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Warum man scheidende Politiker "lahme Ente" nennt

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Sprachgeschichte Wie die lahme Ente in unser Bewusstsein watschelte

Von US-Präsidenten über Angela Merkel bis zu Jogi Löw gelten Amtsträger als »lahme Enten«, sobald ihre Ära sich dem Ende nähert. Wieso eigentlich? Und womit hat dieser sympathische Wasservogel das verdient?

Wenn die Macht von Entscheidern schwindet, nennt man sie in letzter Zeit gern »lahme Ente«. Was nicht so gemeint ist, wie man das als Deutscher intuitiv versteht: Die Bedeutung unserer »lahmen Ente« verschiebt sich gerade kräftig, weil wir sie mit der »lame duck« aus dem Englischen gekreuzt haben.

Noch vor wenigen Jahren dachte man bei »lahme Ente« sofort an etwas Langsames – den Läufer, der als letzter die Ziellinie überquert; den etwas tumben Zeitgenossen, der etwas stets zu spät versteht; das Fahrzeug, das immer nur hinterherrollt. Und jetzt? Denkt man an Wirtschaftskapitäne oder Fußballtrainer mit auslaufendem Vertrag  und vor allem an Politiker, deren Einfluss bröckelt, weil sie »angezählt« sind oder auf dem Weg, ihr Amt aufzugeben.

Dass Ausdrücke ihren Sinngehalt über die Zeit verändern, ist normal. Die Ente ist da fast ein Paradebeispiel, wird ihr Name doch ständig mit anderen Bedeutungen beladen: Die wenigsten Enten, über die wir reden, sind schnatternde Wasservögel mit Kurzhals, auffälliger Gangart und sehr breiten Füßen.

Die beiden heute geläufigen Deutungen des Begriffes »lahme Ente« lassen sich leidlich gut auf ihren Ursprung zurückführen.

Die erste lahme Ente brummte

Jahrzehntelang dachte man in Deutschland als Erstes an ein Auto. An eines, das seine Fans bis heute innig lieben: 1949 brachte der französische Hersteller Citroën den 2CV auf den Markt, der mit nahezu neun PS bis zu 60 km/h erreichte – aber nur bergab.

Selbst die späteren, 29 PS starken Modelle kämpften mit Unbilden wie Steigungen, Passagieren, Gegenwind oder – beim vergeblichen Überholversuch – der Wind-Bugwelle von Lkw. Berühmt wurde der rundlich geformte Wagen mit ausgeprägt butterweicher Federung als »Ente«. Und bei seinen Verächtern eben als sprichwörtliche »lahme Ente«.

Ente: Der in Frankreich nur 2CV (gesprochen etwa »dö-schö-wo«) genannte Kultwagen gilt als Ikone der Automobilgeschichte. Originell ist er – mit Klappfenstern, Rolldach und Revolverschaltung, Zweizylindermotor und Bestuhlung, die schon bei der Anfahrt Campinggefühle aufkommen lässt.

Ente: Der in Frankreich nur 2CV (gesprochen etwa »dö-schö-wo«) genannte Kultwagen gilt als Ikone der Automobilgeschichte. Originell ist er – mit Klappfenstern, Rolldach und Revolverschaltung, Zweizylindermotor und Bestuhlung, die schon bei der Anfahrt Campinggefühle aufkommen lässt.

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Enten mit Defiziten kannte die deutsche Sprache allerdings lange vorher. Die »Bleiente« ist wahrscheinlich bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts etabliert – als Bezeichnung für einen miserablen Schwimmer, der sich sozusagen durch eine radikal vertikal orientierte Schwimmtechnik auszeichnet. Und schon Martin Luther wusste, dass »blaue Enten« lügen. Darum bezeichnete er Anhänger vermeintlicher Irrlehren kalauernd gern als »Lugenden« (statt »Flugenten«, die er sicher gern auf seinem Teller landen ließ).

In der französischen Sprache soll »Enten geben« ausdrücken, dass jemand Lügen servierte. Im Französischen wie Englischen heißt die Falschmeldung der Presse daher bis heute »Canard« (Ente), was dann auf Umwegen wieder zurück ins Deutsche gekommen sein mag – wobei es über den Ursprung der »Zeitungsente« auch andere, teils sehr originelle Theorien gibt.

Die lahmste Ente holt das Raubtier

Auch die »lahme Ente« in ihrer neueren Bedeutung ist ein Begriff mit Migrationshintergrund: Sie wanderte aus dem Englischen ein. Und die »lame duck« ist sogar erheblich älter als unsere lahme Ente.

Die erste schriftliche Erwähnung geht auf Horace Walpole zurück. Der vierte Earl of Oxford fragte 1761 seinen Freund Horace Mann, ob er wisse, was »ein Bulle, ein Bär und eine lahme Ente« seien. Diese Wörter gehörten damals zum Slang an der Londoner Börse und amüsierten Walpole offenbar sehr.

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»Lahme Ente« stand ursprünglich für einen unglücklichen Investor, der seine finanziellen Pflichten nicht mehr bedienen konnte. So einem Pleitier blieb dann nichts anderes übrig, als die Börse als gebrochener Mensch zu verlassen – gewissermaßen waidwund watschelnd, ein gefundenes Fressen für Raubtiere und Aasgeier.

Bald hatte es diese Bedeutung in den allgemeinen Sprachgebrauch geschafft, wie ein Briefwechsel von 1791 beweist: Als die Gräfin von Devonshire an der Börse die damals astronomische Summe von 50.000 Pfund verzockte, lästerte die Schriftstellerin Mary Berry genüsslich, die ganze Stadt tratsche darüber, dass der Name der Gräfin »als lahme Ente« ausgehängt werden soll. Sollte heißen: Die Gräfin war insolvent.

Die entige Zeit nach den US-Wahlen

Bis heute klebt an der »lame duck« die aus dem Bankrott resultierende Einflusslosigkeit. In den USA entdeckte und adaptierte man den Begriff nämlich für die Politik: Gemeint ist seitdem ein Machthaber, der eigentlich keine Macht mehr hat. Zur »lame duck« wird ein US-Präsident, wenn er seine Wiederwahl verpasst hat  oder am Ende der letzten Amtszeit steht. Und weil die Wahlen immer im November stattfinden, die Machtübergabe aber erst am 20. Januar, kommt es zwangsläufig zur sogenannten lame duck period.

In dieser Zeit hat ein Präsident formell zwar noch alle Befugnisse. Es gilt aber als unschicklich, sie voll auszuschöpfen: Der Nachfolger kann alle Entscheidungen wieder kassieren. Bis 1933 dauerte diese Lahme-Enten-Zeit in den USA sogar satte vier Monate. Eine quälend lange Zeit der politischen Lähmung, fand man und verkürzte sie auf die heute übliche Dauer – mit dem 20. Amendment, im Volksmund »Lahme-Ente-Verfassungszusatz« genannt.

In dieser Bedeutung schaffte es die »lame duck« ab Ende der Achtzigerjahre in die deutsche Sprache. Die zweifelhafte Ehre, dieses Etikett als erster Politiker zu tragen, wurde wohl dem FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff zuteil. Trotz Verurteilung wegen seiner Rolle in der Flick-Parteispendenaffäre wurde er 1988 Parteivorsitzender. Zwei Jahre später steckte sein Rivale Jürgen Möllemann der Presse, Lambsdorff werde es bei einer Amtszeit belassen und er selbst 1993 den FDP-Bundesvorsitz übernehmen, es jedenfalls anstreben. Ab da galt Lambsdorff als Auslaufmodell.

Seitdem werden auch in Deutschland regelmäßig Politiker jenseits ihres Zenits zur lahmen Ente ernannt – natürlich auch Angela Merkel, seit sie 2018 das Ende ihrer Amtszeit ankündigte. Zum laut tönenden Vorwurf wird das, wenn Durchsetzungsschwäche den verlöschenden Einfluss offenbart: Seit Deutschland zunehmend durch die Pandemie taumelt, ist das gut zu beobachten.

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