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Soweto-Aufstand: "Schießt nicht. Wir kämpfen nicht."

Soweto-Aufstand "Zur Hölle mit Afrikaans"

Im Juni 1976 rebellierten Schüler in Soweto gegen das südafrikanische Regime. Ihr Aufstand wurde blutig niedergeknüppelt. Trotzdem war es ein Wendepunkt - der Anfang vom Ende der Apartheid.

Das Schwarz-Weiß-Foto aus Soweto ist eine Ikone geworden. Ein Jugendlicher in Latzhose trägt einen verwundeten Schüler in Uniform die Straße entlang, daneben reckt schreiend ein Mädchen klagend die Arme in die Höhe. Im Hintergrund sieht man eine größere Ansammlung junger Menschen.

Es war Mbuyisa Makhubu, der den angeschossenen Hector Pieterson aus der Gefahrenzone zu bringen versuchte. Das verängstigte Mädchen war Pietersons Schwester Antoinette, im Hintergrund protestierten Schüler. Bis zum Auto einer hilfsbereiten Journalistin schaffte es das Trio noch. Makhubu hievte den Körper des Jungen in den Fond und stellte voller Entsetzen fest: "Er ist tot."

Es war Mittwoch, der 16. Juni 1976 in Orlando West, einem Bezirk des South Western Township von Johannesburg in Südafrika. Ein Tag, der als besonders gewalttätig in die ohnehin raue Geschichte des Apartheidstaats einging.

Oupa Moloto

Oupa Moloto

Foto: Thielo Thielke

"Eigentlich hätte Hector gar nicht an der Demonstration teilnehmen sollen", sagt Oupa Moloto, "er war erst zwölf Jahre alt, und an diesem Tag wollten nur die Oberstufenschüler auf die Straße gehen." Moloto, 58, steht vor dem Eingang des Hector-Pieterson-Museums in Soweto, rund 20 Kilometer südwestlich von Johannesburg. Gelegentlich hält er hier Vorträge. Die Sonne scheint, Touristen drängeln sich ungeduldig vorbei. Längst ist dieser Teil Sowetos ein beliebtes Ausflugsziel geworden. Hier liegen die ehemaligen Wohnhäuser von Nelson Mandela und Bischof Tutu, hier wird im Museum der blutigen Ereignisse gedacht.

"Eigentlich ging es um die Einführung der Burensprache Afrikaans als verbindliches Unterrichtsfach in den höheren Schulen", erklärt Moloto, der damals kurz vor dem Schulabschluss stand. "Wir fühlten uns benachteiligt gegenüber den Weißen. Wir sprachen diese Sprache kaum, in der Grundschule wurden wir noch in unserer Stammessprache unterrichtet. Gegen die Ungerechtigkeit wollten wir kämpfen."

"Die Stimmung war fast ausgelassen"

Also organisierten die Schüler Proteste, trafen sich in der Diözese von Orlando, besprachen alles mit dem Pastor und meldeten den Demonstrationszug an - so hat es zumindest Moloto in Erinnerung. Der Gouverneur behauptete nachher, es habe sich um einen spontanen Aufruhr gehandelt.

Der Tag begann harmlos. Am frühen Morgen verweigerten immer mehr junge Menschen den Unterricht oder bekamen frei wie Oupa Moloto, dessen Schuldirektor die Schülerproteste unterstützte. Sie versammelten sich, zogen von Schule zu Schule, forderten andere auf, sich anzuschließen. Der Zug schwoll bald auf 10.000 bis 20.000 Teilnehmer von 217 Schulen an. Durch die Straßen hallten Protestlieder, auf Schildern stand "Zur Hölle mit Afrikaans" oder "Wir wollen kein Afrikaans".

"Am Anfang deutete nichts auf das spätere Blutbad hin", sagt Moloto. "Wir sangen unsere Parole 'Seyuzeni Na', das ist Zulu und bedeutet: 'Was haben wir getan?'. Die Stimmung war fast ausgelassen." Moloto war schon seit geraumer Zeit in Widerstandsgruppen gegen das Apartheidsregime. Er rechnete sich zur Black-Consciousness-Bewegung descharismatischen Rebellen Steven Biko, Medizinstudent, Vorkämpfer für die Befreiung der Schwarzen und eine der Schlüsselfiguren für die Schüler- und Studentenproteste.

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Soweto-Aufstand: "Schießt nicht. Wir kämpfen nicht."

"Die Zeiten standen schon seit geraumer Zeit auf Sturm", so Moloto. Es war eine Zeit des Umbruchs im südlichen Afrika, eine Phase der Hoffnung für die Schwarzen am Kap. Die Widerstandsorganisationen ANC (African National Congress) und PAC (Pan African Congress) schreckten auch vor gewaltsamen Aktionen nicht zurück und genossen ab 1972 Beobachterstatus bei der Uno, Südafrikas Apartheidregime hingegen wurde 1974 aus der Weltgemeinschaft ausgeschlossen.

Die Herrschaft der Weißen wackelte

Im selben Jahr brachte in Lissabon die sogenannte Nelkenrevolution den portugiesischen Diktator Marcello Caetano zu Fall, und 1975 kamen in den Kolonien Mosambik und Angola sozialistische Regimes an die Macht. Auch in Rhodesien wackelte die Herrschaft der Weißen, die sich viele Jahre zuvor von der britischen Krone losgesagt hatten und nun von den Mugabe- und Nkomo-Rebellen in einen zermürbenden Guerillakrieg gelockt wurden.

Südarfrikas Regierung in Pretoria sah sich plötzlich von Gegnern umzingelt und isoliert, während die Schwarzen zusehends selbstbewusster ihre Rechte einklagten. Viele sahen das Ende des weißen Mannes auf dem schwarzen Kontinent nahen. Premierminister John B. Vorster reagierte mit Härte.

Das "Ministerium für Bantuerziehung" entschied, Afrikaans als Unterrichtssprache für Schwarze an Gymnasien einzuführen. Das rief fast zwangsläufig einen Sturm der Entrüstung hervor - "aus der Sicht der Betroffenen galt dieses Idiom als Symbol ihrer jahrhundertealten Unterdrückung", so der Südafrika-Autor Albrecht Hagemann. Besonders heftig gärte der Zorn in der Satellitenstadt Soweto, wo etwa anderthalb bis zwei Millionen Menschen lebten.

Wann genau die Situation dort eskalierte - unklar. Schüler erinnerten sich später, dass sie auf dem Weg zum Orlando-Stadion waren, als Polizisten Tränengasgeschosse an der Ecke Moema- und Vilakazi-Straße abfeuerten. In Panik seien die Demonstranten in alle möglichen Himmelsrichtungen gerannt.

Schüsse, Hunde, Tränengas

Moloto weiß noch, dass plötzlich Hunde auf die Demonstranten gehetzt wurden. Chaos brach aus, Schüsse fielen. Als Erstes starb der Schüler Hastings Ndlou. Am Rande des Geschehens sah der Fotograf Sam Nzima ein Kind stürzen. Ein größerer Junge eilte zu Hilfe, um den Verletzten zu retten. Nzima drückte mehrmals auf den Auslöser, eine ganze Serie entstand so. Sie zeigt die letzten Momente im Leben von Hector Pieterson, der an diesem Tag in Soweto eines von 23 Todesopfern wurde.

Noch wochenlang tobten danach Unruhen in ganz Südafrika. Allein in Soweto schloss sich eine Viertelmillion Menschen dem Aufruhr an. Bierhallen wurden zerstört, Amtsgebäude, Transportmittel. Fast 600 Menschen starben, davon rund 450 durch Polizeigewalt. Fast 4000 wurden verletzt. Es kam zu Streiks unter Schülern und auch unter Arbeitern.

Beim Afrikaans-Unterricht gab die Regierung nach und versuchte ansonsten, die Unruhen niederzuknüppeln. Nahezu 6000 Menschen wurden zwischen Mitte Mai und Oktober 1976 im Zusammenhang mit den Protesten verhaftet und teils wochenlang eingekerkert.

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Am 12. September 1977 starb Steve Biko, Polizisten prügelten ihn in einer Zelle in Port Elizabeth tot. Peter Gabriel setzte ihm später mit seinem Song "Biko" ein musikalisches Denkmal; 1987 erschien der Film "Schrei nach Freiheit" von Richard Attenborough.

International wurden die Sanktionen gegen Südafrika verschärft. "Unser Aufstand endete blutig", sagt Oupa Moloto. "Und doch begann damals der langsame Tod des Apartheidregimes."

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