Späte Ehrung Frankfurt nennt Bahnhofsvorplatz nach Emilie und Oskar Schindler

Einst rettete das Ehepaar Schindler 1200 Juden vor der Ermordung, nun soll der Platz vor dem Frankfurter Hauptbahnhof ihren Namen bekommen. Gleich gegenüber hatte Oskar Schindler seine letzte Adresse.
Bisher namenlos: Der Platz vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main soll nach Emilie und Oskar Schindler benannt werden

Bisher namenlos: Der Platz vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main soll nach Emilie und Oskar Schindler benannt werden

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Andreas Arnold / dpa

Der Platz vor dem Hauptbahnhof in Frankfurt am Main soll künftig Emilie-und-Oskar-Schindler-Platz heißen. Das hat am Dienstagabend der zuständige Ortsbeirat nahezu geschlossen entschieden, bei nur einer Gegenstimme, und forderte damit die Stadtverordneten und den Frankfurter Magistrat zur Benennung des bislang namenlosen Platzes auf.

Mit der Entscheidung würdige man »in angemessener Weise und an einem zentralen Ort« die »historischen Leistungen von Emilie und Oskar Schindler, nämlich die Rettung von ungefähr 1200 jüdischen Menschen vor der Ermordung in Konzentrationslagern des NS-Staats«, heißt es in der Begründung.

»Lebemann mit gutem Herzen«

Frankfurt ehrt damit zwei Menschen, deren Handeln einer größeren Öffentlichkeit erst 1993 durch den mit sieben Oscars prämierten Film »Schindlers Liste« bekannt wurde. Die deutsche Premiere des Spielfilms von Hollywood-Regisseur Steven Spielberg fand 1994 in Frankfurt (Main) statt.

Boten jüdischen Fabrikmitarbeitern Schutz: Emilie und Oskar Schindler

Boten jüdischen Fabrikmitarbeitern Schutz: Emilie und Oskar Schindler

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Horst Rudel / IMAGO

Der sudetendeutsche Industrielle Schindler beschäftigte in seinem Betrieb, der Deutschen Emailwarenfabrik im polnischen Krakau, eine große Zahl jüdischer Zwangsarbeiter. So bewahrte er sie, unterstützt von seiner Frau Emilie, vor der Deportation und der Ermordung in Vernichtungslagern. Schindler war NSDAP-Mitglied; aufgrund seiner engen Verbindungen zu den Nazis verdiente er mit billigen jüdischen Arbeitskräften viel Geld, bevor er sich zum Retter wandelte.

Nach Kriegsende lebten Oskar und Emilie Schindler zunächst in Regensburg, bevor sie 1949 nach Argentinien auswanderten. Dort trennte sich das Paar. Oskar Schindler kehrte 1957 allein nach Deutschland zurück und scheiterte mit einigen geschäftlichen Unternehmungen. Sein letzter Wohnort war das Frankfurter Bahnhofsviertel, dort lebte er von 1965 bis zu seinem Tod 1974 mit der Adresse Am Hauptbahnhof 4.

»Er war ein Lebemann mit gutem Herzen und ein Charmeur, der es sehr gut verstand, mit Tricks anderen Menschen zu helfen. Ohne diese Eigenschaft wäre er nicht zu dem Judenretter geworden«, sagte die frühere SPD-Stadtverordnete Ursula Trautwein dem SPIEGEL  über Schindler, mit dem sie und ihr Mann lange befreundet waren.

Im Ortsbeirat, dem das hoheitliche Recht der Straßen- und Platzbenennungen obliegt, hatte es Anfang 2021 eine erste Initiative des damaligen SPD-Ortsvorstehers gegeben, den Platz nach dem Judenretter zu benennen. Es gab allerdings noch Diskussionsbedarf und offene Fragen, unter anderem weil es schon eine gleichnamige Straße am Stadtrand im Frankfurter Norden gab.

»Antisemitismus hat bei uns keinen Platz«

Der jetzige Beschluss geht auf einen gemeinsamen Antrag von Bündnis 90/Die Grünen, CDU, SPD, FDP, Die Linke, Volt, BFF und Die Partei zurück. Namentlich gewürdigt werden soll nun auch die Gattin Schindlers, die noch lange in ihrer Wahlheimat in Südamerika lebte und 2001 in Deutschland starb. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel erkannte Oskar Schindler bereits in den Sechzigerjahren als »Gerechten unter den Völkern« an, bestätigte diese Entscheidung 1993 und erweiterte die Ehrung auf Emilie Schindler.

»Ich bin sehr froh, dass wir nun gemeinsam mit dem Kulturdezernat einen Namen und eine Vorgehensweise gefunden haben, die das Ehepaar Emilie und Oskar Schindler ehrt«, sagte Ortsvorsteher Michael Weber (CDU) dem SPIEGEL. »Die Ehrung des Ehepaars und die Benennung des Platzes sind ein wichtiges Signal in die Stadt und darüber hinaus, dass Antisemitismus bei uns keinen Platz hat und dass der mutige Einsatz für andere und Zivilcourage, wie sie Oskar Schindler bewiesen hat, heute mindestens genauso wichtig ist wie damals.«

Der Ortsbeirat fordert die Stadtverordneten und den Magistrat zu einer »schnellstmöglichen Benennung« des Platzes, bisher kein Schmuckstück von Frankfurt, und zu einer »künstlerischen Gestaltung in würdiger Form« auf. Zudem sollen »historische Fakten zum Leben und Wirken des Ehepaars Schindler der Öffentlichkeit dauerhaft digital bereitgestellt werden«.

gro
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