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Rettung der "Sten Trans": Wettlauf gegen die Zeit

Foto: Enver Hirsch/ Ankerherz Verlag

Seenotretter im Einsatz "Dann brach die Funkverbindung ab"

SOS auf der Ostsee: Als Steine verrutschten, bekam ein Baggerschiff Schlagseite. Der Seenotkreuzer "Theodor Heuss" fuhr in den Sturm hinaus. Johann Eberhardt Jr. erzählt von der Furcht, zu spät zu kommen.

Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze", das im Mai 2017 im Ankerherz-Verlag erschienen ist.

Schlimm ist für jeden Seenotretter der Gedanke, zu spät zu kommen. Wenn man auf dem Weg zu einem Menschen in Seenot ist und weiß, dass es um jede Minute geht. Oft ist das der Fall, und besonders kritisch wurde es bei einer der größten Rettungen, die ich als Vormann der "Theodor Heuss" meistern musste.

Es war am 12. März 1975, der Wetterdienst hatte eine Warnmeldung an alle Schiffe auf der Ostsee herausgegeben. Vorsorglich rief ich unsere freiwilligen Retter an und bat sie, abrufbereit zu sein. Ich hatte so ein komisches Gefühl.

Der dänische Schwimmbagger "Sten Trans" hatte auf der Insel Samsø abgelegt, mit einer Ladung Steine für Kiel. Warum die Schiffsführung von diesem Sturm überrascht wurde - vor dem die Meteorologen ausdrücklich gewarnt hatten -, vermag ich nicht zu sagen. Als das Schiff in der Nacht aus dem Windschutz der Insel Lolland herauskam, setzten ihm die Wellen schwer zu. Brecher kamen von Backbord über, der Rudergänger hatte Mühe, den Kurs zu halten. Eine besonders große Welle traf das Schiff.

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Rettung der "Sten Trans": Wettlauf gegen die Zeit

Foto: Enver Hirsch/ Ankerherz Verlag

Die Seeleute auf der Brücke erschraken, als ein dumpfes Rumpeln zu hören war. Ein Geräusch, das entsteht, wenn sich viele Steine bewegen. Sofort legte sich das Schiff leicht auf die Seite, mit acht Grad, und richtete sich nicht mehr auf. Der Kapitän ließ alle Crewmitglieder wecken. Mit jeder großen Welle legte sich die "Sten Trans" ein wenig mehr auf die Seite. Wenn kein Wunder geschah, war es nur eine Frage der Zeit, wann das Schiff kenterte.

"Mayday, Mayday, Mayday! Dänischer Kiesbagger 'Sten Trans'! Haben 15 Grad Schlagseite, wir drohen zu kentern. Position: zehn Meilen südwestlich von Langeland!", lautete die Meldung.

Hält der Kreuzer das aus?

Es war tiefe Nacht, und ich hatte fest geschlafen, doch als ich den Notruf hörte, saß ich sofort aufrecht in meiner Koje. Keine Minute später stürmten Maschinist Peter Vöge und ich auf die Brücke. Vöge rief den freiwilligen Rettungsmann, ich kontaktierte die Küstenfunkstelle. In weniger als zehn Minuten waren wir auslaufbereit, doch ins Einsatzgebiet würden wir vermutlich eine Stunde brauchen, wegen des schweren Seegangs. Ich trat an Deck. Sturm und Brandung mischten sich, ich sah Rettungsmann Hildebrand, der mit seinem Fahrrad auf die Pier sauste. Er sprang an Bord.

Eberhardt als Vormann in den Siebzigern

Eberhardt als Vormann in den Siebzigern

Foto: DGzRS - Die Seenotretter

Als wir den Hafen von Laboe verließen und das Ehrenmal der U-Boot-Fahrer passierten, Kurs offene Ostsee, war sofort klar, welcher Ritt uns bevorstand. Grobe See, direkt von vorn. Unser Rettungskreuzer setzte hart ein. Ich hatte Probleme mit der Sicht, denn Gischt und Schaumfetzen wirbelten hinauf bis zum Turm. "Soll ich etwas Fahrt herausnehmen?", überlegte ich. "Hält der Kreuzer das aus?"

Doch dann kam Vöge mit Nachrichten vom Baggerschiff, und meine Gedanken hatten sich erledigt: 50 Grad Schlagseite, Reling unter Wasser, höchste Kentergefahr. "Wir bereiten uns darauf vor, das Schiff zu verlassen", meldete die "Sten Trans". "Wann könnt ihr bei uns sein?" Ich erhöhte das Tempo.

Ein SAR-Hubschrauber war nun auch in der Luft und sollte etwa zeitgleich mit uns eintreffen. Eine halbe Stunde noch, schätzte ich. Das Boot sprang über die Wellen, ich fuhr wirklich am Limit. Es war ziemlich genau fünf Uhr, noch drei Meilen bis zum Havaristen, als die Meldung eintraf, die wir befürchtet hatten: "Zwölf Männer gehen in Rettungsinsel. Kapitän bleibt mit zwei Mann an Bord."

Dann brach die Funkverbindung ab.

In der Ferne erkannten wir, dass eine Notrakete aufstieg, eine zweite folgte. Vöge schaltete den Suchscheinwerfer an und hielt auf die Stelle zu. Weiße Wellenkämme waren zu sehen, und dazwischen: die Rettungsinsel! Es war genau 5.14 Uhr, wir schoben uns langsam und vorsichtig an sie heran. Vöge gelang es, eine Leinenverbindung herzustellen, er zog mit Hildebrand die Insel vorsichtig zu uns.

Ein Wettlauf gegen die Zeit

Ich hörte ein Rotorengeräusch, das lauter wurde: Der SAR-Hubschrauber näherte sich. Der Pilot drehte eine Runde, um sich ein Bild der Lage zu machen, und blieb dann etwas versetzt über uns stehen. Mit seinem Scheinwerfer erhellte er die See, was uns die Arbeit erleichterte.

Die Rettungsinsel lag direkt an der Steuerbordseite unserer "Theodor Heuss", ein Schiffbrüchiger nach dem anderen stieg aus der Luke und kletterte das Netz hinauf. Vöge und Hildebrand halfen den durchnässten Seeleuten an Bord, der Einsatz lief zügig, aber ruhig ab.

In der Messe der "Theodor Heuss" bekamen sie trockene Trainingsanzüge und heißen Tee. Als der Pilot erkannte, dass seine Unterstützung nicht mehr benötigt wurde, drehte er ab. Die "Sten Trans" lag etwa 300 Meter vor uns, mit extremer Schlagseite, doch immerhin eine gute Nachricht: Sie schwamm noch.

Ich beobachtete, wie vom Hubschrauber ein Seil mit einer Rettungsschlinge hinabgelassen wurde. Der Pilot hatte Mühe, in den Sturmböen die Position zu halten. Die Seilwinde wurde wieder eingefahren, mit einem Mann in der Rettungsschlaufe. Ich fuhr näher an den Havaristen heran, um mit unserem Scheinwerfer zu helfen.

Der zweite Mann wurde vom Deck gewinscht. Eine Böe erfasste den Helikopter, der sich drehte, pendelte, dann wieder stabilisierte. Die "Sten Trans" ragte kaum noch aus dem Wasser. Ich dachte an den Kapitän, den letzten Seemann an Bord, der sich ans Ruderhaus klammerte.

Und dann sank das Schiff

"Kommt schon, beeilt euch", murmelte ich. Jeden Augenblick konnte das Schiff kentern und den Seemann mit in die Tiefe ziehen. Im Kegel des Scheinwerfers war zu erkennen, dass die Ostsee den Havaristen überspülte. Der Kapitän stand bis zur Hüfte im Wasser. Die Schlinge wurde wieder vom Helikopter heruntergelassen, exakt über dem Ruderhaus. Der Kapitän griff danach, streifte sie sich über - und schon trug ihn der Hubschrauber in die Höhe. Ich atmete vor Erleichterung tief durch.

"Gott sei Dank! Sie haben es geschafft", rief Vöge neben mir.

Der Kapitän war gerade im Bauch des Hubschraubers verschwunden, als das Schiff kenterte. Es trieb einige Minuten kieloben, dann sank es. Für jeden Seemann ein beklemmendes Gefühl.

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Stefan Krücken, Jochen Pioch

Mayday!: Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze

Verlag: Ankerherz Verlag
Seitenzahl: 216
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03.02.2023 23.59 Uhr

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Ich steuerte die "Theodor Heuss" mit langsamer Fahrt Richtung Laboe, am Horizont war der Silberstreifen des neuen Tages zu erkennen. Über Funk hörte ich, dass Kiel Radio Schiffe vor dem Wrack warnte. Wir machten an unserer Pier fest. Die dänischen Seeleute, eingehüllt in Decken, verabschiedeten sich. Schulterklopfen, Händeschütteln. Ich sah dem Tonnenleger hinterher, der aus dem Hafen hinauslief.

Eine grüne Wracktonne markiert heute die Stelle, an der die "Sten Trans" auf Grund liegt, zwölf Seemeilen südwestlich von Keldsnor Fyr, auf 18 Meter Tiefe. Die Seeleute hatten großes Glück gehabt.

Johann Eberhardt Jr., geboren 1932 im pommerschen Stolpmünde (heute Ustka, Polen), stammte aus einer Familie von Seefahrern, die in der Seenotrettung eine lange Tradition hat. Alle vier Seenotretter in der Familie Eberhardt tragen den Vornamen Johann. Als aktiver Lotsengehilfe in Stolpmünde gehörte der Urgroßvater bereits vor Gründung der DGzRS zur Besatzung der dortigen Rettungsstation. Johann Eberhardt Jr. verstarb am 7. Januar 2012.

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