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Seltener Fotofund: Propaganda-Schlachtschiff

Foto: Ralf Klee

Seltener Fotofund Propaganda-Schlachtschiff

Es war das bis dahin größte Schlachtschiff der deutschen Marine: Vor 70 Jahren lief im Hamburger Hafen die "Bismarck" vom Stapel. Kurz vor Kriegsbeginn nutzte Hitler die Schiffstaufe für eine bombastische Propagandaschau - jetzt sind bei einer Auktion seltene Farbdias von damals aufgetaucht.
Von Ralf Klee

Ganz Deutschland blickt an diesem Tag auf den Hamburger Hafen, und auch in anderen Ländern wird das Großereignis aufmerksam registriert. Ein hochmoderner Panzerkreuzer soll dort an diesem 14. Februar 1939 vom Stapel laufen. Ein echter Stahlkoloss, das bis dahin größte in Deutschland gebaute Schlachtschiff überhaupt.

Es soll den Namen "Bismarck" erhalten. Die Benennung ist ein politischer Schachzug - sie soll Kontinuität vortäuschen und die Strahlkraft des Reichsgründers ausnutzen. Der Rest ist eine einzige, große Inszenierung. Adolf Hitler reist eigens aus Berlin zur Schiffstaufe an, begleitet von einem Tross von Pressefotografen und Filmoperateuren. Sie sollen das Ereignis ins rechte Bild rücken. Als Hitler bei seiner Anreise in Friedrichsruh im Sachsenwald halt macht, um am Grabe des Eisernen Kanzlers bedeutungsschwanger einen Kranz niederzulegen, klicken die Kameraverschlüsse. Bismarck kann sich in seinem Marmorsarkophag nicht mehr wehren. Was bleibt, sind die Bilder. Vom scheinbar nachdenklichen Hitler und dem Kranz mit Hakenkreuzschleife.

Die Fotografen bekommenim Verlauf des Tages noch weitere Motive vor die Linse: Hitler bei seiner Ankunft am Dammtorbahnhof, seine Fahrt in Richtung Hafen vorbei am riesigen Steinmonument des Reichsgründers, die durch Angehörige der SA, der SS und der Schutzpolizei abgesperrten Zufahrtswege, an denen Zehntausende auf den "Führer" warten und der Jubel, als er schließlich eintrifft. Die Botschaft: Hamburg liebt Hitler, die Zeit, in der die Hansestadt als Bastion der Roten galt, ist Vergangenheit. Die Bilder sollen außerdem ein starkes, traditionsbewusstes Deutschland zeigen, das nun endlich wieder Seemacht ist. Geknipst werden sie von den besten Fotografen Deutschlands.

Hype um Hitler

Die Männer mit Fingern am Auslöser haben schnell ein Gespür dafür bekommen, was vom Propagandaministerium als Motiv gewünscht wird und liefern meist willig fotografische Treuebekenntnisse. Allerdings in Schwarzweiß - mit den neuen Farbfilmen von Kodak und Agfa arbeitet damals kaum ein professioneller Bildberichterstatter. Die Tageszeitungen haben noch keine Möglichkeit, die bunten Bilder schnell und in befriedigender Qualität zu drucken. Auch den Illustrierten ist das Verfahren noch zu aufwendig und zu teuer. So ist der Farbfilm in den Jahren nach seiner Einführung Mitte der Dreißiger paradoxerweise das Medium des ambitionierten und wohlsituierten Fotoamateurs. Und das Wort Amateur hat in jenen Jahren noch einen guten Klang, es schwingen Empathie, Liebhaberei und Leidenschaft mit.

Diese Eigenschaften legt am 14. Februar auch ein unbekannter Fotofreund an den Tag, dessen Nachlass kürzlich auf ebay versteigert wurde. Er will das Großereignis im Hamburger Hafen mit seiner Kleinbildkamera auf Agfacolor festhalten, für den heimischen Diaprojektor. Der Amateurfotograf gehört zu den Zehntausenden, die an den Landungsbrücken das Spektakel verfolgen. Der Unbekannte fotografiert munter drauf los: die abgesperrten Straßen, die sorgfältig angebrachten Hakenkreuzbanner, das Heer der Hamburger Polizisten, die an den Landungsbrücken für Ordnung sorgen müssen. Und er wartet natürlich auch auf den "Führer und Reichskanzler".

Schließlich ist es soweit. Ein Autokorso erreicht die Landungsbrücken. Mittendrin Hitler. Der posiert stehend in seinem Mercedes, grüßt mit straff gerecktem Arm die Massen und fährt weiter. Der Amateurfotograf drückt auf den Auslöser. Er steht etwa hundert Meter entfernt in einem Pulk von Polizisten und Zuschauern.

Endstation Reeperbahn

Wenig später trifft Hitler auf der Werft Blohm + Voss ein, die Inszenierung nähert sich dem Höhepunkt. Der "Führer" gibt sich volksnah, unterhält sich mit ölverschmierten Hafenarbeitern. Dann tritt er ans Mikrofon und hält seine Rede zum Stapellauf - vor den Tausenden auf der Werft und den Millionen am Volksempfänger: "Als Führer des deutschen Volkes und als Kanzler des Reiches kann ich ihm aus unserer Geschichte keinen besseren Namen geben, als den Namen des Mannes, der als ein wahrer Ritter ohne Furcht und Tadel Schöpfer jenes deutschen Reiches war, dessen Wiederauferstehung aus bitterster Not und dessen wunderbare Vergrößerung uns die Vorsehung nun gestattete", donnert der Diktator. "Mögen sich die deutschen Soldaten und Offiziere, die die Ehre besitzen dieses Schiff einst zu führen, jederzeit seines Namensträgers würdig erweisen. Möge der Geist des Eisernen Kanzlers auf sie übergehen."

Dann tauft Dorothea von Loewenfeld, eine Enkelin Otto von Bismarcks, das Schlachtschiff: "Auf Befehl des Führers und Reichskanzlers taufe ich Dich auf den Namen 'Bismarck'", ruft sie. Eine Sektflasche zerschellt am gigantischen Bug, und an der Schiffseite wird der Schiffsname enthüllt, dann gleitet der gigantische Rumpf in die Elbe.

Diese Szene hat der Amateurfotograf nicht festgehalten. Es ist keine Aufnahme von der Werft und der Schiffstaufe selbst bekannt - dafür aber mehrere Aufnahmen von dem zu Wasser gelassenen Rumpf der "Bismarck", fotografiert von einer Barkasse. Neben dem neuen Stolz der Kriegsmarine knipst der Amateurfotograf auch Handels- und Passagierschiffe, Torpedoboote und andere Kriegsschiffe. Darunter befindet sich auch die "Grille", Deutschlands 1935 bei Blohm + Voss gebaute Staatsyacht. Hitler ist wiederholt an Bord des eleganten Schiffes gewesen, das an den Landungsbrücken festgemacht hat. Wenige Meter entfernt liegt das KdF-Schiff "Robert Ley", das nach dem "Führer der Deutschen Arbeitsfront" benannt ist. Der moderne Ozeanriese steht kurz vor der Indienststellung, als ihn der Hobbyfotograf ablichtet.

Irgendwann ist es ihm dann offenbar zu viel geworden mit Schiffen, Fahnen und nationaler Selbstdarstellung. Er verschwindet in Richtung Reeperbahn, die inzwischen von zahlreichen Lampen und Leuchtstoffröhren prächtig illuminiert wird. Dort macht er einen letzten Schnappschuss, der ebenfalls historischen Wert hat. Denn wenige Monate später wird es mit der Farbenpracht auf der sündigen Meile vorbei sein und im berühmtesten Vergnügungsviertel Europas die Lichter ausgehen.

Ab September 1939 herrscht Verdunkelungspflicht, denn Deutschland befindet sich im Krieg. An dessen Ende 1945 sind weite Teile Hamburgs einschließlich des Hafens eine Trümmerwüste. Und die "Bismarck" liegt da bereits seit vier Jahren in 4800 Meter Tiefe im Atlantik, in ewiger Dunkelheit - gesunken am 27. Mai 1941 nach Angriffen von britischen Kriegsschiffen und Piloten. Von den 1419 Besatzungsmitgliedern überlebten nur 116 Mann.

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