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Zeitreise – Der SPIEGEL vor 50 Jahren Als die Bundeswehr weich wurde

Die »Innere Führung« sollte die demokratische Gesinnung in der Bundeswehr sichern. Junge Offiziere legten 1972 eine erstaunlich moderne Interpretation vor, um die Balance zwischen Diskussion und Gehorsam zu wahren.
aus DER SPIEGEL 15/2022
German Hair Force: Junge Bundeswehrsoldaten auf einer Parteiveranstaltung der DKP

German Hair Force: Junge Bundeswehrsoldaten auf einer Parteiveranstaltung der DKP

Foto: Klaus Rose / IMAGO

Die 68er-Bewegung ging auch an den Wehrpflichtigen der Bundesrepublik nicht spurlos vorüber, doch Autoritätsfeindlichkeit, Staatsskepsis und lange Haare passten nicht besonders gut zur Bundeswehr. Vor allem den Gebildeteren unter den Rekruten mangelte es erkennbar an soldatischem Geist, manche Jungsoldaten demonstrierten ihre linke Gesinnung. Heeresinspekteur Albert Schnez warnte, wachsender Wohlstand und Verstädterung hätten zu einer besorgniserregenden Abnahme von »Courage und Kriegstüchtigkeit« geführt.

Gegen lange Haare – dem sichtbarsten Symbol des Konflikts – gab es Haarnetze, doch der Widerspruch zwischen Kommissprinzip von Befehl und Gehorsam und der Debattierfreudigkeit der Jugend ließ sich nicht so leicht auflösen.

Führungskultur und der Umgang mit den Gefreiten mussten dringend den Bedürfnissen der Zeit angepasst werden. Das Konzept der Inneren Führung, die das Wesen der Bundeswehr prägen sollte, musste modernisiert werden, so die Erkenntnis von Helmut Schmidt, damals Verteidigungsminister und später Bundeskanzler.

Als in den Fünfzigerjahren die Wiederbewaffnung anstand, war allen klar, dass die neue Armee nicht im Geist der Wehrmacht aufgebaut werden durfte. Die neue Bundeswehr sollte ihrem Wesen nach demokratisch, ihre Angehörigen in die Gesellschaft integriert sein: Der »Bürger in Uniform« war das Leitbild. Ohne »staatsbürgerliche Bindung« wären die Bundeswehrsoldaten kaum mehr als »Landsknechte«, so Wolf Graf von Baudissin, geistiger Vater der Inneren Führung.

Wie das konkret umzusetzen sei, war jedoch nirgends klar fixiert. Diesen Mangel hatten die in der Wehrmacht geschulten Traditionalisten anfangs nur zu gern ausgenutzt, »um die verhasste weiche Welle« zu unterlaufen und – wie Dreisternegeneral Schnez – die Rückkehr zu »alten Soldatentugenden« zu fordern. Im besten Fall wurde Innere Führung mit »Seid gut zu den Leuten« übersetzt.

»Der Soldat wäscht sich auch ohne Aufsicht«

Die Innere Führung sei doch längst umgesetzt, betonte ein Kommandeur gegenüber dem SPIEGEL. Die Eigenverantwortung des Soldaten zeige sich beispielsweise darin, dass »er sich auch ohne Aufsicht wäscht, frühstückt und ausgeruht pünktlich seinen Dienst antritt«.

Das war Schmidt nicht genug, eine neue Fassung jener Zentralen Dienstvorschrift 10/1 musste her. Schmidt wollte das »Mehr Demokratie wagen« seines Kanzlers Willy Brandt in der Bundeswehr umsetzen. Unzufrieden mit den Entwürfen seines Führungsstabs übergab der Minister die Sache acht jungen Offizieren.

Unter Führung von Oberstleutnant Dietrich Genschel, der gerade an einer Promotion zum Thema saß, brachte die »Clique junger Troupiers« einen bis dahin nicht gekannten Ton in die Vorschriften: In bestem Soziologenjargon war da vom »Herrschaftsverhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen« die Rede, »Solidarität« ersetzte die »Kameradschaft«. Der Offizier sollte sich »sachlicher Kritik« stellen, gegebenenfalls Fehler eingestehen und auch unberechtigte Kritik »gelassen zur Kenntnis nehmen«, forderten die Leitlinien, die bis heute nicht viel an Aktualität verloren haben.

Die Ursache für Misserfolge sollte der Vorgesetzte zunächst bei sich selbst suchen, »Rüge oder Tadel sollen frei von unangemessener Schärfe« sein. Die Zeiten, in denen Rekruten noch als »ostkaschubische Wurzelsau« beschimpft werden konnten, gingen ihrem Ende entgegen.

Durch Betonung der Eigenverantwortung sollte die »intrinsische Motivation« der Gefreiten gefördert werden. Diskussion sollte nun innerhalb der Streitkräfte als ein legitimes, aber auch zweckmäßiges Mittel zur Vorbereitung von Entscheidungen gelten. »Diskussion und Gehorsam« würden sich nicht grundsätzlich ausschließen, so die neue Überzeugung im Verteidigungsministerium, »im Gegenteil, sie ergänzen sich gut«: Wer von einem Befehl überzeugt ist, führt ihn auch besser aus.

Gestrichen: »Der Untergebene ist unser Partner«

Ausgerechnet das Leitmotiv, das Genschel und seine Mitstreiter ausgewählt hatten, wurde anschließend wieder herausredigiert: »Der Untergebene ist unser Partner.« Der Übergeordnete sei im Grunde nur eine Art Spezialist für Führungsaufgaben, so wie der Untergeordnete in anderen Bereichen Spezialist sei. »Nur alle miteinander bilden das Team, das die Aufgabe löst.« Das ging den »Konservativen im Generalsrock« deutlich zu weit. »Dieser Schwärmer«, empörte sich einer von ihnen über Genschel.

Dabei ist der Gedanke auch jenseits der Armee interessant: Begreift man Führung als Handwerk, das nicht notwendigerweise höher zu bewerten ist als das Handwerk vermeintlicher Untergebener, wird das Hierarchieverhältnis ein Stück weit aufgelöst. Und konsequent zu Ende gedacht, wären automatisch höhere Gehälter von Vorgesetzten nicht länger zu rechtfertigen.

Da auch Schmidt-Nachfolger Georg Leber wenig mit solchen Neuerungen anfangen konnte (»Ich will keine progressive Armee«), verschwand das Leitmotiv Partnerschaft schnell wieder aus den Entwürfen für die Dienstvorschrift 10/1.

SPIEGEL 15/1972: Einklassige Dorfschule

Zum Inhaltsverzeichnis der Ausgabe 15/1972

Ansonsten:

Die Cocktail-Diplomaten – ein exklusiver Klub

Das diplomatische Korps hatte viel von Glanz und Bedeutung eingebüßt. Während die Außenminister jederzeit miteinander telefonieren konnten, die Wirtschafts- und Finanzminister Währungsfragen klärten und der Bundeskanzler ein so wichtiges Feld wie die Ostpolitik seinem engsten Vertrauten Egon Bahr quasi im Alleingang überließ, waren die Botschafter in den 101 Botschaften, 78 Konsulaten und diversen Handelsvertretungen oft wenig mehr als Chef einer »Cocktail-Party-Behörde«, wie der Bundesrechnungshof bemängelte.

Der »exklusive Klub aus Adelssprösslingen und Söhnen des Establishments« konnte aus ihren Gastländern kaum mehr berichten, als auch aus Presse und Fernsehen zu erfahren war. Zu verhandeln gab es allenfalls noch die Steuerfreiheit des Goethe-Instituts.

So berechtigt die Frage nach dem Nutzen des Corps diplomatique auch war, der Hauptvorwurf des SPIEGEL konnte nicht ganz überzeugen: Das Gros der Botschafter war konservativ, mit der Entspannungspolitik der sozialliberalen Regierung stürzte manchen »plötzlich ihr ganzes Haus zusammen«, so ein Brandt-Vertrauter. Doch die Revolte der Beamten blieb aus, konstatierte das Nachrichtenmagazin empört. Der »Grad von Opportunismus im Auswärtigen Amt ist ungeheuer«, sekundierte ein Staatssekretär. Fast alle Diplomaten nahmen die Öffnung gen Osten widerspruchslos hin. »Der größte Teil«, beobachtete ein Ex-Außenamtsmitarbeiter, »ist Beamter und sagt: Dann wird es eben gemacht.«

Nun, genau das ist ihre Aufgabe – wäre ja noch schöner, wenn jeder Botschafter seine eigene Außenpolitik betreiben würde.

SPIEGEL 15/1972: »Der Grad von Opportunismus ist ungeheuer«

Texte am Terminal – die Computer kommen

Diese verrückten Amerikaner! Die Journalisten der US-Tageszeitung »Today« in Cocoa (Florida) sollten ab 1973 sämtliche Texte statt auf Papier an »neun sogenannten Video-Terminals« schreiben. Diese Geräte hätten zwar noch eine herkömmliche Schreibmaschinentastatur, aber der Text werde »in einem Computer gespeichert« und auf einem Monitor sichtbar gemacht, staunte der SPIEGEL.

Unpraktisch war die Sache nicht: »Der Redakteur kann Streichungen und Korrekturen übertippen und dabei auf dem TV-Schirm kontrollieren.« Die fertige Story wurde »per Knopfdruck« an die Druckerei gesandt. Die Zeitung freilich werde weiterhin »auf Papier gedruckt«, beruhigte das Nachrichtenmagazin.

SPIEGEL 15/1972: Schreiben am Schirm

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