Bibel-Skandalfilme Splatter-Jesus und die nackte Maria

"Gotteslästerlich", "blasphemisch", "Teufelswerk": Unkonventionelle Bibelfilme wurden in der Filmgeschichte immer wieder von Gläubigen kritisiert und bekämpft. Mal mit mahnenden Worten, mal mit Schlagstöcken und Bombendrohungen.

AFP/ Icon Productions

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Jesus geht in den Puff, und seine große Liebe ist eine Hure. Dieser Christus, das wird schnell klar, ist keiner, wie ihn sich die Kirche im Kino wünscht. Der junge Jesus aus Martin Scorseses "Die letzte Versuchung Christi" (1988) - von Willem Dafoe mit leidenschaftlicher Hingabe und Föhnfrisur verkörpert - baut Kreuze für die römische Besatzungsmacht, obwohl er weiß, dass seine jüdischen Landsleute an diese Kreuze geschlagen werden. Er fühlt sich zwar von Gott auserwählt, kann jedoch keinen Sinn darin erkennen. Verwirrt und wütend trotzt er den Visionen. Immer wieder zieht es ihn zu seiner Jugendliebe Maria Magdalena ins Freudenhaus.

Schon Nikos Kazantzakis' Romanvorlage löste in den Fünfzigerjahren einen Skandal aus. Das Buch kam auf die schwarze Liste des Vatikans, und der Autor wurde von der orthodoxen Kirche exkommuniziert. Ein ähnliches Schicksal blieb Martin Scorsese erspart. Dennoch sorgte auch seine Verfilmung in den Achtzigerjahren für großen Wirbel.

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Bibel-Skandalfilme: Splatter-Jesus und die nackte Maria

Dabei waren die Achtziger insgesamt so etwas wie das Jahrzehnt des religiösen Skandalfilms. Da zwitscherte in den westdeutschen Kinos ein zur Witzfigur degradierter Heiland noch am Kreuz ein fröhliches Liedlein ("Das Leben des Brian"), ein zum Leben erwachter Kruzifixus schenkte Schnaps aus ("Das Gespenst"), eine moderne Gottesmutter spreizte beim Gynäkologen die Beine ("Maria und Joseph") - und eben Scorseses von Zweifeln heimgesuchter Gottessohn, der von einem ganz gewöhnlichen Familienleben mit Frau und Kind und lustvoller Sexualität träumt.

Schlagstöcke im Kinosaal

Natürlich hatte es nicht erst seit den Achtzigerjahren Aufregung über gotteslästerliche Filme gegeben. Seit jeher war der Vorwurf der Blasphemie ein Hauptauslöser für Filmskandale. Das bekam 1930 schon Luis Buñuel zu spüren, als er in "L'Âge D'Or" einen dekadenten Christus mit jungen Mädchen eine mörderische Orgie zelebrieren ließ. Rechtsextreme Gruppierungen stürmten in Paris eine der ersten Vorführungen, zertrümmerten im Foyer surrealistische Gemälde von Dalí, Max Ernst und Miró, warfen Farbbeutel auf die Leinwand, rissen Kinositze aus der Verankerung und gingen mit Knüppeln auf die Zuschauer los.

Immer wieder im Laufe der Filmgeschichte riefen künstlerisch freie oder kritische Darstellungen biblischer Erzählungen kirchliche Verstimmungen hervor, bis hin zu handfestem Krawall: Als "Die letzte Versuchung Christi" im Herbst 1988 in den Pariser Kinos gezeigt wurde, kam es dort abermals zu gewalttätigen Protesten. Kinobetreiber erhielten Drohbriefe, militante Christen versprühten Tränengas während der Vorstellungen und warfen Stinkbomben. Auf eines der Kinos wurde sogar ein Brandanschlag verübt.

Für Scorsese kann der Ärger nicht unerwartet gekommen sein. Bereits die Suche nach einer Produktionsfirma hatte sich ungewöhnlich schwierig gestaltet. Einen ersten Anlauf zur Verfilmung von Kazantzakis' Roman hatte er schon 1983 unternommen. Als aber noch vor Beginn der Dreharbeiten Protestschreiben christlicher Gruppierungen bei Paramount eingingen, blies das Filmstudio das Projekt ab. Mit Universal Pictures hatte Scorsese drei Jahre später mehr Glück. Auch diverse Boykottdrohungen konnten den Film nicht verhindern. Mit Schmähpredigten und Unterschriftensammlungen machten die christlichen Kirchen daraufhin gegen den "obszönen" Streifen mobil. Martin Scorsese erhielt Morddrohungen und erklärte, sein Film gebe gar nicht vor, auf den Evangelien zu beruhen, sondern stelle vielmehr eine fiktionale Auseinandersetzung mit grundsätzlichen spirituellen Konflikten dar. Die Aufregung legte sich dadurch jedoch nicht.

Bomben gegen die Gotteslästerer

Stattdessen schwappte die Welle der religiösen Entrüstung von den USA auf Europa über. Jesus in einer Liebesszene und nackt zu sehen empörte die konservative Kirchenwelt. Auch Szenen mit einer barbusigen Maria Magdalena und besonders blutige Darstellungen sorgten für Aufregung. Der Vatikan rief zum Boykott auf. Und noch vor dem deutschen Kinostart am 10. November 1988 wurden die "Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft" (FSK) und die Filmbewertungsstelle (FBW) mit Protestbriefen und Unterschriftenlisten überhäuft. In mehr als 1200 Zuschriften an die FSK und über 300 Briefen an die FBW versuchten aufgebrachte Gläubige, ein Verbot des Films zu erreichen.

Bereits im August hatte die Evangelische Marienschwesternschaft Darmstadt auf der Basis einer von der Organisation "Morality in Media" verfassten Inhaltsangabe des Films vor einer "hereinbrechenden Flut der Gotteslästerung" gewarnt. Die Gründerin der Schwesternschaft, Mutter Basilea Schlink, kritisierte, Jesus verkomme bei Scorsese zum Lüstling und Schwächling. Und auch die deutschen Bischöfe verurteilten "Die letzte Versuchung Christi" in einer Stellungnahme: "In völliger Willkür verfälscht und verzerrt der Film die biblische Gestalt Jesu. Er beleidigt die religiösen Gefühle der Gläubigen."

Weltweit entfachte der Film wütende Proteste konservativer Christen, die zum Teil in militante Aktionen mündeten. Pastoren verurteilten den Streifen in ihren Predigten, Kinobesitzer weigerten sich, ihn zu spielen, mehrere Vorführungen mussten aufgrund von Bombendrohungen abgesagt werden.

Auch in der Bundesrepublik gingen Drohanrufe beim zuständigen Filmverleih UIP und manchen Kinobetreibern ein. In Bayern wurden Lehrer von der Landesregierung dazu ermuntert, vor den Gefahren des Films zu warnen. Anders als in den USA und Frankreich hielten sich die Proteste auf den Straßen jedoch in Grenzen, und sie blieben überwiegend friedlich. In mehreren Städten versammelten sich Christen mit Protestplakaten vor Kinos, oder sie demonstrierten mit Fackelzügen und Kerzenmärschen. Vereinzelt wurden die Handtaschen von Kinobesuchern auf Stinkbomben untersucht und die Filmkopien aus Angst vor Überfällen erst unmittelbar vor Vorstellungsbeginn angeliefert.

Lob für den Splatter-Jesus

"Um der Justiz den Sturm aus den Segeln zu nehmen", schrieb der SPIEGEL seinerzeit, habe UIP bereits zwei Wochen vor dem Bundesstart die für ihr schnelles Einschreiten bekannte Münchner Staatsanwaltschaft zur Pressevorführung geladen. Weiter hieß es in dem Artikel: "Vorsorge auch im Musterländle: Justizminister Heinz Eyrich ließ am Premierenabend 17 Staatsanwälte in Baden-Württemberg ausschwärmen - Resultat: 'Strafrechtlich nichts drin.'" Offenbar mehr drin war für die Zensoren in Chile, Israel und Indien, wo der Film kurzerhand verboten wurde.

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Stefan Volk
Skandalfilme: Cineastische Aufreger gestern und heute

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Neun Jahre nach seiner Kinopremiere flackerte der internationale Skandal um "Die letzte Versuchung Christi" noch einmal auf, als der Film 1997 im privaten Moskauer Fernsehsender NTV ausgestrahlt werden sollte. Patriarch Alexij II., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, verurteilte den Film in einem Fernsehinterview für den konservativen Fernsehkanal MTK als gotteslästerliche Provokation aller rechtgläubigen Christen. Er drohte damit, von Präsident Jelzin eine Aufhebung der Sendelizenz für NTV erwirken zu wollen, falls der Sender den Streifen zeige. NTV strahlte den Film daraufhin nicht wie geplant an Ostern, sondern erst einige Monate danach aus.

Anfang 2005, als "Die Passion Christi" , Mel Gibsons blutige Splatterversion von Jesu Leidensweg, seit Monaten die Gemüter erhitzte, meldete sich auch Martin Scorsese noch einmal zu Wort. Der Regisseur beklagte, dass dieselben Leute, die nun öffentlich empfohlen hätten, Gibsons Film unbedingt anzusehen, "seinerzeit strikt über meinen angeblich unmoralischen Film gehetzt" hätten. "Ich weiß, dass ich nie irgendjemandes Glauben beleidigt habe. Wer an etwas glaubt, hat meinen Segen - solange er seinen Glauben nicht auch mir aufzwingen will."



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Linda Zenner, 25.12.2014
1. Jetzt endlich gesehen!
89 habe ich "Die letzte Versuchung Christi" verpasst, aber vor ein paar Wochen auf ARTE gesehen: für mich psychologisch stimmig, eine Annäherung an Widersprüche, Jesus eine in sich zerrissene, Stimmen folgende Gestalt - Judas ein handfester, witziger, ziemlich sympathischer Guerillakämpfer - Sex gab es auch, fand ich persönlich für die Handlung jetzt nicht sooo wichtig - es blieb der Eindruck "So könnte es eventuell gewesen sein." - ist das das schon Blasphemie? ( ich dachte immer, Gotteslästerung muss vorsätzlich begangen werden)
Manfred Brand, 25.12.2014
2. Firnis!
Proteste der "empörten" Gläubigen zeigen eindrücklich, wie dünn doch der Firnis des 'Glaubens' ist, wie sehr die Leute angst haben, das ihr Glaube ins Wanken gerät wenn er auch nur oberflächlich hinterfragt wird. Eine feste Überzeugung oder ein 'Wissen' lässt sich von Äußerlichkeiten sicher nicht beeinflussen.
M. Findeis, 25.12.2014
3. Eine Jesus Verfilmung sollte sich schon an der Bibel orientieren....
Sonst ist es ja irgendwie sinnlos. Natürlich steht es jedem Filmemacher erlaubt sein einen Film über einen versauten Zimmermann und seine verdorbene Freundin zu machen nur hat das eben nichts mit Jesus Christus zu tun. Wer es dennoch tut will einfach Geld mit der Provokation verdienen aber das ist dann vermutlich kein beachtenswerter Film.
Thomas S. Grotevent, 25.12.2014
4. Und was haben manche Leute....
.. über das "Leben des Brian" geschimpft. Der Film war nie und wird nie eine Anlehnung an irgendein Evangelium oder die Bibel haben. Aber das ist letzten Endes nichts neues und das wird es immer geben. Sobald Glaube in schiere Ideologie umschlägt, schlägt die Ideologie um sich, wenn sie kritisiert wird. Davon kann jeder Kritiker in den ideologisch diktierten Ländern ein Lied singen, ob das nun die frühere DDR war oder heute Nordkorea. Wir waren da auch nicht besser: Wagte man in Deutschland den Glauben an den Kaiser in Frage zu stellen, gab es seinerzeit heftige Sanktionen. Bis heute darf man manche Gedanken nicht äußern, religions- oder politikkritisch, sonst wird man vom Mob sozial zerfetzt.
Jorge Campos, 26.12.2014
5.
In kleinster Weise trällert in "Life of Brian" der "Heiland" irgendein Lied oder wird sonst wie degradiert. Dieser Film ist eine wunderbar enthüllende Persiflage auf jede Art von organisiertem Religionswahnsinn. Vielleicht doch mal rein schauen bevor man drüber schreibt.
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