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Irre Schachgenies: Parapsychologen, Strahlenangst, Toilettenkrieg

Schachgenies Sind die denn total irre?

Schach ist ein Nervenspiel und zieht Exzentriker an. Fiese Psychotricks, Angst vor Spuk und Strahlen - manche Großmeister spielten bei wichtigen Turnieren verrückt.

Das Leben des ersten Schachweltmeisters der Geschichte endete im Wahn. Nach Jahren an der Weltspitze hatte Wilhelm Steinitz seinen Titel 1894 an Emanuel Lasker verloren, wollte ihn aber gegen den 30 Jahre jüngeren Deutschen unbedingt zurückholen. 1896 traten sie in Moskau zum Revanche-Duell an. Doch Steinitz, hoffnungslos unterlegen, verlor nach 17 Partien.

Der gebürtige Prager war nur noch ein Schatten seiner selbst und bei schlechter Gesundheit, schreibt André Schulz, Chefredakteur der Schach-Webseite ChessBase, in seinem Buch über die 46 Weltmeisterkämpfe von Steinitz bis Carlsen. "Steinitz legte sich noch während der vierten Partie einen Beutel mit Eiswürfeln auf den Kopf, um seine ständigen Kopfschmerzen zu lindern", so Schulz.

Doch sein eigentliches Problem konnte er damit nicht bekämpfen: Steinitz glaubte an Telepathie - daran, per bloßer Gedankenkraft telefonieren zu können. Noch in Moskau rief seine Sekretärin einen Arzt, als sie Steinitz am Fenster stehend auf Antwort eines imaginierten Anrufs warten sah. 40 Tage verbrachte er in einer Nervenheilanstalt.

Schachfiguren könne er durch elektromagnetische Ströme bewegen, halluzinierte Steinitz, nun zurück in seiner Wahlheimat New York. Dort starb er am 12. August 1900 an Herzversagen in der Psychiatrie auf Wards Island.

Furcht vor Verfolgung und Vergiftung

Das Steinitz-Schicksal scheint eine verbreitete Ansicht zu bestätigen: die enge Verbindung von Genie und Wahnsinn bei herausragenden Schachspielern. Ihnen wird nachgesagt, dass sie häufig mindestens verhaltensauffällig, wenn nicht gar komplett verrückt sind.

Ein Blick auf die heutigen Spitzenspieler liefert dafür keine Indizien: Der aktuelle Weltmeister Magnus Carlsen, 25 - ein norwegischer Smartie, sehr kontrolliert, sehr umgänglich, umjubelt wie ein Popstar. Sein möglicher nächster Herausforderer Viswanathan Anand, 46 - ein indischer Brett-Stratege, robuster Routinier, jederzeit höflich. Oder Anands Rivale im laufenden Kandidatenturnier: Sergej Karjakin, 26 - ein nervenstarker junger Ukrainer, von dem keine Eskapaden bekannt sind.

Und doch schleicht Schachgenies schon seit vielen Jahrzehnten der Verdacht nach, nah am Irrsinn gebaut zu sein. Den Ursprung sieht André Schulz in der Geschichte von Paul Morphy (1837-1884), einem inoffiziellen Vorgänger von Steinitz. Bereits mit 12 Jahren schlug der Amerikaner zwei international erfolgreiche Schachmeister, mit 21 dann sämtliche Gegner, die er auf Europatour in Paris und London traf.

So brachte Morphy es 1858 zu Weltruhm. Doch bald darauf wandte er sich angewidert vom Schach ab, schließlich packte ihn die Paranoia: Er fühlte sich verfolgt und unterstellte seinem Schwager, ihn vergiften zu wollen. Alt wurde Morphy tatsächlich nicht und starb mit erst 47 Jahren an einem Schlaganfall. "Allgemein glaubte man, die exzessive Beschäftigung mit Schach habe sein Gehirn angegriffen", schrieb der Psychoanalytiker Ernest Jones 1930 .

Hat Schach ein "anal-sadistisches Charakteristikum"?

Dass der Mythos vom exzentrischen bis wahnhaften Schachgenie überhaupt entstand, liegt laut Schulz am überragenden Gedächtnis überragender Spieler: eine ihrer wichtigsten Eigenschaften. So war Morphy sehr erfolgreich bei "Blindspielen": Ohne Blick aufs Brett trat er gegen bis zu acht Gegner zugleich an. Wenn man sich so was nicht erklären könne und ein Spieler sich zudem ein bisschen sonderbar verhalte, sei die simple Erklärung: Irrsinn! Nichts als Küchenpsychologie, urteilt André Schulz.

Doch auch die Psychoanalyse hatte absurde Theorien parat. Der Sigmund-Freud-Schüler Jones schrieb Schach ein "anal-sadistisches Charakteristikum" zu und überhöhte Morphys Spiel zur Methode, die "homosexuellen als auch antagonistischen Aspekte der Auseinandersetzung" mit dem Vater zu befriedigen.

Indes kam sogar Jones zum Schluss, bloße Beschäftigung mit Schach könne nicht für die spätere psychische Störung verantwortlich sein. Dem Morphy-Biografen Frederick Milnes Edge zufolge waren es "Füllfederakrobaten, Verleumder und Schachgauner", die den empfindsamen jungen Mann in die Absonderlichkeit trieben: Demnach wurde Morphy "krank von den Schachtaktiken - denen außerhalb des Brettes. Ist dies verwunderlich?"

Nervenkrieg auf den Philippinen

Aber auch in Turnieren selbst verstanden es manche Spieler, die Konkurrenz in den Wahnsinn zu treiben. Etwa beim Match zwischen Bobby Fischer und Boris Spasski 1972 in Reykjavik. Oder beim "Psychokrieg" bei der WM auf den Philippinen 1978: Anatoli Karpow wusste, dass sein Gegner Viktor Kortschnoi an übersinnliche Kräfte glaubte, und engagierte einen Parapsychologen. Das Kalkül, so Schachexperte Schulz: "Wenn Kortschnoi den sieht, dann dreht er durch."

Die Taktik verfing: Der Parapsychologe Wladimir Suchar platzierte sich in der ersten Zuschauerreihe. Prompt bekam Kortschnoi Angst, er solle hypnotisiert werden. Mit verspiegelter Brille versuchte er sich gegen böse Blicke zu schützen und engagierte selbst indische Gurus, um Suchars Kraft zu neutralisieren. Das "Marottentheater auf den Philippinen"  (so der SPIEGEL) bot allerlei weitere Akte - geröntgte Stühle, Geigerzähler gegen Strahlenangriffe, Gezänk um Fahnen und Kefir.

Es war eine Fortsetzung des Kalten Kriegs am Schachbrett - der Russe Karpow gegen den Ex-Russen und nunmehr staatenlosen Herausforderer, der die Sowjetunion 1976 Richtung Schweiz verlassen hatte. Der Emigrant Kortschnoi wollte auch beweisen, man könne "in Freiheit besser Schach spielen als in Unfreiheit". Doch nach 32 Partien stand Karpow als Sieger fest.

"Man wird nicht durch Schach bekloppt"

Zum Spiel mit unlauteren Mitteln brauchte es aber keinen Kampf der Systeme. Später reichte der Reiz des Preisgelds - etwa beim sogenannten Toilettenkrieg 2006, als FIDE-Weltmeister Wesselin Topalow seinen Gegner mit dem Vorwurf demoralisierte, auf dem Klo heimlich einen Schachcomputer zu Rate zu ziehen.

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Verlag: New In Chess
Seitenzahl: 352
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05.02.2023 06.36 Uhr

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Mitunter also nährten also ganz profane Ursachen die Spekulationen über vom Wahnsinn umwehte Genies. Mehr Hinweise fand der deutsche Schachgroßmeister Robert Hübner auf "Verrücktheiten bei Pressevertretern" - und verteidigte seine Kollegen in einem SPIEGEL-Gespräch 1981 vehement  gegen jeden Verdacht von Irrsinn. Unter großen Spielern gebe es nicht mehr psychische Erkrankungen als unter Angehörigen vergleichbarer geistiger und künstlerischer Berufe, sagte auch Helmut Pfleger, Psychotherapeut und ebenfalls Schachgroßmeister.

Besonderheiten des Spiels sieht André Schulz, der selbst auf Clubniveau Schach spielt, aber schon: Im Schach sei man stundenlang auf sich selbst zurückgeworfen - das ziehe Eigenbrötler an. "Man wird nicht durch Schach bekloppt", so Schulz, "aber wer sowieso schon die Anlage hat, ein bisschen verhaltensauffällig zu sein, ist beim Schach immer noch einigermaßen gut aufgehoben."

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