Fotostrecke

Rekordjagd am Ärmelkanal: Die Schwimm-Extremisten

Foto: City of Toronto Archives, Globe and Mail fonds, Fonds 1266, Item 14714.

Kanalschwimmer Der "Schwarze Hai" und der Kompass im Marmeladenglas

Der Ärmelkanal wurde vor gut 90 Jahren zum Schauplatz einer spektakulären Rekordjagd. Schwimmer wie Gertrud Ederle, Otto Kemmerich und Ernst Vierkötter konnten ihren Ruhm als Profis versilbern.

Dem großen Mythos des Schwimmens begegnete André Wiersig, 47, erstmals im Englischunterricht. Als Realschüler faszinierte ihn die Geschichte des Kapitäns Matthew Webb, der 1875 als Erster den Ärmelkanal durchschwommen hatte. Nach 22 Stunden erklärte Webb lässig, er habe nur etwas Muskelkater. Tatsächlich konnte er eine Woche lang kein Hemd anziehen, weil das Salzwasser seine Haut am Hals aufgelöst hatte - da war nur noch rohes Fleisch.

Inzwischen hat Wiersig als erster deutschsprachiger Schwimmer die Ocean's Seven bewältigt, sieben große Herausforderungen. Er hat also

  • sich vor Hawaii über 44 Kilometer durch den Kaiwi-Kanal zwischen Molokai und Oahu gequält, wo ihn die Portugiesischen Galeeren stachen, eine der bei Berührung schmerzhaftesten Quallen der Welt,
  • den eiskalten North Channel zwischen Irland und Schottland durchmessen (34 km),
  • der wilden Kreuzsee der japanischen Tsugaru-Straße getrotzt (20 km),
  • die Cookstraße zwischen dem Norden und dem Süden Neuseelands durchkrault (26 km),
  • ebenso den Santa-Catalina-Kanal vor Los Angeles (34 km)
  • und auch die Straße von Gibraltar zwischen Marokko und Spanien bezwungen - nur 14 Kilometer, dabei mit unberechenbaren Strömungen und oft starken Winden.
  • Besonders aber bewegte ihn jener Moment, als er im September 2014 den 33,8 Kilometer breiten Ärmelkanal durchquert hatte.

Als Wiersig südlich von Cap Gris Nez auf einen Felsen kletterte, dachte er auch an die legendäre Gertrud Ederle. Sie hatte als erste Frau den Ärmelkanal am 6. August 1926 gemeistert, zwei Millionen Menschen feierten sie in ihrer Heimat New York mit einer Konfettiparade. Das Gefühl, es Webb und Ederle "nachgemacht zu haben, berührte mich tief", schreibt Wiersig in seinem Buch "Nachts allein im Ozean". "Ich gehöre jetzt dazu, obwohl das Ziel doch unerreichbar schien. Das sind Gefühle, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde."

Fotostrecke

Rekordjagd am Ärmelkanal: Die Schwimm-Extremisten

Foto: City of Toronto Archives, Globe and Mail fonds, Fonds 1266, Item 14714.

Nie war die Aufmerksamkeit für Freiwasser-Schwimmen so hoch wie Mitte der Zwanzigerjahre. Am Cap Gris Nez zwischen Calais und Boulogne versammelten sich die weltbesten Schwimmer zu einer Rekordjagd, die zu einem der frühesten globalen Sportereignisse wurde, angeheizt von Medien und Filmgesellschaften. Japaner, Briten, Amerikaner und auch Deutsche tummelten sich dort.

"Die Attraktion für die Öffentlichkeit und die Medien lag in der Unvorhersagbarkeit, die jeden Schwimmversuch zu einer Sensation werden ließ", sagt die Sporthistorikerin Swantje Scharenberg. Hinzu kamen lukrative Prämien.

Vorsicht, Seehundjäger

Freilich lockte nicht allein das Geld die Sportler. So schickte Ägyptens König Fu'ad I. den hünenhaften Ishak Helmi an den Kanal, um das Prestige des jungen Reiches zu mehren. Helmi erhielt jährlich 25.000 US-Dollar für sein Projekt. Damit konnte er 1925 eines der beiden Cap-Hotels ganz für sich allein buchen und so die Konkurrenz schwächen. Auch die Schwimmer und Schwimmerinnen aus den USA waren finanzstark. Gertrud Ederle etwa sponserte ihr Vater, der aus Bissingen nach New York ausgewandert und dort als Schlachter reich geworden war.

Die Deutschen fanden kaum geeignete Begleitboote für ihre Versuche. "Alles, was an wirklich brauchbarem Schiffsmaterial zur Verfügung stand, war durch das in reichem Maße vorhandene Kapital der Amerikaner auf die Seite der amerikanischen Schwimmer gebracht", klagte der mitgereiste Reporter der "Kieler Zeitung", als er am 24. August 1926 über den Husumer Schwimmer Otto Kemmerich berichtete.

Kemmerich hatte im August 1925 für Schlagzeilen gesorgt, indem er ohne Begleitung und mitten durch ein Unwetter von Fehmarn nach Warnemünde schwamm, in gut 20 Stunden für rund 62 Kilometer Luftlinie. Kemmerich, 39, orientierte sich an Leuchtfeuern und benutzte zudem ein luftdichtes Marmeladenglas, von Korken über Wasser gehalten. Darin war eine Seekarte ausgerollt und am Boden ein Kompass installiert; beides hielt hineingestopfte Watte fest.

Anzeige
Wiersig, André, Eggers, Erik

Nachts allein im Ozean. Mein Weg durch die Ocean's Seven: Mit einem Vorwort von Steven Munatones

Verlag: Verlag Eriks Buchregal
Seitenzahl: 160
Für 19,90 € kaufen
Produktbesprechungen erfolgen rein redaktionell und unabhängig. Über die sogenannten Affiliate-Links oben erhalten wir beim Kauf in der Regel eine Provision vom Händler. Mehr Informationen dazu hier

Schwamm Kemmerich im nordfriesischen Wattenmeer, zog er zusätzlich einen Bambusstab mit roter Signalflagge hinter sich her - damit ihn nicht die Seehundjäger, die seinerzeit unterwegs waren, erschossen.

Kemmerichs Expedition zum Ärmelkanal finanzierte ein Kieler Unternehmer, der bei Reichspräsident Hindenburg erfolglos um Unterstützung für das "nationale Projekt" geworben hatte. Bevor der Husumer am 23. August 1926 seinen Versuch startete, war er nicht unumstritten: Kemmerich trug gewebte Handschuhe, mit denen er besser ziehen konnte, weil die Finger wie Entenhäute miteinander verbunden waren.

Hinterrücks vom Delfin erwischt

Als er auf dem Weg war, Ederles Rekord deutlich zu brechen, kam es laut "Kieler Zeitung" zu einer plötzlichen Attacke: "Ein deutlich sichtbarer Delphin stürzt auf Kemmerich zu, hebt ihn aus dem Wasser, dass er rücklings wieder hineinpurzelt, und versetzt ihm einen Schlag vor den Magen und auf den rechten Arm." Halb bewusstlos zog man Kemmerich ins Boot. Das Tier habe ihn wegen der Schwimmhäute wohl mit einer Ente verwechselt, spottete die englische Presse, wie Gavin Mortimer in seinem grandiosen Buch "The Great Swim" erzählt.

Als der Kölner Ernst Vierkötter wenige Tage später Ederles Rekord um über zwei Stunden auf 12 Stunden und 38 Minuten unterbot, feierte ihn die deutsche Presse - 1927 erhielt er das "Goldene Band", Vorläufer des "Sportler des Jahres". Im Jubel erwähnten die Zeitungen nie Vierkötters starkes Handicap: Er sah nur mit links, seit in der Jugend seine Schwester beim Spielen mit einer Hutnadel sein rechtes Auge beschädigt hatte.

Vierkötter hatte enorm im Rhein trainiert, war einmal 106 Kilometer von Oberlahnstein nach Köln geschwommen. Auch er brauchte Mäzene für den Ärmelkanal. Seinen Rekord nutzte er, um Profi zu werden.

Der Kölner wanderte nach Kanada aus und wurde vermögend, als er 1927 die Canada National Exhibition gewann. Dieses Langstreckenschwimmen auf dem Ontariosee hatte Kaugummi-Magnat William Wrigley jr., Besitzer der Chicago Cubs, initiiert und mit 50.000 Dollar Preisgeld dotiert; allein der Sieger kassierte 30.000 Dollar. Favorit: der erst 17-jährige Kanadier George Young, der kurz zuvor als Erster die Straße von Catalina vor Los Angeles durchschwommen hatte. Das Rennen machte ihn zeitweise so populär wie Baseballstar Babe Ruth.

Pfui, Berufssportler

Aber "The Catalina Kid" musste im Duell gegen "The Black Shark" aufgeben. "Schwarzer Hai" war nämlich Vierkötters Spitzname, weil er sich zwecks Kälteschutz vor dem Start Rumpf und Arme mit Teerpaste einrieb.

Gertrude Ederle versilberte ihren Ruhm nach 1926 durch Filme und Revuen. Auch andere Schwimmerinnen verdingten sich als Profis. So erhielt die Britin Mercedes Gleitze, deren Eltern ebenfalls aus Deutschland stammten, 1927 von Rolex eine Prämie, als sie mit wasserdichter Uhr um den Hals den Ärmelkanal durchquerte.

Empfohlener externer Inhalt
An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt von YouTube, der den Artikel ergänzt und von der Redaktion empfohlen wird. Sie können ihn sich mit einem Klick anzeigen lassen und wieder ausblenden.
Externer Inhalt

Ich bin damit einverstanden, dass mir externe Inhalte angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.

Kemmerich war ebenfalls als Berufssportler unterwegs. Bald nach seinem Ärmelkanalversuch schwamm er als Erster durch den Belt, von Fehmarn nach Rödby-Hafen - und strich dafür 1000 Kronen von der dänischen Zeitung "Politiken" ein. Dazu gewann Kemmerich ein Schwimmen von Malmö nach Kopenhagen und ließ sich 30 bis 40 Mal im Jahr von Kur- und Badeorten wie Sellin, Westerland oder Norderney als "Wunderschwimmer" anheuern.

Im April 1927 fungierte Kemmerich auf Sylt als Galionsfigur für ein "Rundfunk-Versuchsschwimmen" des Radiosenders Norag, der testen wollte, ob man während des Schwimmens mit ihm kommunizieren könne (man konnte). Dabei präsentierte er sich in einem "Continental-Schwimmanzug".

Weil er aus seinem Profitum kein Geheimnis machte, deklarierte der Deutsche Schwimmverband Kemmerich schon 1927 als Berufssportler und erkannte seine Ausdauerrekorde (1928 schwamm er einmal 46 Stunden am Stück) nicht offiziell an. Daher geriet Kemmerich, wie auch Vierkötter, in Deutschland in Vergessenheit.

1968 wurde der Nordfriese als erster Deutscher in die Marathon Swimming Hall of Fame aufgenommen - posthum. Denn 1952 hatte Kemmerich im Alter von bereits 66 Jahren vom dänischen Esbjerg 200 Kilometer südwärts nach Husum schwimmen wollen und war vor der Insel Föhr ertrunken. Der Weinbrand-Hersteller Dujardin als Preisgeld-Stifter musste die vereinbarte Prämie für den Mann, der beinah der erste deutsche Kanalschwimmer geworden wäre, nicht mehr auszahlen.