Augenblick mal! Darf ich mitspielen?

Ein Knirps im Matrosenanzug sorgte vor 100 Jahren für Aufsehen in Paris. Das Wunderkind verblüffte erst die älteren Herren eines Schachklubs, später Spieler weltweit. Ein Bild und seine Geschichte.
Foto: New York Times Archiv

Die Armhaltung des Herrn auf der hinteren Bank, Dritter von rechts, spricht Bände. Mit der flachen Hand fasst er sich an die Stirn, als wollte er prüfen, ob in seinem Oberstübchen noch alles in Ordnung ist. So unglaublich war, was sich vor seinen Augen abspielte.

Ein kleiner Junge im Matrosenanzug steht vor einer Gruppe älterer Schachspieler und greift aufs Brett. Auf den ersten Blick meint man, der Knirps hätte gerade eine sehr ernsthafte Veranstaltung gestört oder zumindest unterbrochen. Aber wo sind die Gegner der Spieler? Richtig, es gibt nur einen - diesen Jungen.

Das Foto entstand am 16. Mai 1920 im Café de la Rotonde im Pariser Künstlerviertel Montparnasse und erschien auf der Titelseite der Zeitschrift "Le Miroir". Es zeigt einen Achtjährigen beim Simultan-Schach gegen 20 Spieler des Pariser Schachklubs "Les Échecs du Palais Royal".

Der Junge war als Wunderkind angekündigt: In Berlin, Hamburg, Wien, Amsterdam, Antwerpen und Brüssel war er bereits gegen namhafte Spieler angetreten, oft forderte er sie gleich im 20er-Pack heraus - wie in Paris. Die Medien feierten den Kleinen, nur mit seinem Namen hatten sie Probleme: Schmulke? Shmulik? Samuel, Sammy? Rzeszewski oder Rzeschewski?

Von Łódź hinaus in die Welt

Die Verwirrung hatte mit der Herkunft des Jungen zu tun: Als Szmul Rzeszewski war er 1911 in Ozorków, nördlich von Łódź, im damals russischen Teil Polens geboren worden, das sechste und jüngste Kind orthodoxer Juden. Łódź war eine florierende Industriemetropole, bis die Kämpfe deutscher und russischer Truppen zu Beginn des Ersten Weltkriegs das Gebiet um Jahrzehnte zurückwarfen.

Für Szmul fiel der Schulbesuch aus, sein Vater brachte ihm Schach bei - und musste sich bald selbst geschlagen geben. So stark spielte der Junge, dass sich daheim kaum noch gleichwertige Gegner fanden. Schon mit sechs, sieben Jahren erregte er mit Simultan-Vorstellungen Aufsehen in der Region und in Warschau. So trat er im deutschen Beamtenheim von Łódź gegen zwölf Spieler zugleich an und gewann fast alle Partien.

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Samuel Reshevsky: Was aus ihm und anderen Schachwunderkindern wurde

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Alfieri / Topfoto / imago images / United Archives International

Der Polnisch-Sowjetische Krieg ab 1919 bestärkte die Eltern in der Entscheidung, dass sein Talent weiter westlich in Europa besser aufgehoben wäre. Ein Arzt begleitete die Familie und organisierte Szmuls Auftritte, zusammen reisten sie in die großen Städte Europas.

Nach dem ersten Auslandsauftritt im Berliner Spielcafé "Kerkau-Palast" untersuchte eine Psychologin den kleinen Schmulke, wie ihn die Eltern nannten: Er könne "nur mühsam lesen", lediglich vier Farben unterscheiden und kenne an Tieren nur Pferd, Hund und Katze. Dafür löste er anspruchsvolle Kopfrechenaufgaben und lernte in vier Minuten fünf Reihen mit insgesamt 40 Ziffern auswendig, die er dann korrekt nach Platz und Reihe wiedergeben konnte.

Der Auftritt im Café de la Rotonde, den das Foto zeigt, war sein erster in Paris. Samuel, wie man ihn hier nannte, spielte 20 Spiele gleichzeitig - und gewann alle. Die "bessere Gesellschaft" von Paris veranstaltete für ihn ein Wohltätigkeitsturnier. Von 174 Spielen in zwei Monaten gewann er 162 und verlor 7. Danach reiste die Familie weiter nach London und im November 1920 per Schiff nach New York.

Siegesserie in den USA

Dort hatte man längst vom Schachwunderkind gehört. Weil Sammy die internationale Schachgemeinde faszinierte, ist seine Biografie auch auf einigen Spezialseiten zur Schachgeschichte detailliert beschrieben (etwa hier ). Bald stellte er sich 20 Topspielern der Militärakademie West Point. Und schlug 19.

Als ein Arzt dem gesundheitlich angeschlagenen Vater das mildere Klima Kaliforniens empfahl, setzten die Rzeszewskis ihre Wunderkindtournee in San Francisco und Los Angeles fort. Nach einem nächtlichen Auftritt Sammys schritten 1922 allerdings die Behörden ein und warfen den Eltern vor, ihre Fürsorge- und Erziehungspflichten zu verletzen, weil sie dem Jungen die Schulbildung vorenthielten. Seine US-Tournee endete eindrucksvoll: 1491 von 1500 Spielen gewonnen.

Welches Geheimnis steckte hinter dem verblüffenden Können des kleinen Schachmatt-Königs? "Solche Talente sind gar nicht so ungewöhnlich", sagt André Schulz, Autor und Experte für Schachgeschichte beim Deutschen Schachbund. "Wenn sie sich damit intensiv beschäftigen, können Kinder so komplizierte Dinge wie Schach schnell lernen und heute auch auf Internetplattformen sogar sehr gut selbst beibringen." Jugendweltmeisterschaften begännen bereits mit U8, "die meisten dieser Kinder spielen schon sehr viel besser als die meisten Erwachsenen, die sich nicht so intensiv mit Schach beschäftigen". Von "Wunderkindern" spreche man daher gar nicht mehr, erklärt der Chefredakteur der Nachrichtenseite ChessBase .

Vor 100 Jahren allerdings war eine solche Begabung extrem selten. Neben Rzeszewski fällt Schulz der 1888 geborene Kubaner José Raúl Capablanca ein, der das Schachspielen angeblich allein durch Zugucken lernte. Und der Spanier Arturo Pomar Salamanca in den Dreißigerjahren. Schach war damals längst nicht so populär, für Verblüffung sorgten vor allem die Simultan-Vorstellungen, für Kinder besonders strapaziös.

"Simultan-Partien sind ein bisschen wie Zirkus"

Das würde man heute so nicht mehr machen. "Wer im Schach wirklich weit nach oben kommen möchte, muss früh anfangen – und sehr viel Zeit investieren. Simultan-Partien sind ein bisschen wie Zirkus und dienen dem Geldverdienen", sagt der Schachexperte. "Ein ernsthafter Turnierschachspieler macht das nicht oft. So ein Schaustück ist für einen echten Wettbewerb kaum nützlich."

Auch wenn es inzwischen viel mehr Kinder mit großem Talent gibt – ein Garant für spätere Weltspitze sei das noch nicht, so Schulz: "Wie in der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen im Allgemeinen ist auch im Schach die Pubertät entscheidender Punkt: Interessiert man sich dann für ganz andere Sachen im Leben, oder bleibt man beim Schach?"

Sammy blieb dabei. Nach vier Jahren in den USA wurde aus Samuel Herman Rzeszewski offiziell Samuel Reshevsky. Unterstützt von Sponsoren besuchte er die Highschool in Detroit und schloss sein Studium an der Universität von Chicago 1933 mit einem Diplom als Buchhalter ab.

Danach wandte er sich wieder dem Schach zu. 1936 gewann er seine erste US-Meisterschaft, später sieben weitere Male und erzielte spektakuläre Siege bei internationalen Turnieren. 1948 gehörte er zu den fünf Kandidaten, die der Weltschachbund Fide einlud, um den Weltmeister auszuspielen, nachdem der amtierende unerwartet gestorben war.

Reshevsky galt als einer der weltbesten Spieler - Weltmeister wurde er allerdings nie. Wie nah er dem Titel womöglich 1953 war, wurde erst Jahrzehnte später bekannt. Nach dem Tod des sowjetischen Schachgroßmeisters David Bronstein erschien 2007 dessen letztes Buch "Secret Notes" mit brisanten Details.

Nächstes Wunderkind: Bobby Fischer

Gerüchte über Absprachen unter sowjetischen Spielern kursierten häufig. Bronstein hatte entsprechenden Druck von Staatsfunktionären nie bestätigt. Sein Buch legt indes nahe, dass Reshevsky beim Kandidatenturnier in Zürich 1953 Opfer einer Verschwörung wurde. Demnach sollten die sowjetischen Spieler sich so arrangieren, dass der Amerikaner unter keinen Umständen gewann. Am Ende siegte der Russe Wassili Smyslow, Reshevsky teilte sich Platz zwei mit den sowjetischen Spielern Bronstein und Paul Keres.

Nach einem Sieg über Weltmeister Michail Botwinnik 1955 wurde Reshevsky allerdings auch in Moskau gefeiert, von Autogrammjägern bestürmt und Sowjetführer Nikita Chruschtschow vorgestellt.

Reshevsky, so schrieb die "New York Times" 1992 , sei der Topname im amerikanischen Schach gewesen vom Tag an, da das Wunderkind amerikanischen Boden betrat - bis zum 8. Januar 1958: Da stellte ihn Bobby Fischer, 14, in den Schatten und wurde jüngster US-Schachmeister. Mit Fischers Aufstieg sei Reshevsky in der breiten Öffentlichkeit in Vergessenheit geraten.

Die Leistung des einstigen Wunderkinds war aber auch noch im Alter beachtlich. Als er bereits 72 Jahre alt war, gelang Samuel Reshevsky 1984 ein letzter Weltklasseauftritt: der Turniersieg bei den Reykjavík Open. Acht Jahre später starb er in New York.

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