Einzug der US-Armee in Bayern

Einzug der US-Armee in Bayern

Foto: Keystone-France / Gamma-Keystone via Getty Images

Gerhart Baum über den Sommer 1945 »Eine Villa am See – dort erwarteten wir die Amerikaner«

Die Lage sei höchst angespannt gewesen, so erinnert sich der frühere Bundesinnenminister Gerhart Baum an die Ankunft der US-Truppen, die er als Kind erlebte. »Die alten Nazis in der Polizeistation, der Ortsgruppenleiter, alle waren noch da.«
Von Gerhart Baum

Was mich angeht, so kann man den Sommer 1945 nicht verstehen ohne Dresden. Ich war damals zwölfeinhalb Jahre alt. Man wusste, der Krieg ist verloren. Wir hatten nicht damit gerechnet, dass die eigene Stadt noch zerstört werden würde. Der Angriff war eine tiefe Zäsur in meinem Leben. Das gewohnte soziale, persönliche Umfeld, alles, was meine Jugend ausgemacht hatte, war weg. Nicht durch permanente Angriffe wie in Hamburg und anderen Städten, sondern durch einen Feuersturm in einer einzigen Nacht. Ich ging an dem Tag noch in die Schule, hatte für den nächsten Tag Hausaufgaben gemacht, alles lag bereit, auch mein Faschingskostüm.

Und dann saßen wir nachts verängstigt im Luftschutzkeller. Die Balken, die ihn stützen sollten, wankten – und dann brannte das Haus über uns in hellen Flammen.

Zur Person
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Janek Stroisch / Jakob Schnetz / DER SPIEGEL

Gerhart Baum wurde am 28. Oktober 1932 in Dresden geboren. Nach der Bombardierung seiner Heimatstadt in der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 floh seine Mutter mit ihren drei Kindern nach Bayern an den Tegernsee. 1950 zog die Familie nach Köln um, wo Baum bis heute lebt. Nach dem Abitur 1953 studierte er – wie schon sein Vater und Großvater – Rechtswissenschaft und arbeitete danach als Anwalt. 1954 trat er in die FDP ein und hatte verschiedene Spitzenämter inne, unter anderem das des Innenministers von 1978 bis 1982 unter Helmut Schmidt. Als das Gespräch zu Ende ist, holt er eine Kiste mit Fotos aus seiner Jugendzeit aus dem Nebenzimmer, die er auf dem Tisch ausbreitet.

Dieses Erlebnis war für mich auch ein Angriff auf alles, was ich unter Moral verstand. Von da an lebten wir in einem ziemlich ungeordneten, manchmal gesetzlosen Zustand. Man nahm alles, was man kriegen konnte, um zu überleben.

Sie müssen sich vorstellen: Man geht aus dem Haus, und dann liegen vor dem Bahnhof Tausende von Toten. Weil es so viele waren, wurden sie zum Teil verbrannt.

Diese verstörenden Eindrücke konnte ich gar nicht verarbeiten. Ich stand vor dem Flammenmeer der Stadt, nach dem ersten Angriff, als wir noch versuchten, in die Innenstadt zu kommen, und dachte: Das kann doch nicht wahr sein! Die Hitze; der Feuersturm; das ist das Ende. Menschen krochen irgendwo aus den Kellern. Und ein paar Tage zuvor musste man noch Strafe zahlen, wenn man ohne Fahrschein in der Straßenbahn fuhr.

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Ein paar Tage später stand der Entschluss meiner Mutter fest, Dresden zu verlassen. Sie stammte aus einer russischen Emigrantenfamilie, hatte als junges Mädchen nach der Oktoberrevolution 1917 Moskau fluchtartig verlassen und mit ihrer Familie in Berlin Zuflucht gefunden. Wir wussten nach der brennenden Nacht, dass die Russen anrückten. Da wollte sie einfach weg. Die Stadt bot keine Zuflucht mehr. Die Freunde waren in alle Richtungen verstreut.

Mein Vater, der sich beharrlich geweigert hatte, Kriegsgerichtsrat zu werden und an Todesurteilen mitzuwirken, war als Schütze Baum an der Ostfront. Meine Mutter hatte Verantwortung für ihre drei Kinder, also für mich und meine sechsjährigen Zwillingsgeschwister. Wir hatten die drei Koffer aus dem Luftschutzkeller und kein Geld mehr, um irgendetwas zu bezahlen.

Es gab einen Fluchtpunkt: einen Freund in Bayern. Wir machten uns mühsam auf den Weg. Es gab ja keine Verkehrsmittel. Wie kommt man aus so einer chaotischen Stadt heraus? Auch die Züge fuhren nicht mehr. Per Anhalter! Irgendwie hatte meine Mutter es schließlich geschafft, dass wir uns in einem Flüchtlingszug nach Bayern befanden.

Noch heute erschreckt mich Feuerwerk

Ich erinnere mich, dass der Zug einmal abrupt stehen blieb. Wir hörten Tiefflieger. Damals wurde jedes Transportmittel dem Kriegsgeschehen zugeordnet. Wir sind aus dem Zug rausgestürzt in eine Bahnunterführung, und oben flogen die Jagdflugzeuge und beschossen den Zug. Ich bin als kaum 13-Jähriger gefährlich ins Feuer geraten, unter Beschuss. Noch heute erschreckt mich jedes Feuerwerk, und ich muss mir bewusst machen, dass keine Gefahr droht.

Ein paar Tage blieben wir in München. Auch dort fanden Bombenangriffe statt. Wieder waren wir im Luftschutzkeller. Eines Tages gab es die Möglichkeit, mit der Bahn aus der Stadt herauszukommen. Es war eine fauchende Dampflok. Irgendwann hielt die Maschine an und wir blickten, ich erinnere mich gut daran, auf den Tegernsee. Vorfrühling, idyllisch. Aber das Tegernseer Tal war nicht unberührt vom Krieg: Sehr viele Lazarette gab es, alle Hotels waren in solche umgewandelt. Unendlich viele Verletzte. Viele Männer hatten Kopfverbände, amputierte Gliedmaßen. Aber verglichen mit den zerstörten Städten war es eine Idylle.

Wir fanden dort Zuflucht bei einem prominenten Freund, der Intendant der Wiener Staatsoper gewesen war. Er hatte ein Sommerhäuschen direkt am See. Als der See Hochwasser bekam und das Haus unter Wasser geriet, wurden wir eingewiesen in ein Lager, stacheldrahtbewehrt.

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Danach begann eine Odyssee, wir wurden eingewiesen in verschiedene Häuser rund um den See. Da wurden eben mal Häuser und Wohnungen beschlagnahmt. Darin wohnten biedere Bayern, die vom Krieg nicht viel mitbekommen hatten, und plötzlich kam eine Familie, Mutter mit drei Kindern, und sie mussten ihr Schlafzimmer räumen. Das war für beide Seiten natürlich höchst befremdlich: Flüchtling zu sein! Im eigenen Land!

Später haben wir im Süden des Ortes Tegernsee auf dem Weg nach Rottach ein Haus gefunden neben der Villa einer Schriftstellerin, die heute keiner mehr kennt, sie hieß Hedwig Courths-Mahler und hatte Millionenauflagen mit Groschenromanen gemacht.

Wir hatten eine Villa am See, etwas oberhalb. Unten war die Seestraße, dort erwarteten wir die Amerikaner, die sich dem Tegernseer Tal näherten. Die Flüchtlingstrecks, vor allem Soldaten, zogen sich über die Alpen zurück, ließen alles liegen und stehen. Es wurde Widerstand geleistet ohne Sinn und Verstand: Bäume wurden gefällt, es wurden die Brücken über die Bäche zerstört, es gab gefährliche Konflikte. In unserem Garten sollte ein Standort für den Maschinengewehrbeschuss der Uferstraße eingerichtet werden. Mühsam wurde das verhindert.

Üblicherweise reagierten die US-Truppen auf solche Gefährdungen mit sofortigem Artilleriebeschuss. Gegenüber, in Bad Wiessee, signalisierten Ärzte mit weißen Tüchern die Übergabe des Ortes. Sie wurden sofort von der SS erschossen, wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner.

Uniform im See versenkt

Die Lage war höchst angespannt. Die alten Nazis in der Polizeistation, der Ortsgruppenleiter, alle waren noch da. Als die Amerikaner näherkamen, verschwanden sie über Nacht. Mit ihnen verschwand diese Stimmung einer ängstlichen Geducktheit in einem Willkürstaat, wie ich sie schon aus Dresden kannte.

Die Ankunft der Amerikaner war dann sehr eindrucksvoll. Die Menschen bildeten ein Spalier auf der Uferstraße: In der Mitte rollten die Panzer, links und rechts marschierte die Infanterie. Wir standen da, erwartungsvoll, aber auch voller Angst. Was machen die mit uns?

Ich war Pimpf gewesen, Jungvolk hieß das, und ich hatte eine Uniform, die ich merkwürdigerweise mitgenommen hatte. Am Tag vor dem Einmarsch habe ich das alles im See versenkt. Die amerikanischen Soldaten verbreiteten eine freundliche Stimmung und haben uns Kaugummi geschenkt. Aber die Angst blieb zunächst.

Eine rechtlose Zeit

Und dann kam die Zeit der Besatzung – auch eine ziemlich rechtlose Zeit. Man nahm, was man kriegen konnte. Ich weiß noch, wie wir in eine verlassene Bäckerei gegangen sind und einfach einen Sack Zucker mitgenommen haben. Man musste ja irgendwie überleben. Wir haben Holz geklaut. Das an sittlichen Maßstäben orientierte erlernte Wohlverhalten war suspendiert. Man musste essen. Die Bayern hatten genug zu essen, wir nicht. Lebensmittelkarten gab es erst später, als es wieder etwas zu kaufen gab.

Eines Tages kam meine Mutter, die eine sehr tatkräftige Frau war, mit einem Pferd nach Hause. Die deutschen Truppen hatten, bevor sie über die Alpen nach Süden gezogen sind, Hunderte Pferde einfach stehen lassen. Was machen wir damit, fragten wir. Na, sagte sie, das wird geschlachtet. Bei uns waren zwei Landser, die sich versteckt hatten. Wir Kinder wurden weggeschickt, und dann wurde das Pferd geschlachtet. Es gab Sauerbraten satt. Danach wieder Hunger.

Mit Vorliebe habe ich amerikanische Zigarettenkippen gesammelt. Ich ging immer mit gesenktem Blick, um etwas zu finden. Die Amerikaner rauchten die Zigaretten nur bis zur Hälfte und warfen sie dann weg. Eine amerikanische Zigarette war Gold wert. Wir haben den Tabak herausgelöst, eigene Zigaretten daraus gedreht und gegen Nahrung getauscht. Der Besitz einer amerikanischen Zigarette bedeutete damals einen Tag Haft. Ein anderes beliebtes Sammelobjekt waren Orangenschalen. Meine Mutter machte daraus eine Art Marmelade.

Es gab in der Nachbarschaft ein Haus, das von Amerikanern besetzt und wieder freigegeben worden war. Ich war als Erster drin, und was ich alles fand! Eine halbe Tube Milchkonzentrat – süß, wunderbar. Oder Zigarrenstumpen. Alles war wertvoll. Jedes Blatt Papier. Im Tegernseer Bahnhof stand ein verlassener Zug, ein Prominentenzug, den haben wir auf alles Mitnehmbare durchsucht: Papier, Bleistifte. Man war eben auf sich selbst gestellt, und der Schwarzmarkt blühte noch lange.

Um nicht zu verhungern, haben wir Wertsachen weggegeben, so auch die Uhr meines Vaters. Wir hatten nicht genügend Kleidung. Wo konnte man damals etwas kaufen? Meine Mutter hatte Wolldecken bekommen, in die wir ein Loch hineingeschnitten haben. Damit hatten wir eine Art Poncho. Der war warm, aber wenn es regnete, war er voller Nässe. Meine Mutter hatte Lebertran organisiert, eine große Flasche, davon mussten wir jeden Tag einen Löffel essen. Schrecklich. Aber außerordentlich hilfreich. Der Sommer 45 schmeckt für mich bis heute nach Lebertran.

Später haben wir dann auf der anderen Seeseite, in Abwinkl, dauerhaft ein Haus bekommen, direkt am See. Ein schönes Haus, aber nur für den Sommer eingerichtet. Es war nicht zu heizen, es gab nur Kanonenöfen; wenn das Feuer aus war, wurde es bitterkalt. Eines Tages kam jemand von der Gemeinde und wies uns im Wald, ziemlich weit oben in den Bergen, einen Baum zum Heizen an. Der wurde markiert und von ehemaligen Soldaten gefällt und zerkleinert. Nur: Das Holz brannte nicht, es war nass. In diesen Jahren gab es sehr harte Winter, wir haben jämmerlich gefroren.

Kein Großstadtkind mehr

Diese Zeit war geprägt von Improvisation. Wir sind in die Berge gegangen und haben Himbeeren gesammelt und Pilze. Wir haben aus Brennnesseln Salat gemacht. Freunde aus Dresden, die Familie Madaus, bekamen Alkohol für ihr Pharmaunternehmen. Ab und zu zweigten sie etwas ab. Aus den Schnapskontingenten wurde Gin gemixt. Wenn die Amerikaner abends Durst hatten, tauschten sie eine Flasche Gin gegen Zigaretten.

Plötzlich war ich kein Großstadtkind mehr. Ich lebte auf dem Lande. Dazu gehörten die Berge, das Wasser, der See. Vor dem Haus fanden wir ein Boot, das wurde unser Verkehrsmittel. Mein Freund Franz Negele und ich sind jeden Morgen über den See gerudert, in die Schule, sommers wie winters. Der Großstadtjunge, der ich gewesen war, befand sich jeden Morgen bei Wind und Wetter, bei Eis, Nebel und Schnee und bei heftigen Fallwinden auf dem Tegernsee.

Mein Vater, das erfuhren wir im Sommer 1945, war auf einem Transport gestorben. Bis dahin hatten wir keine Nachricht von ihm. Ein Kamerad von ihm kam eines Tages und brachte sein Soldbuch und die Plakette, die jeder Soldat bei sich tragen musste. Sie hatten ihn bei einem Halt des Zuges neben dem Bahndamm begraben, irgendwo in Tschechien. Wir wissen bis heute nicht, wo. Sein Tod hat mich, da ich ihn noch erlebt und schon eine Vorstellung von ihm hatte, tief getroffen.

Ein Mann des Widerstands

Ein großes Glück für mich war, dass ich in der Schule einen Lehrer hatte, der mich nachhaltig geprägt hat. Ein Privatgelehrter, der dem Stefan-George-Kreis nahestand. Ein Mann des Widerstands. Er hatte eine umfangreiche Bibliothek, an der ich teilhaben durfte. Ich habe viel gelesen.

Im Sommer 45 saßen abends oft mein Freund und ich bei ihm, und er las uns »Tonio Kröger« von Thomas Mann und dessen Ansprachen an Nazideutschland über BBC, »Deutsche Hörer«, vor. Später initiierte er einen Briefwechsel, den ich mit Thomas Mann hatte, über die Wurzeln der deutschen Katastrophe. In den folgenden Jahren lasen wir die »Duineser Elegien« von Rilke oder die frühe Lyrik von Hofmannsthal – wer hat schon die Gunst, jemanden zu finden, der einen so prägt? Dazu Philosophie, Nationalökonomie, Geschichte.

Auch auf dem Feld der Politik hat er mich nachhaltig beeinflusst. Meine Leidenschaft für die Politik ist in jener Zeit geweckt worden. Schon damals, während der Tegernseer Schulzeit, habe ich gegen die alten Nazis gekämpft, wie später im Studium in Köln – immer wieder, bis heute. Dieser Lehrer in Tegernsee hat in mir das Feuer für ein kämpferisches Freiheitsbewusstsein geweckt und für den Aufbau unserer neuen Demokratie.

Aus Scham habe ich mir damals eine Zeit lang gewünscht, Schweizer zu sein. Andererseits: Was für eine enorme Überlebenskraft hatten die Menschen in Deutschland. Essen, Kleidung, Wohnung, Arbeitsplätze: Alles musste neu geschaffen und sortiert werden. Man musste kämpfen. Aber es gab auch Hoffnung und Lebensmut. Die Notwendigkeit, sich in völlig neuer Situation zurechtfinden zu müssen, stellte sich auch für meine Mutter. Sie hatte keinen Beruf gelernt. Sie musste für sich und ihre Kinder eine Existenz aufbauen. Das ist ihr nach 1950 in Köln nach und nach gelungen.

Aber die Zeit der Not hat Spuren hinterlassen. Noch heute esse ich das Brot bis zum Kanten auf und schmeiße keine Lebensmittel weg. Das Bewusstsein, dass Lebensmittel nicht verschwendet werden dürfen, ist tief eingedrungen. Noch heute habe ich auch eine Abwehr, mich in eine Menschenschlange einzureihen, selbst beim Boarding am Flughafen. Es waren viel zu viele Schlangen, in denen ich nach 1945 oft vergebens angestanden bin. Es bleibt eine Bescheidenheit, die ich später in unserem Lande oft vermisst habe.

Heute wundere ich mich, wie die Menschen das alles durchgestanden haben – auch im Bewusstsein dafür, dass nicht verhindert worden ist, eine Verbrecherclique an die Macht zu bringen, die für schlimmste Menschheitsverbrechen verantwortlich wurde. Heute würde man einem jungen Menschen nach all den Erlebnissen wohl eine Behandlung gegen diese traumatischen Belastungen angedeihen lassen. Zur Verarbeitung von Schmerz und Verlust war damals aber keine Zeit, im Übrigen auch nicht für die Probleme eines Jungen in der Pubertät. Es musste gehandelt werden. Und das hat mein Leben geprägt.

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