Scout vs. Amigo Volle Rückendeckung

Der Ranzen ist für Schüler mehr als ein Bücherbehältnis. Seit bunte Nylonboxen die Ledertornister verdrängten, ist er das Ticket in den Kreis der Coolen - oder der Verstoßenen. Linus Volkmann lässt zwei Schulhof-Klassiker gegeneinander antreten: Amigo gegen Scout.

DPA

Um auf Deutschlands Schulhöfen ein lauschiges Plätzchen in der Schulhof-Hackordnung zu erobern, verfügt ein Kind heute über ungeahnte Möglichkeiten. Es kann die Runde seiner kleinen Kumpels mit Zitaten aus den unanständigen Wortkaskaden der Deutschrapper Sido und Bushido beeindrucken. Oder per Nintendo DS drahtlos kleine "Pokémon"-Monster tauschen. Oder es erobert mit selbstgedrehten Handy-Videos die Herzen der YouTube-Fraktion. Fertig!

Wir dagegen ahnten früher noch nichts von Handys. Mensch!, wir waren ja froh, wenn uns beim Zehn-Kilometer-Fußmarsch in die nächste Volksschule nicht das Monokel aus dem Auge fiel. Deswegen definierten wir Schüler der siebziger und achtziger Jahre uns vor allem über ein Accessoire: den Ranzen.

Mit einem Scout zum Beispiel, der Premium-Marke in der damaligen Ranzenszene durfte man sich nämlich angekommen wähnen im Establishment aller (Schul-)Klassen. Ich konnte mich glücklich schätzen, ich gehörte dazu. Ich vermute mal, meine Mutter wollte keinen Freak heranziehen - denn alle, die keinen Scout trugen, waren Freaks, keine Frage.

Ausgerechnet ein Chihuahua

Manche von den Amigo-Losern waren sogar so am Ende, die hatten noch nicht mal einen Amigo! Sondern einen Mc Neill. In dessen Logo prangte ein Chihuahua. Das muss man sich mal vorstellen! Ich meine, da brauchte man ja nicht Heraldik als Wahlpflichtfach gehabt zu haben, um zu wissen, dass so ein Hund kein gutes Wappentier hergab. Da gehörten Bären, Löwen oder Adler rein, aber doch nicht die ungefährlichsten Schoßhunde der Welt.

Natürlich, irgendwie waren wir auch alle gleich, wir transportierten alle unsere DIN-A4-Heftchen mit Linienpapier, bekritzelte Mäppchen und abgewetzte Bücher à la "Geschichtliche Weltkunde Band 1" und den Diercke-Atlas in den Ranzen. Und fielen wir nicht alle hintenüber, wenn die Halbstarken aus der zehnten Klasse unerwartet und ruckartig unseren Ranzen nach hinten zogen?

Mag sein - trotzdem trennten uns Welten. Ich fand mit ein paar weiteren Freunden des Scouts Folgendes heraus: Die blaue Version besaß ein rechteckiges, erhabenes Fach in Signalorange. Wenn man das lange und direkt mit seiner Nachttischlampe anstrahlte, danach das Licht löschte, leuchtete diese Extratasche. Wie geil das war.

Scout-Styler ... Sitzenbleiber?!

Einige besonders privilegierte Kinder in meiner Scout-Clique besaßen nach einem ergiebigen Weihnachten sogar komplett bedruckte Sondermodelle - im Nachhinein kann man sehen, dass diese expressionistischen Sonderauflagen von damals bereits den Camouflage-Trend der Neunziger vorwegnahmen. Davon ahnten wir aber nichts. Wir durchschritten erhobenen Hauptes die Korridore der Otto-Hahn-Schule in Hanau. Sieh her, Otto! Einige deiner niedersten Brüder tragen die neusten Scout-Modelle, huldige uns!

Was die Amigo-Kinder machten, konnte ich mir dagegen kaum ausmalen: Vermutlich hockten sie allein daheim, aßen Sand und wimmerten. Zu den Playern der Klasse gehörten sie jedenfalls nicht. In Wirklichkeit, das geht mir erst jetzt auf, haben sie vermutlich einfach manchmal zu Hause gesessen und gelernt. Weil sie dem Irrtum erlagen, dass es an der Schule auch um den Unterricht und nicht nur soziale Einordnung ging. Das Blatt wendete sich dann aber doch, als einige der Scout-Styler sitzenblieben - und niemand, wirklich niemand aus der Mc Neill-, Amigo-Riege.

Durch das Auseinanderfallen der Scout-Clique und die langsam einsetzende oder (noch schlimmer) ausbleibende Pubertät verwusch sich die Zweistaatlichkeit der Ranzengesellschaft dann aber nach und nach. Andere Markenduelle rückten an ihre Stelle.

"Sei fit, schmier mit!"

Damit wäre die Geschichte eigentlich erzählt und einen klaren Sieger gibt es auch - hätte es da nicht das Comeback des Scout-Ranzens Jahre später gegeben. Und was für eins! Kurzer Zeitsprung: Mittlerweile hatten alle Jugendlichen die hormonellen Wechseljahre und die Oberstufe erreicht, die Mädchen waren körperlich und geistig Jahre voraus, die Stimmung allgemein ziemlich geladen.

Es ging plötzlich darum, sich der ganzen Gesellschaft entgegenzustellen. Eine super Grundidee. Und was wäre ein besseres Zeichen der Nichteingliederung in die Erwachsenenwelt gewesen als - genau! - mein Scout-Schulranzen? Beschmiert mit dem eingekreisten A für Anarchie (zu der Zeit dachte ich allerdings, das hieße "Gegen Atomkraft") und Sprüchen wie "Petting statt Pershing", "Sei fit, schmier mit!", oder gleich "Oi, Spießer gib mal Feuer, damit ich dich anzünden kann!" wurde der Scout zum revolutionären Ausrufezeichen.

Leider war ich diesmal nicht bei der Avantgarde dabei, denn meinen alten Scout trugen jetzt bedürftige Kinder in Afrika - behauptete zumindest meine Mutter. Eine kleine Genugtuung blieb mir aber doch: Einen Amigo oder Mc Neill habe ich in dieser frühen Retro-Bewegung nie gesehen.

Auf der nächsten Seite finden Sie das amtliche Endergebnis des Markenduells Scout vs. Amigo (bewertet auf einer Punkteskala von 1 bis 5).



insgesamt 12 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Frederik Thormaehlen, 23.09.2008
1.
Ich glaube, dass es sich bei dem Hund im McNeill Logo um einen Yorkshire Terrier und nicht um einen Chihuahua handelte. Ich hatte übrigens einen olivgrünen Scoutranzen und bedauerte ebenfalls die McNeill Träger.
bugme not, 23.09.2008
2.
Naja. Die Vermutung, daß jemand der sich über seinen (Scout)ranzen definiert, in der Schule nicht so gut aufgepasst hat, bestätigt sich im Artikel selber: Die meisten Kinder können Chihuahuas und Yorkshire-Terrier ganz gut unterscheiden. Oder können es wenigstens später mal.
Daniel Radi, 24.09.2008
3.
Ich hätte mir noch einen Verweis auf den Berkley von JackWolfskin gewünscht. DAS Transportmittel der Wahl in den Neunzigern. Auch wenn er nicht im Dunkeln leuchtet.
Andreas Tang, 24.09.2008
4.
Mit höchstem Vergnügen habe ich Ihren Bericht gelesen. Sofort erinnerte ich mich an all die schönen Grundschulzeiten und natürlich auch das Markenhickhack das es damals schon gab. Bei uns allerdings waren die Scouts verpönt, McNeill war der absolute Favorit. Genauso wie es bei den Füllern war. Die Pelikan-Poser gegen die GeHa-Streber und die Lamy-Snobs... Waren das Zeiten...
Gerald Sandeck, 24.09.2008
5.
Das Logo von McNeill zeigt tatsächlich einen Yorkshire-Terrier und keinen Chihuahua: http://www.mcneill.de/index.php?seid=41
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.