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Der Medienhype in und ums Sommerloch

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Geschichte des Sommerlochs Sex and Crime and Zoogetier

Im Sommerloch werden ausgebüxte Tiere zu Medienstars, und Politiker wollen Mallorca kaufen. Eine Suche nach den historischen Wurzeln des jährlichen Theaters führt zu einem Mord anno 1241 – im Dorf Sommerloch.

Drei Interviewanfragen waren es 2021 bisher. Bürgermeister Thomas Haßlinger ahnt, bald werden es mehr – wie jedes Jahr. Nur im Sommer interessieren sich Journalisten aus der ganzen Republik plötzlich für ihn. Und immer fragen sie, ob das gelbe Ortseingangsschild seiner Gemeinde geklaut wurde. Denn darauf steht: »Sommerloch«.

»Das ist natürlich das Symbol«, sagt Haßlinger. Noch nie hätten Souvenirjäger eines der drei Schilder gestohlen. Wohl aber einige kleinere Wanderschilder mit »Sommerlocher Weg« in der Umgebung.

Die Wege des Sommerlochs waren schon immer unergründlich: Sie machten eine 427-Einwohner-Gemeinde bekannt, weil sie zufällig so heißt wie das Synonym für die nachrichtenarme Zeit. Denn wenn im Sommerloch der Politikbetrieb erlahmt, fragen Redakteure sich selbst und einander, womit sie bloß den hungrigen Nachrichtenschlund stopfen sollen.

Dann bestimmen oft ausgebüxte oder verhaltensauffällige Tiere die Schlagzeilen – ob putzig verklärt oder dramatisch zur »Bestie vom Baggersee« hochgefönt. So ging es Zwergflusspferd Elsbeth (1990), Kaiman Sammy (1994), Känguru Manni (1998), Killerwels Kuno (2001), Schwan Petra (2006) und der flüchtigen Kuh Yvonne (2011).

Ihr Sommer endete mal tragisch, mal glücklich: Manni wurde von einem Zug überrollt, Petras Liebe zu einem Tretboot-Schwan blieb unerwidert. Aber Yvonne, »die Kuh, die ein Reh sein will«, konnte dem Schlachthof entrinnen – mehr erfahren Sie in der Fotostrecke.

»Hiermit übernimmt die Gruppe ›Free The Flowers‹ die volle Verantwortung für die Vorkommnisse.«

Im Sommerloch schlägt traditionell stets die Stunde von Polit-Hinterbänklern, die ihre Chance wittern (und twittern), auch mit abwegigen Themen durchzudringen. So kam es 1993 zur famosen Idee, Mallorca als 17. Bundesland für 99 Jahre zu pachten oder für 50 Milliarden Mark zu erwerben. 2007 wurde die »Ehe auf Zeit« diskutiert, ein Jahr darauf gar das Verbot eines Schoko-Heiligtums: Überraschungseier sollten Kinder nicht mehr verführen dürfen.

Dass Sommerloch-Themen allein wegen ihrer Banalität zünden, bewies sehr schön das Jahr 2010: Eine Praktikantin der »Münsterschen Zeitung« hatte über einen zerbrochenen Buchsbaum-Blumenkübel vor einem Seniorenheim berichtet. Ein Redakteur twitterte das – und löste eine Welle an Spott und Quatsch aus. Sogleich scherzte Volker Beck, Mann für die Menschenrechte bei den Grünen: »Wir arbeiten fieberhaft an einem Blumenkübel-Maßnahmenkatalog.« Bald gab es einen Song über »die Angst vor den Kübelschubsern« und sogar ein Bekennervideo der Terrorzelle »Free The Flowers«.

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Woher aber kommt dieses Sommertheater? Und lässt sich geschichtlich ein erstes Sommerloch nachweisen?

Kai Burkhardt ist Historiker und spezialisiert auf politische Kommunikation. Das Sommerloch sei ein »vollkommen irreführender Begriff« und »ein Medienphänomen in seiner reinsten Form«, sagt er dem SPIEGEL. Es beschreibe nur »den Schockmoment eines Politikredakteurs vor den Sommerferien, dessen Routine des ständigen Perpetuierens und Verstärkens von politisch mehr oder weniger bedeutenden Äußerungen unterbrochen wird«.

»Es ist die Sprache eines Heiratsschwindlers«

Auch im Sommer gäbe es allerhand zu berichten, sagt Burkhardt. »Falsch ist etwa die Annahme, ein Ufo als Thema sei weniger ernsthaft als die letzte Fraktionssitzung der CSU. Die Relevanz liegt nicht im Ereignis selbst, sondern in der Fähigkeit der Beobachter, Dinge zu sehen, die andere nicht sehen.« Den Begriff Sommerloch empfindet er allein sprachlich als schizophren: »Die günstige Gefühlslage, die das Wort ›Sommer‹ erzeugt, wird durch die Plötzlichkeit des Wortes ›Loch‹ komplett aufgehoben. Es ist die Sprache eines Heiratsschwindlers.«

Und wie begann das alles? Oft wird das Seeungeheuer von Loch Ness als vermeintlich erstes Sommerlochtier genannt – Sommer-Superstar Seemonster. Dagegen spricht, dass Nessie zu jeder Jahreszeit gesichtet worden sein soll und auch jederzeit Touristenschwärme anlockt. Sprachlich aber mag die schottische Kreatur Spuren hinterlassen haben: Im Spanischen heißt das Sommerloch »serpiente de verano« – die Sommerschlange.

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Der Medienhype in und ums Sommerloch

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Ein konkreterer Hinweis führt zur »Saturday Review« von 1861. Die Zeitung karikierte das Phänomen Sommerloch unter dem Titel »The Silly Season« (Die alberne Jahreszeit) erstmals ausführlich für Großbritannien – am Beispiel der ehrwürdigen Londoner »Times«: Sobald das britische Parlament nicht mehr tage, verschwänden die »großen Männer der ›Times‹«, die sonst »die Feder für unsere Belehrung schwingen«. Sie gingen zur Jagd in ein schottisches Moor oder wanderten in den Alpen.

»Nonsens oder nichts«

Mit diesem Aderlass und nur noch »zweit- und drittklassigen« Autoren sinke das »Times«-Niveau bedenklich: »In diesen Monaten wird das große Orakel – was es sonst nicht ist – einfach dumm«, schrieb die Zeitung. Bald stünden die Autoren vor der grausamen Wahl, »entweder Nonsens oder nichts« schreiben zu müssen.

In Deutschland fällt die Spurensuche schwerer. Ein frühes Sommerlochtier war Krake »Ottilie«: Die »Süddeutsche Zeitung« schrieb im Juli 1965, dass Ottilie im (West-)Berliner Zoo verendete, nachdem sie begonnen hatte, ihre eigenen Fangarme zu verspeisen. Ob aus purer Langeweile oder wegen schlechter Tierhaltung, blieb unklar.

Den ersten großen Tier-Medienhype löste im Sommer 1982 ein Puma aus, der wochenlang in Dänemark und im Raum Flensburg gesichtet worden sein soll. »Eine ausgewachsene Pumadame versetzt Nordschleswig in Angst und Schrecken«, barmte die Lokalpresse. Der Puma blieb ein Phantom und war wohl ein Produkt der Fantasie.

Norbert Blüm löste den Sommerloch-Hype aus

Im rheinland-pfälzischen Ort Sommerloch ist Thomas Haßlinger seit sieben Jahren Bürgermeister und war in drei Jahrzehnten als Gemeinderatsmitglied oft für die Presse zuständig. Er ist damit so etwas wie ein Chronist von Sommerloch. Wann also, Herr Haßlinger, kam das Sommerloch zum ersten Mal nach Sommerloch?

»Der kleine Hype begann mit dem früheren CDU-Bundesarbeitsminister Norbert Blüm«, erzählt er. »Der stellte 2001 in Sommerloch sein Buch ›Das Sommerloch. Links und rechts der Politik‹ vor. Das war der Moment, in dem die ganze Sache Fahrt aufnahm.«

Seitdem seien immer öfter Journalisten durch den Ort »geschlappt«, auf der Suche nach der Verkörperung der Banalität. »Meist wollten sie wissen: Was macht man im Sommerloch in Sommerloch?« Fernsehredakteure, die sich für kreativ halten, legen unter die Reportagen gern auch Ennio Morricones Musik von »Spiel mir das Lied vom Tod«.

Er könne mit dem Interesse »positiv und offensiv umgehen«, sagt Haßlinger. Doch nicht alle im Dorf fanden so etwas witzig – erst recht, wenn Journalisten die Sommerlocher als Provinzdeppen auf die Schippe nahmen. »Da hat schon mal jemand zum Wasserschlauch gegriffen.«

Stefan Raab fanden sie großkotzig

Dauerhaft unbeliebt machte sich Stefan Raab. Im Gespräch mit einem Winzer, der sie zum Wein einlud, zweifelten er und sein Begleiter an der Qualität des Sommerlocher Weins. »Das wurde als undankbar, großkotzig und unanständig empfunden«, so Haßlinger. Dem Schlagersänger Jürgen Drews  hingegen verziehen die Einwohner seine Späße auf dem Dorfplatz. Viele Sommerlocher ließen sich im Sommer 2013 gar mit Reisebussen zum ZDF-»Fernsehgarten« nach Mainz karren, um den Barden und seinen Uralt-Hit »Ein Bett im Kornfeld« zu feiern.

Im Ortsarchiv über die Gemeinde findet sich ein Ereignis, das es heute auch außerhalb des Sommerlochs sofort in die Medien schaffen würde: Im Jahr 1241 wurden die Bauern Sommerlochs exkommuniziert, nachdem sie den örtlichen Pfarrer erschlagen hatten. »Sex and Crime«, scherzt Haßlinger. Die Motive seien unbekannt, die Bauern hätten sich wohl gegen Ungerechtigkeit oder Übergriffe gewehrt.

Rätsel gibt auch der Name seiner Gemeinde auf, im Altdeutschen »Summerlache«. »Lache« ist eine Mulde, »Summer« könnte auf einen Sumpf oder auf »säumig« hinweisen, also am Rand eines Tals gelegen. Der Namensvetter des Nachrichten-Sommerlochs war also einst womöglich nur ein feuchter Sumpf – und der ganze Hype wäre damit vollends absurd.

Medienhistoriker Kai Burkhardt gibt dem Begriff Sommerloch ohnehin keine Zukunft. »Das Wort und das Phänomen, das es beschreibt, wird aus dem Sprachgebrauch verschwinden. Im Internetzeitalter gibt es keine Kommunikationspausen zwischen dem Politischen und dem Medialen.« Schon gar nicht in einer Pandemie vor einer Bundestagswahl: »Da müsste es eigentlich einiges zu klären geben.«

Vielleicht reduziert sich das Sommerloch also irgendwann auf den Kern des Wortes. Wie schon 2002, als die »Berliner Zeitung« über einen Krater schrieb, der nach einem Rohrbruch in einer Spandauer Straße klaffte: »Beliebte Freizeitbeschäftigung gestern in Spandau: Sommerloch-Gucken.«

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