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Im Osten wie im Westen

Foto: Klaus Mehner / Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

SPIEGEL-Fotograf Klaus Mehner Große Klappe

Er fotografierte Ost- wie West-Berlin und suchte nach Parallelen: Ein neutraler Beobachter war Klaus Mehner nie. Ein neues Buch zeigt ihn als unermüdlichen Chronisten seiner Heimatstadt.

Wenn Klaus Mehner kam, war das zu hören. Klack, klack, klack ... Er trug gern Cowboystiefel, dazu Blue Jeans und eine olivgrüne Bomberjacke, die er seine »Kampfjacke« nannte. Regelmäßig hatte der Mann mit dem dunklen Schnurrbart eine Sonnenbrille auf, eine Pilotenbrille, und eine Nikon-Spiegelreflexkamera um den Hals hängen. Schließlich war er Fotograf. Und wo auch immer etwas los war in Berlin, Mehner war zur Stelle, als Bildberichterstatter des SPIEGEL, als visueller Chronist der Mauerstadt. Er war ein Nachrichtenmann, der wichtige Ereignisse und Personen ablichtete.

Der ehemalige SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski zeigt jetzt, dass Klaus Mehner, der 2016 gestorben ist, mehr war als ein West-Berliner Pressefotograf. Aus dem Nachlass stellte er das Buch zusammen: »Klaus Mehner. Parallelwelten. Fotografien aus Berlin 1964 – 1990.«

130 Schwarzweißfotos, angeordnet in Paaren, jeweils eines aus dem Osten Berlins und eines aus dem Westen. Bilder aus einer geteilten Stadt mit surrealen Zügen.

Rebell unter Rebellen

Klaus Mehner wurde 1941 in Berlin geboren; der Vater blieb im Krieg; er wuchs im beschaulichen Stadtteil Schmargendorf auf. Da er in den West-Sektoren der geteilten Stadt lebte, galt für ihn keine Wehrpflicht, doch er meldete sich 1959 freiwillig zur Bundeswehr, diente fünf Jahre als Panzersoldat. Zum Bild fand er anschließend als Hilfskameramann beim Sender Freies Berlin, als Fotograf bei der US-Presseagentur Associated Press in Frankfurt am Main und der britischen Bildagentur Keystone in Köln.

Rudi Dutschke war das Gesicht der linken Studentenbewegung, Wolf Biermann ein Liedermacher, der in der DDR mit Auftrittsverbot belegt wurde

Rudi Dutschke war das Gesicht der linken Studentenbewegung, Wolf Biermann ein Liedermacher, der in der DDR mit Auftrittsverbot belegt wurde

Foto: Klaus Mehner / Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Mehner war ein Kind seiner Zeit, ein Rebell. Er fuhr gern dicke Motorräder, eckte an, nahm Dinge, die er nicht einsah, ungern hin. Ein Linker. Folgerichtig ging er Mitte der Sechzigerjahre wieder nach West-Berlin, in seine Heimatstadt, als dort die Studenten unter Führung des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) den antiautoritären Aufstand probten. Mehner suchte die Nähe der Rebellen, fotografierte Rudi Dutschke, die Kommune 1, Uschi Obermeier mit entblößtem Busen und langem Joint; die Demonstrationen, die Happenings der Studenten auf dem Kurfürstendamm.

Einer der Protagonisten des SDS war Tilman Fichter. Er erinnert sich heute an Mehner als »antiautoritären Rebellen aus der Bundeswehr«. Ab und zu, so Fichter, »saß Klaus in meiner Küche, und wir haben diskutiert. Aber ich muss sagen, er hat sich leider totgeraucht. Wenn er nach einem seiner Besuche wieder ging, war ein großer Aschenbecher randvoll.«

Nicht objektiv

Fotografen belichten ihre Filme durch Objektive, aber sind nicht objektiv. Dass Mehner kein neutraler Beobachter war, zeigt ein Bericht des SPIEGEL-Reporters Fritz Rumler über die im West-Berliner Märkischen Viertel von der Polizei verhinderte Hausbesetzung für ein Jugendzentrum am 1. Mai 1970 – bei der auch Ulrike Meinhof festgenommen wurde, die nur zehn Tage später, nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders, in den Untergrund ging.

Rumler schrieb im SPIEGEL vom 10. Mai 1970 über die Politgruppe »Hoffmann's Comic Teater«: »Doch das gewaltlose Protestritual, vor dem Gesetz Hausfriedensbruch, mobilisierte die Staatsbrutalität. Hundert gepanzerte Polizisten stürmten, ohne vorhergehenden Räumungsaufruf, eine Halle und prügelten die Insassen, Frauen und Kinder darunter, viehisch ins Freie. Polizeirat Krüger, Anführer der Aktion, erklärte nachher auf dem Revier, seine Männer seien nun mal ›allergisch‹ gegen Linke und Langhaarige. Auch SPIEGEL-Photograph Mehner, Bubikopf-Träger, musste das spüren: Abrückende Beamte stießen ihn die Reviertreppe hinab und entrissen ihm den Presseausweis.«

Nach der Räumung war Mehner zum Polizeirevier gezogen, wo ein paar der Besetzer festgesetzt waren. Er setzte nach. Das war typisch. Und er hatte eine große Klappe. Für ihn galt die Devise von Robert Capa, Gründer der Foto- und Fotografenagentur Magnum: »Wenn deine Bilder nicht gut sind, warst du nicht nahe genug dran.«

Unterwegs mit der Stasi

Mehner wurde SPIEGEL-Fotograf, fester Freier Mitarbeiter, und war viel mit Dieter Staritz unterwegs, einem West-Berliner SPIEGEL-Redakteur, der für den Verfassungsschutz und von 1961 bis 1973 auch für die Staatssicherheit der DDR gespitzelt hat. Tilman Fichter spekuliert: »Vielleicht hat der MAD sich Mehner geschnappt, der Militärische Abwehrdienst der Bundeswehr? Das Gerücht gab es.«

»Sie können den Staatsratsvorsitzenden hier nicht zum Mannequin machen.«

Mit den SPIEGEL-DDR-Korrespondenten Jörg Mettke und Ulrich Schwarz erkundete Mehner den realen Sozialismus oder machte auf eigene Faust Fotos in Ost-Berlin. Ein Coup gelang ihm, als er 1974 die Zentrale des Ministeriums für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg aus einem gegenüberliegenden Hochhaus in voller Größe ablichtete. Er fuhr einfach mit dem Fahrstuhl hoch und fotografierte aus dem Dachgeschoss.

Mehners Blick auf die Stasi-Zentrale

Mehners Blick auf die Stasi-Zentrale

Foto: Klaus Mehner / Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur

Die Stasi-Führung war empört und ließ die Fenster des Dachgeschosses zumauern. Fortan beobachtete die Stasi auch Mehner intensiver, seine Überwacher gaben ihm den Decknamen »Wurm«.

Dass Mehner aber nicht klein beigab, zeigt eine Anekdote, die Peter Wensierski im Vorwort des Buches kolportiert: 1985 wollte der Fotograf Bilder vom Besuch des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Johannes Rau in der DDR machen und ärgerte sich, dass ihn seine Begleiter vom Außenministerium weitab vom Staatsgast postierten. Als Erich Honecker mit Rau den Saal betrat, lief Mehner ganz nach vorn und rief Honecker zu: »Herr Staatsratsvorsitzender, sind Sie bitte so freundlich und machen mir mal ein Shakehands«. Honecker schüttelte Rau die Hand, Mehner bekam seine Bilder – und nun ärgerte sich Mehners Aufpasser: »Sie können den Staatsratsvorsitzenden hier nicht zum Mannequin machen.«

»Nichts Gutes über ihn«

Unter den jüngeren Fotografen in Berlin ist Klaus Mehner heute eine Legende, ein Mann, den sie höchstens vom Sehen kannten. Von seinen Altersgenossen sagt Rudi Meisel, damals für das »Zeit-Magazin« unterwegs, eher ein Kunstfotograf: »Ich möchte nicht über Mehner sprechen, denn ich könnte nichts Gutes über ihn sagen.«

»Ich habe Klaus Mehner als sehr angenehmen Kollegen in Erinnerung«, sagt hingegen der Berliner Fotograf Günter Schneider. »Und das will was heißen. Fotografen sind nicht unbedingt nett zueinander, die Konkurrenz ist sehr stark. Mehner war offen und freundlich, es machte Spaß, sich mit ihm zu unterhalten. Als ich ihn Anfang der Achtzigerjahre kennenlernte und ab und zu bei Terminen traf, war er schon ein alter Hase.«

Klaus Mehner gehörte zu den wenigen West-Berliner Linken, die sich näher für Ost-Berlin und die DDR interessierten. So wie Tilman Fichter, der ihm attestiert: »Mehner wollte, dass Rudi Dutschke in der DDR Fuß fasst, dass sich dort etwas radikal ändert. Und er hat das Aufbrechen des nach 1945 etablierten Status fotografisch festgehalten, im Westen und im Osten.«

So gesehen ist es auch folgerichtig, dass die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur Mehner 2003 rund 500.000 seiner Negative und Prints abkaufte. Nachdem er überraschend 2016 gestorben war, konnte das Archiv der Stiftung noch einmal etwa 400.000 Fotos aus dem Nachlass übernehmen.

Im Vorwort des Mehner-Buchs schreibt Herausgeber Wensierski, wie sich bei der Arbeit mit den Fotos von Mehner auch sein Bild von der geteilten Stadt veränderte. Er habe »mit Erstaunen gelernt, dass es mehr Westen im Osten und mehr Osten im Westen gab, als gerne behauptet wurde.«

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