Größtes Debakel der US-Armee 1944/45 Der Höllenwald in der Eifel

Es war ein Dschungelkrieg mitten in Deutschland: Vor 75 Jahren erlitt die US-Armee südlich von Aachen eine desaströse Niederlage. Ausgerechnet ein deutscher Truppenarzt rettete damals Hunderten Amerikanern das Leben.

U.S. Army

Von Steffen Kopetzky


Zur Person
  • Jörg Schulz
    Steffen Kopetzky, Jahrgang 1971, hat die Schlacht im Hürtgenwald in seinem neuen Roman "Propaganda" verarbeitet. Protagonist John Glueck erlebt als US-Offizier nicht nur das Debakel in der Eifel, sondern auch in Vietnam. "Propaganda" ist für den Bayerischen Buchpreis nominiert.
    Steffen Kopetzky ist ab dem 7. Oktober 2019 auf Lesereise. Mehr Informationen und alle Termine finden Sie hier.

Todesfabrik. Bloody Forest. Höllenwald - so nannten die amerikanischen Soldaten den Huertgen-Forest, den Schmerzenswald, der bis zum heutigen Tag für amerikanische Ohren das Grauen des Krieges in seinem Namen trägt: ein etwa 40 Kilometer breiter Abschnitt der Front in der Nordeifel, südlich von Aachen. Im Herbst/Winter 1944/45 ereignete sich hier die bis dahin größte Niederlage der US-Militärgeschichte. Ausgerechnet auf diesem katastrophalen Kriegsschauplatz traten die einzigen beiden Angehörigen der Wehrmacht in Erscheinung, die nach Kriegsende von der US-Armee geehrt wurden.

Der eine der beiden war Leutnant Friedrich Lengfeld, der beim Versuch, einen schwerverletzten amerikanischen Soldaten aus dem Minenfeld "Wilde Sau" zu bergen, ums Leben kam. Ihm widmeten die US-Veteranen eine Gedenktafel auf dem Ehrenfriedhof von Düren. Der andere deutsche Held aus dem Hürtgenwald überlebte den Krieg - aber bei ihm dauerte es 50 Jahre, bis er schließlich im Kapitol von Harrisburg, Pennsylvania, geehrt werden konnte.

Sein Name war Günter Stüttgen (1919-2003), geboren in Düsseldorf und ab den späten Sechzigerjahren Chef der Dermatologie am West-Berliner Rudolf-Virchow-Klinikum. Stüttgen war zum Zeitpunkt der Ehrung bereits emeritiert, einer der weltweit führenden Hautärzte, vor allem auf dem Gebiet der Pharmakologie. So war er der erste, der die Bedeutung von Kortison erkannt hatte.

Umso erstaunlicher, dass ein halbes Jahrhundert vergangen war, bis amerikanische Militärhistoriker in ihm den "German Doctor" aus dem Hürtgenwald identifizieren konnten, der nach übereinstimmenden Augenzeugenberichten Hunderten verletzten Amerikanern das Leben gerettet hatte. Stüttgen selbst hatte später niemals davon erzählt. Es sei ihm durchaus bewusst gewesen, dass die US-Soldaten gekommen seien, um dem Naziterror ein Ende zu bereiten, sagte Stüttgen 1996 in seiner Dankesrede in Harrisburg. In diesem Sinne fühle er sich nur als ein Repräsentant der deutschen Truppenärzte während des Kriegs, "die an meiner Stelle ganz genau so gehandelt hätten".

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01.10.2019, 11:58 Uhr
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Steffen Kopetzky
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Verlag:
Rowohlt Berlin
Seiten:
496
Preis:
EUR 25,00

So ungewöhnlich die Bescheidenheit dieses herausragenden Wissenschaftlers und stets dem Menschen zugewandten Arztes war, so bemerkenswert, was der damals 25-jährige Sanitätshauptmann tatsächlich vollbracht hatte: "das Wunder vom Hürtgenwald".

Raum der Humanität

Heinz Münster, Chef der 14. Kompagnie, die zum Infanterieregiment 1056 gehörte, beschrieb die Situation so:

"Im Tal des Flüsschens Kall, nahe der sogenannten Mestrenger Mühle, entbrannte ein Dschungelkampf, bei dem ein normaler Frontverlauf schwerlich zu erkennen war. Freund und Feind lagen sich auf engstem Raum gegenüber und kämpften verbissen Mann gegen Mann. Die Verluste auf beiden Seiten waren erheblich. Die Versorgung von Verwundeten war in dem schwer zugänglichen Gelände für beide Seiten nahezu unmöglich geworden. Hilferufe aus diesem Kampfgebiet ließen Schlimmes erahnen. In dieser Situation entschloss sich Dr. Stüttgen, durch unmittelbare Verhandlungen mit dem Gegner dreimal eine Feuerpause zu vereinbaren, damit beide Seiten Verwundete versorgen und ihre Gefallenen bergen konnten."

Inmitten einer der härtesten Schlachten der Militärgeschichte gelang es diesem Sanitätshauptmann, einen Raum der Humanität zu eröffnen, drei Tage lang Leben zu retten. Es war der einzige Lichtblick in einem militärischen Desaster, das später viele amerikanische Historiker als Vorboten des Vietnamkrieges verstanden sehen wollten. Denn im Hürtgenwald kämpften die US-Truppen zum ersten Mal in einem Wald, auch wenn es kein tropischer Regenwald, sondern ein eisiger, 100 Jahre alter deutscher Plantagenwald war, der ein bizarr schroffes, schneebedecktes Gebirge überzog, die Nordeifel.

Dabei hatte die militärische Lage noch Anfang September 1944 so gut ausgesehen, dass nicht wenige Amerikaner darauf hofften, die Achsenmächte bis Weihnachten besiegt zu haben. Im Pazifik war die japanische Marine zerstört, Admiral Nimitz und General MacArthur bereiteten die Landung auf den Philippinen vor. Die Rote Armee wälzte sich, unter horrenden eigenen Verlusten, unaufhörlich nach Westen. Die Landung in der Normandie am 6. Juni hatte wie erwartet einen hohen Blutzoll gekostet, aber schon Mitte August war Paris kampflos befreit worden - vorneweg mit einem als Kriegskorrespondent akkreditierten Ernest Hemingway.

"Body counting" wird zum Sport

Mitte September, drei Monate früher als geplant, stand man an der Grenze des Altreichs, der Siegfriedlinie. Doch hier litten die alliierten Truppen unter Nachschubproblemen - schließlich musste jeder Liter Treibstoff und jede Dose Corned Beef mit Lastwagen von den Häfen der Normandie an die Front transportiert werden. Montgomerys "Operation Marketgarden" sollte hier Abhilfe schaffen und die Versorgung über die holländische Küste ermöglichen, scheiterte aber.

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Schlacht im Hürtgenwald: "In Hürtgen gefroren die Toten"

Spannungen wegen des weiteren Vorgehens gab es deshalb nicht nur zwischen Briten und Amerikanern, sondern auch zwischen den amerikanischen Generälen selbst, die sich eine Art von Wettrennen um eingenommenes Gebiet und ausgeschaltete deutsche Soldaten lieferten - hier wurde das "Body Counting" erstmals zum Sport der Generalität. Die erste deutsche Großstadt, die man schließlich attackierte, war Aachen.

Südlich der alten Kaiserstadt bekam die etwa 250.000 Mann starke 1. US-Armee unter General Hodges die Aufgabe, die Kontrolle über das Flusssystem der Rur zu erlangen, einen in den belgischen Ardennen entspringenden Fluss, der durch die deutschen Städte Monschau und Düren fließt. In der Ebene dahinter lag der Rhein, das letzte natürliche Hindernis, dessen Überwindung den Weg ins Ruhrgebiet freimachen würde - das industrielle Zentrum Deutschlands, das die Amerikaner um jeden Preis vor der Roten Armee erreichen wollten.

Dazu mussten sie das gut 80 Quadratkilometer große Waldgebiet, das sie nach dem Dorf Hürtgen "Huertgen-Forest" nannten, erobern. Die Nordeifel aber war den Generälen, allen voran Dwight D. Eisenhower, kaum bekannt. So übersahen sie auch, dass die Rur und ihre Nebenflüsse durch Staudämme reguliert waren. Durch Sprengung der Talsperren hätten die Deutschen die Rheinebene fluten und den Invasoren erhebliche Probleme bereiten können.

Während der Vormarsch der Amerikaner rund um Aachen nur mühsam weiterkam, arbeiteten die Deutschen Tag und Nacht an der Verstärkung der Verteidigungslinie im Hürtgenwald: "Der Spaten darf nicht kalt werden!", lautete die Devise.

Bluttaufe der künftigen Supermacht

Die Radiostationen der Amerikaner spielten den neuesten fröhlichen Schlager, "We're Gonna Hang Our Washing on The Siegfried Line", als schließlich am Freitag, dem 6. Oktober, einem sonnigen Herbstmorgen, der Angriff auf das Tal der Weißen Wehe und damit die erste von insgesamt vier Abwehrschlachten im Hürtgenwald begann. Ohne Ortskenntnis, mit fehlerhaften Karten und unerfahrenen jungen Soldaten, die noch niemals zuvor in einem Wald gekämpft hatten, nahm damit das größte Desaster in der Geschichte der US-Armee seinen Lauf: In knapp fünf Monaten verloren die Amerikaner 22.000 bis 32.000 Soldaten - rund halb so viele wie später im gesamten Vietnamkrieg.

Vier US-Divisionen wurden im Hürtgenwald nacheinander aufgerieben, unter anderem auch die 4. Division, bei der Schriftsteller J. D. Salinger diente. Salinger wurde im Hürtgenwald für den Rest seines Lebens traumatisiert, aber auch Ernest Hemingway, der immer noch auf der Suche nach dem Stoff für den großen Roman über den Zweiten Weltkrieg war und davon träumte, ein amerikanisches "Krieg und Frieden" zu schreiben.

Der Schriftsteller sah mit Grauen, was das von den Generälen unerbittlich weiter vorangetriebene Gemetzel im winterlichen Wald für Amerika war: die Bluttaufe der kommenden Supermacht, die um jeden Preis mit der Sowjetunion mithalten würde, auch wenn es darum ging, gnadenlos die Leben ihrer Soldaten zu opfern.

50 Jahre später beauftragte die 28. US-Division, die seit der Schlacht im Hürtgenwald den Beinamen "Bloody Bucket" trägt, die "Bluteimer-Division", den Künstler Robert Nisley ein Gemälde vom Wunder im Hürtgenwald zu schaffen, das seinem Vollbringer Günter Stüttgen gewidmet war. Von "A Time for Healing" bekam auch Stüttgen eine Kopie, die er aber verschenkte.

So wenig der einstige Lebensretter über seine Taten im Krieg hatte sprechen wollen, so wenig wollte er auch nur das Bild einer Uniform in seiner Wohnung haben.

insgesamt 31 Beiträge
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Theo Heyen, 04.10.2019
1. US Army
"So übersahen sie auch, dass die Rur und ihre Nebenflüsse durch Staudämme reguliert waren." Das nun gerade nicht, SPON. Im Gegenteil hatten die Amerikaner eher zu viel Furcht vor einer deutschen Sprengung der Staudämme und wählten daher den Weg durch den Hürtgenwald.
Robert Unseld, 04.10.2019
2. der genaue ablauf der drei Waffenstillstände
wärenoch interessant und wie die rettungen aussahen. ansonsten hut ab, hätte ja auch als defätist hängen können. und mies, dass keiner der deutschen Generale kapituliert hat, um leben zu retten. krieg ist unglaublich, aber das kapieren wohl die wenigsten so wirklich.
Stephan Klöcker, 04.10.2019
3. Sherman
Waren da nicht auch Sherman-Panzer mit beteiligt. Die mit ihren Benzinmotoren nicht durch den Schlamm am Talgrund kamen? Der Vergleich mit Vietnam ist so offensichtlich, das sogar ich schon daran dachte. Ich muss so oft ich durch den Hürtgenwald komme, immer an dieses Abschlachten denken.
Ingo Meyer, 04.10.2019
4. Wie ein Lichtblick in der dunklen Hölle....
....muten die Gesten zur Rettung von "feindlichen" Soldaten an. Gott sei Dank ist man nun zeitlich weit entfernt von den Geschehnissen und kann besser urteilen. Daß blutjunge, unerfahrene U.S.-Boys an diese Front geschickt wurden, ist eine der Fragwürdigkeiten auf U.S.-Seite. Die Aufklärung der Amerikaner war noch schlechter, als die Kampferfahrung der GI's . Die Deutschen haben unbemerkt zigtausende von Soldaten u.a. mit schwerster Ausrüstung zusammengezogen. Bei einigermaßener Wetterlage hätte sich die Amerikaner eigentlich dank ihrer absoluten Luftüberlegenheit eigentlich ein Lagebild verschaffen können. Da waren eben auf deutscher Seite nicht nur Volkssturmmänner oder verkleidete Hitlerjungen, wie die Amerikaner abschätzig vermuteten. Da stand den Amerikanern auf einmal eine Kriegsmaschine gegenüber, die den Nahkampf von der Ostfront kannte. Dazu kamen noch unterschiedliche Führungsmodelle. Die Auftragstaktik der Deutschen mit einem funktionierendem Unteroffiziers-Chorps wurde erst spät in ihrer Wirkung begriffen. Die Amerikaner wurden dann vom Wetter gerettet und von ihrer absolut überlegenen Luftwaffe. Fazit: Die Amerikaner haben sich voll überschätzt und dadurch vermeidbare Verluste gehabt. Der endgültige Sieg hat die Deutschen vor schrecklichen Dingen bewahrt. Ja - die Amerikaner haben uns befreit. Das haben viele unserer Landsleute lange nicht wahrhaben wollen.
Gottfried Esser, 04.10.2019
5. Hürtgenwald
1968 im Februar hat man uns junge Soldaten per Bus an die Belgische Grenze gebracht, ausgeladen, in kleine 4-5Mann Gruppen aufgeteilt mit einer spärlichen Karte + Kompass versehen und in zeitlichen Abständen losgeschickt. Wir hatten 72h Zeit, um unseren Standort Gürzenichwald bei Düren zu erreichen. Ich werde diesen nächtlichen Marsch durch den Hürtgenwald wohl nicht vergessen, war uns doch bewusst, das vor etwas mehr als 22 Jahren eine der blutigsten Schlachten dort getobt hatte.
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