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03. Januar 2015, 07:06 Uhr

Erster Skiklub ohne Schnee

Sand alpin

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Sommer, Sonne, Skivergnügen! 1956 düste ein Rentner im August eine oberpfälzische Quarzsandhalde auf Brettern hinunter - und trat einen Hype los. Sandski-Pionier Hans Dobmeyer erinnert sich an nächtliche Talfahrten und Salatöl auf der Sprungschanze.

Der Dobmeyer-Hans steht an einem warmen Sommerabend im August 1956 bei seinem Kumpel im Vorgarten, da saust plötzlich ein Rentner in Skimontur an ihm vorbei. Mitten im Hochsommer! Der Mann hat die Skibretter an seinem Fahrrad festgeschnallt - er sieht aus, als käme er gerade von einer alpinen Abfahrt. Der 24-jährige Dobmeyer läuft dem Mann nach und ruft: "Was machen Sie denn da? Skifoarn? Im August?"

Martin Götz, 67 Jahre alt, graues Haar, sonnengebräunt, kommt an dem Abend gerade vom Sandberg des örtlichen Kaolinwerks von Hirschau. Beim Abbau des Mineralgesteins Kaolin entstehen große Mengen Quarzsand als Abfallprodukt, das zu 70 Meter hohen, schneeweißen Halden aufgeschüttet wird. Götz erzählt, er habe vom Werksdirektor die einmalige Erlaubnis erhalten, eine Abfahrt vom Sandberg auszuprobieren: 130 Meter steile Abfahrt, feinster Sand wie Pulverschnee.

Der junge Dobmeyer ist begeistert. Er beschließt: "Das mache ich auch." Schnell hat er drei Freunde angerufen, am gleichen Abend stellen sie ein Auto vor die Sandhalde, die Scheinwerfer dienen als Flutlicht. Gemeinsam stapfen sie den Sandberg hinauf, brausen johlend wieder runter. Eine Mordsgaudi! Dobmeyer plant Großes.

"Ihr blöden Spinner - das wird nix"

Der Hirschauer wollte schon lange einen Skiverein in dem 5000-Seelen-Städtchen in der ostbayerischen Provinz gründen, doch bislang waren alle Bemühungen frustrierend verlaufen. Echte Berge waren zu weit weg, und das Interesse seiner Freunde an einem Verein schmolz jedes Frühjahr dahin - zusammen mit dem letzten Schnee. Doch das Erlebnis am Sandhaufen änderte alles, jetzt gab es keine Ausreden mehr: Ab sofort konnte man in Hirschau das ganze Jahr über Skifahren.

Der zunächst skeptische Bergamtschef war schnell überredet: Ein Drittel des Sandgeländes wurde fürs Skifahren abgesperrt. Aus einer alten Grubenschaufel wurde ein Übergangsschlepplift gebaut, den die Sandskifahrer bald durch einen professionellen ersetzen ließen. Am 24. August 1956 unterschrieb Dobmeyer mit seinen Freunden die Gründungsurkunde des SC Monte Kaolino Hirschau e.V.: dem vermutlich ersten Sandskiverein überhaupt. Und Pionier Martin Götz wurde - natürlich - Ehrenmitglied.

Alteingesessene Hirschauer griffen sich an die Stirn, wenn Dobmeyer und seine Skifreunde ins Wirtshaus kamen. Die Alten schimpften: "Ihr blöden Spinner! Im Sommer Skifahren, das wird doch im Leben nix." Doch der Skiklubgründer winkte ab. "Es ist doch immer das Gleiche, wenn man was Neues macht", sagt er. Neider und Zweifler stünden immer schnell auf der Matte. Schon kurze Zeit später blieb auch den Ur-Hirschauern nichts anderen übrig, als Beifall zu klatschen.

Ski-Modenschauen im Sand

Ein Jahr nach der Gründung richteten die Skifreunde das erste große Abfahrtsrennen aus, zahlreiche weitere folgten. "So richtig großkotzige Veranstaltungen waren das ", erzählt Dobmeyer und lacht. Tausende Zuschauer, Skiläufer und Skispringer kamen nach Hirschau, darunter Olympiasiegerinnen wie Ossi Reichert und Barbi Henneberger. Sogar eine russische Zeitung berichtete.

Spätestens als der Sportmodenhersteller Willi Bogner Werbefotos am Monte Kaolino knipsen ließ und Wintermodenschauen veranstaltete, verstummten die Nörgler von einst.

Um ihren Sport zu promoten, mussten sich die Skifreunde nicht sonderlich anstrengen: "Wir haben im Sommer die Skier auf meinen VW geschnallt und sind damit in die Nachbarorte gefahren - zum Angeben", erinnert sich Dobmeyer. "Für die Damenwelt von Berlin bis zum Bayrischen Wald waren wir sowas ähnliches wie Weltmeister, regelrecht überlaufen haben sie uns." Denn die Damen, das weiß Dobmeyer, lieben das Verrückte. Sein skurriles Hobby brachte ihm echte Freundschaften, spannende Bekanntschaften und etliche Liebesbriefe ein.

Riesenspielplatz für Erwachsene

Im Laufe der Jahre verwandelten eine Minigolfanlage, ein Café mit Biergarten, ein Schwimmbad und eine Sommerrodelbahn den Monte Kaolino in einen Riesenspielplatz für Erwachsene. Dobmeyer ist stolz auf sein Werk, er habe immer gewusst, dass das "eine Riesensache" wird.

Nur die Skisprungschanze habe sich nicht bewährt. "Der Sand hat zu stark gebremst", sagt Dobmeyer. "Wir haben es erst mit Wasser und Seifenlauge, später mit Salatöl ausprobiert, damit es besser rutscht. Aber das war nix." Auch ein Dobmeyer hat eben mal eine Schnapsidee.

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