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Schöne Aussichten - Heringsdorf vor 170 Jahren

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Universitätsbibliothek Greifswald

Bilderfund vom Ostseestrand Wo Preußens High Society Urlaub machte

Das mondäne Heringsdorf wurde im 19. Jahrhundert zum Magneten für reiche Gäste aus Berlin. Eine junge Adlige zeichnete das Inselidyll. Ihr Talent konnte sie kaum ausleben, denn Frauen galten wenig in der Kunstwelt.

Verträumt und entrückt, etwas melancholisch blickt die junge Frau auf der uralten Fotografie den Betrachter an. Streng gescheiteltes schwarzes Haar umrahmt das offene, helle Gesicht mit dem schmalen Mund, den schlanken Hals ziert eine herrschaftliche Brosche. Das Fräulein strahlt Ruhe und Contenance aus. Unter dieser Oberfläche aber brodelt etwas: künstlerischer Ehrgeiz.

Dieses Foto ist Teil eines kürzlich entdeckten Nachlasses – zwei Dutzend Bleistiftzeichnungen und Pastelle aus den Jahren 1840 bis 1853, dazu Fotos, Briefe und Familiendokumente einer bis dato völlig unbekannten Künstlerin.

Acht der überlieferten Zeichnungen, allesamt gleich groß und identisch gerahmt, zeigen Landschaften in Meernähe. Wo genau, blieb zunächst ein Rätsel. Recherchen ergaben: Es sind originale Vorlagenzeichnungen zu einer Serie von zwölf Heringsdorf-Ansichten, die zu den ältesten bekannten Bildzeugnissen dieses legendären Badeortes auf der Insel Usedom gehören. 1846 wurden sie als Lithografien veröffentlicht. Eine vollständige Urheberangabe fehlt, lediglich »W. v. Schack« ist genannt.

Fast 175 Jahre ging man wie selbstverständlich davon aus, dass es sich um einen Mann handelte. Die Zeichnungen stammen jedoch, das machte der Nachlass klar, von einer jungen Frau – Wilhelmine von Schack, damals gerade 20 Jahre alt. Ihr Vater war Adjutant des Prinzen Wilhelm von Preußen, eines Bruders des preußischen Königs, und brachte es später zum General. Seiner Adjutantenzeit erwuchsen jahrzehntelange Freundschaften zwischen den Schack-Kindern und den Nachkommen des Prinzen.

Heirat, Mutterschaft, Kunst nur nebenher

Zweifellos gehörte die Familie von Schack also zur Berliner Oberschicht. Man wohnte standesgemäß in der Prachtstraße Unter den Linden im Haus Nummer 8. Dort befand sich auch die bekannte Konditorei Fuchs, deren Innenräume Preußens Stararchitekt Karl Friedrich Schinkel gestaltet und die Heinrich Heine in seinen »Briefen aus Berlin« beißend-sarkastisch beschrieben hatte (»Alles, was man dort genießt, ist am schlechtesten und teuersten in Berlin... Und das lange aufwartende Fräulein ist nicht mal hübsch«).

Besonders für Künstlerinnen aus adligem Hause galt es zu dieser Zeit, die Standesehre nicht zu verletzen. Dass eine junge Frau eigene Werke veröffentlicht, war unüblich. Die unvollständige Künstlerangabe »W. v. Schack« sollte offenbar die Urheberschaft einer noch unverheirateten Frau aus prominenter Familie verschleiern.

Die Kunstgeschichte dominieren bis heute Männer, auch zur Biedermeierzeit waren Künstlerinnen Ausnahmen. Sie blieben im Schatten berühmter männlicher Maler und Bildhauer der Epoche oder wurden einfach vergessen. Als großes Vorbild und Ansporn leuchtete der Name Angelika Kauffmann aus dem 18. Jahrhundert herüber; ihrem Erfolg eiferten im 19. Jahrhundert etwa die Malerinnen Caroline Bardua und Louise Seidler nach.

Frauen mit künstlerischen Ambitionen konnten allerdings, zumal in begüterten Familien, mit Förderung durch Zeichen- und Malunterricht rechnen. Auch Prominente wie Goethe und sein Kunstfreund Meyer unterstützten weibliche Talente. So gelang es etwa Louise Seidler, auf Goethes Empfehlung zur Kustodin der Herzoglichen Gemäldegalerie in Weimar ernannt zu werden. Doch an Broterwerb durch Kunst war für Frauen selten zu denken. Ihr Lebensweg blieb vorgezeichnet: Heirat, Mutterschaft, nur nebenher eine Kunstleidenschaft.

Das kleine Idyll an der Ostsee

Die wohlhabende Familie ermöglichte auch Wilhelmine von Schack Kunstunterricht. Warum die junge Adlige ausgerechnet Heringsdorf zeichnete, damals von Berlin aus umständlich zu erreichen, erschließt sich durch einen Blick in die Geschichte des Badeortes.

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Schöne Aussichten - Heringsdorf vor 170 Jahren

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Schon früh hatte der Aufstieg des bald so berühmten und mondänen Seebades begonnen. Adel, Bürgertum und Künstler entdeckten den wunderbaren Sandstrand vor bergiger Kulisse. Bereits um 1820 ließ Oberforstmeister Georg Bernhard von Bülow, ein Vorfahre von Vicco von Bülow alias Loriot, die ersten Logierhäuser errichten. Bald kam es in Mode, den Sommer in Heringsdorf zu verbringen.

Dass von Saison zu Saison mehr begüterte Badegäste kamen, zumeist aus Berlin, lag auch an prominenten Schriftstellern. So schrieb Willibald Alexis 1836 in seinen »Meerschaumflocken« über Heringsdorf:

»Es ist zugleich ein Stranddorf und ein Gebirgsdorf, so dicht am Meere und so malerisch unordentlich auf Hügeln gruppirt. Und die Seitenblicke in stille duftige Waldthäler, wie denn die ganze Niederlassung eine hohe grüne Laubinsel ist, die sich halb aus dem Meere, halb aus der flachen Insel erhebt.«

Auch Theodor Fontane setzte dem Badeort später literarische Denkmäler, etwa 1894 in »Meine Kinderjahre«. Seine Familie war 1826 ins benachbarte Swinemünde gezogen. In Heringsdorf soll er bei einem Tanztee ein junges Mädchen kennengelernt haben, das zur Vorlage seiner berühmten Romanfigur Effi Briest wurde. Es war eine Begegnung im »Säulenhaus«; diese Villa zeichnete Wilhelmine von Schack gleich mehrfach.

»Die verfluchte Zivilisation fängt schon an, überall zu spuken und die schönsten Punkte zu verderben«

Komponistin Fanny Hensel

Anfangs zeigten sich die Reichen und Schönen von Heringsdorf in puncto Unterbringung noch recht bescheiden. Ein Ortschronist:

»...wie denn auch die vornehmsten Badegäste sehr anspruchslos waren und nicht verlangten, auf Roßhaarmatratzen mit Sprungfedern zu schlafen, sondern mit Seegrasmatratzen zufrieden waren oder sich gar mit Strohsäcken begnügten. Manch ein vornehmer Badegast schrieb seiner Wirtin, bei der er seine Sommerwohnung bestellte, sie solle nur das Stroh für seinen Strohsack erneuern.«

Der wachsende Andrang gefährdete die urwüchsige Idylle – eine Vorwegnahme des modernen Tourismus. So schrieb die lange verkannte Komponistin Fanny Hensel, Schwester von Felix Mendelssohn Bartholdy, im Sommer 1839 an ihren Mann, den Maler Wilhelm Hensel:

»Ich werde Dich ernstlich bereden, auf ein paar Tage herzukommen, denn Heringsdorf ist stupend schön und bleibt es, fürchte ich, nicht lange, denn die verfluchte Zivilisation mit ihren gelben und grünen Häusern fängt schon an, überall zu spuken und die schönsten Punkte zu verderben.«

Charakteristisch für das Heringsdorf der frühen Jahre war das Nebeneinander gepflegter Logier- und Gesellschaftshäuser der Badegäste und einfacher Fischer-Behausungen. Genau diese Eigentümlichkeit hat Wilhelmine von Schack gekonnt erfasst und sehr behutsam in Szene gesetzt.

Früher Tod im Wochenbett

Deshalb sind ihre Zeichnungen, zuweilen noch im Kunsthandel erhältlich, bis heute beliebt. Sie zeigen vor allem genrehafte Alltagsszenen, ganz in der Bildersprache des Biedermeier. Villen und Fischerhütten, im Sand spielende Kinder, flanierende Badegäste, Landarbeiter bei der Heuernte, grasende Kühe und Ziegen – die ganze Bandbreite des alten Heringsdorfs.

Wilhelmines beliebte Lithografien wurden als frühe Form von Reisesouvenirs in einer Mappe verkauft. Der Erlös sollte in den Neubau einer Kirche in Heringsdorf fließen, die der Schinkel-Schüler Ludwig Persius geplant hatte und 1848 eingeweiht wurde. Preußen-König Friedrich Wilhelm IV. unterstützte den Bau mit beträchtlichen Summen: auch die wohlhabenden Badegäste und Einwohner des Ortes hatten ihren Teil beizusteuern.

Auch danach blieb Wilhelmine von Schack künstlerisch aktiv. 1852 heiratete sie Friedrich Wilhelm von Forstner, der in Wittlich bei Trier kommissarisch als Landrat wirkte und pikanterweise wegen vorsätzlicher Körperverletzung im Amt zu drei Monaten Gefängnis verurteilt worden war. Als die Haft- in eine Geldstrafe umgewandelt wurde, konnte im Jahr darauf die offizielle Ernennung zum Landrat erfolgen. Doch kurz zuvor starb Wilhelmine mit erst 26 Jahren im Kindbett, wenige Tage nach der Geburt ihres Sohnes.

Einer breiten kunstinteressierten Öffentlichkeit bekannt zu werden, blieb der talentierten jungen Frau so verwehrt. Ihre Heringsdorf-Bilder aber wurden, obwohl inkognito veröffentlicht, über die Jahrzehnte zu wichtigen Zeugnissen dieses besonderen Ostseebades.

Zum Autor
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privat

Stefan Pochanke (Jahrgang 1972) hat Geschichte und Pädagogik in Hamburg studiert und ist in der internationalen Fachkräfte-Rekrutierung tätig. Privat beschäftigt er sich mit der Geschichte und Kunstgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Sein Buch »Das Seebad Heringsdorf zur Biedermeierzeit in den Zeichnungen der Wilhelmine von Schack« ist 2020 im Verlag von Hausen erschienen (ISBN 978-3-9818526-8-4).