

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Exzentriker und ihre Haustiere: Jedem Tierchen sein Pläsierchen

Salvador Dalí war damals bereits 65 Jahre alt und lebte eher zurückgezogen. Das hinderte ihn nicht an spektakulären Auftritten. Dabei half ihm ein anderes Haustier, sein Ozelot. Das gefleckte Tier, mit Dalí an der Seite, verlieh bunten Illustrierten zusätzlichen Glanz. Exotische Haustiere hatten es auch einigen Künstlerkollegen Dalís angetan. Viel Fantasie bei der Auswahl zeigten sie nicht - am beliebtesten waren große Raubkatzen.

Schon US-Stummfilmstar Phyllis Gordon posierte abseits der Leinwand mit einem Geparden an der Leine. Die berühmte Tänzerin Josephine Baker hielt sich einen Leoparden, Schauspielerin Tippi Hedren einen Löwen. Und Tarzandarsteller Steve Sipek imagegemäß einen Tiger. Zu Audrey Hepburn hätte ein aggressives Tier kaum gepasst: Sie beschied sich mit einem scheuen Reh (siehe Fotostrecke).

Schauspielerin Debra Paget und Popstar Michael Jackson teilten sich ihr Zuhause mit Affen, ebenso die mexikanische Künstlerin Frida Kahlo, deren Tiere immerhin in natürlicher Umgebung lebten. Auf Bodenständigkeit statt Exotik setzte die Autorin und Illustratorin Beatrix Potter. Ihr Heimtier war ein Kaninchen, das sich an der Leine ausführen ließ. Potter machte Benjamin Bouncer zum Helden ihrer Kinderbücher.

Am Tag nach Dalís Metro-Auftritt prangte Habans' inszenierter Schnappschuss auf dem Titelblatt der Hauptstadtgazetten, mit der Unterzeile: "Salvador Dalí, dem Keller des Unterbewusstseins entsteigend, an der Leine einen romantischen Ameisenbären, das Tier, das André Breton als Exlibris ausgewählt hat."

Von Ameisen besessen

Breton, Surrealist wie Dalí, pflegte seine Büchermarken mit dem Zusatz "André le tamanoir" oder auch "André le fourmilier" zu versenden; beide französischen Ausdrücke bezeichnen den Ameisenbären.

Den "tamanoir" hatte Dalí dem Freund als Spitznamen verpasst und für Bretons Büchermarken gern die Vorlagen geliefert. Gestritten hatten die beiden auch, sogar zwischendurch ihre Freundschaft aufgekündigt. Für eine Wiedergutmachung schien es reichlich spät, Breton war drei Jahre zuvor gestorben.

Mehr noch als an dem toten Freund lag Dalí am eigenen Image. Der "Keller seines Unterbewusstseins" hatte schon immer die Objekte für seine Kunst geliefert. Jetzt waren es die Ameisen, die in seinem Kopf spukten und die er verfremdet seinem Publikum präsentierte. André Breton, so wird überliefert, hasste die leichenfleddernden Insekten.

Als Kind hatte Dalí einmal zugeschaut, wie Ameisen einen Tierkadaver zerlegten. Häufig tauchen sie in seinen Bildern und Grafiken auf, Tod und Verfall symbolisierend. Die Milch, die ihr größter Feind verputzt, steht bei Dalí für das Unschuldige und Unverdorbene. Auch die weiße Flüssigkeit kommt immer wieder in seinen Werken vor, als See, als Springbrunnen oder auch in einem Glas, in das ein Finger taucht.

Dalí wollte mit der Aktion sein Ego pflegen und für seine Kunst werben, Habans vor allem ein gutes Foto machen. Wohin Dalí mit dem Tier ging, wie die Passanten auf dem Weg durch Paris reagierten - von den weiteren Umständen ist nichts bekannt. Am wichtigsten war beiden Künstlern wohl die Inszenierung.

Ein Jahr später, in der US-Fernsehsendung "Dick Cavett Show", betrat Dalí erneut mit einem Ameisenbären die Bühne. Diesmal war das Exemplar deutlich kleiner und stammte aus der Gattung der auf Bäumen lebenden Art.

Recht respektlos warf Dalí das Tier zunächst auf den Tisch, dann der Schauspielerin Lillian Gish ihm gegenüber auf den Schoß. Ihre Reaktion schien Dalí nicht zu interessieren. Lillian Gish, nur ganz kurz empört, begann sofort, den Bären zu streicheln.

Patrice Habans/ Paris Match/ Getty Images
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Ibo Ortgies, 16.11.2019
1.
Hier ist der Besuch Dalís (samt Ameisenbär) in der "Dick Cavett Show" https://www.youtube.com/watch?v=3CmM19jBdrI
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