Schulzeit in der DDR Ehrenwache und Elvis

Dank seiner proletarischen Herkunft und eines Stipendiums durfte Rainer Schinzel ab 1960 ein Internat im Thüringer Wald besuchen. Doch während der Ehrenwache für den toten DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck unterlief ihm ein schwerer Fehler.

Rainer Schinzel

Die Erinn'rung ist eine mysteriöse Macht und bildet die Menschen um.

Wer das, was schön war, vergißt, wird böse.

Wer das, was schlimm war, vergißt, wird dumm.

(Erich Kästner)

Im Jahr 1960, ich war 14, begann für mich ein neuer Lebensabschnitt. Die Grundschule war beendet, ich kam auf eine Erweiterte Oberschule (EOS) mit erweitertem Russischunterricht. So hieß das. Ein Internat, gelegen auf den Höhen des Thüringer Waldes.

Ich wurde dafür ausgewählt, wegen meiner guten Noten, aber auch wegen der richtigen Klassenzugehörigkeit. Eltern Proletarier, beide Großmütter proletarisch, die sozialistische Ahnenforschung hatte nichts zu beanstanden.

Die Jugendweihe hatte ich auch absolviert.

Im Mai 1960 war mein Vater verstorben, wie man das euphemistisch formulierte - er hatte sich umgebracht. Meine Mutter hegte Besorgnisse: "Oberschule können wir uns nicht leisten." Mein Grundschuldirektor leistete Überzeugungsarbeit, ein Stipendium, das ich bekam, half. Die großen Erfolge der Arbeiter und Bauern in der Produktion machten es möglich.

Teil des Klassenkollektivs

Ich wurde Teil eines Klassenkollektivs in der "Kaderschmiede des Sozialismus" in Wickersdorf - eine neue Welt tat sich auf. Eine seltsame Welt. Überall lauerte der Klassenfeind. Das erzählten uns die Lehrer und wir waren wachsam. Nicht wachsam genug, wie sich herausstellte.

Wilhelm Pieck starb.

Da gab es in der DDR Staatstrauer. Auf unserem Schulhof in Thüringen wurde ein Riesen-Portraitfoto von Wilhelm aufgebaut, mit Trauerflor und Blumen. Rechts und links brannten Fackeln und wir - die junge Garde des Proletariats - hielten Ehrenwache. Rund um die Uhr.

Mein Wachturnus war nachts, von 3 bis 4 Uhr. Ich stellte mir den Wecker, ging zur Wachablösung und übernahm von meinem Vorgänger das Kleinkalibergewehr, mit welchem wir Ehrenwache halten sollten, das Gewehr vor der Brust, das war wohl die angemessene Position für so was. Erfahrung darin hatte ich ja nun keine. Auf der anderen Seite des riesigen Bildes, schwach beleuchtet durch den Fackelschein, stand ein Mitschüler, der wie ich zur Wachablösung erschienen war.

Da standen wir nun, auf dem dunklen Schulhof, nachts gegen 3 Uhr, um uns herum tote Hose. So sagten wir es natürlich nicht, aber wir fingen schon an, uns zu unterhalten, halblaut. "Hier sieht uns doch keiner - warum sollen wir mit dem schweren Schiessprügel dumm 'rumstehen?" "Setzen wir uns doch lieber hin und stehen erst wieder korrekt rum, wenn die Ablösung kommt!"

Fehlende revolutionäre Wachsamkeit

Das machten wir. Und wo wir schon mal saßen, zündeten wir uns jeder einer Zigarette an. Rauchen war damals noch nicht so gesundheitsschädlich wie heute. Schädlich war es aber, denn der kontrollierende Lehrer vom Dienst (LvD hieß der bei uns im Internat) erwischte uns. Mit besserer revolutionärer Wachsamkeit, als wir sie hatten, hatte er sich richtig angeschlichen.

Wir hatten ein Problem. Jetzt hatten wir nicht nur ein Wachvergehen begangen, sondern auch noch das tote Staatsoberhaupt missachtet. Da stand nun allerheftigste Selbstkritik an. Das konnte man kaum wieder gut machen. Irgendwie klappte es. Wir durften uns bewähren.

Später "verhalf" mir ein Klassenkamerad, der mir helfen wollte, zu Schwierigkeiten. Er hatte mich ertappt, als ich Westsender hörte (ich war heimlicher Elvis-Fan). Er sprach das in der FDJ-Versammlung an, der Versuch des Klassenfeindes, mich ideologisch zu vergiften, müsse unterbunden werden. Der Versuch wurde unterbunden, ich übte wieder mal heftige Selbstkritik und bekam erneut die Chance, mich zu bewähren.



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