Augenblick mal! Schaf-Alarm mitten in London

Sie trotteten gemä-ä-ä-ächlich durch die Stadt, hielten den Verkehr auf, scherten sich um keine Regeln - so zeigen es alte Londoner Fotos. Warum bloß gab es so viele Schafe auf den Straßen der Metropole?

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Die Stimme des Reporters überschlägt sich beinahe vor Glück: "Wer sagt denn, dass London die größte Wirtschafts- und Handelsmetropole der Welt ist? Wer sagt denn, dass es nur aus Docks, Warenhäusern, Verkehr, Straßen und Häuserzeilen besteht? Einmal im Jahr", ruft der Mann vor der Soundkulisse ständigen Blökens, "vergisst London, dass es eine moderne Großstadt ist und interessiert sich nur noch für: Wolle!"

Die kleine Filmsequenz stammt aus dem Jahr 1939. Auf dem Kontinent bahnte sich der Zweite Weltkrieg an - und was bewegte die Briten? Die alljährliche Schaf-Schur im königlichen Hyde Park! Ein landwirtschaftlicher Wettbewerb im Zentrum Londons.

Doch wo kamen all die Schafe her? Was hatten sie mitten in London zu schaffen? Stoisch zuckelten ganze Herden durch die Straßen, wie Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor allem aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren belegen. Sie zogen über die Waterloo Bridge, brachten den Verkehr auf den zentralen Straßen Kingsway und The Strand zum Erliegen, machten es sich am Ufer des Serpentine-Sees gemütlich.

Billig und ökologisch total korrekt

Schlug die Natur just dort zurück, wo die Zivilisation am weitesten fortgeschritten war? Handelte es sich um eine frühe Fotomontage? Ein Protest-Ritual unerschrockener Tierschützer? Die vielen Schafe waren aus einem ganz banalen Grund in der Stadt: Sie sollten das Gras in den Parks kurz halten. Rasenmä-ä-ä-her auf vier Beinen, ökologisch korrekt, billig, simpel in der Wartung.

Laut einem BBC-Bericht setzten Londons Behörden seit den Zwanzigerjahren verstärkt vierbeinige Grasfresser in den zentralen Grünanlagen ein, im Hyde Park wie in den Kensington Gardens, in Clapham Common oder Hampstead Heath. Alljährlich wurden die Grünflächen neu an konkurrierende Schäfer verpachtet. Das wollten sich selbst die hoch im Norden beheimateten Schotten nicht entgehen lassen.

"Were not any English sheep available?"

Rund 500 Schafe aus Aberdeen sichtete ein Reporter des US-amerikanischen "Milwaukee Journal" im September 1940 im Hyde Park. Völlig unbeeindruckt vom Verkehr lotsten Hirtenhunde sie durch die Innenstadt. Der Anblick erfreue vor allem die heimwehkranken australischen Soldaten, schrieb die Zeitung.

Weniger begeistert zeigte sich der konservative Politiker Sir Harry Brittain. Die Schotten-Schafe kränkten offenbar so sehr seinen Nationalstolz, dass er im Parlament fragte: "Were not any English sheep available?"


Britische Wochenschau: Schaf-Schur in London


Wie die Fotos zeigen, regte es in London niemanden auf, dass sich regelmäßig Schafe auf den Straßen der City tummelten. Sie wurden dann meist von einem Park in den nächsten getrieben. Oder traten, wenn sie sich fett genug gefressen hatten, ihren letzten Gang zum Smithfield Meat Market an, um zu Hack verarbeitet zu werden - und als "Shepherd's Pie" auf den Tellern der Londoner zu landen.

Als Kuriosum schaffte es der Schaf-Scher-Wettbewerb im Hyde Park bis in die australischen Medien: "London staunt", titelte das "Townsville Daily Bulletin" im Juli 1935 und schilderte detailliert den Geschwindigkeits-Contest, bei dem alle drei, vier Minuten ein Schaf um seinen Pelz erleichtert wurde. Zu diesem hemdsärmeligen Spektakel würden die Großstädter Fragen stellen wie: "Mögen die Tiere es wirklich, geschoren zu werden?" Oder: "Wie erkennt eine Mama danach ihr Lämmchen wieder?"

"Die trübsinnigen, unförmigen Schafe"

1938 gelang Londons City-Schafen sogar der Sprung in die Weltliteratur. Der irische Schriftsteller Samuel Beckett setzte ihnen in seinem ersten Roman "Murphy" ein kleines Denkmal, wenn auch nicht gerade positiv:

"Die trübsinnigen, kurz geschorenen, unförmigen, kleinen Schafe waren jämmerlich anzusehen. Sie fraßen nichts, sie käuten nicht wieder, sie sahen gar nicht so aus, als fühlten sie sich wohl. Sie standen einfach da, in tiefer Niedergeschlagenheit, mit hängenden Köpfen, wie betäubt."

Protagonist Murphy empfand dennoch "große Sympathie" für die Schafe, die zumindest Hampstead Heath, Londons größten Park im Norden, noch bis Ende der Fünfzigerjahre bevölkerten. Dann trollten sie sich allmählich von den Grünflächen der City - und wurden erst im 21. Jahrhundert neu entdeckt.

Als oberster Sparbeauftragter wartete Eric Pickles, Minister für Kommunen und lokale Selbstverwaltung, im Jahr 2013 mit einem spektakulären 201-Punkte-Plan auf. Er wollte laut "Telegraph" nicht nur Gratis-Mineralwasser für Behördenmitarbeiter abschaffen und allzu oft krank feiernde Kollegen rauswerfen. Pickles machte sich auch für die Wiedereinführung von Schafen in Londons Parks stark - als kostengünstige Bio-Rasenmäher.

Angus B. McVicar/ Wisconsin Historical Society/ Getty Images
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