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"Send a Dime"-Kettenbrief - die Jagd nach dem schnellen Geld

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Kettenbrief-Inflation Der Wahnsinn kam per Post

Verschickt wurde nur Kleingeld, das aber millionenfach: Wie eine Seuche verbreitete sich in der Wirtschaftskrise der Dreißigerjahre ein Kettenbrief und zwang amerikanische Postboten in die Knie.

Postbeamte in Denver (Colorado) merkten es zuerst: Seltsames ging vor in ihrer Stadt. Das Briefaufkommen stieg massiv, Tag für Tag. Am 19. April 1935 schlug die Post Alarm. Die Zeitung "Denver Post" titelte vom Betrug an Tausenden Bürgern - per Kettenbrief. Worin genau dieser Betrug bestand, wer da wen täuschte und warum, sollte noch lange Thema bleiben, in Denver und anderswo.

Begonnen hatte es schleichend. Immer wieder wurde der Kettenbrief abgeschrieben und neu verschickt. Er wirkte wie ein Spendenaufruf mit einer bescheidenen Bitte, die riesige Hoffnungen weckte, als eine schwere Wirtschaftskrise die USA in den Dreißigerjahren erschütterte.

"Prosperity Club" stand im Briefkopf, Wohlstandsklub. Und: "Wir vertrauen auf Gott", dazu eine Liste mit sechs Namen und Adressen. Der Text begann mit "Hoffnung - Glaube - Nächstenliebe": "Diese Kette wurde in der Hoffnung gestartet, Ihnen Wohlstand zu bringen. Erstellen Sie binnen drei Tagen fünf Kopien dieses Briefes, lassen Sie den oberen Namen und die Adresse weg, fügen Sie unten Ihren eigenen Namen und Ihre Adresse hinzu, und senden Sie den Brief an fünf Ihrer Freunde, denen Sie Wohlstand wünschen." Der Person an erster Stelle solle man zehn Cent, einen Dime, als "Spende" schicken. "Wenn Ihr Name ganz oben auf der Liste steht, erhalten Sie 15.625 Briefe mit Spenden in Höhe von 1562,50 Dollar. Ist Ihnen das zehn Cent wert? Haben Sie den Glauben, den Ihre Freunde hatten, und diese Kette wird nicht unterbrochen."

Die Postinspektion mahnte als zuständige Behörde, der Brief sei illegal. Doch die Warnung verhallte - "Send-a-Dime-Welle überrollt Colorado", meldete die Zeitung zwei Tage später.

Drohung mit Geld- und Haftstrafen

Postinspektor Roy E. Nelson wurde jetzt deutlicher und zitierte das Strafgesetzbuch: Lotterien und die Nutzung der Post zu Betrugszwecken seien verboten. Als "Lotterie" wertete er, dass den Teilnehmern der enorme Gewinn von exakt 1562,50 Dollar in Aussicht gestellt wurde. Betrug sei es, weil die Wahrscheinlichkeit gegen null gehe.

Die Summe ergab sich aus der Rechnung, dass die fünf Empfänger ihrerseits jeweils fünf Kopien verschicken und dies sechsmal geschieht, bis ein Absender an die Spitze der Liste rutscht und sich die Geldbriefe auf 15.625 Stück potenziert haben. Theoretisch. Praktisch machen nie alle mit und halten sich exakt an die Vorgaben. Bei Kettenbriefen oder Schneeballsystemen gilt stets: Die Letzten beißen die Hunde.

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"Send a Dime"-Kettenbrief - die Jagd nach dem schnellen Geld

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Mitten in der Wirtschaftskrise sahen viele die Chance auf Riesengewinne bei geringem Einsatz. Bald wurden Kettenbrief-Kopien auch in Straßenbahnen verteilt statt nur an Freunde verschickt. In neuen Versionen ging es um zehn Dollar statt zehn Cent. In Denver waren vorgedruckte Blankoformulare für den Kettenbrief erhältlich. Schreibwarengeschäfte und Schreibmaschinenverleiher meldeten steigende Umsätze. Vor den Postschaltern bildeten sich lange Schlangen; die Briefmarkenverkäufe verdoppelten sich.

Die Appelle der Post wurden eindringlicher: "Stoppen Sie Kettenbriefe!" Zeitungen berichteten von erschöpften Spediteuren und Angestellten, von Hausfrauen, die Zusteller belagerten. Postmitarbeiter schoben Überstunden, Denvers Postamt stellte 100 zusätzliche Kräfte ein. Der Anwalt der Post drohte nun mit Geldstrafen von 1000 Dollar und Haft von fünf Jahren - "oder beides". Post-Chefinspektor Kildroy P. Aldrich indes resignierte: Statt "die meisten Einwohner von Denver zu verhaften", wolle er lieber abwarten, bis die Kette zusammenbreche. Versender von Centbeträgen würden strafrechtlich nicht verfolgt.

"Der Cent, der dem Postboten den Rücken brach"

"Denver Rocky Mountain News"

Weil Zusteller unter der Last taumelten, titelten die "Denver Rocky Mountain News": "Der Cent, der dem Postboten den Rücken brach". Jetzt lagen die Nerven blank. Postinspektoren sagten, sie würden den Urhebern "gern den Hals umdrehen". Ende April 1935 wurden in Denver fast eine halbe Million Kettenbriefe verschickt - pro Tag.

Unterdessen entstanden Hunderte andere Ketten, darunter "Send-Pint-of-Whiskey" mit der Frage: "Hätten Sie gern 2000 Gallonen Whiskey?" Auch beliebt: Kettenpartys. Eine Gastgeberin erhielt einen Brief mit fünf Namen und lud vier Freunde zu einer Party in spätestens drei Tagen ein. Das ging nicht lange gut: Die Spontan-Feten brachten Caterer an den Rand des Kollaps. Auch wurde es schwierig, Gäste zu finden, die nicht bereits irgendwo eingeladen waren. 

Schon plante Hollywood einen Film mit dem Titel "Chain Letter". Anfang Mai meldete Denvers Post erstmals einen leichten Rückgang. Dafür hatte sich in Pueblo (Colorado) das Postvolumen verdoppelt. Eine Woche später verstopften Kettenbriefe das Postamt von St. Louis in Missouri.

Zu den Glückspilzen in Denver zählte Restaurantbesitzer A.A. McVittie, der nach einer zweitägigen Reise 2363 Briefe vorfand. Aber wiederholt wurden auch Briefkästen aufgebrochen. Und labile Menschen waren gefährdet: "Kettenbrief-Fan wird verrückt", titelte eine Zeitung über einen 23-Jährigen, der derart von seinen Berechnungen besessen war, dass er erst Universitäten anrief und dann Autos anhielt, um den Fahrern mathematische Fragen zu stellen. Mitte Mai erschoss sich ein 39-jähriger Vater von fünf Kindern, weil er dachte, jemand wolle ihn dazu bringen, die Kette zu brechen.

Der Leiter des Postamtes in Denver gab im August bekannt, dass dort noch 100.000 Geldbriefe lägen - unzustellbar wegen fehlerhafter Adressen. Die mehr als 3000 Dollar darin gingen ans Finanzministerium.

Das Rätsel: Wer steckte dahinter?

Wie alles begann, darüber gab es nur Spekulationen. Der Autor Donald Furthman Wickets schilderte am 20. Juli 1935 im "Liberty Magazine", was ihm ein Anwalt aus Denver zum "Kettenbrief-Wahnsinn" erzählt habe: Anfang April sei eine Frau in sein Büro gekommen, zutiefst besorgt über die Notlage ihr bekannter Familien - und mit der Hilfsidee von Zehn-Cent-Kettenbriefen. Ob der Plan legal sei? Der Anwalt habe ihr gesagt, er könne keine Rechtsverletzung darin sehen, Spenden für wohltätige Zwecke zu sammeln.

Eine schöne Geschichte - aber war sie auch wahr? Der Autor nannte weder den Namen des Anwalts noch der Klientin. Und er selbst hieß auch nicht Donald Furthman Wickets.

Der Kettenbriefsammler und Volkskundler Daniel W. VanArsdale fand heraus, dass Wickets ein Pseudonym des deutsch-amerikanischen Schriftstellers und Hitler-Verehrers George Sylvester Viereck war. Ob es das Treffen mit dem Anwalt je gab, ist unklar. VanArsdale hält dennoch für plausibel, dass die Urheberin eine Frau mit altruistischen Motiven war.

Kettenbriefe waren ab 1900 in den USA große Mode unter Frauen, um einander Glück zu wünschen. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise wurde Glück meist durch Wohlstand ersetzt. Für die Verbreitung sorgten vor allem Aberglaube und die Drohung, dass ein Unglück geschehe, sollte man die Kette unterbrechen. Um Geld war es aber nie gegangen.

Clevere Konstruktion

Der monetäre Anreiz ersetzte die Drohung, erklärte VanArsdale 2014. Nach dem Börsencrash von 1929 wurden in der "Großen Depression" Millionen arbeitslos und verarmten. Da ließ sich kaum jemand die Chance auf das schnelle Geld entgehen.

Die Postinspektion sicherte bei der Suche nach dem Ausgangspunkt der Kette einige frühe Exemplare von etwa März 1935. Anfangs standen tatsächlich nur Frauennamen in der Liste. Doch Namen oder Adressen stimmten oft nicht - und das war wohl Absicht.

VanArsdale bescheinigte der Initiatorin "bemerkenswerte Geschicklichkeit und Weitsicht": Sie half Bedürftigen, ohne sie der Strafverfolgung auszusetzen. Den Ursprungsbrief schickte sie demnach anonym an hilfsbedürftige Frauen. Wer am Beginn der Kette stand, hatte eine echte Chance zu profitieren. Die von frühen Teilnehmern selbst verschickten Münzbriefe landeten als unzustellbar bei der Post, die Cent-Beträge in der Staatskasse. Denn die sechs Personen auf der Liste des Ursprungsbriefs waren fiktiv.

Innerhalb eines Jahres kursierten Hunderte von Millionen Exemplare. Der "Send-a-Dime"-Brief, so VanArsdale, sei "von mehr Menschen kopiert worden als jedes andere Dokument in der Geschichte der Menschheit". Die Urheberin ist bis heute unbekannt.