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Paris in Farbe: Rote Flaggen an der Seine

Foto: André Zucca/BHVP/Roger Viollet

Sensationeller Foto-Fund Paris unterm Hakenkreuz - in Farbe

Für die deutsche Propaganda knipste der Fotograf André Zucca das besetzte Paris in Schwarzweiß - privat dokumentierte er die Seine-Metropole in grandiosen Farbaufnahmen. Als die Fotos zum ersten Mal in Paris gezeigt wurden, lösten sie gleich massive Proteste aus.
Von Hans Michael Kloth

Er war ein Flaneur mit der Kamera, der durch Paris streifte und die kleinen, alltäglichen Straßenszenen in Bildikonen mit Ewigkeitswert verwandelte. Doch anders als die berühmten Paris-Schnappschüsse von Fotografen-Legenden wie Robert Doisneau oder Henri Cartier-Bresson, die millionenfach auf Postern und Postkarten verbreitet wurden, wurden die sensationellen Bilder von André Zucca bisher nie gezeigt.

Zucca, 1897 geboren und schon in der Zwischenkriegszeit ein erfolgreicher Reportagefotograf, hielt Paris zur Zeit der deutschen Besetzung während des Zweiten Weltkriegs im Bild fest. Auf einem seiner Fotos wehen leuchtend rote Hakenkreuzfahnen von den Fassaden der Rue de Rivoli gegenüber der Tuillerien herab - auch heute noch ein fast physisch schmerzender Anblick für viele Franzosen.

Im kollektiven Gedächtnis der Pariser ist die "occupation" als graue, grimme Zeit der Unterdrückung verankert, in der die Bevölkerung in Angst und Schrecken unter dem Joch von SS und Gestapo lebte. Doch Zuccas Bilder zeigen ein irritierendes Gegenbild - ein fröhliches, beschwingtes, lebenslustiges Paris, getaucht in helles Sommerlicht: junge Frauen, die hinter modischen Sonnenbrillen in die Kamera lächeln, buntes Treiben auf der Rue de Belleville, Angler an einem Quai der Seine. Es ist Paris, wie es sich selbst versteht und gerne präsentiert, doch gebrochen durch das, was fehlt und nur gelegentlich in Gestalt grauer Wehrmachtsuniformen ins Bild und ins Bewusstsein drängt.

Nazi-Propaganda oder pralles Pariser Leben?

Die Historische Bibliothek der Stadt Paris hat 2008 rund 270 der sensationellen Farbaufnahmen Zuccas zum ersten Mal ausgestellt - und einen Sturm der Entrüstung ausgelöst. Die Schau wurde als "Nazi-Propaganda" beschimpft, der Pariser Kultur-Bürgermeister ließ die Werbung einstellen, für Besucher wurden in aller Eile eine erklärende Texttafel am Eingang aufgestellt und entsprechende Handzettel gedruckt.

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Paris in Farbe: Rote Flaggen an der Seine

Foto: André Zucca/BHVP/Roger Viollet

Der Besucherandrang in der sonst eher beschaulichen Bibliothèque historique der Stadt im historischen Marais-Viertel war dennoch enorm - oder gerade wegen der Kontroverse. Dass sich das Leben unter der "occupation" für die meisten Franzosen nicht so schlicht in die beiden Kategorien Kollaboration einerseits und Résistance andererseits einteilen lässt, ist für Historiker zwar keine wirklich neue Erkenntnis. Doch der Gründungsmythos der französischen Nachkriegsrepublik, die sich aus dem kollektiven Widerstand des französischen Volkes gegen die Nazi-Herrschaft geboren sieht, sitzt immer noch tief in den Köpfen und Herzen.

Am Fall des Fotografen Zucca zeigt sich das exemplarisch. Der hielt ab 1941 für das Propaganda-Blatt "Signal" auftragsgemäß das lustige Leben der Pariser unter deutscher Besatzung in ästhetisch geglättetem Schwarzweiß fest. Durch seine guten Beziehungen zu den Deutschen kam er an die raren Agfacolorfilme und konnte in seiner Freizeit Paris in Farbe festhalten.

Zucca selbst sah sich dabei als unpolitisch, doch nach der Befreiung der französischen Hauptstadt durch die Alliierten wurde er im Oktober 1944 gleichwohl als Kollaborateur verhaftet. Das Leumundszeugnis eines führenden Résistance-Mitglieds sorgte für seine umgehende Freilassung, doch mit der Karriere als Fotograf war es vorbei. Zucca eröffnete ein kleines Fotogeschäft in einem Dorf bei Paris und starb 1973, weitgehend vergessen.

In der Historischen Bibliothek liegt Zuccas Nachlass seit mehr als 20 Jahren - so lange dauerte es, bis diese einzigartigen Dokumente an die Öffentlichkeit kamen.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.