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Schräge Neujahrskarten: Schwofende Pullen, sternhagelvoller Mond

Skurrile Neujahrskarten Schrägen Rutsch!

Fiese Kartoffelmonster, sadistische Köchinnen, betrunkene Kleinkinder: Wer sagt denn, dass nur Hufeisen und Fliegenpilze Glück im neuen Jahr bringen? einestages wünscht ein prächtiges neues Jahr und zeigt die bizarrsten historischen Neujahrskarten.

Unbarmherzig machen sich sieben rote Teufelchen über den bleichen Herrn auf dem Sessel her: Einer trötet ihm mit einem Megafon ins linke Ohr, drei malträtieren seinen Schädel mit Pfeilen und Bohrern. Und drei weitere schwingen Hämmer, um dem Mann wahlweise Kopf, Leber oder Darm zu zertrümmern. Schützend hält sich der Kerl im Morgenmantel die Hand vor die gen Himmel gerichteten Augen, doch es nützt alles nichts. Fremde Kräfte scheinen von seinem Leib Besitz ergriffen zu haben, ein Totenkopf, Schlangen, höhnisch grinsende Fratzen springen ihn an.

Kein Zweifel: Der Mann durchlebt den höllischsten Kater seines Lebens. Eine historische Kopfschmerztabletten-Werbung oder eine Anti-Alkohol-Kampagne der 1867 in den USA gegründeten "Prohibition Party"? Irrtum. "The Result! A Happy New Year" steht in Schnörkeln unter der Folter-Szenerie.

Der Schöpfer dieser seltsamen Neujahrskarte gilt als unbekannt. Nur so viel scheint klar: Da hatte jemand den immer gleichen Reigen aus feist strahlenden Glücksschweinchen und munteren Schornsteinfegern, aus putzigen Marienkäfern, Hufeisen und vierblättrigen Kleeblättern gründlich satt - und wollte mal ein anderes Signal wagen. Im Fall des Hangover-Mannes etwa: Trinkt nicht so viel durcheinander in der Silvesternacht!

Wolfgang Bandelmann: Der Sammler rätselt gern

Wolfgang Bandelmann: Der Sammler rätselt gern

Und noch eine weitere Botschaft transportiert der bleiche Hangover-Mann: Neujahrskarten muteten zu Zeiten unserer Urgroßeltern oftmals viel schräger, origineller, bösartiger an als heute. "Diese Vielfalt ist beeindruckend. Enorm, was die Menschen auf so einem kleinen Stückchen Papier an Ideen ausdrücken konnten. Dagegen sind die Karten heutzutage extrem langweilig", sagt Wolfgang Bandelmann im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.

Hüte Dich vor keifenden Frauen!

Der 61-jährige Theater-Requisiteur aus Schwedt sammelt seit 1998 historische Neujahrskarten, rund 2000 Stück hat er bereits beisammen. Sein ursprüngliches Ziel, für jedes Jahr zwischen 1900 und 2000 mindestens ein Exemplar aufzuspüren, hat er längst erreicht. "Je weiter das Jahrhundert voranschreitet, desto einfallsloser werden die Karten", sagt Bandelmann, der seine Schätze im Jahr 2014 erstmals in einer Ausstellung öffentlich präsentiert hat. Mit der schwindenden Bedeutung der Neujahrspostkarte als Kommunikationsmittel nahm auch die Kreativität der Gestalter ab.

Viele Karten-Motive, über die sich Bandelmann anfangs den Kopf zerbrochen hatte, konnte er im Laufe der Jahre recherchieren. Etwa jenes der schwer betrunkenen Kleinkinder, die sich mit glasigem Blick um einen Kelch Rotwein streiten. Das auf den ersten Blick verstörende Exemplar stammt vom Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Brauch der Neujahrspostkarte bereits gut 20 Jahre alt war.

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Schräge Neujahrskarten: Schwofende Pullen, sternhagelvoller Mond

Killerinsekten, Prügelknaben, auf Hummern reitende Mäuse: einestages zeigt die etwas anderen historischen Neujahrsgrüße - und wünscht allen Lesern einen guten Rutsch!


Der Sammler fand heraus: Die bechernden Knirpse sollen weder Minderjährige zum Alkoholkonsum anstiften, noch enthält die Karte den Appell "Passt besser auf eure Kleinen auf im neuen Jahr!" Vielmehr symbolisieren vollständig bekleidete Kinder laut Bandelmann schlicht die Erwachsenen, die sich an Silvester amüsieren. Nackte Kinder hingegen würden auf den Karten stets für das neue Jahr stehen.

Auch andere Motive, etwa eine hässliche, alte Frau mit einem Nagel in der Zunge, gaben ihm zunächst Rätsel auf. Was hat die Hexe auf der Neujahrspostkarte zu suchen, fragte sich Bandelmann zu Beginn seiner Sammlerkarriere. Um dann die Botschaft herauszufinden: "Hüte dich im neuen Jahr vor keifenden Frauen, die Böses über dich in Umlauf bringen!"

Ab in den Suppentopf mit dem Knirps

Verrätselter gestaltet sich die Sinnfrage, wenn man sich andere historische Neujahrskarten anschaut. Etwa die Sache mit dem fiesen Kartoffelmonster: Unsicher, auf dürren Beinchen, gestützt auf einen roten Regenschirm wankt ein dicker Erdapfel-Herr über die Wiese. Den pockennarbigen Leib voller Augen und Triebe, schwenkt er einen versiegelten Brief, auf dem steht: "I Wish You A Happy New Year." Mal eine andere Art, das alte Jahr samt all seiner irdischen Vergänglichkeit zu präsentieren?

Noch bizarrer ist eine Karte der Werbestrategen beim US-Tabakkonzern Kinney Brothers zur Jahreswende 1889/1890. Mit stoischer Miene schickt sich ein altes Mütterchen an, einen vor Angst schreienden Jungen in ihren gigantischen Suppentopf zu werfen. Ein Neujahrsgruß an alle Sadisten und Kinderhasser dieser Welt? Aber nein: Der Kleine symbolisiert nur das alte Jahr, die Zahl 1889 steht auf seinem Pulli. Bleibt die beunruhigende Frage, wen die alte Frau sonst noch so in ihrem Kessel versenkte - zwei rote Hosenbeine schauen noch raus, aus dem brodelnden Neujahrs-Eintopf.

Alle Mysterien rund um die historischen Neujahrspostkarten hat selbst Bandelmann noch nicht gelüftet. Muss auch gar nicht sein: "Das Rätselraten ist doch das Schönste daran", findet der passionierte Sammlers.

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