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Sinti in der DDR

Foto: Markus Hawlik-Abramowitz

Sinti in der DDR »Man nennt uns Zigeunerbrut«

Arbeitsscheu und kriminell – mit solchen Vorurteilen waren Sinti in der DDR konfrontiert, wegen ihrer Herkunft wurden sie vom Staat drangsaliert. Viele Details aus ihrem Alltag werden erst jetzt öffentlich.

Für Janko Lauenberger war die Schulzeit in der DDR eine schlimme Erfahrung. »Jude, Zigeuner, Kubaner, Araber, Türke, Kanake« – so beschimpften ihn seine Klassenkameraden im Ostberliner Bezirk Lichtenberg. Der schwarzhaarige Junge mit dem dunklen Teint wurde zum Außenseiter, weil seine Eltern Sinti waren.

Eines Tages packte ihn ein älterer Mitschüler und drückte seinen Kopf unter einen Wasserhahn. »Wenn du noch einen Ton sagst, dann vergas ich dich«, rief er höhnisch. Jankos Eltern protestierten, doch niemand entschuldigte sich bei ihrem Sohn. Die Lehrer bestraften ihn sogar, statt ihn vor weiteren Attacken zu schützen. »Eine Schande, dass du in der DDR geboren bist«, bekam er zu hören.

Wegen seiner Herkunft galt der Junge als unbequemer Störenfried. Als die Quälereien durch die Mitschüler zunahmen, wehrte er sich und schlug zu.

Der Familie entrissen

Daraufhin wurde er zwangsweise in ein Kinderheim für Schwererziehbare nach Thüringen gebracht, weit entfernt von seinen Eltern. Die Direktorin des Heims leitete Informationen über ihn an die Stasi weiter.

Auch andere Sinti, die durch das ideologische Raster des sozialistischen »Arbeiter- und Bauernstaats« fielen, wurden tagtäglich diskriminiert. In der DDR lebten nur etwa 300 Angehörige dieses Volkes. Mit den Roma, die sich über Osteuropa verteilt hatten, wollten sie nicht in einen Topf geworfen werden.

Doch selbst wer regelmäßig einem Beruf nachging, wurde mit hartnäckigen Vorurteilen konfrontiert: In den Augen vieler ihrer Mitbürger galten sie als faul, unehrlich und geschickte Trickdiebe.

Im Gegensatz zu den Sorben waren die Sinti vom SED-Regime nicht als ethnische Minderheit anerkannt. Die Ausreise in den Westen, wo viele ihrer Verwandten lebten, wurden ihnen zumeist verwehrt.

»Synonym für Gesindel und Assis«

»Zigeuner war für uns ein Synonym für Gesindel und Assis.« Solche Vorurteile schlugen der in Quedlinburg geborenen Autorin Simone Trieder entgegen, als sie für ein Buch über die Sinti in der DDR  recherchierte.

Auf manche Menschen übte der Mythos des »fahrenden Volkes« allerdings auch Faszination aus – ein Gegenbild zum Leben in der DDR. »Einem Leben, das viel mit Angst zu tun hatte, mit Reglementierung bis ins Private hinein«, schreibt Trieder. »Dem entgegengesetzt wurde Sehnsucht nach Ungebundenheit, nach Farben und andererseits Trotz gegenüber Behörden.«

»Man sieht in uns Tagesdiebe, nennt uns Zigeunerbrut, und doch singt und spielt man unsere Weisen«, beklagte sich 1965 eine Sintiza in einem Leserbrief an die damals sehr beliebte Zeitung »Die Wochenpost«.

Der Fotograf Markus Hawlik-Abramowitz kam den Sinti näher als viele andere. Für seine Diplomarbeit lichtete er Anfang der Achtzigerjahre mehrere Familien in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Thüringen ab.

Exoten im DDR-Alltag

Die Frauen, Männer und Kinder porträtierte er in ihrem unmittelbaren Lebensumfeld. Viele der Schwarz-Weiß-Bilder spiegeln die Tristesse der typischen Stadtrandsiedlungen wider. Allein schon durch ihre ungewöhnliche Kleidung unterschieden sich diese Menschen aber vom Einheitsgrau der DDR.

»Ich kam zuerst mit einer Familie in Kontakt, die in einem Haus am Stadtrand von Halle lebte. Wir freundeten uns bald an, die anfängliche Skepsis verschwand schnell«, erzählt Hawlik-Abramowitz.

Auf seinen Fotos ist zu erkennen, wie stark der Zusammenhalt in den Familien war. Junge und Alte rücken zusammen, umarmen sich, lachen auch mal in die Kamera. Die Sinti, die er kennenlernte, entsprachen nicht der Klischeevorstellung von unsteten Nomaden. Sie hatten einen festen Wohnsitz, besaßen aber auch Wohnwagen und Pferde.

Schausteller und Scherenschleifer

Sie fuhren damit zu Jahrmärkten, wo sie als Schausteller Karussells betrieben, Kinder auf Ponys reiten ließen und Waffeln backten. Oder sie parkten auf einem Feld, wo die Leute Schlange standen, um ihre Scheren und Messer schleifen zu lassen.

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Sinti in der DDR

Foto: Markus Hawlik-Abramowitz

»Völlig ausgegrenzt lebten sie nicht, auch wenn sie ganz anders waren als die durchschnittlichen DDR-Bürger. Solange sie sich anpassten, gab es keine Spannungen. So habe ich es zumindest erlebt«, sagte er. »Nur wenn sie sich wehrten, wie es Janko Lauenberger tat, bekamen sie Probleme.«

Zu DDR-Zeiten hatte der Fotograf keine Möglichkeit, diese Bilder zu publizieren. Das öffentliche Interesse war zu gering. Die meisten Aufnahmen in dem Buch, an dem er gemeinsam mit Simone Trieder arbeitete, wurden zuvor noch nirgendwo veröffentlicht.

Auf seinen Fotos taucht auch eine ältere Frau auf, die in der NS-Zeit im Konzentrationslager gewesen war. Von der Verfolgung der »Zigeuner« im »Dritten Reich« hatte Hawlik-Abramowitz durch seine eigene Familie erfahren. Der Vater des Fotografen war in der Reichspogromnacht 1938 zusammen mit anderen Juden aus Halle in das KZ Sachsenhausen verschleppt worden, wo auch Sinti inhaftiert waren. Ab 1936 durften deren Kinder in Deutschland nicht mehr zur Schule gehen. Viele von ihnen wurden zwangssterilisiert.

Zwangssterilisierung im »Dritten Reich«

Der Sinto Josef Muscha Müller beschreibt in seinem Buch »Und weinen darf ich auch nicht«, wie er während des Krieges von Sozialdemokraten in einer Gartenanlage in Halle vor der Gestapo versteckt wurde. Kurz zuvor war er im Krankenhaus operiert worden, angeblich sei ihm der Blinddarm entfernt worden. Die bittere Wahrheit erfuhr er erst viel später.

In der DDR konnte Müller immerhin Erich Honecker auf sich aufmerksam machen. Das damalige Vorstandsmitglied der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes ermöglichte ihm als »Entschädigung« eine Ausbildung zum Heimerzieher.

Dieser Einzelfall änderte allerdings nichts daran, dass das Leid der Sinti unter dem »Dritten Reich« in der DDR weitgehend totgeschwiegen wurde. Wie Trieder anhand vieler Beispiele erklärt, kämpften sie als KZ-Überlebende oftmals vergeblich um eine Wiedergutmachung. Schafften sie es, als Opfer des Faschismus anerkannt zu werden, reichten bereits geringfügige Straftaten aus, damit ihnen dieser Status aberkannt wurde.

Auch viele Angehörige des Jazzmusikers Janko Lauenberger waren von den Nazis ermordet worden. Eine von ihnen war Erna Lauenburger, die Cousine seiner Großmutter, die 1944 in Auschwitz starb. Grete Weiskopf alias Alex Wedding setzte ihr 1931 in ihrem Kinderbuch »Ede und Unku« ein literarisches Denkmal.

Das unter dem Hitler-Regime verbotene Buch über die Freundschaft zwischen einem Arbeiterjungen und einem »Zigeuner«-Mädchen wurde später in der DDR zur Pflichtlektüre an Schulen erklärt. Die alten Vorurteile blieben jedoch bestehen.

In dem 2018 erschienenen Buch »Ede und Unku: Die wahre Geschichte«, das er gemeinsam mit der Journalistin Juliane von Wedemeyer schrieb, verknüpft Janko Lauenberger das Schicksal seiner Vorfahren mit seinen eigenen Erfahrungen.

In der Opferrangliste hinter Kommunisten und Juden

In der Hierarchie der Opfer des NS-Regimes standen die Kommunisten und Sozialdemokraten in der DDR an erster Stelle, noch vor den aus »Rassegründen« verfolgten Juden und den Sinti. Letzteren wurde vorgehalten, sie seien nicht wegen ihrer politischen Überzeugungen, sondern aufgrund einer »asozialen Lebensweise« inhaftiert worden.

Der Sinto Ewald Hanstein glaubte lange Zeit, dass er es in der DDR zu etwas gebracht habe. Seine Eltern und Geschwister waren in den Lagern der Nazis umgekommen. Nach dem Krieg trat er in die SED ein und wurde Volkspolizist in Magdeburg.

»Polizist dürfte wahrscheinlich jener Beruf sein, der am weitesten von der Mentalität eines Sinto entfernt ist«, zitiert Trieder aus Hansteins 2005 erschienenem Buch »Meine hundert Leben«. »Die Staatsgewalt war uns immer als Feind gegenübergetreten.«

Auch Hanstein konnte diesem Schicksal nicht entgehen. 1951 war es mit seiner Laufbahn jäh vorbei. Nach einer falschen Anschuldigung durch einen Kollegen kam er für zehn Monate in Isolationshaft. Er flog er aus der Partei und durfte nicht mehr in seinen Beruf zurückkehren. Mit seiner Familie übersiedelte er daraufhin in die Bundesrepublik.

Der Schriftsteller und Umweltaktivist Reimar Gilsenbach engagierte sich über Jahrzehnte unermüdlich für die Rechte der Sinti in der DDR. Gegen die Obrigkeit konnte er aber nur selten etwas ausrichten. So gelang es ihm während der SED-Herrschaft nicht, seine akribischen Nachforschungen in Buchform zu veröffentlichen.

20 Jahre nachdem er zwei entfernte Verwandte von »Unku« kennengelernt hatte, konnte Gilsenbach 1986 immerhin einen Artikel über das Sinti-Mädchen in der »Wochenpost« veröffentlichen.

Spätes Gedenken

Im selben Jahr wurde auf dem Friedhof Marzahn in Berlin ein Gedenkstein eingeweiht, der an das nahe gelegene NS-Zwangslager für Sinti und Roma erinnern sollte. Offenbar war dies eine indirekte Reaktion auf einen langen Brief, den Gilsenbach 1985 an den Staatsratsvorsitzenden Honecker geschickt hatte. Über eine Stellungnahme Honeckers ist allerdings nichts bekannt. Gilsenbach war zu der Zeremonie nicht eingeladen.

Erst 1990 wurde auf dem Friedhof eine Marmorplatte angebracht, auf der auch die Ermordung von Sinti in Auschwitz erwähnt ist. Die Bundesrepublik hatte den Massenmord der Nazis an den Sinti und Roma 1982 offiziell anerkannt.

Nach Gilsenbachs Tod im Jahr 2001 übergab seine Witwe über hundert Aktenordner an das Dokumentationszentrum für Sinti und Roma in Heidelberg. Ein Großteil dieses Materials ist aber bis heute nicht ausgewertet worden.