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Hausmitteilung Das Zeitalter der Hexenjagd

aus SPIEGEL Geschichte 5/2021
Populäre Vorstellung: Die Hexe, die auf dem Besen zum Hexensabbat fliegt, ist seit dieser Darstellung in einem französischen Manuskript von 1451 ein gängiges Bild

Populäre Vorstellung: Die Hexe, die auf dem Besen zum Hexensabbat fliegt, ist seit dieser Darstellung in einem französischen Manuskript von 1451 ein gängiges Bild

Foto: akg-images

Es ist ein verstörendes Kapitel der deutschen wie der europäischen Geschichte: Vom späten 14. Jahrhundert an entdeckten die Menschen immer mehr »Hexen«, Personen, die angeblich mit Schadzauber und magischen Praktiken Unheil anrichteten. Vermeintliche Hexen wurden beschuldigt und vor Gericht gestellt. Viele wurden brutal gefoltert, viele verurteilt, viele hingerichtet.

Die Angst vor Hexerei und schwarzer Magie am Übergang zwischen Mittelalter und Neuzeit scheint fern und fremd. Deshalb tauchen wir in dieser Ausgabe zunächst tief ein in die Lebens- und Gedankenwelt der Zeit zwischen 1400 und 1800 und blicken vor allem auf das Gebiet des heutigen Deutschlands. Wir beschreiben, wie Frauen wie Katharina Kepler  im württembergischen Leonberg oder Katharina Henot  in Köln zu Opfern von Vorurteilen und Gerüchten wurden und welche Faktoren zusammenkamen, damit sich in Städten wie Bamberg die Dynamik der Hexenprozesse  anheizte. Wir erklären, wie die aufblühende Lehre der Dämonologie  den Verfolgern Argumente lieferte, wie Richter  und Henker  agierten und warum manche Menschen sich trotz Lebensgefahr selbst als Hexe  verstanden. Im Gespräch entlarvt die Historikerin Rita Voltmer  verbreitete Mythen über die Epoche wie die, dass vor allem Hebammen und weise Frauen Opfer geworden seien oder dass vor allem die Kirchen die Prozesse vorantrieben.

Die Hexenverfolgung wirkt wie eine Gruselgeschichte aus längst überwundener Zeit. Doch der genaue Blick auf die Geschehnisse von damals zeigt: Auch für die Massenpanik jener Zeit gibt es rationale Erklärungen. Hinter dem scheinbar abergläubischen »Wahn« offenbaren sich Machtinteressen, soziale Konflikte oder Rivalitäten in Gesellschaften, die durch klimatisch bedingte Katastrophen sowie religiöse und politische Veränderungen unter massivem Druck standen. Unter diesem Blickwinkel wird das Zeitalter der Hexenverfolgung zu einem Lehrstück über das Zusammenleben in Zeiten von beschleunigtem Wandel und Umbrüchen.

Selbst in der Nachkriegszeit gab es noch Gerichtsprozesse wegen Hexereianschuldigungen, vor allem in Norddeutschland, erläutert die Historikerin Monica Black im Interview . Das zeigt, dass der Hexenglaube auch durch die Aufklärung nicht verschwand, und das ist durchaus eine Warnung für uns heute. Das Gerüst der modernen Gesellschaft ist keineswegs unerschütterlich, gerade in schwierigen Zeiten – auch das macht dieses Heft deutlich.

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