Silvester in Ost-Berlin Kirsch-Whiskey und die hübscheste aller Lehrerinnen

Er sollte seinen Lebenslauf schreiben und hatte auch gute Vorsätze, schon wegen Frau Wagenbach. Dann kam Silvester dazwischen. Mark Scheppert erzählt vom Start ins Jahr 1987 in Berlin-Friedrichshain.

ullstein bild/ Wilfried Glienke

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  • Jan-Erik Nord
    Mark Scheppert, Jahrgang 1971, lebt in Berlin-Friedrichshain und arbeitet seit vielen Jahren im Marketing und Vertrieb von Verlagen. 2008 begann er, für einestages zu schreiben, und wurde 2009 Mitglied der Lesebühne "Die Unerhörten". Sein erstes Buch hieß "Mauergewinner", jetzt widmet er sich in "Leninplatz" erneut der untergegangenen DDR. Seine Homepage: www.markscheppert.de

Eigentlich sollte ich gerade meinen Lebenslauf schreiben. Das hatte mir unsere Lehrerin Frau Wagenbach geraten, weil sie sich im kommenden Jahr bei der Direktorin für meinen Abiturplatz einsetzten wollte. Trotz zahlreicher Verfehlungen besäße ich zumindest in Deutsch ein gewisses Talent - meinte sie.

Aber das ging leider nicht, denn es begann der lang ersehnte Weihnachtsmarkt an der Jannowitzbrücke. Große Leuchtschriften, blinkende Reklametafeln und Lautsprecherdurchsagen lockten mich hinter das breite Tor mit den Märchenfiguren im Tannengrün. Den Alten wurde alljährlich mit Glühwein, Altberliner Bierbowle und Kräuterschnäpsen eingeheizt, die Kleinsten weinten sich beim Erinnerungsfoto mit dem Rauschebart-Mann oder während der Tortur in der Geisterbahn die Augen aus.

Andere fuhren mit dem pausenlos von "O du fröhliche" begleiteten Karussell auf Pferdchen und Schweinchen im Kreis. Touristen aus anderen Bezirken erhoben sich in hölzernen Gondeln des Riesenrads in die Lüfte und bestaunten unser Berlin.

Wir dagegen standen im Schneematsch vor dem "Superskooter". Sobald die laute Sirene ertönte, stürzten wir in einen der Wagen, warfen einen Chip in den Schlitz und rammten dann mit aller Gewalt die Autos unserer Kumpel.

Dirk und Lars traf man zuverlässig am Stand mit den Telespielen, die Tennis, Fußball und Olympia simulierten. Auch "Einarmige Banditen" gehörten hier zu den Dingen, die "urst einfetzten" und es sonst in der DDR nicht gab. Allerdings spuckten sie kein Geld aus, sondern nur Spielmarken, die man in Tinnef umtauschen konnte.

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Lebenslauf an Silvester: Große Vorsätze, kleine Abstürze

Einer der Jungs hing fast immer in den Schlangen vor den Fressständen herum, so gab es Goldbroiler, Thüringer Bratwurst und Schaschlik satt. Aber auch Alkohol, weil die Älteren der Schule uns - für einen kleinen Aufpreis - mitversorgten. Noch konnten sie damit einen Kuhlen machen. Doch im nächsten Jahr waren die meisten von uns endlich 16 und brauchten die Ausweiskontrollen des Kirsch-Whiskey-Beauftragten nicht mehr zu umgehen.

Nach diversen alkoholischen Getränken fuhr auch ich Karussell. In meinem Kopf. Ganz ehrlich: Da blieb keine Zeit, einen Lebenslauf zu verfassen. Das verschob ich mal lieber aufs nächste Jahr.

Da, die Wagenbach mit der Lederratte

Doch das Schicksal holte mich ein. Am 26. Dezember ging es auf einen "Ringel" mit der Familie durch den verschneiten Friedrichshain. Und wen trafen wir? Die Wagenbach mit ihrem Macker, dieser Lederratte. Der Kerl wurde so genannt, weil er fast immer einen schwarzen Ledermantel trug und Frau Wagenbach, 24, die hübscheste Lehrerin Berlins war. Durch ihn erlernten 15-jährige Jungs, was Eifersucht ist. Enno aus der A brachte den Spitznamen auf und wollte wohl andeuten, dass der Typ beim "Memphis" (MfS, Ministerium für Staatssicherheit) war - obwohl er kein Parteiabzeichen trug. Diese Ratte!

"Na Mark, hast du denn schon deinen Lebenslauf fertig?", fragte mich die Traumfrau mit einem zweifelnden Lächeln. "Na klar doch, Frau Wagenbach. Muss ihn nur noch in Schönschrift abschreiben", log ich und spürte die bohrenden Blicke meines Vaters im Rücken. Verschämt schaute ich zu Boden. Meine Lehrerin trug weinrote Lederstiefel, die sahen echt toll aus. "Das freut mich, Mark. Zeig ihn mir einfach am 4. Januar. Mit meiner Unterstützung kommst du vielleicht doch noch auf die EOS."

Die hässliche Lederratte war derweil zum zugefrorenen Ententeich vorgelaufen. Nur kurz konnten wir unserer ängstlichen Mutter und der Oma elegante Schwünge auf den Gleitern zeigen, weil mein Bruder Benny während der Abfahrt auf der "Knochenbahn" böse stürzte und sich dabei - laut Diagnose von Prof. Dr. Scheppert (meinem Vater) - die rechte Hand lediglich leicht verstaucht hatte. Wir kehrten trotzdem um.

Preisabfragezeitpunkt:
09.09.2019, 13:45 Uhr
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Mark Scheppert
Leninplatz

Verlag:
Books on Demand
Seiten:
148
Preis:
EUR 9,90

Tags darauf war Benny zu Gast im Krankenhaus Friedrichshain, wo man nach langer Warterei einen Handgelenkbruch diagnostizierte. Wehleidig und mit Gipsarm blockierte der Schwerverletzte ab dem 29. Dezember - der Qualifikation zum ersten Springen der Vierschanzentournee - die Wohnzimmercouch. Ununterbrochen brüllten wir zusammen "Uuullf", was Vater beinah in den Wahnsinn trieb. DDR-Olympiasieger Jens Weißflog war außer Form, Ulf Findeisen 1986 der beste Flieger aus unserer Heimat. Aber auch die BRD hatte mit Thomas Klauser und Andreas Bauer potenzielle Siegspringer dabei, weshalb der euphorische ARD-Reporter fast durchdrehte.

Mein Alter feierte noch Resturlaub ab, aber mit "Kürbis Kugelbauch" allein zu Hause zu sein, war ganz okay. Er war ein angenehmer Kerl, wenn er was trank, und er trank eigentlich fast immer. Das Oberstdorfer Springen schauten wir uns am 30. Dezember im West-TV an, weil er die hohlen Ost-Kommentatoren nicht ausstehen konnte.

Die Wohnung wird zur Partyzone

Vegard Opaas aus Norwegen gewann knapp vor Klauser, unser Uuullf wurde Fünfter. Wir waren zufrieden und freuten uns aufs Neujahrsspringen. Vorher war jedoch noch Silvester. Meine Alten feierten mit den Schnapsdrosseln der Gegend, dieses Jahr mussten wir nicht mehr mit.

Also empfing ich ab 19 Uhr meine eigenen Gäste, um 22 Uhr waren fast alle breit. Eine Stunde später hatte ich total den Überblick verloren, da unser Heim im 9. Stock zur Partybühne ausgeweitet wurde. Wenigstens war die Wohnung Sperrgebiet für sämtliche Filous, Harzer Knaller und Fliegende Blitze. Die Jungs aus meiner Clique achteten sogar darauf, die Briefkästen unseres Hauses von Feuerwerkskörpern und Stinkbomben zu verschonen. Auch Klingelstreiche fielen somit flach.

Auf dem Parkplatz vor der Tür drehten trotzdem alle total durch. Trulli, dessen Bruder sich für Krachmacher von "Pyrotechnik Silberhütte" bei klirrender Kälte saufrüh vor der Drogerie angestellt hatte, erlitt durch einen "Blitzschlag" böse Verbrennungen am Unterarm. Didi und Tessi, schon total blau, bewarfen einander derweil draußen mit Buletten.

Benny, für den ich heute verantwortlich war, grölte im Keller zusammen mit Bommel "Knall!", "Bumm!" und "Peng!", weil er als großer Schisser gar nicht selbst zum Zündeln hinausging. Wunderkerzen aus Riesa ließen ihn strahlen. Kurz vor Mitternacht standen meine besten Freunde mit mir am Wohnzimmerfester. Benny zählte die letzten Minuten bis zum Jahreswechsel hinunter und zupfte dann theatralisch das letzte Blatt des Abreißkalenders ab.

Und die Lehrerin kotzt ins Beet

Wir schauten gebannt auf die Silvesterraketen, die vor den Neubaublöcken in die Nacht stiegen und meist weiß leuchteten, manche grün und wenige rot. Am Horizont, wo wir Westberlin vermuteten, schien der Himmel in grellen Blitzen regelrecht zu explodieren. Alle wünschten sich, einmal Silvester dort erleben zu dürfen.

Gegen ein Uhr begann ich mit der großen Säuberung und versuchte, meine Leute zurück in den Keller zu treiben. Plötzlich rief Bommel aus dem Kinderzimmer: "Kommt mal alle her. Da unten steht die Wagenbach und kotzt in die Rabatte!" Zu viert schauten wir aus dem Fenster. "Hey Zuckerpuppe, willste hochkommen?", schrie Andi und schnippte seine Kippe hinunter. "Schnauze, die will was sagen!", rief Bommel. "Das bleibt aber unter uns, Mark!", lallte es nach oben. "Die ist ja breit wie zehn sowjetische Matrosen", lachte Tessi.

Alle anderen schauten mich fragend an. Aber ich wusste ja selbst nicht genau, ob ich ihr Versprechen, sich für mich beim EOS-Platz einzusetzen, oder ihre Kotzaktion für mich behalten sollte. "Alles klar. Na dann, ein gesundes neues Jahr und danke für alles", rief ich nach unten. Die hübscheste Frau Friedrichshains winkte und schwankte dann hinüber zum S-Block. Wenn das kein guter Start ins Jahr 1987 war!

Erholt von der Feier, legte ich dann nachmittags die Amiga-LP von Simon & Garfunkel auf den Plattenteller, träumte mich zum Klassenfeind in den Central Park von New York - und schrieb doch noch meinen Lebenslauf. Einige Zeilen zu meinen Eltern und Sportaktivitäten, der Oberschule und meinen Deutschleistungen, und zum Abschluss galt es, einen hinreichend linientreuen Eindruck zu vermitteln:

"In meinem jetzigen FDJ-Kollektiv habe ich auch die Aufgabe, Agitationsarbeiten zu leisten, vor allem in Form von Wandzeitungsartikeln und durch regelmäßige Kontakte zum Haus der DSF. Um mich auf den Ehrendienst in der Nationalen Volksarmee gründlich vorzubereiten, wurde ich Mitglied der GST.
In meinem Haus leite ich seit zwei Jahren einen Jugendclub. Dort finden sehr häufig Diskussionen zu aktuell-politischen Ereignissen statt.
Ich habe den Wunsch, nach bestandenem Abitur und der Armeezeit, ein Volontariat bei einer Zeitung und ein Journalistik-Studium in Leipzig zu beginnen.

Berlin am 01.01.1987, Mark Scheppert"

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Gunter Fippel, 31.12.2018
1. ...
Zwar schön geschrieben aber leider nicht wahr. Denn die Frau um die es sich bei seiner "Lehrerin" handelt ist meine Partnerin und Sie war erstens 4 Jahre jünger noch sind wir es leid immer wieder Stories über Sie zu lesen. Ich dachte der Spiegel hat aus dem Fall Relotius gelernt
Henning Heinrich, 01.01.2019
2. Angenehm realistisch
und nicht so ein Unfug, wie die Pamphlete des Siegfried Wittenburg. Danke Herr Scheppert, danke SPON. Wünsche allen ein tolles 2019.
René Marquardt, 01.01.2019
3. Geisterbahn und Riesenrad...
... kannte man in der DDR in jeder Kreisstadt zum jährlichen Rummel, Vogelschießen, Jahrmarkt.
Markus Bauer, 01.01.2019
4. Absoluter Mülltext, unlesbar
Nur ein Berliner kann so einen Dreck verfassen. Der einzige Grund weshalb ich gelesen habe ist "Frau Wagenknecht"
Peggy Töpfer, 01.01.2019
5. Hat's geklappt?
Danke für den "Kuhlen" Artikel. Hätt's den geklappt mit der EOS?
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