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SED-Kirchenbesetzung: "Möglichst ruhig und schnell, Genosse"

Foto: Waltraud Grubitzsch/ picture alliance / dpa

Heimlich mitgeschnitten Wie die Genossen die Besetzung der Nikolaikirche planten

Ein jetzt erst aufgetauchtes Tonband aus den letzten Tagen der SED-Herrschaft dokumentiert, wie sich 1989 die Parteigenossen in Leipzig aufmachten zum letzten Gefecht.
Bernd Seidel 1989; Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1989-0504-035

Bernd Seidel 1989; Signatur im Bundesarchiv: Bild 183-1989-0504-035

Foto: Das Bundesarchiv / Waltraud Grubitzsch

"Wir müssen uns darüber im Klaren sein," feuert Bernd Seidel, der SED-Oberbürgermeister der Stadt Leipzig seine im Rathaus versammelten Parteigenossen an, "dass sich das da in aller Ewigkeit in unserer Stadt nicht fortsetzen kann." Mit "das da" meint er die protestierenden Menschen draußen in den Straßen rund um die Nikolaikirche. Insbesondere die jungen Oppositionellen, "die die Kirche nur missbrauchen." Der Funktionär fürchtet, dass alles außer Kontrolle geraten könnte. Deshalb sei es nun so weit, droht er, "dass man ein paar Leute - darf ich mal sagen - einfach aus dem Verkehr zieht."

Der 9. Oktober 1989 in Leipzig gilt als "Tag der Entscheidung", als ein Tag, an dem sich das Schicksal der DDR entschied. Die Stadt hielt den Atem an. Am Abend versammelten sich 130.000 Bürger auf die Straße und demonstrierten auf dem Ring gegen das SED-Regime. Die Bilder gingen um die Welt und ermunterten DDR-Bürger überall im Land zu ähnlichen Aktionen.

Weitgehend unbekannt ist dagegen bisher, was die andere Seite, die SED-Parteigenossen in der Stadt, an diesem Tag so trieb. 27 Jahre danach gibt es nun ein geradezu sensationelles Tondokument. Es stammt von Thomas Hauf, dem diensthabenden Tontechniker, der an seinem Arbeitsplatz Neues Rathaus die Parteiversammlung am Vormittag dieses historischen Tages im großen Ratssaal zwei Stunden lang heimlich mitschnitt. Eigentlich sollte er nur die Tonanlage im großen Saal für die Redner anwerfen.

Es ist ein außerordentliches Zeitdokument, dass die Stimmung in der SED kurz vor ihrem Untergang eindrücklich festgehalten hat. Soweit bekannt, ist es das einzige Dokument einer internen örtlichen SED-Versammlung aus dieser Zeit - bis auf Aufnahmen aus dem SED-Zentralkomitee.

Geheimplan Kirchenbesetzung

Im Trubel von wöchentlichen Montagsdemonstrationen, Mauerfall und deutscher Einheit legte Hauf das Band beiseite und vergaß es über die Jahre. Vor knapp einem halben Jahr entdeckte er seinen Schatz wieder und brachte ihn ins Archiv der Leipziger Bürgerbewegung. Als CD-Beilage werden sie nun in dem Buch "Wir haben nur die Straße", herausgegeben im Mitteldeutschen Verlag, mit den teils ebenso verschollenen Originalreden der Leipziger Montagsdemonstranten von 1989/90 veröffentlicht.

Außer der Rede des SED-Oberbürgermeisters im Leipziger Rathaus ist auch die Einweisung für die zum Einsatz kommenden Genossen in der Nikolaikirche am Nachmittag zu hören. Tontechniker Hauf hatte mitbekommen, dass die beteiligten Genossen Kirchenbesetzer in einem der benachbarten Räume eingewiesen werden sollten. Er konnte unbemerkt ein Mikrofon hinter Gardinen platzieren und erneut mitschneiden.

Die Parteikader sollten sich rechtzeitig der Kirche "in kleinen Gruppen von vier, fünf Genossen nähern" und dann vor Beginn des montäglichen Friedensgebetes sämtliche Bänke besetzen, damit kein anderer Mensch mehr in der Kirche Platz finden kann, und um das "Auftreten konterrevolutionärer und rowdyhafter Elemente" auszuschließen. Ein ganz schlauer Plan sollte es sein: "Wenn wir die Plätze einnehmen, dann können es die anderen nicht mehr."

Geradezu komisch wird der Mitschnitt, wenn ein anderer Parteikader, der beim "Rat des Bezirkes" für Kirchenfragen zuständig war, seinen Mitstreitern erzählt, wie so ein Friedensgebet denn genau vor sich geht. Fürbitte, Ankündigungen, Segen - als ob ein ethnologischer Ausflug bevorstünde, wird den Genossen alles haarklein erklärt. Als es heißt, da würden auch Lieder gesungen, geht ein Raunen durch die Reihen. Die Parteikader werden beruhigt, man müsse nicht unbedingt einstimmen.

"Und wie kommen wir da wieder raus?"

"Lasst euch nicht provozieren, auch wenn ihr erkannt werdet", lautet die Anweisung. "Dreht euch einfach weg, wenn ihr angesprochen werdet." Nein, Parteiabzeichen sollten nicht getragen werden, aber Angst vor Gewalt brauche aber niemand zu haben, der Pfarrer rufe doch bisher immer zur Gewaltlosigkeit auf.

"Und wie kommen wir da wieder raus?" will ein Parteimitglied wissen. "Möglichst ruhig und schnell, Genosse", raus aus den Kirchentüren, weg von der Kirche, durch die Sperrketten der Volkspolizei den Platz sofort Richtung Ritterstrasse verlassen. Genosse Erwin rät dann, auf keinen Fall die Personalausweise mitnehmen! "Und wenn uns die Genossen der VP nicht erkennen?" Genosse Erwin verfällt in den Befehlston: "Genossen, in Gruppen aus der Nikolaikirche rausgehen und zügig den Platz verlassen!"

Tatsächlich konnte die SED bei einem ihrer letzten Gefechte die Planerfüllung mit 2000 Parteiaktivisten in Kirchenbänken weitgehend umsetzen. Wer nicht mehr reinpasste, sollte "die Formierung negativer Kräfte auf dem Kirchvorplatz verhindern."

Nachdem Uwe Schwabe vom Leipziger Archiv Bürgerbewegung das Band gehört hatte, war er über den Sound des Untergangs überrascht: "Der Mitschnitt der Parteiversammlung an diesem entscheidenden Tag dokumentiert, wie groß die Verdrängung der Wirklichkeit, die Dummheit und die Arroganz der Macht war. Wenn man verstehen will, warum dieses Land untergegangen ist, dann muss man bloß dieses Band anhören."

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Achim Beier, Uwe Schwabe (Hg.)

»Wir haben nur die Straße«: Die Reden auf den Leipziger Montagsdemonstrationen 1989/90 - Eine Dokumentation

Verlag: Mitteldeutscher Verlag
Seitenzahl: 252
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Veranstaltungshinweis

Aus Archiven von Fernseh- und Radiosendern und Privatmitschnitten konnten die beiden Bürgerrechtler 93 von insgesamt 127 Ansprachen zwischen Oktober 1989 bis März 1990 ausfindig machen. Am 19. März 2016, werden die Herausgeber um 18 Uhr ihr Buch im Leipziger Stasi-Museum in der Runden Ecke  präsentieren.

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