Deutschland 1945 (Straßenszene in Berlin): Aufbruch in Trümmern

Deutschland 1945 (Straßenszene in Berlin): Aufbruch in Trümmern

Foto: Bettmann / Bettmann Archive

Alexander Kluge über den Sommer 1945 Ein »Führer-Blitzgespräch« – das einzige Lebenszeichen

Das Kriegsende erlebte Alexander Kluge als 13-Jähriger in Halberstadt. Der Filmemacher und Schriftsteller erinnert sich an seine frühe Karriere als Hamsterer – und ein kurzes Wiedersehen mit seiner Mutter.
Ein Interview von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL: Sie waren in jenem Sommer 1945 13 Jahre alt, ein Jahr älter also als das »Tausendjährige Reich«. Ihre Heimatstadt Halberstadt lag in Trümmern, und die Zeiten spielten Kobolz, wie Sie einmal geschrieben haben. Vieles ging durcheinander. Ihnen hat sich der 1. Juni 1945 eingebrannt. Sie kamen an einem kalten Regentag vom Unkrautziehen auf dem Rübenacker nach Hause, und Ihre Mutter stand dort, völlig unerwartet…

Kluge: Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff vom 8. April abbrennt. Das war nicht so schlimm wie das Auseinandergehen dieser Ehe.

Zur Person
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Janek Stroisch / Jakob Schnetz / DER SPIEGEL

Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt als Sohn eines Arztes geboren. Als 13-Jähriger erlebte er den schweren Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945 und die Zerstörung seiner Heimatstadt. Sein Abitur machte er in Berlin-Charlottenburg, ab 1950 studierte er Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik in Marburg und Frankfurt am Main, unter anderem bei Theodor Adorno. Er ließ sich 1958 zwar als Rechtsanwalt nieder, erst in Berlin, dann in München, begann jedoch bald damit, Geschichten zu schreiben sowie Kurz- und Langfilme zu drehen; Kluge ist einer der Initiatoren des »Oberhausener Manifests«, das 1962 den deutschen Film erneuern wollte. Alexander Kluge ist als Filmemacher (»Abschied von gestern«), Fernsehproduzent, Schriftsteller, Drehbuchautor und Philosoph bekannt. Er hat zwei Kinder und lebt mit seiner Frau in München. Das Gespräch wird per Skype geführt, was bei einem Menschen der bewegten Bilder nur passend ist. Kluge sitzt in seinem Büro und beugt sich nach vorn, voller Aufmerksamkeit und Neugier am Gegenüber.

Wir Schüler wurden auf Lastwagen geladen und aus der Stadt entfernt, damit wir keinen Unsinn machten. Auf einem Rittergut bei dem Dorf Emersleben befreiten wir unter Aufsicht unseres Latein- und Mathematiklehrers die Rübenäcker von Unkraut. Es war kalt im Mai, es kamen die sechs Tage der »Kalten Sophie«, mit harten Winden, die vom Harzgebirge herabwehten. Ich komme also ganz durchgefroren nach Hause und sehe den liebsten Menschen, der von Berlin gekommen ist.

Man hörte ja nichts voneinander. Die Telekommunikationsnetze, Telegramm und Telefon, funktionierten nicht. Mit einer Ausnahme: Von einigen Telefonen der Stadtverwaltung konnte man über eine Leitung des ehemaligen Flugplatzes Halberstadt ein »Führer-Blitzgespräch« nutzen. Eine übrig gebliebene Verbindung des Deutschen Reichs, die die Alliierten nicht unterbrochen hatten. Das war eine Stöpselung, die ging von Halberstadt über Magdeburg und Potsdam bis nach Berlin. »Führer-Blitzgespräch« bedeutete natürlich nicht, dass Hitler telefonierte, sondern dass in seinem Namen höhere Offiziere einst untereinander wichtige Gespräche führen konnten: »Schicken Sie bitte eine Kiste Champagner…«

Über solch ein »Führer-Blitzgespräch« hatten wir einmal einen Kontakt, ein Lebenszeichen, wie man sagte: Sie lebt. Mehr wussten wir von ihr nicht. Meine Mutter ist eine Woche geblieben und hat dann mit viel Hamsterware die Rückreise angetreten.

DER SPIEGEL: Sie waren selbst Hamsterer und, wie kleine Füchse, unterwegs in den Trümmern Halberstadts. Einmal fanden Sie in der Nähe des Junkers-Werks, im Wald, noch flugbereite Maschinen, deren Ledersitze man demontieren konnte. Im Keller eines Warenhauses entdeckten Sie ungebrannten Kaffee aus der Vorkriegszeit.

Kluge: Was mir einen anerkennenden Blick meines Vaters einbrachte. Er hob den Finger und sagte: Belobigung. Das war die höchste Ehre, das Ritterkreuz. Für Klauen und Plündern gab es endlich mal eine positive moralische Bewertung.

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DER SPIEGEL: Was Sie aber in Ihrer Berufswahl nicht entscheidend bestimmt hat.

Kluge: Nein, aber die ganze Stadt war ergriffen von einem neuen, sehr ansteckenden Eigentumstrieb. Der Feuersturm nach dem Bombenangriff hatte alle Besitzverhältnisse vernichtet oder durcheinandergeworfen. Die Erwachsenen dachten: Wo kann man etwas organisieren? Organisieren hieß: auskundschaften und an sich nehmen. Oder: finden und reparieren. Wir Kinder richteten uns in den Kellern der abgebrannten Häuser ein. Ich hatte eine Kiste mit Zigarrenstumpen aus der Flughafenkantine, sagen wir, entdeckt und mir angeeignet. Auch eine Kiste deutschen Sekt. Die Kisten gehörten zu den Vorräten, die der Luftwaffenintendant für sich angelegt hatte, um sie in der Nachkriegszeit zu nutzen. Die Nachkriegszeit hat er nicht mehr erlebt. Das Material benutzte ich zum Tausch gegen Stacheldrahtzaun, ein Riesenfehler, wie sich herausstellte. Denn daraufhin dachten andere Beutemacher: Wenn Ruine und Garten, also der Ort, in dem ich mich eingerichtet hatte, so umzäunt sind, dann wird da etwas zu holen sein. So wurde mir auch eine »gefundene« Briefmarkensammlung wieder enteignet. Mit meinem Freund Fritz hatte ich 80 Satz Weihnachtsbaumschmuck und 40 »Mensch ärgere Dich nicht«-Spiele aus einem der Wehrmachtslazarette angesammelt. Die Spielsteine waren dann meine Truppen. Mit denen habe ich nachträglich im Keller den Zweiten Weltkrieg gewonnen. Einmal räumte ein Kommando deutscher Kriegsgefangener die Straße vor meinem Keller, bewacht von einem Briten. Den habe ich in meinem Schülerenglisch heruntergebeten und ihm mein Schlachtengelände gezeigt: Hier ist der Kaukasus, dort die Ostfront, und so weiter… Er fand das – seltsam, möchte ich sagen.

DER SPIEGEL: Sie saßen also im Keller eines zerstörten Hauses und spielten die gerade vergangene Gegenwart nach und führten sie weiter?

Kluge: Wir hatten 1940 die Kolonnen gesehen, wie sie von Westen, von Frankreich aus nach Osten fuhren. Wie die Soldaten aus den Häusern bewirtet wurden. Das macht Eindruck auf Kinder, da war Stolz. Panzerwagen sind die Nachfolger der Kavallerie. In unserem Keller hatten wir Bleilettern aus einer Druckerei, die sahen mit Farbe und etwas Fantasie wie Schiffe aus, man konnte die Lettern zu Flugzeugen oder zu Menschen ernennen. Das haben wir, Freunde und Mitschüler und ich, schon in der Kriegszeit gespielt, vor allem wenn man Latein in der Schule und gerade Cäsars »Bellum Gallicum« gelesen hatte. Das hieß nicht, dass man Militarist oder Nationalsozialist war. Auch Walter Benjamin hat mit Zinnsoldaten gespielt.

DER SPIEGEL: Hatten Sie als 13-Jähriger keine Angst vor dem, was jetzt vielleicht kommen würde?

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Zeitzeugen: Wie Martin Walser, Armin Mueller-Stahl und Hans-Jochen Vogel das Kriegsende 1945 erlebten

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privat

Kluge: Ein junger Mensch denkt zunächst einmal, dass die Welt es gut mit ihm meint. Und dann kommt plötzlich ein Bombenangriff. Da haben Sie von einer Minute zur anderen extrem widersprüchliche Gefühle. Natürlich haben Sie Angst, wenn eine Bombe etwa zehn Meter von Ihnen entfernt in das Nachbarhaus kracht. Man hatte gehört, dass durch den Luftdruck der Bombe die Lunge zerreißt. Also versuchte ich auszuatmen, den Atem anzuhalten, den erwarteten Luftdruck gar nicht erst hereinzulassen. Kurz bevor die Bomben fallen, stellt das Elektrizitätswerk seinen Dienst ein, und alle Lichter gehen aus. Ich falle von der Bank, auf der wir im Luftschutzkeller sitzen, über die Beine meines Vaters, eine Respektsperson. So nahe komme ich ihm sonst nicht. Und gleichzeitig denke ich: Die Klavierstunde um 14 Uhr wird ausfallen. Nichts, weder die Angst noch das, was durch den Kopf geht, passt zusammen. Als ich später hörte, dass es am nächsten Tag keine Schule geben würde, war ich sehr enttäuscht. Ich hatte ja gehofft, in der Schulpause vom Luftangriff erzählen zu können.

DER SPIEGEL: Es war Abenteuer, ein Erlebnis, endlich mal etwas Besonderes…

Kluge: …und gleichzeitig haben wir furchtbare Angst gehabt. Ich habe meine Schwester an die Hand genommen, und wir sind in die Badeanstalt geflohen, um zwischen uns und der brennenden Stadt Wasser zu haben. Das ist keine Überlegung, sondern intuitive, bauchmäßige Angst. Niemand reagiert in solch einer Katastrophe bewusst.

DER SPIEGEL: Dieses Erlebnis im Keller hat aber nicht dazu geführt, dass Sie, wie viele andere, später Panikattacken beim Besuch eines Kinos bekamen?

Kluge: Ich studiere immer genau, wo die Notausgänge sind. Diesen Instinkt verliere ich nicht – und wir vergessen trotzdem. Sie glauben, dass Sie gerettet werden, dass auch der Vater gerettet wird, und gleichzeitig fürchten Sie sich und erwarten, dass die Lunge zerreißt. Diese Erfahrungen begleiten einen als Basisgefühl ein Leben lang. Erst als mein Vater 1979 starb, habe ich damit begonnen, den »Luftangriff auf Halberstadt« literarisch zu beschreiben. Wir hatten unseren Vater zuvor lange gepflegt. Ich habe in dieser Zeit erst angefangen zu verstehen, was es bedeutet, dass quasi eine ganze fliegende Industrie oben am Himmel eine Stadt überfällt. Man kann unten in den Kellern nicht einmal kapitulieren. In unserer Zeit sind es am Osthimmel von Aleppo oder von Idlib Jagdflieger, die das Unheil über eine Stadt bringen, silberne Pfeile am farbenfrohen morgenländischen Himmel Syriens, den schon Homer beschrieb. Für mich ist das genauso Gegenwart wie der 8. April 1945.

DER SPIEGEL: Wie riecht Halberstadt nach dem Bombenangriff?

Kluge: Die Stadt stinkt. Sie hat einen ganz spezifischen Geruch nach Brand und auch nach Leichen. Nach dem dritten Tag setzte sich der Leichengeruch durch. Wir riechen nicht nur mit der Nase, sondern auch mit der Fantasie. Selbst wenn der Wind den Geruch längst fortgeweht hat, riechen Sie das noch.

DER SPIEGEL: Wie sah die Stadt dann im Sommer 1945 aus?

Kluge: Allmählich werden die Trümmer geräumt. Langsam wird dieses Ruinengelände durch Pfade überzogen. Die Pfade folgen dem alten Straßennetz, das nicht mehr da ist. Man traut sich anfangs noch nicht, Abkürzungen zu gehen. In den Trümmern arbeiten kriegsgefangene deutsche Soldaten. Vor allem aber arbeiten Frauen. Sie reinigen die Straßen und schichten Karrees von geputzten Backsteinen auf. Auch werden NS-Lehrer, Parteibeamte, Postbeamte rekrutiert, die Straßen mit Schaufeln und Spaten räumen. Erst in meinem Alter, wenn Sie diese Zeit an sich vorbeilaufen lassen, stoßen Sie auf die Erzählungen von damals. Die Erzählung einer Frau, deren Mann jetzt zurückkehrt, recht früh, weil die Amerikaner sehr rasch ihre Gefangenen entlassen haben. Die Männer waren 1939 stolz ausgezogen, jetzt kommen sie ohne jedes Selbstbewusstsein zurück und haben nichts zu erzählen. Sie können nicht einmal mehr in einem weichen Bett schlafen, legen sich die ersten Wochen auf den Boden, um einzuschlafen. Jene Frau musste ihren Mann nach Rückkehr erst noch »reparieren«, moralisch putzen, so wie sie Backsteine geputzt hat. Das hat ein halbes Jahr gedauert. Ein Jahr darauf war ein Kind da. Doch bis dahin hatte diese Trümmerfrau mit dem Backsteinmann viel Arbeit.

DER SPIEGEL: Sie interpretieren einmal einen Gedanken von Michel de Montaigne, der als Bedingung eines dauerhaften Friedens nicht das Abgeben der Waffen, sondern das gemeinsame Vergessen sehe. Nur die Generosität des Siegers, der den Gegner in eine neue Realität aufnehme, könnte eine Kapitulation in so etwas wie Frieden fortführen.

Kluge: Mir macht es großen Eindruck, wie diese »Republik des Sommers 1945« von Frauen regiert wird und deren Töchtern und Söhnen, die ihnen helfen und beistehen. Das ist eine vollkommen andere, eine anarchische Naturalwirtschaft, in die erst langsam wieder die Potentaten, die Männer, einsickern. Ich sehe im Sommer null, wenn ich meine Freunde und Mitschüler besuche, verschlossene Arbeitszimmer, in denen die heimgekehrten Väter hocken und grübeln. Mein Vater ist als Arzt davon nicht betroffen. Als Arzt war er am Tag nach den Bombenangriffen schon wieder notwendig. Er bezieht die Wohnung des geflohenen Kreisleiters und macht dort seine Praxis auf. Die Vorstellungswelt meines Vaters begann ohnehin mit Friedrich dem Großen und Napoleon, er war immer rechts von den Nationalsozialisten.

DER SPIEGEL: Wie kann man sich diese anarchische Naturalwirtschaft im Harz vorstellen?

Kluge: Im Juni bricht bei uns aus, was man später wohl ein Westwunder genannt hätte, ein Vorbote des Wirtschaftswunders. Wer im Kriege etwas mit dem Nachschub- und Verteilungssystem zu tun hatte, brachte jetzt seine Lager in den Verkehr. Die Handschuhfabrik Funger, die Schrottfirma Kraux, die Kleiderfabrik Hausbrandt – alle hatten sie schon in der Kriegszeit geheime Vorräte angelegt für die Zeit nach dem Krieg, wenn das Zeug wieder einen Wert haben würde. Es ist ein Erlebnis, als wenn ein Garten blüht: Gründermoment einer freien Wirtschaft, und das wurde von den Amerikanern sehr begünstigt. Das gute Klima änderte sich, als die Russen im Juli in Halberstadt einrückten.

DER SPIEGEL: Können Sie sich an entlassene Gefangene erinnern?

Kluge: In den Bergen südlich von Halberstadt gab es das KZ-Außenlager Langenstein-Zwieberge. Das war nicht nur ein Lager für Juden, sondern auch für Homosexuelle und andere verfolgte Gruppen. Gefangene hatten wir schon während des Krieges gesehen.

In der Gärtnerei Dohmeyer gab es sogenannte Fremdarbeiter, Franzosen, hocherfahrene Gartenbautechniker. Die konnten alles reparieren. Die waren im »Dritten Reich« kriegswichtige Personen und wurden nicht wie Gefangene behandelt. Jetzt nach dem Krieg waren sie hofierte Personen. Wenn man etwas haben will, wie Hülsenfrüchte etwa, dann geht man dahin zum Tauschen. Eine kurze Zeit lang gab es die Befürchtung, sie könnten sich rächen, weil sie doch zwangsentführt worden waren und Grund gehabt hätten, gewalttätig zu werden. Es gab keine Polizei, die uns hätte schützen können, nur Hilfspolizisten mit weißen Armbinden. Nicht sehr abschreckend.

Etwas Ähnliches wird vom Volkswagenwerk berichtet. Das Prachtstück der Industriepolitik des »Dritten Reichs« war auf den Karten der Alliierten nicht eingezeichnet. Die Voraustruppen der Amerikaner waren am Nordharz achtlos an den weiter nördlich gelegenen Industriewerken vorbeigefahren. Die Vorstandsmitglieder von VW waren fast beleidigt, dass sie ignoriert wurden. Sie hatten Furcht, dass die große Masse der Fremdarbeiter die Macht im Werk übernehmen könnte. Womöglich würden die Chefs dort dann exekutiert. So schickten sie Boten den amerikanischen Truppen entgegen und baten, besetzt zu werden. Die mussten also erst noch Erwachsenenbildung bei der amerikanischen Fronttruppe betreiben: Hier liegt die Industrie, bitte nehmt sie ein, damit wir geschützt sind.

DER SPIEGEL: Aber es müssen doch auch befreite KZ-Häftlinge durch den Harz gekommen sein, aus Buchenwald etwa?

Kluge: Nein, die habe ich nicht gesehen. Sie wären auch nicht durch Halberstadt gekommen. Buchenwald liegt in Thüringen, und befreite Häftlinge werden sich nach Westen gewandt haben. Das Lager Langenstein bei Halberstadt wurde am 9. April auf Befehl der SS evakuiert. Ein mörderischer Marsch der Häftlinge bis nach Franken. Ich habe später über einen solchen Marsch einen Film gemacht. Nur wenige Gefangene waren nach dem Luftangriff noch da. Das Narrativ dieser Displaced Persons im Sommer 1945 muss erzählt werden. Das sind elementare Schicksale, wie von Homer. Andere Schicksale als die, von denen Homer schrecklich genug nach dem Untergang Trojas berichtet. Das gilt für viele Orte Deutschlands. Da gibt es einen amerikanischen Lieutenant, der beauftragt ist, Kinder einzusammeln, von Personen aus den KZ. Die Kinder werden mit dem Flugzeug nach London gebracht. Jedes hat ein Schild um den Hals, auf dem seine Identität vermerkt ist. Sie werden in einem großen Hotel in London ausgekleidet und gebadet, man hat ihnen diese Schilder abgenommen und weiß nach dem Bad nicht, welches Kind zu welchen Eltern gehört. Was ist dagegen eine Geschichte bei Homer? Dass Eltern unter Umständen nach der Befreiung ein Kind zurückbekommen, von dem sie nicht genau wissen, ob es das ihre ist. Diese Schicksale müssen erzählt werden. Auf der anderen Seite der Welt sehe ich Jawaharlal Nehru, der genau in diesem Moment in einer Pension in der Nähe von San Francisco sitzt. Er kann sich als Führer des freien Indiens kein teures Hotel leisten. Um ihn herum ein Kordon von britischen Geheimdienstoffizieren und ein weiterer Ring von US-Geheimdienstagenten, die aufpassen, dass sich die Briten nicht an dem Inder vergreifen. Im Frühherbst 1945 tritt dann Indien der Uno bei. Das müssen die Briten hinnehmen, damit sie im Sicherheitsrat ihr Veto behalten. Auch das gehört zu diesem Sommer. Man kann so »ungerade Gleichzeitigkeiten« nur schwer nacherzählen, weil das eine mit allem anderen in der Welt zusammenhängt. Genauso wie das deutsche U-Boot 219, das in Batavia, dem heutigen Jakarta, geparkt ist, mit seiner Ladung an Quecksilber und Duralumin-Barren und einer Mannschaft, die in den javanischen Zwangsbordellen noch Herrenrasse spielen durfte.

DER SPIEGEL: Sie erzählen in Ihrem Buch »30. April 1945« auch von der Deutschen Schule in Kabul. Längst nach Kriegsende besteht dort die Absicht, das Nazistück »Schlageter« aufzuführen. Wissen Sie, ob es tatsächlich zu dieser Aufführung gekommen ist?

Kluge: Ich weiß es nicht genau, aber ich halte es für sehr sicher. Das neutrale Afghanistan war Deutschland bis zuletzt gewogen. Es ist ja kein Zufall, dass die testamentarisch verfügte Bestellung von Großadmiral Dönitz zum Staatsoberhaupt des Deutschen Reichs vom Außenministerium in Kabul noch im Mai anerkannt wurde, von sonst keiner anderen Regierung der Welt. Die deutsche Seite wird in Afghanistan von der Schweizer Botschaft betreut. Die Briten haben größte Not, bei den starrsinnigen Afghanen die Kapitulation Deutschlands als Tatsache durchzusetzen. Für die Deutsche Schule in Kabul hatte die Kapitulation anderthalb Jahre lang kaum Folgen.

DER SPIEGEL: Die Zeiten laufen noch eine Weile nebeneinanderher. Es gibt eine Trägheit der Geschichte(n), und manchmal verknäulen sich die Stränge.

Kluge: Auch in den Menschen. Ich erinnere mich, wie mein Vater nach dem Bombenangriff aus dem Keller kommt. Er holt sich eine Kiste Zigarren, seine Lebensversicherungsurkunde und einen Anzug. Relativ wertloses Zeug. Die wertvolle gotische Madonna vergisst er. Das alles trägt er unter Lebensgefahr durch seinen Wintergarten, wo die Scherben des Glasdachs von oben herunterstürzen, und legt die Sachen in einen trockengelaufenen Teich. Dann nimmt er eine Flasche Cognac, geht zu einem Patienten und besäuft sich. Wir sind glücklich, dass wir ihn am nächsten Morgen finden. Er war nicht ganz bei der Sache. Und ich behaupte, das ist allgemein so. Ein solcher »Wirklichkeitseinsturz« verwirrt die Sinne. Dafür sind wir nicht gebaut. Ein halbes Jahr später können wir in Routine weitermachen.

DER SPIEGEL: Sie husten, sollen wir eine Pause machen?

Kluge: Wissen Sie, es regt mich auf, wenn ich das erzähle. Ich versuche, mich da hineinzuversenken. Es sind immer Bilder. Und noch als literarischer Autor, der erfahren ist, mit Narrativen umzugehen, ist es gar nicht so einfach, die Bilder in einen Zusammenhang zu versetzen.

Anfang Juli sind die Briten abgezogen. Wir merken das, als mein Freund Wolfgang Meyer, der Sohn des Kreisarztes, »abgemacht« ist in den Westen, nach Goslar. »Abgemacht« ist das Wort für flüchten. Die Bekleidungsfirma Hausbrandt ist schon in Vienenburg. Wir bekommen also erst einmal Nachrichten, wer alles schon geflohen ist. Dann verschwindet die britische Besatzungsmacht. Einen halben Tag lang passiert gar nichts. Und dann kommen gegen Mittag, von der Braunschweiger Straße her mit lautem Gesang, die Russen. Nicht so wie die Amerikaner, bei denen jeder ein Fahrzeug hatte. Auch die Briten hatten begrenzt Fahrzeuge. Und jetzt kommen die Russen, vorne einer mit Ross, dann eine große Menge dieser einfachen Panjewagen mit dem Pferd davor und dahinter eine marschierende Kolonne. Die singen schöne, etwas raue russische Lieder. Sie besetzen dann nicht die Villen, in denen sich die Amerikaner einquartiert hatten, nein, sie nahmen sich einen Wohnblock und strichen ihn noch am selben Tag rosa an. Dort wurden die Soldaten kaserniert, weil die Vorgesetzten andernfalls keine Aufsicht über sie gehabt hätten. Das ist russische Siedlungsmethode.

Am nächsten Morgen war das Wartezimmer meines Vaters voll von Russen. Die hatten venerische Krankheiten. Eine solche Ansteckung wurde hart bestraft, wenn der Soldat das melden musste. Also kommen sie zum Arzt und wollen Westware haben, Pseudomedikamente der Wehrmacht. Penicillin gibt es noch nicht. Und sie bezahlen mit Besatzungsgeld. Scheine, die über 1000 Reichsmark lauten, Kleingeld wollen sie nicht heraushaben.

Der Kommandant von Halberstadt wohnt in einer Wohnung gegenüber der Praxis meines Vaters. Er ist ein glutäugiger, schwarzlockiger junger Major aus dem Kaukasus. Mein Vater nannte ihn den »Tscherkessen«, von denen hatte er bei Puschkin gelesen. Und die Frau des Kommandanten bekommt ein Kind, es hat Steißlage. Also muss es im Mutterleib gedreht werden. Mein Vater wird gerufen. Wenn er etwas falsch macht, kann es für ihn als Arzt und Geburtshelfer Folgen haben. Er hat es geschafft, mit dem sogenannten Bracht-Handgriff. Danach gab es Essen und Besäufnis. Wir Kinder stehen im Treppenhaus. Mein Vater bringt von Zeit zu Zeit etwas aus den Schüsseln in den Hausflur, und wir tragen es nach Hause. Am nächsten Morgen um sechs Uhr früh kommen Patienten und sagen: Der Doktor liegt unten im Vorgarten. Wir finden ihn schlafend, ausgezogen bis auf die Unterwäsche. Die Kleider um ihn herum sorgfältig hingelegt. Wir mussten die Sprechstunde absagen. Das ist alles eine Mischung von recht anarchisch und ziemlich gefährlich für einen westlichen Standpunkt. Man durfte zum Beispiel nicht die Sperrstunde versäumen. Von einem besoffenen Posten traktiert zu werden, war nicht ratsam.

DER SPIEGEL: Bei allem Abenteuer war Ihnen als Jugendlichem also schon klar, dass es Grenzen gibt, bei denen es gefährlich wird?

Kluge: Es gibt Grenzen, wo es absolut gefährlich ist. Und dass ich husten musste gerade eben, liegt daran, dass es mich nachträglich immer noch erregt.

DER SPIEGEL: Am 6. und 9. August wurden die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Wie haben Sie davon erfahren?

Kluge: Sie haben ja einen intakten Rundfunk und zwar vier davon, jeweils von einer anderen Besatzungsmacht geleitet. Da können Sie alles hören. Sie haben auch ein Tagblatt. Die ganze Potsdamer Konferenz wird begleitet mit ausführlichsten Berichten. Es gibt also durchaus schon eine Öffentlichkeit. Dann haben Sie noch die Gerüchte. Sie kriegen es also dreimal erzählt, im Hörfunk, in der Zeitung und aus den Erzählungen der Leute, und alles ziemlich zeitgleich. Ob wir uns etwas sehr Konkretes unter der Atombombe vorgestellt haben, das weiß ich nicht genau. Aber es war etwas absolut Unheimliches. Und zugleich hatte es zu tun mit dem, was wir uns unter Ozeanien vorgestellt haben. Wir haben uns ja nicht Hiroshima vorgestellt, sondern den Pazifik und Palmeninseln. Dennoch war es eine Waffe, die das Wetter verändern konnte, die Atmosphäre, wie ein Sturm, in dem man verbrennt.

Das haben wir sehr stark empfunden, als eine furchtbare Drohung. Es war die Zeit, in der wir uns wieder auf die Schule vorbereitet haben und der Kontakt zwischen uns Schülern wieder enger war. Rübenverziehen gibt es nicht mehr im Frühherbst. Wir haben uns gesagt: Wenn das auf uns herabgekommen wäre, wenn diese Waffe in der Lüneburger Heide abgeworfen worden wäre, dann hätte uns das mit ergriffen. Das war uns exzessiv unheimlich.

Und das gibt mir schwer zu denken und hat mich dazu gebracht zu sagen, dass wir mit Kriegen nicht umgehen können, auch mit gerechten Kriegen nicht. Das ist die Kapitulationserfahrung. Die Erfahrung, wie man Kriege sabotiert. Dafür ist die Erzählkunst da.

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