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Alma M. Karlin: "In Südamerika war ich plötzlich der ungeschickte Kanarienvogel"

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Adolf Perissich

Weltreisende Alma M. Karlin "Ich will ja nicht gehen, aber ich muss"

Vor hundert Jahren brach Alma M. Karlin in Slowenien zu einer Weltumrundung auf. Mit wenig Geld kam sie über Südamerika und Asien bis in die Südsee - und war als allein reisende Frau ständig Gefahren ausgesetzt.

Mit einer "Erika"-Schreibmaschine und einem handgeschriebenen Wörterbuch in zehn Sprachen verließ Alma Maximiliana Karlin am 24. November 1919 ihren Geburtsort Celje in Slowenien, um allein andere Kontinente zu entdecken. Erst Ende 1927 kehrte sie zurück, um viele Erfahrungen reicher und zugleich tief ernüchtert.

"Ich vertraute blindlings auf mein Wissen, trieb kühn ins Unsichere hinaus - ganz wie ein ahnungsloses Kind in ein leckes Boot klettert", schrieb sie in ihrem Buch "Einsame Weltreise", das von den ersten vier Jahren ihres Abenteuers handelt.

Die Tochter eines Offiziers und einer Lehrerin hatte eine schwierige Kindheit. Das kleinwüchsige, dünne Mädchen kam halbseitig gelähmt, mit Wasserkopf und schielend zur Welt, die Ärzte sahen kaum Überlebenschancen.

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Karlin kämpfte sich jedoch voran und verspürte bald den Drang, aus der Enge der Provinz auszubrechen. Neben ihrer Muttersprache Deutsch lernte sie während des Studiums in Graz, Paris und London acht Fremdsprachen, nach Kriegsbeginn lebte sie vorübergehend in Norwegen und Schweden.

Unabhängigkeit statt Ehefesseln

Eine Zukunft als Ehefrau und Mutter, die sich stets unterordnen muss, war für sie undenkbar. Stattdessen wollte sie als "Freigeist und Ausbund des Ungehorsams" ein selbstbestimmtes Leben als Schriftstellerin und Journalistin führen.

"Ich will ja nicht gehen, aber ich muss", sagte sie sich vor ihrer großen Reise. "Etwas in mir drängt, und ich kann keine Ruhe finden." Ihre Ersparnisse - 130 Dollar und 1000 Reichsmark, die sie als Lehrerin verdient hatte - nähte sie in einen Gürtel ein.

Über Triest gelangte Karlin nach Genua und schiffte sich auf dem Ozeandampfer "Bologna" in Richtung Peru ein. Ihr knappes Budget zwang sie, im Zwischendeck zu schlafen, dicht gedrängt neben seekranken Passagieren, die sich ständig übergeben mussten. "Das Schiff und der Magen hoben und senkten sich fortwährend."

Ihre unterhaltsamen, oft ironischen Schilderungen machten Karlin später zu einer der meistgelesenen Reiseautorinnen in Europa, ihre Bücher erschienen auch in Übersetzungen.

Einsatz für den "Weltfrieden"

Fantasievoll beschrieb sie ihre Eindrücke von Menschen, Städten und exotischen Landschaften. In der venezolanischen Hauptstadt Caracas sah sie etwa "eine Kirche, die so viel Sprünge hat wie ein Altweibergesicht Runzeln hat".

Die junge Frau mit der zerzausten Bubikopf-Frisur hatte das ehrgeizige Ziel, "in Wort und Schrift für den Weltfrieden unter den Völkern zu arbeiten". Ihr Blick war allerdings eurozentriert, Menschen mit anderer Hautfarbe begegnete sie mit Vorurteilen. Sätze wie dieser lösen heute Befremden aus: "Nur wer ganz rücksichtlos ist, kommt in den Ländern der Mischlinge fort."

Aufmerksam beobachtete sie ihre Geschlechtsgenossinnen in Südamerika: "Im Wesen der Frauen lag etwas Schwermütiges, Lebensmüdes." Mit Männern machte sie traumatische Erfahrungen. Sie wurde bedrängt und ausgeraubt, mehrmals entging sie nur knapp einer Vergewaltigung. Die Angst vor solchen Überfällen überwand sie nie mehr.

Von "Menschentieren" verfolgt

Mit aller Kraft stemmte sich Karlin, der es vor Sexualität graute, gegen ungebetene Verehrer: "Ich wurde stachelig wie ein Tropenigel."

Männer wurden in ihren Augen zu "Bestien", "Menschentieren" und "Zweibeinern mit menschlichen Gesichtern". Mehrmals verliebte sie sich in solche, die sie als "Seelenverwandte" sah, doch all diese Beziehungen scheiterten.

Chronisch war Karlin knapp bei Kasse, Hunger ihr ständiger Begleiter. Um die Weiterreise finanzieren zu können, gab sie Sprachunterricht, bastelte Weihnachtskarten oder verkaufte eigene Zeichnungen. Als sie in der Provinz Panama beeidigte Dolmetscherin wurde, verbesserte sich ihre prekäre Lage. Doch Karlin steuerte bald neue Ziele an.

Ihre Weltreise vorzeitig zu beenden, zog sie trotz aller Probleme nie ernsthaft in Betracht. Die naive Begeisterung für das Reisen war jedoch bald verflogen. "Mit der Lust und dem Mut, den ich auf dem 'Bologna' gehabt hatte, war es zu Ende", bekannte sie bei einem Zwischenstopp in Hawaii.

"Vor dem Geld verbeugen sich alle"

Anderen unternehmungslustigen Frauen gab sie mit dem 1929 erschienenen Buch "Einsame Weltreise" eine Warnung mit auf den Weg: "Meine Geschlechtsgenossinnen sollen wissen, mit welchen Schwierigkeiten man zu kämpfen hat, wenn man im fernen Ausland mit geringen Mitteln (vor dem Geld verbeugen sich alle), nur von der Kunst leben wollend, allein reist."

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Karlin, Alma M.

Einsame Weltreise

Verlag: AvivA
Seitenzahl: 400
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1922 erreichte sie Japan, wo sie zeitweise in der deutschen Botschaft in Tokio arbeitete. Von dort aus reiste sie weiter nach Korea, in die Mandschurei, nach China und Formosa, dann nach Australien, Neuseeland, zu den Südseeinseln, nach Indonesien, Thailand und Indien.

Als sie die Nachricht erhielt, dass ihre Mutter im Sterben liege, kehrte sie nach Hause zurück. Erschöpft und krank kam sie im Dezember 1927 in Celje an.

Noch während der Reise hatte sie Beiträge für mehrere Zeitungen geschrieben. Ihre Bücher - "Im Banne der Südsee" lautet ein weiterer Titel - waren in den Dreißigerjahren im deutschsprachigen Raum weit verbreitet. Anfang der Vierzigerjahre wurden ihre Schriften von den Nationalsozialisten verboten. Bereits vorher hatte sie sich entschieden vom Regime distanziert, verweigerte nach der Regierungsübernahme der Nationalsozialisten die Zusammenarbeit mit Zeitungen in Deutschland.

Im Widerstand gegen die Nazis

In Celje nahm sie 1937 den von den Nazis ausgebürgerten Journalisten Hans Joachim Bonsack  bei sich auf. Nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1941 verhaftete die Gestapo Karlin; 1944 kam sie frei und schloss sich Partisanen an.

Auch am Kommunismus übte sie offen Kritik, die Behörden in Jugoslawien verweigerten ihr daraufhin einen Reisepass. Als deutschsprachige Autorin wurde sie in ihrer Heimat abgelehnt und geriet in Vergessenheit. Völlig verarmt starb Alma M. Karlin 1950 in einem Bergdorf.

Erst nach der Unabhängigkeit Sloweniens wurde ihr Werk wiederentdeckt und erschienen bis dahin unveröffentlichte Schriften. An Karlin erinnert heute auch eine Bronzestatue mit einem Koffer in der Hand, die 2010 im Zentrum von Celje aufgestellt wurde.