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Seenotretter-Schicksale: Mayday - die Tragödie der "Adolph Bermpohl"

Foto: DGzRS - Die Seenotretter

Seenotretter-Schicksale Tödlicher Orkan

Die "Adolph Bermpohl" war das neueste Schiff der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, die Crew erfahren. Doch im Februar 1967 gerieten sie in einen Orkan, der vielen zum Verhängnis wurde.

Der folgende Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch "Mayday. Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze", das im Mai 2017 im Ankerherz-Verlag erschienen ist.


Der Sturm, der Dutzende Seeleute das Leben kosten wird, kommt unerwartet und schnell und brutal. Wie gefährlich er ist, wird von den Meteorologen zu spät erkannt, und als Norddeich Radio am 23. Februar 1967 um 11.55 Uhr eine Sturmwarnung für die Nordsee herausgibt, ist es bereits zu spät. Den Kapitänen bleibt keine Zeit mehr zu reagieren, entweder einen Hafen anzusteuern oder hinauszulaufen auf die offene See. Schon 41 Minuten nach der Unwetterwarnung gibt es den ersten Seenotfall - und die Lage wird sich in den nächsten Stunden dramatisch verschlechtern.

In diesem Sturm werden Windgeschwindigkeiten gemessen, die bis heute selten erreicht sind. Fast 150 Kilometer pro Stunde registriert die Station auf Helgoland - über Stunden hinweg. In Spitzen erreicht der Sturm über Land mehr als 200 Stundenkilometer, das entspricht der Stärke eines Hurrikans der Kategorie drei. Er schiebt die Wellen auf, immer weiter, bis auf acht, zehn Meter Höhe. Die Nordsee gleicht einem Inferno aus Wasser und Gischt.

Überall sind Schiffe in Not, darunter der Fischkutter "J.C. Wrieden", der sich etwa 45 Seemeilen vor Helgoland, nordwestlich des roten Felsens, durch die schwere See kämpft. Die Besatzung versucht, dem Orkan zu entkommen, doch es gelingt ihr nicht. Ein Brecher beschädigt das Schiff, und um 14.40 Uhr setzen die Männer einen Hilferuf ab. Das Signal wird von der Seenotwache in Cuxhaven empfangen und an die Station auf Helgoland weitergeleitet.

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Seenotretter-Schicksale: Mayday - die Tragödie der "Adolph Bermpohl"

Foto: DGzRS - Die Seenotretter

Wenige Minuten später läuft die "Adolph Bermpohl" aus. An Bord sind vier Besatzungsmitglieder: Vormann Paul Johann Denker, ein Mann mit verschmitztem Lächeln, der jünger aussieht als seine 54 Jahre. Maschinist Otto Schülke, 53, mit dem gegerbten Gesicht eines Seemanns, und sein Stellvertreter Günter Kuchenbecker, 38. Hans-Jürgen Kratschke, 27, ein Steuermann mit wachem Blick und einem Vollbart. Mit Ausnahme des Jüngsten sind es erfahrene Seeleute, und die "Adolph Bermpohl" ist das modernste Schiff der Flotte. Sie ist erst vor wenigen Monaten in Dienst gestellt worden, ein Kreuzer der 26-Meter-Klasse.

Schwere Entscheidung

Der Seenotrettungskreuzer arbeitet gegen die See. Gischt nimmt den Männern die Sicht, Wasser und Luft vermischen sich. Immer wieder fällt das Schiff in ein Wellental, wird von Schlägen getroffen. Es ist ein schwerer Ritt durch den Orkan und exakt 16.14 Uhr, als ein weiterer Notruf eintrifft. Diesmal ist es noch ernster: "Mayday!".

Es ist ein niederländischer Fischkutter, die "Burgemeester van Kampen", die einen Wassereinbruch meldet. Position: acht Seemeilen nördlich der Insel. Drei Mann sind an Bord, und für sie geht es nun ums Überleben, denn das Schiff droht zu sinken.

Die Seenotretter überlegen: Was sollen sie tun? Wem helfen sie zuerst? Sie müssen eine Entscheidung treffen.

Die Wahl fällt auf den niederländischen Kutter, denn in der Nähe des ersten Havaristen befinden sich schon einige Schiffe, und die Lage auf der "Burgemeester van Kampen" scheint bedrohlicher zu sein. Um 16.20 Uhr ändert die "Adolph Bermpohl" den Kurs und läuft auf schnellstem Wege zur letzten Position, die durchgegeben wurde.

Etwas weniger als eine Stunde später, kurz vor Einbruch der Dunkelheit, finden die Seenotretter den beschädigten Kutter. Dieser ist durch den Sturm abgetrieben worden, etwa fünf Seemeilen nord-nordöstlich von Helgoland.

Es gibt einen Funkkontakt durch Vermittlung von Norddeich Radio. Die Fischer wollen, wenn möglich, nach Helgoland geschleppt werden, wollen einen Versuch riskieren, ihr Schiff zu retten. Doch der Kutter lässt sich nicht mehr manövrieren. Unter diesen Umständen gegen die Sturmsee zu fahren und zu schleppen, wäre für beide Schiffe viel zu riskant. Mehrere Versuche, die Männer über eine Leinenverbindung zu bergen, scheitern. Sturm und vor allem Seegang sind zu stark.

Unerwartete Wellen

Die drei Holländer bekommen Panik: Sie wollen runter von ihrem Kutter, in den immer mehr Wasser eindringt. Für die Seenotretter bleibt nur noch eine Wahl: Sie setzen das Tochterboot "Vegesack" aus, um die Fischer damit abzubergen. Ein gefährliches Manöver in den meterhohen Wellen. "Legen Sie Ihre Sicherheitswesten an", funken sie rüber zu den Fischern.

Um 18.19 Uhr notiert die Küstenfunkstelle Elbe-Weser Radio eine Meldung, die wie eine Erleichterung klingt: "Drei Mann des Fischkutters 'Burgemeester van Kampen' fünf Seemeilen nord-nordöstlich von Helgoland geborgen. Besatzung vollzählig." Alles ist gut gegangen. Der Seenotrettungskreuzer "Adolph Bermpohl" läuft langsam vor dem Tochterboot nach Helgoland.

Was in den Minuten nach dem Funkspruch geschieht, kann bis heute nicht zweifelsfrei geklärt werden. Gegen 18.45 Uhr glaubt der Leuchtturmwärter von Helgoland, ein Schiff nahe der vorgelagerten Düne zu erkennen. Auf Höhe des berüchtigten Sellebrunn-Riffs, wo sich im Sturm regelrechte Wasserwände auftürmen können. Nach den Erinnerungen des Leuchtturmwärters leuchtet ein Scheinwerfer nach Backbord, als suche die Besatzung den Weg in den Hafen. Auf dem Riff entstehen Wellen, die in keiner wissenschaftlichen Berechnung vorgesehen sind.

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Stefan Krücken, Jochen Pioch

Mayday!: Seenotretter über ihre dramatischsten Einsätze

Verlag: Ankerherz Verlag
Seitenzahl: 216
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Preisabfragezeitpunkt

08.02.2023 06.00 Uhr

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Was als Daten der Tiefen- und Lotaufzeichnungen an Bord des Rettungskreuzers später ausgewertet wurde, spricht dafür, dass sich die Katastrophe an diesem berüchtigten Riff abspielt. Auch das Deutsche Hydrographische Institut in Hamburg kommt bei der Auswertung des Echolotschreibers zu diesem Ergebnis.

Kein Lebenszeichen

Als die Schiffe am Morgen des 24. Februar noch immer überfällig sind und es keinen Funkkontakt gibt, läuft eine große Rettungsaktion an. Seenotrettungsboote laufen aus, Schiffe der Handelsmarine werden angewiesen, Ausschau zu halten, Hubschrauber der Seenotrettungsstaffel der Bundesmarine sind in der Luft. Gegen neun Uhr entdeckt der Steuermann der "Atlantis", der Fähre, die zwischen Helgoland und Cuxhaven pendelt, die beschädigte "Adolph Bermpohl". Sie treibt nördlich des Feuerschiffs "Elbe 1". Der Mast mit Radar und Peilantennen ist umgeknickt, sonst sind auf den ersten Blick keine Schäden zu erkennen.

Ihre Maschinen laufen noch.

Unheimlich, wie ein Geisterschiff. Niemand an Bord reagiert auf Funksprüche. "Neben dem Schiff zu fahren und nicht zu wissen, ob jemand lebendig an Bord ist oder nicht - das ist mit die schlimmste Erinnerung, die ich bis heute habe", sagt der Steuermann der "Atlantis".

Ein Tanker entdeckt Stunden später das kieloben treibende Tochterboot. Keine Spur von den Seenotrettern und Fischern. Die Schiffe haben den Sturm überstanden, doch die Seenotretter an Bord wurden außenbords gespült. Erst Monate später findet man sie wieder.

Einen Seenotretter gibt die See nicht mehr heraus.

Der Orkan des 23. Februar 1967 wurde vom Seewetteramt Hamburg im Gedenken an die Tragödie nachträglich "Adolph-Bermpohl-Orkan" genannt. Er gilt als der schwerste Sturm seit Beginn der Wetteraufzeichnung in der Nordsee. Mindestens 44 Menschen ertranken.

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