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18. April 2013, 13:00 Uhr

Waco-Drama 1993

Die erzwungene Apokalypse

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Livebericht aus dem Flammen-Inferno: 1993 schaute die Welt auf die kleine texanische Stadt Waco. Dort hatte sich eine schwer bewaffnete Sekte verschanzt. Nach 51 Tagen medienwirksamer Belagerung stürmte das FBI die Ranch - und löste ein Blutbad aus.

Jesus starb, wie er immer sterben wollte, in einem Inferno aus Flammen, am Ende eines apokalyptischen Endkampfes mit Gegnern, die er für Mächte des Bösen hielt. Das Jüngste Gericht konnte nicht mehr fern sein, also hatte er auch seinen Jüngern geraten, dem Feuertod gelassen entgegenzusehen und zu warten, bis Gott sie zu sich rufen würde.

Das biblische Endgericht blieb an diesem 19. April 1993 zwar aus, doch wenige Stunden später waren 76 Menschen verbrannt und erstickt, darunter zahlreiche Kinder und Frauen. Zwischen den verkohlten Häusertrümmern lag auch eine Leiche mit schulterlangen, lockigen Haaren und Dreitagesbart: Vernon Howell, christlicher Sektenführer, Endzeit-Apologet und selbsternannter Jesus.

51 Tage hatten Howell und seine schießwütigen, schwerbewaffneten Anhänger in der texanischen Stadt Waco den US-Sicherheitskräften getrotzt. Jetzt ließ der kollektive Flammentod der religiösen Eiferer die USA erschüttert, aufgewühlt und ziemlich ratlos zurück.

Ein gescheiterter Musiker wird König

War es nicht ein vorhersehbares Ende für Anhänger einer Sekte, die die biblische Apokalypse herbeisehnten? Hätte das FBI nicht sensibler vorgehen müssen, statt die festungsartige Ranch der Extremisten mit Panzern zu stürmen? Ermutigte das Fernsehen mit seiner Live-Berichterstattung die Sekte zum Massenselbstmord? Oder schoss in Wahrheit das FBI die Farm der Sektierer in Flammen?

Fest steht: Von Anfang an begingen die US-Behörden schwerwiegende Fehler, die eine unbedeutende Splittergruppe über Nacht berühmt machten. Die "Branch Davidians" war in den dreißiger Jahren aus einer Strömung innerhalb der Adventisten-Kirche des Siebten Tages hervorgegangen. 1981 übernahm der erfolglose Rockmusiker Howell die Sekte mit ihren etwa 2000 Anhängern. Fortan nannte er sich selbstbewusst David Koresh - nach König David und dem persischen König Kyros II., der einst die Juden aus ihrem babylonischen Exil befreite und als Messias gefeiert wurde. Erst später gab er sich auch den Namen Jesus.

Doch der charismatische Sektenchef war nicht das harmlose "Lamm Gottes", als das er sich gerne bezeichnete. Aussteiger berichteten, er sei mit 19 Frauen verheiratet und feiere Sex-Orgien, auch mit Minderjährigen. Am meisten beunruhigten die US-Behörden aber Hinweise, in dem festungsartigen Hauptquartier in Waco würden massenhaft Schnellfeuerwaffen und Handgranaten gehortet. Die Sektierer bereiteten sich offenbar mit recht irdischen Mitteln auf die biblische Entscheidungsschlacht vor, die ihrer Ansicht nach bevorstand. Programmatisch nannten sie ihr Hauptquartier "Ranch Apokalypse".

Schießwütige Bibel-Jünger

Alarmiert plante die zuständige Bundesbehörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) daher 1993 eine Razzia in Waco. Obwohl die Aktion monatelang penibel vorbereitet worden war, blieb sie nicht geheim und mündete in einer Katastrophe: Als der ATF-Sturmtrupp am 28. Februar 1993 in den Gebäudekomplex eindrang, wurden die Beamten mit einem Kugelhagel empfangen. Nach einem 40-minütigen Feuergefecht waren vier ATF-Männer tot und 16 verletzt. Auch zwei Davidianer starben bei dem Schusswechsel, und Sektenführer Koresh erlitt Schussverletzungen. Er behauptete, die Polizei habe das Feuer grundlos eröffnet.

"Ich kann nicht sagen, was schiefgelaufen ist", sagte der zuständige Einsatzleiter ziemlich hilflos nach den schwersten Verlusten in der Geschichte des ATF. "Es scheint so, als ob sie auf uns gewartet hätten."

Mit dem Blutbad begann eine Art Krieg im Herzen von Texas: Nun griff auch das FBI ein. 500 schwerbewaffnete Beamte belagerten in den nächsten sieben Wochen die Sekten-Ranch. Vier Kampfpanzer rückten an, Helikopter mit Infrarotkameras kreisten über dem Gelände. Um die Aufständischen zu zermürben, wurde die Festung von der Strom- und Wasserversorgung abgeschnitten, mit lauter Musik beschallt und nachts mit grellem Scheinwerferlicht bestrahlt.

"Ich warte auf ein Zeichen, zu sterben"

Im Mutterland des Reality-TV verfolgten Millionen Amerikaner das Drama gebannt vor den Bildschirmen. Journalisten aus aller Welt kamen ins verschlafene Waco, CNN baute eine Medienstadt auf, die ironisch "Camp David" getauft wurde, und Reporter witzelten, Waco sei zur "größten Fernsehmesse der Welt" geworden. Hunderte Katastrophentouristen reisten an, um mit ihren Feldstechern selbst den Aufstand der Religiösen verfolgen zu können.

In Leitartikeln und vor laufenden Kameras stritten die Amerikaner erbittert über die Grenzen von Religionsfreiheit und die Gefahr durch laxe Waffengesetze. Viele Texaner deckten sich noch schnell mit Schießeisen aller Art ein, weil sie eine baldige Verschärfung der Gesetze fürchteten.

Eine Zeitlang profitierten also viele von dem dauerhaften Ausnahmezustand: Binnen weniger Wochen hatten die Geschäftsleute, Hoteliers und Restaurantbesitzer in Waco mehr als eine Million Dollar Umsatz gemacht. Und auch die Medien konnten Quoten und Auflagen mit reißerischen Reportagen steigern, auch im Ausland. So bezeichnete die "Bild"-Zeitung David Koresh nur noch als "Blut-Jesus" und zitierte die elfjährige Natalie, die das Sekten-Camp verlassen durfte: "David ist Gott. Ich warte auf eine Nachricht von ihm. Ein Zeichen, dass es Zeit ist zu sterben, um ihn in seinem himmlischen Königreich wiederzutreffen."

So viele Emotionen weckten schnell das Interesse von Filmemachern. Lange, bevor überhaupt ein Ende des Aufstands abzusehen war, wurden für den Fernsehsender NBC ein Drehbuch geschrieben und Schauspieler engagiert. Auch der Drehtermin stand schon fest. Es schien, als lieferten sich Fiktion und Realität ein bizarres Wettrennen.

David Koresh konnte die große Aufmerksamkeit nur recht sein. Mit seinem Widerstand hatte er das geschafft, was der Sekte in den 60 Jahren seit ihrer Gründung nicht gelungen war: Jeder sprach auf einmal über die "Branch Davidians". Und Koresh nutzte die Situation geschickt aus. Er setzte durch, dass ein 58-minütiges Tonband komplett im Radio abgespielt wurde, indem er versprach, dafür einige Frauen und Kinder aus der Ranch gehen zu lassen. "Ich mache mir große Sorgen um das Leben meiner Brüder, vor allem aber um das Leben aller Menschen auf der Welt", begann er seine Botschaft. Danach erging er sich in kruden Bibel-Auslegungen.

Für die Journalisten waren das dankbare O-Töne in einer Zeit, in der die ganze Nation zwar gebannt nach Waco schaute, dort aber eigentlich nicht viel passierte. Sektenführer Koresh versprach mehrmals, die Farm friedlich verlassen zu wollen. Er blieb dann doch jedes Mal mit der Begründung, Gott habe ihm dazu ein Zeichen gegeben. Mitte April war die Situation endgültig festgefahren: Sektenexperten warnten zwar vor der Gefahr eines Massenselbstmordes, doch die US-Regierung und das FBI fühlten sich von Koresh zunehmend vorgeführt. Viele Amerikaner lästerten bereits, Waco sei in Wahrheit eine Abkürzung für: "We ain't coming out" - wir kommen nicht heraus.

Trauriger Showdown

Am 19. April riss der Regierung der Geduldsfaden. Am Morgen rückten die vier Panzer vor und rissen Teile der Hauswände der Ranch ein. Durch die Löcher wurde Tränengas gepumpt. Um 12.06 Uhr begann dann plötzlich der traurige Showdown, mit dem die Polizei nicht gerechnet hatte: Die Holzhäuser der Anlage brannten lichterloh. Nur neun der 85 verbliebenen Sektenanhänger überlebten. Einige hatten signalisiert, dass sie nicht gerettet werden wollten. Eine bereits geborgene Frau musste mit Gewalt davon abgehalten werden, sich wieder in die brennenden Ruinen zu stürzen. Den Kindern war offenbar vor ihrem Tod Beruhigungsmittel verabreicht worden.

Bill Clintons Kabinett geriet sofort in die Kritik. "Wenn die Gefahr für einen Massenselbstmord hoch gewesen wäre, hätte ich niemals zugestimmt", verteidigte sich Justizministerin Janet Reno, die den Einsatz angeordnet hatte. Die Polizei beharrte darauf, das verwendete Tränengas sei nicht brennbar gewesen und habe das Feuer nicht auslösen können. Überlebende Davidianer hingegen behaupteten, das Feuer nicht selbst gelegt zu haben. Das FBI habe zudem scharf geschossen und so eine Flucht aus dem Inferno verhindert.

Es folgte ein jahrelanger Gerichtsstreit. Familienangehörige der Toten verklagten die Regierung erfolglos auf 675 Millionen Dollar Entschädigung. 1999 musste das FBI zwar zugeben, dass es mindestens zwei feuergefährliche Gasgranaten eingesetzt hatte - allerdings sei das Stunden vor Ausbruch des Großbrandes gewesen. Ein Geschworenengericht sprach die Beamten schließlich von allen Vorwürfen frei. Auch ein Sonderermittler der Regierung, der den Einsatz minutiös auf einem texanischen Militärfort nachstellen ließ, kam zu dem Schluss, es habe keine "massive Verschwörung oder Vertuschung" gegeben: "Die Schuld lastet voll auf den Schultern von David Koresh."

Rache für Waco

Doch das Misstrauen gegenüber dem Staat ließ sich nie ganz vertreiben, besonders bei extrem rechten, nationalistischen Gruppierungen. Im Internet kursieren Filme, die "Waco - Die große Lüge" heißen, Bücher sprechen von einem "Massaker an den Davidianern". Die wenigen Überlebenden beteuern unermüdlich, das umfangreiche Waffenarsenal der Sekte sei lediglich eine Geldanlage gewesen oder habe zur Selbstverteidigung gedient.

Am 19. April 1995, exakt zwei Jahre nach dem Drama in Waco, stand Amerika erneut unter Schock. Timothy McVeigh hatte vor einem Verwaltungsgebäude in Oklahoma City einen Lieferwagen voll Sprengstoff gezündet. 168 Menschen starben. McVeigh war zwar nie ein Mitglied der Sekte gewesen, doch der Rechtsextremist sympathisierte mit dem vermeintlich patriotischen Aufstand gegen den verhassten Staat. Das Attentat, sagte er vor Gericht, sei seine persönliche Rache für Waco gewesen.

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