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KZ-Bordelle: Sex gegen Essen

Foto: Musée de la Résistance et la Déportation, Besançon

Sex-Zwangsarbeit Überleben im KZ-Bordell

In zehn Konzentrationslagern betrieb die SS Bordelle - die Nazis nötigten weibliche Gefangene zum Sex. Das System bedeutete für die Frauen oft die Rettung vor dem Tod. Bis heute hat keine einzige Entschädigung für den Zwangdienst bekommen.
Ein Interview von Mareike Fallet und Simone Kaiser

Herr Sommer, wie viele Häftlingsbordelle gab es in deutschen Konzentrationslagern?

Sommer: Die Nationalsozialisten errichteten zwischen 1942 und 1945 insgesamt zehn sogenannte Sonderbauten in Konzentrationslagern wie Buchenwald, Dachau, Sachsenhausen und sogar in Auschwitz. Insgesamt wurden dort rund 200 Frauen zur Sex-Zwangsarbeit gezwungen.

Wie kam es dazu, dass diese sogenannten Sonderbauten errichtet wurden?

Sommer: Die Häftlingsbordelle wurden als "Arbeitsanreiz" auf Anweisung des damaligen Reichsführers SS Heinrich Himmler erbaut. Er führte, unterstützt von der Industrie, in den KZ ein Prämiensystem ein, demnach "besondere Leistungen" von KZ-Insassen mit Hafterleichterung, Verpflegungszulagen, Geldprämien, Tabak oder eben Bordellbesuchen belohnt werden sollten. Man muss als Hintergrund dazu wissen, dass das NS-Regime im "Dritten Reich2 keineswegs die Prostitution verboten oder entschieden bekämpft hat. Vielmehr hat man sich, vor allem nach dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, auf die totale Überwachung der Prostitution im "Altreich" aber auch in den besetzten Gebieten konzentriert. Damals überzog ein flächendeckendes System von staatlich kontrollierten Bordellen halb Europa. Es bestand aus zivilen, militärischen sowie Bordellen für Zwangsarbeiter - und erstreckte sich auch bis in das System der Konzentrationslager hinein.

Die Sonderbauten wurden allesamt in Männerlagern errichtet - woher kamen die Frauen für die Häftlingsbordelle?

Sommer: Sie waren alle ebenfalls Häftlinge. Die SS selektierte die Frauen in den Frauen-Konzentrationslagern Ravensbrück oder Auschwitz-Birkenau, dann päppelte man sie zehn Tage im Krankenrevier auf und transportierte sie in die Männerlager. Die meisten der späteren "Bordellfrauen" waren "Reichsdeutsche" zwischen 17 und 35 Jahre alt, es wurden aber auch Polinnen, Weißrussinnen und Ukrainerinnen ausgewählt. Viele von ihnen waren als sogenannte "Asoziale" verhaftet worden und trugen im Lager den schwarzen Winkel, zum Beispiel weil sie den Arbeitsdienst verweigert hatten. Die SS rekrutierte in den Lagern auch einige inhaftierte Prostituierte für die Häftlingsbordelle, die vor allem zu Beginn den "professionellen" Betrieb der Lagerbordelle garantieren sollten.

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KZ-Bordelle: Sex gegen Essen

Foto: Musée de la Résistance et la Déportation, Besançon

Wie muss man sich den Alltag in einem solchen Lagerbordell vorstellen?

Sommer: Wie das ganze Leben im Lager war auch der Bordellbetrieb komplett von der SS überwacht, Privatsphäre war auch hier ein Fremdwort. Der "Sonderbau" im KZ Buchenwald war etwa jeden Abend von 19 bis 22 Uhr geöffnet, in den Zimmertüren waren Spione eingefasst, auf dem Flur patrouillierte ein SS-Mann. Jeder Häftling musste zuvor einen Antrag auf den Besuch des Bordells stellen und konnte sich dann einen "Sprungkarte" im Wert von zwei Reichsmark kaufen. Zum Vergleich: 20 Zigaretten in der Kantine kosteten drei Reichsmark. Juden war der Bordellbesuch verboten. Ein Rapportführer rief die Nummer des Häftlings auf und das Zimmer, in das er gehen durfte. Dort durften sich die Häftlinge genau 15 Minuten aufhalten, erlaubt war nur die Missionarsstellung.

Wie verhüteten die Häftlingsfrauen?

Sommer: Die SS hatte große Angst vor der Verbreitung von Geschlechtskrankheiten im Lager, weshalb die Frauen regelmäßig auf Tripper und Syphilis getestet wurden. Das Thema Verhütung überließ man aber allein den Häftlingsfrauen, Kondome gab es nicht. Dennoch kam es relativ selten zu Schwangerschaften. Ein Großteil der als "asozial" inhaftierten Frauen war bereits vor der Einweisung ins KZ zwangssterilisiert worden, andere wurden durch die schlechten Lebensbedingungen im Lager unfruchtbar. Bei den wenigen Schwangerschaften, die dennoch vorkamen, tauschte die SS die Frauen einfach aus, schickte sie zurück in die Frauenlager, wo dann eine Abtreibung durchgeführt wurde. Oft kam eine Schwangerschaft im Konzentrationslager einem Todesurteil gleich, doch es gibt keine Belege dafür, dass schwangere Bordellfrauen umgebracht wurden.

Sie haben über Jahre hinweg in Archiven und Gedenkstätten über die Zwangsprostituierten und die Häftlingsfreier recherchiert und sind auf eine große Fülle an Material gestoßen, dass die Geschichte der Sonderbauten in vielen Einzelheiten dokumentiert. Trotzdem ist das Thema bislang kaum bekannt gewesen.

Sommer: Ja, das ist in der Tat erstaunlich, denn zum Beispiel selbst die Abrechnung der Bordelleinnahmen durch die SS sind überliefert. Doch das Thema Zwangsprostitution ist ja generell ein Tabu, da muss es nicht einmal um Sex-Zwangsarbeit in Konzentrationslagern gehen. Dies war eine ganz besonders perfide Form nationalsozialistischer Gewalt, die SS hat in den Lagerbordellen versucht, Häftlinge zu Mittätern zu machen. Daher ist das Thema Lagerbordelle auch innerhalb von Überlebenden-Verbänden nach wie vor ein strittiges. Viele der missbrauchten Frauen schwiegen aus Scham lange über ihr Schicksal. Besonders tragisch ist zudem, dass keine Frau für das Unrecht der Sex-Zwangsarbeit entschädigt wurde.

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