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03. Juli 2017, 07:46 Uhr

Umbau einer Zementfabrik

Das Schloss aus Beton

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Für dieses Projekt muss man nicht größenwahnsinnig sein. Aber es hilft. Der spanische Architekt Ricardo Bofill hat eine Industrieruine in eine traumhafte Wohn- und Bürowelt verwandelt.

Zement, ausgerechnet. Diesem Baustoff haftet ein schnödes Image an. Zementierte Macht, zementierte Vorstellungen, einmal als Beton in Form gebracht ist er Sinnbild für Starre und Stillstand. Nicht für Ricardo Bofill. Der spanische Architekt, einer der Stars seiner Zunft, verliebte sich vor mehr als vier Jahrzehnten in eine Zementfabrik in der katalonischen Gemeinde Sant Just Desvern.

Im Jahr 1973 ist Bofill mit dem Auto unterwegs. Er kommt aus dem benachbarten Barcelona, sieht Rauch aus einem Schlot aufsteigen und denkt: "Die Fabrik verpestet die Luft der gesamten Umgebung." Dennoch fasziniert ihn der skulpturale Charakter der Anlage. Es ist Spaniens älteste Zementfabrik, mit dem größten Schornstein, wie er recherchiert. "Ich habe herausgefunden, dass sie bald geschlossen werden sollte. Ich wollte das ganze Grundstück kaufen und in der Fabrik arbeiten."

Ein bisschen größenwahnsinnig? Sicher. Doch in dem Architekten brennt revolutionäres Feuer: Bofill will kein Stück vom Kuchen, sondern die Bäckerei zertrümmern. Ihm schwebt vor, aus ungewöhnlichen Bauformen neue Lebensweisen zu erschaffen.

So avancierte er bereits in jungen Jahren zum Star der Bauszene. Schon mit 17 verwirklichte der Sohn eines Architekten sein erstes Projekt, ein Ferienhaus auf Ibiza. Er studierte zunächst in Barcelona, dann in Genf. 1963 gründete er in Barcelona seine Architektur-Werkstatt, die "Taller de Arquitectura".

Aller Anfang liegt in Trümmern

Zehn Jahre später erlangte Bofill weltweite Beachtung mit dem rosafarbenen Wohnkomplex "La Muralla Roja" an der spanischen Costa Blanca. Treppen verästeln sich in einem Zickzackkurs zu einem surrealen Bauwerk. Der Ort inspirierte sogar den katalanischen Schriftsteller José Agustín Goytisolo zu einem Gedicht. "Ohne es zu wissen, bist du gekommen, um dich selbst zu finden", lautet der erste Vers.

Gelingt es Ricardo Bofill, auch die Zementfabrik bewohnbar zu machen, diese Bausünde aus dem Ersten Weltkrieg? Die erste Begehung ernüchtert. Das mittlerweile stillgelegte Gebäude befindet sich in einem üblen Zustand. Staub bedeckt den Boden, Wände fallen auseinander, Pflanzen sprießen durch das Mauerwerk - so bahnt sich die Natur ihren Weg.

Dazu kommen ganz pragmatische Zweifel an einem Wandel zur Wohnlichkeit. Dieses Monstrum der Industrialisierung bietet wenig Komfort. Wie soll man daraus bloß einen Lebensraum gestalten, inmitten von Schornsteinen, Silos, Maschinenräumen, Rohrleitungen und einem vier Kilometer langen Netz aus Tunneln?

Hol den Presslufthammer raus

Doch Ricardo Bofill lässt sich nicht abbringen. Er ruft eine neue Stein-Zeit aus, kauft die Zementfabrik mit etwa 5000 Quadratmeter Land und startet die irrwitzige Sanierung der "La Fabríca". Nach der Begehung schwärmt er: "Surrealismus findet man hier in Form von paradoxen Treppen, die ins Nichts führen; die Absurdität von gewissen Elementen, die ins Leere hängen; beträchtlicher, aber unnützer Raum mit komischen Größenverhältnissen, trotzdem magisch aufgrund der Spannung und den Disproportionen."

Ihn packt der Ehrgeiz. Wie ein Bildhauer arbeitet er mit einem Team aus Architekten, Ingenieuren, Soziologen die Grundform des Gebäudes heraus und schafft alles beiseite, was die Anmut des Ortes stört. Bofill greift zu drastischen Mitteln. Mit Dynamit und Presslufthammer legt er Räume offen, befreit die Silos von eingetrocknetem Zement. "Die Herausforderung bestand darin, welche Volumen ich zerstören oder behalten sollte", erklärt Bofill.

Mehr als eineinhalb Jahre dauern diese Grobarbeiten. In der zweiten Phase wird die Anlage neu begrünt. "Pflanzen sollen die Wände erklimmen und von den Decken hängen", so Bofill. Die umliegende Flora aus Eukalyptusbäumen, Palmen und Prünellen vereint er zu einem riesigen Garten, der dem Gebäude einen mystischen Hauch verleiht. Wieder ziehen einige Jahre ins Land, bis Pflanzen und Bäume zu voller Blüte erwachsen.

Regisseur des Raums

Es wird knifflig. Die abstrakten Größen und Formen des Komplexes fordern den Architekten dazu auf, eine neue Sequenz von Räumen zu entwickeln. Wohnzimmer, Küche, Bad - daran hatten die ursprünglichen Planer niemals gedacht.

"Kategorisierung ist nur ein Hindernis für neues Wissen", der Leitspruch von Ricardo Bofill hilft ihm bei der sinnlichen Suche nach neuer Funktion. Er wird in den kommenden Jahren zu einem Regisseur des Raums, indem er historisches und klimagerechtes Bauen miteinander vermischt.

Der Architekt konzipiert neue Fenster, Türen, Treppen. Aus der großen Fabrikhalle wird eine Art Kathedrale. Sie dient als Konferenz- und Ausstellungsraum. Bofill siedelt mit seinem Architekturbüro von Barcelona in die Fabrik um. Die Silos werden zum lichtdurchfluteten Studioloft.

Ein Meisterstück ist sein privater Wohnbereich, die sogenannte Residenz. Aus einem klobigen Betonquader meißelt Bofill eine gemütliche Behausung. Meterhohe Vorhänge flattern von der Decke, Arkadenfenster rhythmisieren den Raum und erinnern an die metaphysischen Malereien des Künstlers Giorgio de Chirico. "Häuslich, monumental, brutalistisch und konzeptionell", so beschreibt er sein Eigenheim.

Wohnen heißt Zeit fühlen

Bofill zuckt mit den Achseln auf die Frage hin, wie viel Geld und Zeit er bis heute in sein Lebenswerk gesteckt hat. Kaum präzise zu ermessen - aber er bereut gar nichts: "Es ist der einzige Ort, an dem ich mich konzentrieren kann und die abstraktesten Ideen entwickle."

Und das hat er. Seit seinem Umzug entwirft er mit einem Team aus mittlerweile über 60 Mitarbeitern Wohnanlagen mit illustren Namen wie "Quartier Antigone", "Arkaden am See" oder auch "Palast des Abraxas". Dieser wuchtige Abraxas-Wohnkomplex im französischen Marne-la-Vallée wurden zur imposanten Kulisse in der Filmdystopie "Die Tribute von Panem" (siehe Fotostrecke).

Wohnen bedeutet für Bofill, Zeit zu spüren. "Ich habe das Gefühl, ich lebe in der gleichen Lebenswelt, welche die industrielle Revolution in Katalonien angetrieben hat. Ein Gebäude mit einem starken Charakter ist für mich der beste Platz, um zu leben und zu arbeiten." Dabei empfindet er "La Fabríca" immer noch als unfertig und zieht Parallelen zu seiner Biografie: "Mein Leben ist immer ein Projekt, das sich vorwärtsbewegt - mehr als eine Geschichte aus der Vergangenheit."

Bofill hat eine alte Zementfabrik in ein fantastisches Zuhause und Büro verwandelt. Inzwischen ist er 77 Jahre alt, noch immer raucht sein Kopf nimmermüde vor Ideen. Nur aus dem größten Schornstein Spaniens, da steigt längst kein Rauch mehr auf.

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