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Halb Ost, halb West - Micco und die Schwulenbewegung

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Philipp Reiss

Schwul in der DDR "Ich hatte keine Ahnung, wie die Stasi arbeitet"

In Hamburg führt Micco Dotzauer vergnügt die Contact-Bar. In der ersten Hälfte seines Lebens kämpfte er in Leipzig für die Schwulenbewegung - bis er 1988 aufgab und von einem West-Besuch nicht zurückkehrte.

Hinter der Theke scheppert Micco mit einer rostigen Spendenbüchse um Aufmerksamkeit. Wie alles, was er organisiert, dient auch der Quizabend in seiner Bar dem guten Zweck: "So ihr Schwuchteln, hört alle her! Zwei Euro ist der Mindestbetrag. Spendet fleißig, alles geht an die Aids-Seelsorge. Keine Ausreden!"

Sein Ton, naja, der ist anfangs gewöhnungsbedürftig, das weiß Micco, gerade 63 geworden, selbst und zweifelt manchmal, ob sein Gegenüber auch alles ins "richtige Ohr" bekommen hat. Aber: "So bin ich eben." Seine Stammgäste kennen das und warten nur auf den nächsten Spruch: "Auch wenn es heute nicht so voll ist, will ich vollen Einsatz!"

Michael Dotzauer, alle nennen ihn Micco, hat aufmerksame, blaue Augen hinter einer schwarzen Vollrandbrille, kurze, früher strohblonde Haare und ein kleines Bäuchlein - "ach, das zieh ich seit Jahren nicht mehr ein, was soll's". Ihm gehört die Contact-Bar, eine Schwulenbar im Hamburger Queer-Viertel St. Georg, wo einige Zebrastreifen regenbogenbunt statt weiß auf den Asphalt gemalt sind.

Den Namen hat er gewählt, weil seine Gäste "in Kontakt kommen sollen, na, sich kennenlernen und wohlfühlen und miteinander quatschen halt". Das liegt ihm am Herzen, weil er das selbst so leicht nicht konnte.

Micco ist in der DDR aufgewachsen. Die Hälfte seines Lebens, fast aufs Jahr genau, hat er in Leipzig verbracht. Sexualität kannte er lange nur im Geheimen, wagte erst im Schutzraum der Kirche sein Coming-out, kämpfte fortan für Schwulenrechte und gegen staatliche Verbote. Alles, wie er später herausfand, unter geheimdienstlicher Überwachung.

Männer kennenlernen - schwierig

Dass er auf Männer steht, fand Micco mit 17 heraus, an einem Sonntagabend im Jahr 1974. Bis heute weiß er nicht, wie er diesem Wildfremden einfach vertrauen konnte. Sex unter erwachsenen Männern war da länger schon erlaubt, § 175 aus dem Gesetzbuch der DDR gestrichen. Der diskriminierende "Schwulenparagraf" hatte seit der Kaiserzeit "widernatürliche Unzucht" zwischen Männern mit Gefängnisstrafe belegt, die Nazis hatten den Paragrafen noch verschärft. Doch das Kammergericht in Ostberlin befand 1957, schwules Leben stelle keine Gefahr für die sozialistische Ordnung dar.

Damit war der Paragraf 175 faktisch außer Kraft und die DDR der BRD voraus, wo er noch länger galt. Auf dem Papier hatten Homosexuelle im Osten mehr Rechte. Aber nicht auf der Straße. Die anerzogenen Vorurteile in den Köpfen, die blieben.

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Halb Ost, halb West - Micco und die Schwulenbewegung

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Philipp Reiss

Unterrichtsmaterialien für DDR-Lehrpersonal, so beschreibt es die Bundeszentrale für politische Bildung heute, stellten gleichgeschlechtliche Partnerschaften als negativ dar. Ab Ende der Sechzigerjahre forschten Wissenschaftler an der Verhinderung homosexueller Neigung; eine Hormonbehandlung im Kindesalter galt als vielversprechend. Polizei und Stasi bespitzelten und verfolgten Schwule - bis in die Achtzigerjahre. Schwule lebten, auch deshalb, nicht öffentlich.

Möglichkeiten, Männer kennenzulernen, gab es wenige. Micco flanierte gern am Bahnhof und hielt Ausschau. In manchen Restaurants platzierten Kellner - nicht offiziell, gegen gutes Trinkgeld - passende Gäste zusammen. Schwule zu Schwulen. Und wenn es funkte, traf man sich im Clara-Zetkin-Park zum "Outside-Cruising", wie Sex im Freien heute heißt. Zur Not taten es auch öffentliche Toiletten, die Klappen. "Ach Gott, die Klappen, ja", erinnert sich Micco, "die waren furchtbar, kaputt, schmutzig und haben gestunken, aber wo sollten wir auf die Schnelle hin?"

Inzwischen würde er wohl antworten: in seine Contact-Bar. Freitags veranstaltet Micco Sexpartys. Am Quizabend aber ist der dunkelrot gestrichene Darkroom zur Garderobe umgemodelt, darin eine fast leere Kleiderstange, an der Wand ein Holzkreuz mit Nieten, eher nicht von sakraler Bedeutung, davor eine Liegefläche. Alles leicht abwaschbar.

"Wir sind hier nicht so etepetete"

Vorn im Gastraum das Kontrastprogramm: plüschiges Rosa, Lichterketten, Diskokugeln, Einhörner, Plastik-Kuckucksuhren an den Wänden. Flohmarkt-Charme und überall Flamingos. Der eine rosa Vogel zwischen Gläsern und Flaschen mit Hochprozentigem kann sogar jodeln, den führt Micco gern vor. "Schön, schrecklich schön. Ich weiß. Aber auch lustig. Die Leute sollen Spaß haben, die lassen ja auch ihr Geld hier." Sein Publikum? "Wie eine Familie. Manchmal kommen Touristen, die gehören sofort dazu. Wir sind hier nicht so etepetete. Klar, andere Bars sind schicker. Hier ist es gemütlicher."

Micco brauchte lange, um zu seiner Homosexualität zu stehen. Er absolvierte eine Ausbildung zum Physiotherapeuten an der Karl-Marx-Universität, diente drei Jahre in der Nationalen Volksarmee, medizinischer Dienst, und trat auch der SED bei, "freiwillig und aus Überzeugung", wie er sagt, um "am Staat mitzuarbeiten und die Politik mitzubestimmen". Er lebte in Ordnung und Frieden, wie ihm geheißen, arbeitete beim VEB Städtische Bäder und jobbte nebenher in der Leipziger Gastronomie. Mal ging er zum Bahnhof, mal in den Park. Bis er vom "Arbeitskreis" hörte. Eine Gruppe, in der Schwule offen redeten, hieß es.

Micco wollte reden. Er fand den Arbeitskreis Homosexualität (AKHS) der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig, mitbegründet 1982 vom Theologen und Journalisten Eduard Stapel, von dem Micco beinah ehrfürchtig spricht. Nach dem Leipziger Vorbild entstanden mehr als 20 weitere, untereinander vernetzte Arbeitskreise.

Die evangelische Kirche hatte damit großen Anteil an der schwul-lesbischen-Emanzipationsbewegung. "Sie bot uns einen geschützten Raum, in dem wir selbstbestimmt reden konnten. Und dazulernen", sagt Micco. Zum Beispiel, wie wichtig der Zusammenhalt in einer Minderheit sei.

Seit Jahren hilft Micco der schwulen Gemeinschaft. Seine Initiative heißt "Die Paten - Hilfe für die Community", er sammelt Spenden und veröffentlicht sie auf Facebook auf den Cent genau. Am 12. Juli schrieb er etwa: "Kassensturz! Bis jetzt haben wir für das geplante Denkmal für sexuelle Vielfalt 2384,50 Euro gesammelt!" Ein Hamburger Denkmal zum Gedenken an verfolgte Homosexuelle - das wünscht er sich schon lange.

Sie wollten nie verheimlichen, wer sie waren

Klar haben sie gewusst, dass sie damals als Schwule beobachtet wurden. "Ich hatte keine Angst. Weil ich keine Ahnung hatte, wie die Stasi arbeitet", sagt Micco heute. Die Staatssicherheit hatte ihn im Zuge des Operativen Vorgangs (OV) "Bruder" ausgespäht. Es war die höchste, intensivste Stufe der Überwachung und Verfolgung in der DDR.

Am 3. September 2001 hat Micco seine Stasi-Akten eingesehen. Manchmal bringt er Kopien mit in seine Bar und gibt den abgewetzten grauen Ordner nicht aus der Hand. Lose liegen darin mit Schreibmaschine bedruckte Seiten, in jeder Klarsichtfolie ein anderer Stasieinsatz.

Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Abteilung XX/9, Leipzig, 19. November 1984, Maßnahmeplan zum OV Bruder:

Homosexuell veranlagte Personen nutzen den sogenannten Freiraum Kirche zu Aktivitäten für ihre gesellschaftliche Anerkennung. […] Die Führungskader des "Arbeitskreises Homosexualität" der Evangelischen Studentengemeinde Leipzig, Kittlitz, Richter und Dotzauer besitzen eine negative Grundeinstellung zu den gesellschaftlichen Verhältnissen in der DDR und sammeln unter dem Deckmantel der Kirche homosexuelle Menschen.

"Für den Staat war die Kirche subversiv, weil er dort keine Kontrolle über uns Schwule hatte", sagt Micco. Dabei wollten sie im AKHS nie verheimlichen, wer sie waren und was sie wollten: Homosexuellen eine gesellschaftliche Stimme geben. Dafür legten sie auch, anlässlich des Kirchentages, im früheren KZ Buchenwald einen Kranz nieder. Doch am Tag davor verbot die Polizei die Schleife mit der Aufschrift "In Gedenken an die ermordeten Homosexuellen. AKHS ESG Leipzig." Also strich Micco den Kirchenteil und schrieb seinen Namen drauf. "Das ging durch. Absurd, oder?"

Einmal meldete er eine Faschingsveranstaltung an. Abgelehnt. Begründung: Homosexuelle bräuchten keine eigene Feier, sie könnten an anderen teilnehmen. In Miccos Stasi-Akten steht auch, wie er den Leipziger Oberbürgermeister bei einem Wählerforum fragte, was er für die Homosexuellen zu tun gedenke - ein "rein oppositionelles Verhalten", so die Stasi.

Micco war nie Kirchgänger, kein gläubiger Mensch, der Arbeitskreis diente nur seiner Sache. Sein rotes Parteibüchlein der SED hatte er längst dem Parteisekretär auf den Tisch gelegt. Die Stasi vermerkte: "Dotzauer trat 1983 ohne Begründung aus. Seine politische Einstellung muß als negativ eingeschätzt werden." Er selbst sagt: "Ich wollte immer nur, dass sich eine staatliche Institution für uns Schwule einsetzt. Und wurde immer wieder enttäuscht."

Der schlimme Paragraf verschwand erst 1994

1986 stellte er einen Antrag auf Besuchsreise zum Geburtstag seiner Großmutter, die nahe Hannover wohnte. Man konnte ja alles beantragen. Abgelehnt. Aber im Jahr darauf kam überraschend die Genehmigung. "Wollen die mich loswerden?", war sein erster Gedanke. Der zweite: "Dann schau ich mir eben den Westen an."

Als Micco nach zehn Tagen in die DDR zurückkehrte, fragte er sich: Wieso eigentlich? "Plötzlich war alles finster, es regnete, die Züge der Reichsbahn waren immer schon grau, alt, hässlich und kalt", erinnert er sich an den Moment, als er die Grenze überquerte. "Ich hatte das Gefühl, eine schwere Eisentür schlägt hinter mir zu, und dachte: Bist du bescheuert?" Und dann: "Wenn meine Oma noch ein Jahr durchhält, kehre ich nicht zurück." Sie hielt durch.

31 Jahre lebte Micco in der DDR. Nach einem Urlaub im Westen blieb er im November 1988 dort, ein Jahr vor dem Mauerfall. SED, NVA, er war lange linientreu. Für Wessis sei das schwer zu verstehen, er sei da geboren und aufgewachsen, habe die Ideologie eingeimpft bekommen. Micco wollte die DDR zum Positiven verändern. Nur: "Das haben die Dussel nicht verstanden."

Seit 31 Jahren lebt Micco in Hamburg. Von Beginn an liebte er die Schwulenbars, Kneipen und Diskotheken, lebte das freie, öffentliche, schwule Leben. Die Sichtbarkeit Homosexueller war im Westen größer. 1990 küssten sich zwei Männer erstmals im Fernsehen, in der ARD-Serie "Lindenstraße".

Ein Symbol. Micco weiß, wie wichtig Symbole sind im Kampf um Gleichberechtigung. Erst vor 26 Jahren verschwand der Paragraf 175 endgültig aus dem vereinigten deutschen Strafrecht. Die damit verurteilten Männer rehabilitierte der Bundestag erst vor drei Jahren. Etwa 64.000 waren das, die meisten durch die Nazis. Erst neulich hat Micco auf dem Nachrichtenportal Queer.de gelesen, dass in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen beschmiert wurde. Wieder einmal.

Sein Kampf ist längst nicht vorbei. Und mit schiefem Grinsen sagt Micco: "Wir müssen wieder lauter werden und bleiben. Denn wir wollen doch vorwärts immer, rückwärts nimmer!"

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