Skurriler Mauer-Fall Bau auf, reiß ein!

Biete Gebiet: Noch 1988 tauschten DDR und BRD munter Teilstücke des geteilten Berlins. Der Osten sicherte sich ein Stück vom Wedding - und schützte die neue Eroberung mit einer Mauer. Doch der Wall wurde zum Treppenwitz der deutschen Geschichte. Fertig war er ausgerechnet am Tag des Mauerfalls.

DPA

Von Paco Prückner


Auf dem Todesstreifen ist es am Morgen des 11. November 1989 sehr lebendig. Soldaten stehen zu Dutzenden nebeneinander und unterhalten sich, ein schwerer Bagger rollt über das sandige Gelände und ebnet den Weg. Hier, zwischen Eberswalder Straße und Bernauer Straße, ist in der Nacht der erste wilde Grenzübergang in Berlin entstanden: Mit schwerem Gerät wurden hier die drei Mauern aufgerissen, die die DDR errichtet hatte, um ihre Bürger einzusperren.

Am Morgen strömen Tausende Bürger aus dem Ostteil in den Westen und werden dort von jubelnden West-Berlinern begrüßt. Auf ihrem Weg passieren sie zunächst die klaffende Lücke in der Hinterlandmauer, der östlichsten Befestigung. In der Mitte des Grenzstreifens liegt die Vorderlandmauer, diese ist ebenfalls aufgebrochen. Und auch die letzte Mauer ist zerstört. Doch sie unterscheidet sich von den beiden anderen Befestigungen: Ihr Beton ist erst vor kurzem getrocknet.

Die Geschichte dieser dritten Mauer ist bemerkenswert - und doch in Vergessenheit geraten. Sie ist die letzte in der DDR gebaute Mauer - und das, was dort ab März 1989 bis zur Grenzöffnung passierte, ein Schnelldurchlauf der ostdeutschen Mauergeschichte. Wo anderswo fast dreißig Jahre zwischen Bau und Abriss lagen, waren es dort gerade acht Monate. Und dort trug sich auch die vielleicht größte Ironie der Wendezeit zu. Als die Grenzen bereits offen waren, wurde an dieser Mauer noch gebaut.

Stadion mit Aussicht

Alles hatte 1988 begonnen, als sich BRD und DDR auf einen Gebietstauschhandel einigten. Der Tausch bescherte der DDR unter anderem 7,5 Hektar Land im West-Berliner Bezirk Wedding, direkt an der innerstädtischen Grenzlinie. Schon lange hatte es die DDR-Regierung auf die westliche Fläche abgesehen, denn es gab an diesem Ort ein ernstes Problem: den Friedrich-Ludwig-Jahn Sportpark im Ortsteil Prenzlauer Berg.

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Skurriler Mauer-Fall: Bau auf, reiß ein!

Noch immer kann man den Grund der damaligen Befürchtungen erkennen: Ein Rest der Hinterlandmauer zeigt, wie dicht der Betonwall damals am Stadion stand, er diente sogar als unmittelbare Begrenzung der Sportstätte. Nirgendwo sonst kamen Ost-Berliner dem Westen so nahe wie beim Besuch eines Fußballspiels in Jahn-Sportpark. Bei Partien des von der Staatssicherheit geförderten BFC Dynamo gegen westliche Mannschaften wurden deshalb von den rund 20.000 Zuschauerplätzen bis zu zwei Drittel von Parteimitgliedern in Beschlag genommen.

Zudem steht das Stadion auf einer Anhöhe. Unten, wo der Boden wieder eben wird, stand die Vorderlandmauer und davor lag das Westberliner Gebiet. Genau am Hang fand der Grenzstreifen - im Westen auch Todesstreifen genannt - seinen Platz. Der Grenzhang stellte ein weiteres Problem dar, denn das abschüssige Gelände war überwiegend nur zu Fuß begehbar und deshalb schwer kontrollierbar. Mit dem Gewinn der ebenen Westfläche davor konnten die Probleme endlich gelöst werden. Der Grenzstreifen sollte auf einer Länge von über einem Kilometer um etwa 50 Meter verbreitert und mit einer dritten Mauer abgeriegelt werden.

Ein bizarres Schauspiel

Am 13. März des Wendejahres 1989 beginnen die Bauarbeiten für die schnurgerade neue Vorderlandmauer. Geplante Fertigstellung: der 30. November des gleichen Jahres. Das Projekt wird zielstrebig vorangetrieben - schon am 8. November 1989 ist die Mauer weitgehend fertig. Gearbeitet werden soll jetzt unter anderem noch am Signalzaun und der Beleuchtung des Grenzstreifens, die Anlage kann bald in Betrieb gehen.

Der nächste Tag ist der 9. November, ein Donnerstag - und ein ganz normaler Arbeitstag. Tagsüber wird noch am Grenzstreifen gewerkelt, am Abend aber überstürzen sich die Ereignisse. Regierungssprecher Günter Schabowski verkündet völlig überraschend die Reisefreiheit für die DDR-Bürger. Am Grenzübergang Bornholmer Straße heben sich die Schlagbäume.

Am Abend des 10. November spricht sich in den Häusern rund um die Mauer an der Eberswalder Straße eine weitere unerhörte Nachricht herum: Der Wall bricht. Rasch kommen Anwohner herbeigelaufen, um sich bei aufkommender Volksfeststimmung ein bizarres Schauspiel anzugucken. Denn ausgerechnet hier, am neuesten Mauerabschnitt, werden jetzt die ersten Stückelemente aus der Berliner Mauer gerissen, um durch einen weiteren Grenzübergang die versprochene Reisefreiheit zwischen Ost und West umzusetzen.

Eine Schneise wird zur Flaniermeile

Dass man den ersten Durchbruch des ungeliebten Grenzwalls genau dort vollzieht, wo wenige Stunden zuvor noch penibel an seiner Errichtung gearbeitet wurde, scheint unlogisch, liegt auf den zweiten Blick jedoch nahe: Die meisten Baugeräte waren bereits vor Ort - nur dass man mit ihnen nun einriss statt aufzubauen.

Aus der nicht mehr genutzten weiten Fläche mit den drei Mauern wurde vier Jahre später ein Park, der "Mauerpark". Seit dem Einweihungsjahr 1994 wird er von Jahr zu Jahr beliebter und hat sich längst über Berlins Stadtgrenzen hinaus einen Namen gemacht. Zehntausende suchen hier inzwischen an einem sonnigen Tag Platz zum Feiern oder Faulenzen. Von der Vorderlandmauer ist nur ein schmaler, unscheinbarer Pfad geblieben.



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Siegfried Wittenburg, 10.11.2011
1.
Bleibt die Frage offen: Wer hat die 7,5 Hektar Wedding an Mielke verkauft? Und für wieviel? Oder für was?
Michael Stadtmann, 10.11.2011
2.
>Bleibt die Frage offen: Wer hat die 7,5 Hektar Wedding an Mielke verkauft? > >Und für wieviel? Oder für was? Wieso an Mielke ? Aus Wiki: 2 1972 und 1988 ergaben sich wesentliche Änderungen des Grenzverlaufs durch Gebietsaustäusche, bei denen das Gelände das ehemaligen Potsdamer Bahnhofs bzw. das Lennédreieck zu West-Berlin kamen." Zitat Ende So was nannte man damals Gebietsaustausch
Siegfried Wittenburg, 10.11.2011
3.
@ Michael Stadtmann: Danke!
Stephan Müller, 12.06.2015
4. Ausstellung
Das Museum Pankow zeigt vom 28.6. bis zum 30.8. jeden Sonntag im Mauerpark eine kleine Ausstellung zum Thema. Eintritt ist natürlich frei. http://bit.ly/1f6LJh0
Markus Wollbrueck, 12.06.2015
5. Also half die Bundesrepublik bzw.
Westberlin der DDR durch den Gebietsaustausch die Mauer noch unüberwindlicher zu machen? Na toll!
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