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Invasion in Afghanistan 1979: Gotteskrieger gegen gottlose Kommunisten

Foto: Chip Hires / Gamma-Rapho / Getty Images

Sowjetische Invasion in Afghanistan 1979 Das Vietnam der Russen

Einmarsch, kommunistisches Regime einsetzen, schnell wieder raus - das war im Dezember 1979 der Plan der Sowjetunion in Afghanistan. Die Supermacht erlebte ein tödliches Fiasko.

In rascher Folge landeten Heiligabend 1979 Transportmaschinen mit sowjetischen Hoheitszeichen auf dem Flughafen von Kabul. Sie brachten einsatzbereite Soldaten samt Fahrzeugen, Waffen und Munition. Die Sowjetsoldaten bezogen Stellung in der Nähe. Zugleich überquerten 400 Kilometer nördlich Panzerkolonnen die Grenze der usbekischen Sowjetrepublik zum Nachbarland Afghanistan und rollten auf der Fernstraße Richtung Kabul.

Am 27. Dezember stürmten sowjetische Kommandotruppen die Hauptstadt, sprengten das Telegrafenamt und besetzten das Rundfunkgebäude. Die Operation verlief offenbar planmäßig. Aber schon in jenen Stunden meldete US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski seinem Präsidenten Jimmy Carter: Nun hätten Amerikaner "die Gelegenheit, den Sowjets ihr Vietnam zu bescheren".

Historisch ließ sich Land am Hindukusch-Gebirge kaum unter Kontrolle bekommen. Das hatten die Briten im sogenannten Great Game schon im 19. Jahrhundert versucht: Sie wollten vor dem gleichfalls an Afghanistan interessierten Rivalen Russland die Verbindung zu ihrer Kronkolonie Indien sichern, verloren aber mehrmals Kämpfe gegen das in der Region einflussreiche Paschtunen-Volk.

"Der Krieg ist für sie ein erregendes Erlebnis und eine Abwechslung von der monotonen Erwerbsarbeit", schrieb Friedrich Engels 1857 über die kampfbereiten Afghanen. 90 Jahre später war Indien unabhängig und England aus dem Spiel. Moskau aber beunruhigte die Renaissance des Islam in Iran und das Aufleben der Religion in den asiatischen Sowjetrepubliken. "Mit einem sozialistischen Regime in Afghanistan", analysierte Slawist Henning Sietz, "ließ sich ein Keil in die Front der islamischen Staaten entlang der Südgrenze der Sowjetunion treiben."

Die Lüge von der "brüderlichen Hilfe"

Moskau hatte das Nachbarland im Süden bereits in den Fünfziger- und Sechzigerjahren unterstützt. Die Russen gewährten Afghanistan Kredite, bauten Straßen und Schulen; sie schickten Techniker und Berater. Sowjetische Spezialisten bildeten die Armee aus.

Was manche Afghanen als Modernisierung der Gesellschaft begrüßten, bedeutete für andere deren Zerstörung. Zu den traditionellen ethnischen Gegensätzen kamen ideologische: In Gefängnissen um Kabul wurden Mullahs umgebracht, die sich weigerten, Allah und den Koran zu verleugnen. Im Hinterland dagegen riskierten Menschen ihr Leben, wenn sie kommunistische Ideen verbreiten wollten.

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Invasion in Afghanistan 1979: Gotteskrieger gegen gottlose Kommunisten

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Im Frühjahr 1979 befand sich Afghanistan praktisch im Bürgerkrieg. Sowjetführer Leonid Breschnew glaubte, binnen sechs Monaten Ordnung schaffen zu können. Moskau würde ein sowjettreues Regime einsetzen und sich dann wieder zurückziehen. Wie ein Jahrzehnt zuvor die Pro-Moskau-Kommunisten in der Tschechoslowakei bat Babrak Karmal, neuer Regierungschef in Kabul, die Sowjetunion um "brüderliche Hilfe". Damit sollte die Invasion in Afghanistan im Nachhinein legalisiert werden. Eine Fehlkalkulation. Die außenpolitischen Folgen waren für die Sowjetunion verheerend.

Die USA verhalfen den Mudschahidin zu Waffen

Am 18. Januar 1980 forderte die Uno-Vollversammlung mit 104 zu 18 Stimmen den "sofortigen, bedingungslosen und vollständigen Abzug" aus Afghanistan. Zwei Wochen später schloss sich die Islamische Konferenz (OIC) dem Votum der Uno an. Im Juli 1980 boykottierten die westlichen Länder die Olympischen Sommerspiele in Moskau. Im Februar 1981 verurteilten die Außenminister der blockfreien Staaten mit 92 von 95 Stimmen die Invasion und verlangte den Truppenabzug. So isoliert hatte sich Moskau lange nicht gesehen.

In Afghanistan schien anfangs die technische Überlegenheit der Supermacht den Erfolg zu garantieren. Im Februar 1980 kontrollierten 85.000 sowjetische Soldaten die wichtigsten Städte, Pässe und Verkehrsknotenpunkte. Doch bald setzte ein, was früher die Briten erlebt hatten: Afghanistans zerstrittene Volksgruppen einigten sich im Kampf gegen den Feind von außen.

Mullahs organisierten nun die Rebellion gegen die "Gottlosen". Und die USA eilten den "Mudschahidin", den Gotteskriegern, zu Hilfe. Die Amerikaner strichen den Sowjets bereits zugesagte Weizenlieferungen im Wert von zwei Milliarden Dollar, reduzierten den Luftverkehr mit Moskau und stoppten den Export von Technologie für die Ölförderung.

Direkte Hilfe erhielten die mit Uraltflinten ausgerüsteten Mudschahidin über Pakistan. In einer CIA-Geheimoperation gingen sechs Milliarden Dollar in Afghanistans östliches Nachbarland - Pakistan wurde die logistische Basis des Krieges gegen die Sowjets. In den Lagern der über drei Millionen dorthin geflohenen Afghanen bildeten Agenten Kämpfer an modernen Waffen aus. Mudschahidin erhielten Material von Ferngläsern bis zu Hightech-Waffen wie Stinger-Raketen. Über die unkontrollierbare Grenze fluteten die Afghanen zurück in ihr Land, wo sie im Kampf gegen die Russen wie Fische im Wasser agierten.

Heimkehrer in Zinksärgen

"Wir sind mehrmals pro Tag unter feindliches Feuer geraten", berichtete der sowjetische Afghanistan-Veteran Alexej Tukalkin dem SPIEGEL. "Maschinengewehre, Granatwerfer, Raketen. Beschuss aus dem Nirgendwo." In Gefechten hätten sie "den Gegner so gut wie nie zu Gesicht bekommen. Dafür beim Einkaufen". Denn in diesem "gottverlassenen, armen und staubigen Land gab es alles, was wir daheim nur als 'Defizit' kannten: Armbanduhren aus dem Westen, Kassettenspieler aus Korea, Videoplayer aus Japan", erzählte Tukalkin. "Einmal stieß ich auf der Schwelle eines dieser Geschäfte mit einem Bärtigen zusammen, Patronengurt um die Schulter, die Kalaschnikow in der Hand. Wir haben uns höflich gegrüßt und gingen dann unserer Wege."

Ansonsten endeten Begegnungen zwischen den Kriegsgegnern tödlich. Beide Seiten folterten, verstümmelten oft noch Leichen. Die Zahl der gefallenen Sowjetsoldaten stieg dramatisch, nachdem die Sowjets aufgrund der Stinger-Raketen die Lufthoheit verloren hatten. Flugzeuge brachten nun immer mehr Tote in zugeschweißten Zinksärgen nach Hause - die Leute nannten gefallene Soldaten "Zinkjungen".

Für Partei und Regierung war das Thema tabu. "Der Krieg in Afghanistan dauerte doppelt so lange wie der Zweite Weltkrieg, aber wir wissen darüber nur so viel, wie man uns wissen lassen wollte, (...) damit wir nicht erschrecken", klagte Swetlana Alexijewitsch 1991. Die spätere Literatur-Nobelpreisträgerin sammelte für ihr Buch "Zinkjungen" erschütternde Aussagen von Soldaten, Zivilangestellten wie Krankenschwestern, von Müttern und Witwen von Gefallenen.

Die "blutende Wunde" wurde geschlossen

Wie einst den Amerikanern in Vietnam dämmerte den Russen in Afghanistan, dass dieser Krieg nicht zu gewinnen war. 1986 nannte Michail Gorbatschow das Engagement in Afghanistan eine "blutende Wunde", die geschlossen werden müsse. Der neue Parteichef der KPdSU leitete den Rückzug ein.

Am 15. Februar 1989 überschritt General Boris Gromow als letzter Soldat der Invasionsarmee die "Brücke der Freundschaft" zwischen Afghanistan und Usbekistan. Für den verlorenen Krieg hatte Moskau rund 85 Milliarden Dollar ausgegeben. Offiziell waren 15.000 Sowjetsoldaten gestorben. Moskaus Versuch, ein Land aus der Feudalzeit in den Sozialismus zu führen, kostete eine Million Menschenleben, über tausend Dörfer wurden zerstört, fünf Millionen Afghanen flüchteten in Nachbarländer.

Nach dem Abzug bildeten die als Freiheitskämpfer gehätschelten Gotteskrieger etliche Milizen, die gegeneinander kämpften. "Mudschahidin tauschen die Kalaschnikow nicht gegen eine Schaufel ein", sagten die Leute. Viele begrüßten die von Pakistan unterstützten Taliban, eine radikal-islamische Bewegung, die vielerorts für Recht und Ordnung sorgte.

Doch bald entpuppten sich die aus Koranschulen hervorgegangenen Radikalen als Schreckensherrscher. Die Taliban führten in ihrem Herrschaftsbereich die Scharia ein und verfolgten gnadenlos alle, die säkulare staatliche Strukturen aufbauen wollten - Afghanen und ihre westlichen Helfer. "Man kann in Afghanistan nicht siegen", sagte der russische Veteran Tukalkin, "das werden auch die Amerikaner und die Deutschen einsehen müssen. Man kann sich nur zurückziehen, die Grenzen abriegeln und hoffen, dass die Afghanen zur Besinnung kommen."